Efeu - Die Kulturrundschau

Die Existenz der Pferdemenschen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.03.2025. Der Perlentaucher resümiert seine Kritikerumfrage zur deutschen Gegenwartsliteratur: Aus einem breit gefächerten Feld ragt Emine Sevgi Özdamar heraus. Ein Keith-Jarrett-Film ohne Keith-Jarrett-Musik: Regisseur Ido Fluk erzählt in seinem neuen Film vom legendären "Köln-Concert" des Pianisten - der leider die Rechte zu den Aufnahmen seines Spiels nicht freigibt, berichtet critic.de. Der Standard freut sich darüber, dass die Band Burning Hell in ihrem neuen Album alles und jeden unterbringt - von Baudrillard bis Klimawandel.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2025 finden Sie hier

Film

"Für immer hier" von Walter Salles

Bei den Oscars wurde Walter Salles' brasilianischer Film "Für immer hier" (über die wahre Geschichte der Familie Paiva, die sich in den Siebzigern mit der Diktatur in Brasilien angelegt hat) als bester internationaler Film ausgezeichnet. Im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser erzählt der Regisseur, warum ihm dieser Stoff so am Herzen lag: Nicht nur, weil seine eigene Familie ins Exil gezwungen wurde, sondern auch, weil er mit der Familie Paiva seit Jugendtagen bekannt ist. Sieben Jahre lang hat er an dem Film gearbeitet - ein Zeitraum, in den auch die Bolsonaro-Jahre in Brasilien fallen: "Der ganze Zweck des Films hat sich im Laufe der Jahre verändert, weil er von der Realität eingeholt wurde. Gerade stellen wir überall auf der Welt mit Erstaunen fest, wie zerbrechlich die Demokratie ist. Als wir 2015 mit diesem Projekt begannen, hätte ich nie für möglich gehalten, dass wir in eine solche Dystopie geraten würden. Nach und nach wurde aus einem Film über eine Vergangenheit, die wir verdrängt hatten, ein Film, der sich immer mehr mit der Gegenwart zu befassen schien. Wir haben den Film dann elliptisch bis 2014 verlängert, um zu verstehen, wie lange es dauerte, bis die Demokratie nach Brasilien zurückkehrte und wie schnell wir sie in den vier Jahren der Zerstörung beinahe wieder verloren hätten."

Der Jazz liegt ihr am Herzen: Mala Emde als Vera Brandes in "Köln 75"

Ido Fluk erzählt in "Köln 75" von den größtenteils chaotischen Rahmenbedingungen, unter denen es zu Keith Jarretts legendärem "Köln Concert" seinerzeit dann doch um Haaresbreite fast nicht gekommen wäre - und von der Leidenschaft, mit der die Veranstalterin Vera Brandes, damals gerade mal 18 Jahre alt, alles daran gesetzt hat, dass der Abend doch gelingt. Ein bisschen lastet es allerdings schon auf dem Film, dass Jarrett die Musik, um die es geht und deren sagenhaften Erfolg ihn seit Jahrzehnten verdrießlich stimmt, gar nicht freigegeben hat, schreibt Robert Wagner auf critic.de. "So wird die Patina jener Zeit im Aufbruch zwar mit vielem erzeugt, nicht aber mit dem Jazz, der Brandes so am Herzen liegt. ... 'Köln 75' ist ein atemloser, energiegeladener Film, der gerne die vierte Wand durchbricht, um den Zuschauer direkt anzusprechen und diverse Kontexte zu vermitteln. Ein Film, der seine Infos und Anliegen auch mal plump in Dialogen unterbringt − und damit die durchaus vorhandene Stimmung etwas ruiniert − aber bei deren Vermittlung auch nach kreativen Wegen sucht. So ist das Ergebnis auf der einen Seite immer wieder mitreißend. Andererseits ist 'Köln 75' mit seinem ganz netten Cast aber dermaßen standardisiert - gängige Konflikte werden gängig erzählt - dass der Film seiner durchgehenden Beschwörung, etwas müsse gewagt werden, selber oftmals nicht gehorcht." Die WamS hat ihr Gespräch mit der Schauspielerin Mala Emde, die im Film Brandes spielt, online nachgereicht.

