Emine Sevgi Özdamar

Ein von Schatten begrenzter Raum

Roman
Cover: Ein von Schatten begrenzter Raum
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021
ISBN 9783518430088
Gebunden, 763 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Nach dem Putsch 1971 hält das Militär nicht nur das Leben, sondern auch die Träume der Menschen in der Türkei gefangen. Künstlerinnen und Künstler, Linke, Intellektuelle fürchten um ihre Existenz; auch die Erzählerin, die aus Istanbul übers Meer nach Europa flieht. Im Gepäck: der Wunsch, Schauspielerin zu werden, und das unbedingte Verlangen, den so jäh gekappten kulturellen Reichtum ihres Landes andernorts bekannt zu machen und lebendig zu halten, ohne sich im "Tiergarten der Sprachen" auf die bloße Herkunft beschränken zu lassen. Und dort, inmitten des geteilten Berlin, auf den Boulevards von Paris, im Zwiegespräch mit bewunderten Dichtern und Denkern, findet sie sich schließlich wieder in der "Pause der Hölle", in der Kunst, Politik und Leben uneingeschränkt vereinbar scheinen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.10.2021

Rezensentin Marie Schmidt geht förmlich auf die Knie vor Emine Sevgi Özdamars viertem Roman, der für die Kritikerin nicht weniger als "ein Sturm, die Summe eines Lebens, wirklich ein Divan" ist. Schmidt spürt die Wut, aber auch die Einsamkeit nicht nur zwischen den Zeilen, wenn ihr die Autorin hinreißend frei, mal mythisch, dann "historisch nüchtern" vom Aufwachsen in der Türkei, der Flucht nach dem Militärputsch und dem Arbeiten an Theatern in Deutschland und Frankreich erzählt. Bisweilen hat die Rezensentin das Gefühl dabei gewesen zu sein, etwa wenn Özdamar von Proben erzählt oder schildert, wie sie ihre Eltern aus Berlin anruft und im Hintergrund die Militärhubschrauber über Istanbul kreisen hört. Auch den Literaturskandal aus dem Jahr 2006 - Feridun Zaimoglu soll Motive aus einem Roman von Özdamar kopiert haben, der Spiegel sprach vom "Türkenkrieg" - greift die Autorin noch einmal zornig auf, informiert Schmidt. In diesem Roman "pocht das Herz einer grenzenlosen Literatur", schließt sie.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 18.10.2021

Rezensent Christoph Schröder liest Emine Sevgi Özdamars Roman als nicht durchweg gelungenes transkulturelles Künstlerinnenporträt und Bericht einer Identitätserkundung. Die Geschichte der Ich-Erzählerin, die für Schröder zweifelsfrei die Züge der Autorin trägt, zwischen der Türkei und Deutschland, zwischen ihrem Selbstverständnis als freie Künstlerin im Theater von Benno Besson und der Rolle als Integrationsbeispiel macht es Schröder nicht leicht: Jede Menge Redundanzen und lange Monologe über Orte und (imaginierte) Begegnungen mit Künstlern wie der Piaf oder Brecht strapazieren Schröders Geduld. Zugleich schaffen sie Atmosphäre, gibt Schröder zu, und vermitteln ein möglicherweise allgemein gültiges transkulturelles Lebensgefühl.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2021

Rezensent Fridtjof Küchemann stolpert über die Bühne von Emine Sevgi Özdamars Roman und erkennt, dass hier die Trennung von Fakt und Fiktion, von Erzählerstimme und Autorin nicht weiterführt. Die namenlose Erzählerin und ihre Begegnungen mit Theatergrößen wie Peymann oder Besson sind für ihn eindeutig autobiografisch, aber dann ist die dichterische Freiheit wieder so unbegrenzt und Krähen flüstern Prophezeiungen, dass das Erdachte überwiegt. Im Zentrum aber erkennt Küchemann die Themen Fremde, Sprachverlust und -ermächtigung und die Geschichte der Gewalt an den Armeniern, alles lebendig ausgeleuchtet in Özdamars Bühnenraum.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.10.2021

Als Emine Sevgi Özdamar anfing in den Neunzigern Roman zu schreiben, sprach noch niemand von "migrantischer Literatur" oder "Diversität", erinnert uns Rezensentin Ursula März. In der Folge ihres längst zum "Klassikerkanon" gehörenden Werks machten sich vor allem in der jüngeren Vergangenheit zahlreiche AutorInnen daran, über das Leben zwischen den Kulturen zu schreiben, um Özdamar wurde es indes still, erklärt die Kritikerin. Umso glücklicher ist sie, dass die deutsch-türkische Autorin nun dieses "opulente" Buch vorlegt, ihr "Lebenswerk" sozusagen, in dem sie erzählt, wie sie als junge Schauspielerin die Türkei nach dem Militärputsch von 1971 verlässt und in Berlin, Paris, Bochum oder Frankfurt mit und unter verschiedenen RegisseurInnen arbeitete. Um eine Autobiografie handelt es sich dabei aber keineswegs, versichert März, die sofort wieder dem Özdamar-Sound, einer Mischung aus nüchterner Dokumentation und Magie, verfällt. März lässt sich von einzelnen intensiven Bildern in  diesem "kolossalen Prosagemälde" durch ein Leben zwischen Kunst, Liebschaften und Politik führen, mitunter wehmütig auf vergangene Zeiten blickend. Ein Werk reich an "humaner Klugheit und poetischer Dichte", schließt sie.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 08.10.2021

Hymnisch bespricht Rezensent Helmut Böttiger diesen Koloss von einem Roman der in der Türkei geborenen Autorin und Theaterregisseurin Emine Sevgi Özdamar. In dem autobiografisch geprägten Roman, der sich laut Kritiker aber von gängigen "autofiktionalen" Texten, ja überhaupt von aller "Saisonware" abhebt, folgt Böttiger der Autorin auf ihrer Flucht aus Istanbul nach dem Militärputsch von 1971 nach Berlin und Paris, liest von ihrer Arbeit an verschiedenen Theatern mit und unter Regisseuren wie Claus Peymann oder Matthias Langhoff und ihren Begegnungen mit zahlreichen Künstlern und Intellektuellen. Wie Özdamar immer wieder die "repressiven Verhältnisse" in der Türkei dagegenschneidet, findet der Kritiker brillant. Vor allem aber bewundert er die Sprache der Autorin, die "Assoziationsräume" eröffnet und "surreale Momente" einbindet.