Im Kino
Das Sabbern einer ganzen Stadt
Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
09.04.2025. Paolo Sorrentino hat einen weiteren Film über alte Männer gedreht, die es auf junge, schöne Frauen abgesehen haben. Ein wenig komplexer als vom Regisseur gewohnt ist "Parthenope" zwar schon geraten; allzu viele Gründe, der den Männern die Köpfe verdrehenden Titelfigur durch Pools und Parties zu folgen, gibt es dennoch nicht.
Seit etwa zehn Jahren dreht Paolo Sorrentino immer wieder den gleichen Film. Männer, oft ältere, die Frauen, praktisch immer jungen, hinterher sabbern. In "Parthenope" sabbert gleich eine ganze Stadt der Protagonistin hinterher, die benannt ist nach der Muse, die der Legende nach Neapel gegründet hat. Im Grunde sabbert also eine Stadt einer Allegorie ihrer selbst hinterher. Schon diese Konstellation macht "Parthenope" zu einem der Filme Sorrentinos, die immerhin ein Rudiment an Komplexität besitzen.
Parthenope (als junge Frau: Celeste Dalla Porta) wächst in den 1950er und 1960er Jahren in einer wohlhabenden Familie auf, in einer Villa direkt am Meer, in dem ihre Mutter sie geboren hat. Die Familie pflegt enge Beziehungen zu einem Geschäftsmann und ehemaligen Bürgermeister Neapels. Zur Geburt des Kindes hat er der Familie eine goldene Kutsche geschenkt, direkt aus Versaille. Filmhistorisch evoziert diese Kutsche eine andere: die in Jean Renoirs "La carrozza d'oro", in der der von Anna Magnani verkörperte Star einer Schauspieltruppe vom spanischen Vizekönig als Beweis seiner Liebe dessen Kutsche verlangte. In Sorrentinos Film ist die Kutsche im Schlafzimmer der erste Bühnenraum, in dem Parthenope ausgestellt wird. Wie in den Filmen des Regisseurs üblich, wird schnell die gesamte Stadt - bei Sorrentino heißt das primär die 200 Meter zwischen der Piazza del Plebescito, der Galleria Umberto I. und ein paar Meter die Via Toledo hinunter mit einzelnen Ausflügen zum Lungomare - zur Bühne für Parthenope.
Doch Parthenope hat ein Leben jenseits des "disruptiven Effekts, den ihre Schönheit hat" (wie ihr späterer Verehrer und Freund John Cheever, Gary Oldman, es formuliert). Scheinbar spielend leicht formuliert sie kluge Sätze, die der Beobachtung der Welt um sie herum entspringen. Sie flüchtet sich aus der geistigen Enge, in die hinein 1970 auch der Regisseur geboren wurde, der sie inszeniert, in das amerikanische Geistesleben. An einem der unzähligen Pools des Films lernt Parthenope den älteren, betrunkenen Schriftsteller John Cheever kennen. Sie fühlt sich sofort davon angezogen, dass er ihr nicht hinterher sabbert, sondern etwas inkonsistent und leicht lallend vor sich hin sinniert.

"Parthenope" ist nach langer Zeit ein Film, in dem Sorrentino eine sinnvolle Verwendung für sein Faible für Oberflächen findet. Die Sehnsucht der Protagonistin, trotz ihres divengleichen Körpers als Mensch wahrgenommen zu werden, ist kein sonderlich originelles Motiv, aber immerhin. In einigen der Szenen gibt es eine Spannung zwischen den perfekten Oberflächen vor allem weiblicher Körper und den Abgründen an männlicher Unfähigkeit, die sich darunter auftun und die sich ins Gesellschaftliche weiten.
Leider bleiben diese Szenen auch in Sorrentinos neustem Film in der Minderheit. Mit einer ermüdenden Ansammlung an Partyszenen, Sabbern und Sex wird eine Geschichte, die in 100 Minuten gut Platz gefunden hätte, auf über zwei Stunden aufgebläht. Es hätte keines weiteren bedurft, aber "Parthenope" ist ein weiterer Beweis dafür, dass Sorrentinos Kino tief in reaktionären Abbildungen gefangen ist. Seine Sabberbilder kommen letztlich nie über die Reproduktion patriarchaler Vermarktungsstrukturen von Kino hinaus.
Aber das ist nicht alles. Sorrentino hat wiederholt erklärt, sich nach "Il divo" (über Giulio Andreotti, erzreaktionärer Strippenzieher der zweiten Republik) und "Loro" (über Silvio Berlusconi) hinfort von der Politik fern zu halten. Er missversteht beide Filme bis heute als politische Filme, obwohl er auch in ihnen nichts zu sagen hat. In Italien gilt Sorrentino wie die meisten Protagonist_innen des Kinos als irgendwie links. Seine Ästhetik war und ist jedoch schon immer die eines barocken Schwelgens in einer Kultursphäre, die angeblich der Ideologie entrückt ist. Sorrentinos "Rückzug aus der Politik" war und ist nie mehr als die Hinwendung zu einem in Italien virulenten reaktionären Kulturbegriff, der in einem Missverständnis eines intellektuellen Miteinanders politische Widersprüche ums Ganze negiert. In dieser Logik ist es nur konsequent, dass Sorrentino seinen Film mit einem Zitat des französischen Schriftstellers, Nazikollaborateurs und glühenden Antisemiten Louis-Ferdinand Céline beginnt.
"Parthenope" mag dank seiner komplexen Protagonistin weniger uninteressant sein, als man das von einem Film Sorrentinos erwarten darf. Es bleibt dennoch eine Zeitverschwendung, ihn sich im Kino anzusehen.
Fabian Tietke
Parthenope - Italien 2024 - Regie: Paolo Sorrentino - Darsteller: Celeste Dalla Porta, Stefania Sandrelli, Gary Oldman, Silvio Orlando, Luisa Ranieri u.a. - Laufzeit: 136 Minuten.
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