Weitere Artikel: Thomas J. Spang erzählt im Filmdienst, wie es dazu gekommen ist, dass zumindest über die US-Werbekampagne zu Todd Komarnickis (nun auch in Deutschland anlaufendem) Film "Bonhoeffer" der Nazigegner Dietrich Bonhoeffer als eine Art MAGA-Held ins Trump-Lager bugsiert wurde (wovon sich der Regisseur, aber auch der deutsche Teil des Casts distanziert hat - unser Resümee).

Besprochen werden die Wiederaufführung von Andrzej Żuławskis Berlin-Kultfilm "Possession" aus dem Jahr 1981 (taz), die auf Disney+ gezeigte, neue "Daredevil"-Staffel (taz), Anand Tuckers "The Critic" mit Ian McKellen als mordender Theaterkritiker (FAZ) und Michel Hazanavicius' Animationsfilm "Das kostbarste aller Güter" (SZ).
Archiv: Film

Bühne

St. Pauli Theater an der Reeperbahn: Oleanna. Ein Machtspiel"
Foto: Heiko Dietz

Dieses Stück hat "bereits vor über dreißig Jahren prophezeit, womit wir es heute zu tun haben", staunt Irene Bazinger in der FAZ. Es geht um David Mamets "Oleanna. Ein Machtspiel", das das St. Pauli Theater an der Reeperbahn wieder auf die Bühne bringt, inszeniert von Ulrich Waller. Womit haben wir heute zu tun? Mit MeToo-Debatten rund um Machtmissbrauch und political correctness, und eben das wird auch bei Mamet verhandelt, wenn ein Professor und eine Studentin aufeinander treffen. Die Studentin fühlt sich bevormundet, der Professor gibt vor, sie zu verstehen, bald steht jedoch der Vorwurf des sexuellen Übergriffs im Raum. "Beide Kontrahenten kriegen ihr Fett ab, beide erscheinen phasenweise glaubwürdig, dann wieder verlogen, verletzt und heimtückisch, offenherzig und undurchschaubar. Was wäre die Lösung dieses Stellvertreterkrieges? David Mamet sah die Probleme, hatte aber auch keine Antwort. Daher bleibt es bei einem Schattenboxen mit Wirkungstreffern, in Hamburg beherzt abgefeuert von Johanna Asch und Sven-Eric Bechtolf, die das Publikum mit Verve und Nachdruck fragen: Wie konnte es so weit kommen?"

Michael Wurmitzer bespricht im Standard "Unwalling the Wall", ein Bühnenstück des Regisseurs Yosi Wanunus. Das im Wiener Theater am Werk uraufgeführte Werk will laut Wanunu, der selbst in Israel geboren wurde, aber seit Jahrzehnten in Österreich lebt, der angeblich allgegenwärtigen israelischen Perspektive auf den Nahostkonflikt etwas entgegen setzen. Teils persönlich gefärbt greift das Stück laut Wurmitzer bis ins 19. Jahrhundert, also noch bis vor die britische Mandatszeit, zurück und fokussiert auf die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung durch Krieg und, später, staatliches israelisches Handeln. Mit erstaunlich leichter Hand inszeniert ist das alles, meint der Rezensent, inhaltlich ist die Tendenz freilich eindeutig: "Israel sei wie ein Druckkochtopf, sagt Wanunu und verallgemeinert: Wer dort aufwachse, sehe das Land stets als Opfer und entwickle Rachegefühle." Wurmitzers eigenes Fazit bleibt, was politische Fragen betrifft, ambivalent: "Szenischer Einfallsreichtum und darstellerischer Einsatz hätten mehr Applaus verdient, als es die Bedrücktheit nach den zwei Stunden zulässt - während derer man das komplette Fehlen eines Versuchs um Verständnis für wenigstens Teile des israelischen Handelns doch auch mit Beklemmung registriert."

Außerdem: Wolfgang Behrens denkt auf nachtkritik über das Verhältnis von Dramaturgie und Disposition nach. Haben Mozart-Opern ein Problem mit ihren zu positiven Enden? Dazu stellt Holger Noltze in van Überlegungen an.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" am Londoner Barbican Theater mit Cate Blanchett (Welt, "Wie ein sehr gutes Salted Caramel: Man schmeckt erst die Süße, bevor das Salzige kommt.") und David Safiers "Solange wir leben" in der Inszenierung Alize Zandwijks am Theater Bremen (taz, "Abend, der in keiner Sekunde langweilig wird, aber wirklich bis an die Schmerzgrenze geht").
Archiv: Bühne

Literatur

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Welche Bücher deutscher Sprache waren in den letzten 25 Jahren also nun die prägendsten? Gestern ging unsere große Kritikerumfrage dazu zu Ende, Anja Seeliger hat die Beiträge (hier alle zum Stöbern und Nachlesen) ausgewertet. Es zeigt sich: "Die Zeit der 'Großschriftsteller' ist endgültig vorbei". Wer in den Achtzigern und Neunzigern auf einer vergleichbaren Liste vollkommen unumgänglich gewesen wäre, wird 2025 kaum erwähnt. Stattdessen: "Terézia Mora (sechs mal), Lutz Seiler, Wolfgang Herrndorf und Emine Sevgi Özdamar (je fünf mal), gefolgt von Daniel Kehlmann, Brigitte Kronauer, Rainald Goetz und Clemens J. Setz (je vier mal). ... Viele der genannten Romane blicken zurück auf den Nationalsozialismus, den Gulag, die DDR oder die Folgen des Zerfalls der Sowjetunion. Die Last des 20. Jahrhunderts wiegt auch im 21. noch schwer." Am meisten genannt wurde übrigens Özdamars "Ein von Schatten begrenzter Raum" - das ist "bei 28 Stimmen sicherlich nicht statistisch relevant, aber ein Zufall ist es wohl auch nicht. Denn dieser Roman führt einem vor Augen, wie selten in den eindrucksvollsten Büchern der deutschsprachigen Literatur die Vorstellung von Glück geworden ist. Und das in den letzten 25 Jahren, einer Zeit also, in der wir noch sicher und behaglich lebten." Perlentaucher Thierry Chervel spricht im Dlf Kultur über unsere nunmehr abgeschlossene Kritikerumfrage zu den prägendsten deutschsprachigen Büchern der letzten 25 Jahre.

Außerdem: Ronja Wirts berichtet auf Zeit Online vom Berliner Solidaritätsabend (hier zum Nachhören beim RBB) für Boualem Sansal (siehe dazu bei uns auch das Transkript des Gesprächs, das Thierry Chervel an dem Abend mit Kamel Daoud geführt hat). Die norwegischen Samit sind weiterhin sehr skeptisch, was den seit den Neunzigern trotz seiner Hitler-Begeisterung wieder verehrten, norwegischen Schriftsteller Knut Hamsun betrifft, schreibt Aldo Keel in der NZZ. Paul Ingendaay stimmt in der FAZ auf die Boekenweek, ein Literaturfestival in den Niederlanden ein.

Besprochen werden unter anderem Chimamanda Ngozi Adichies "Dream Count" (online nachgereicht von der Welt), Martin Mosebachs "Die Richtige" (FR, NZZ), Jente Posthumas "Woran ich lieber nicht denke" (NZZ), Johan Harstads "Unter dem Pflaster liegt der Strand" (FAZ) und eine Neuausgabe von Stefan Zweigs Romanfragment "Clarissa" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Leonardo da Vinci | Stehender männlicher Akt, um 1503-1506 | The Royal Collection / HM King Charles III, Windsor Castle © Royal Collection Enterprises Limited 2025 | Royal Collection Trust

Schwelgerisch lustwandelt FAZler Stefan Trinks durch eine Ausstellung in der Wiener Albertina, der es gelungen ist, ganze 26 Zeichnungen Leonardos an einem Ort zu versammeln. Umgeben sind sie von zahlreichen Meisterwerken Dürers, Tizians und anderer. Ganz besonders angetan ist Trinks von der Farbigkeit der ausgestellten Arbeiten. Dank der oft ins Surreale spielenden Kolorierung "imaginiert man (…) fast immer unterbewusst eine abgerückte Welt. Leonardos Pferdestudien für das sieben Meter hohe Bronze-Reiterdenkmal für Francesco Sforza in Mailand schweben genauso im blauen Luftreich der Utopie wie seine unfassbare anatomische Studie eines Pferdelaufs, eines menschlichen Beins und eines Kentauren daneben - was nichts anderes bedeutet, als dass er in einem imaginären Überschuss fest von der Existenz der Pferdemenschen ausgeht und einen frankensteinschen Mix aus beidem aufs Blatt wirft."

Saskia Trebing überlegt sich auf monopol, was es bedeutet, wenn in Washington, offensichtlich auf Druck der Trump-Regierung, ein "Black Lives Matter"-Schriftzug von einer Washingtoner Straße entfernt wird. Geht es dabei lediglich um verzichtbare Symbolpolitik, auf die sich die politische Linke zuletzt allzu oft konzentrierte? Keineswegs, findet Trebing: "Für Trump und seine Mitstreiter ist das Symbolische alles andere als nebensächlich. Sie wollen kontrollieren, wie künftig gebaut wird; wollen bestimmen, was im Kennedy-Kulturzentrums aufgeführt wird und was nicht. Das brutale Vorgehen gegen die Rechte von trans Menschen sind genauso Teil eines culture war wie die offensive Inszenierung einer geldgetränkten, weißen Vulgär-Elite."

Außerdem: Jan Kage spricht für monopol mit dem Autor und Kurator Christoph Tannert über Untergrundkunst in der DDR.

Besprochen werden Elisabeth Neudörfls Schau "Ansichten von K." (wie Kaiserslautern) in der Barbara Wien gallery, Berlin (taz), die Protestbewegungen unter anderem gegen die letztes Jahr abgewählte PiS-Regierung gewidmete Ausstellung "The Impermanent" im Museum für Moderne Kunst in Warschau (SZ), Kristian Schullers Fotografieausstellung "Pictures" im Kunstraum Potsdam (Tagesspiegel) und Sonya Schönbergers Installation "Nägel" in der Berliner Kulturkirche St-Matthäus (FR).
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Musik

Christian Schachingers Kritik im Standard nach zu schließen muss es sich bei "Ghost Palace", dem neuen Album des kanadischen Duos Burning Hell, um das am meisten vollgestellte Album aller Zeiten handeln - und das "macht großen Spaß". Sänger Mathias Kom etwa ist "populärwissenschaftlich zwischen Kosmologie, Cultural Studies, Jean Baudrillard, Hipstertum in Theorie und Praxis, Klimawandel und Hip-Hop-Klassik von Public Enemy bestens eingelesen. ... Mit brummigem Bariton und einer musikalischen Mischung aus klassischem, manchmal gar punkigem Indierock, Klischee-Country, Arabesken auf dem Banjo, nachdenklicher Klarinette, Postkarten-Reggae, Dire Straits und 'Sultans of Swing', Broadway-Musical, Ukulelen-Ballade, einem Gitarrensolo auf dem Eierschneider und pupsendem Kinderorgel-Pop sowie fröhlichem Backgroundchor ist in der Hölle ganz schön etwas los. Textlich singt Mathias Kom von allen Dingen, die uns schon im Leben höllisch auf die Nerven gehen. Die Olympischen Sommerspiele in Paris, Ed Sheeran, die Red Hot Chili Peppers, Morrissey, der Eiffelturm in Las Vegas, überhaupt Architektursünden, Mikroplastik im Wasser, 'The Final Countdown' von Europe, Sand in den Socken, überhaupt der ganze Planet. O Gott!!!"



Weitere Artikel: Steffen Rüth spricht für die FR mit Tocotronic über deren neues Album "Golden Years". Das Klassikkonzert - im Zuge der Coronakrise bereits zum Auslaufmodell erklärt - ist laut neuesten Branchenanalysen wieder voll im Spiel: "Die deutschen Orchester spielen inzwischen mehr große Livekonzerte als vor Corona", schreibt Michael Stallknecht in der SZ, und das im übrigen obwohl sich im gleichen Zeitraum "die Zahl der Streamingaktivitäten von Opernhäusern und Orchestern deutlich erhöht hat". Stephanie Grimm plaudert für die taz mit Jamie XX über dessen neues Album. König Charles III. hat zum Commonwealth-Tag für Apple eine Playlist mit Popmusik aus zwar nicht allen, aber vielen Staaten des Commonwealth zusammengestellt - und zwar eine "überraschend diverse Sammlung, die immer wieder recht souverän an den naheliegendsten Songs vorüberschlendert und also ein wenig niedrigschwelliger Pop-Kultur-Frontalunterricht wird", wie Jakob Biazza in der SZ kommentiert. Jens F. Laurson (Presse) und Christoph Irrgeher (Standard) resümieren ein von Andris Nelsons dirgiertes Konzert in Wien des Gewandhausorchesters Leipzig. Für Zeit Online porträtiert Tobi Müller die Londoner Jazzmusikerin Nubya Garcia.

Archiv: Musik