Efeu - Die Kulturrundschau
Erinnerungen an Süße und Delikatesse
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10.03.2025. Die FAZ erschauert abwechselnd vor Lust und vor Grauen, wenn Joana Mallwitz Ravels "La Valse" bei den Berliner Philharmonikern in den Abgrund führt. Die taz spürt göttliche Kräfte in Emanuel Gats Tanzstück "Freedom Sonata" am Haus der Berliner Festspiele. Im Perlentaucher stellt Angela Schader die amerikanische Autorin Sarah Bernstein vor, die die Frage nach dem Zusammenleben europäischer Juden und Nichtjuden im Schatten der Shoah stellt. Sieglinde Geisel und Marc Reichwein antworten außerdem auf die Perlentaucher-Kritikerumfrage.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
10.03.2025
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Literatur
Unsere Kritikerumfrage, welche fünf Bücher deutscher Sprache in den letzten 25 Jahren die prägendsten waren, kann Sieglinde Geisel gar nicht ohne weiteres beantworten: Sie rezensiert eher internationale Literatur und viele der breit besprochenenen Bücher treffen auch nicht ihren Geschmack. Deshalb ist sie "intuitiv vorgegangen" und hat "nach jenen Werken gegriffen, die mir damals beim Lesen am besten geschmeckt hatten (ja, ich halte Geschmack für einen Qualitätsindikator). Sprache ist mir wichtiger als das, was sie transportiert: Aufladung, Drive, Risiko, etwas so erzählen, etwas so sagen, wie es zuvor noch niemand gesagt hat - das ist ein Kriterium für meine Auswahl." Diese umfasst Bücher von Sibylle Lewitscharoff, Katja Petrowskaja, Emine Sevgi Özdamar, Arno Geiger und Thomas Kling, letzter für sie "der größte Dichter seiner Generation. Sein letztes Buch 'Auswertung der Flugdaten' (2005) zeigt schon im Titel die sprachliche Schöpfungskraft und Genauigkeit, zu der er fähig war. In Klings Texten gibt es kein schwaches Wort, alles ist 'bis zum Äußersten mit Bedeutung aufgeladen' (Ezra Pounds Kriterium für Literatur)."Außerdem antwortet Marc Reichwein auf unsere Kritikerumfrage und nennt Bücher von Christian Kracht, Herta Müller, Daniel Kehlmann, Lutz Seiler und Florian Illies, dessen "1913" von 2018 "ein ganzes Genre geprägt hat. Gar nicht mal, weil Bücher seit 2012 gehäuft Jahreszahlen im Titel tragen, sondern dahingehend, dass kaleidoskopisch und szenisch, lebensnah wie in einer Reportage erzählt wird, um Literatur- oder Kulturgeschichte Revue passieren zu lassen. Uwe Wittstocks Bücher 'Februar 33' und 'Marseille 1940' sind ohne Illies gar nicht denkbar, zugleich ist er kein Kopist. Die Methode ist größer als ihr Erfinder oder Anwender - ein Paradigma. Das Bühnen-Prinzip der Revue in Buchform." Alle Beiträge zu unserer Kritikerumfrage finden Sie hier.

Weitere Artikel: Marc Reichwein empfiehlt in der Welt zehn unverzichtbare Hörbücher. Ronald Pohl erinnert im Standard an Rainer Maria Rilke, der vor 150 Jahren geboren wurde. Besprochen werden unter anderem Christopher Koppers Biografie über Olga Benario (FR), Bea Davies' Comic "Super-GAU" (taz) und Sydney Smiths Bilderbuch "Erinnerst du dich?". Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Matthias Weichelt über Johannes Bobrowskis "Wolfzeit":
"Finsternis,
dem fliegenden Mond zu.
Wir kamen den Sternenpfad ..."
Musik
Maurice Ravels 1920 noch unter den Eindrücken des Ersten Weltkriegs entstandenes Stück "La Valse" handelt davon, "wie Zivilisation in Auflösung gerät", ruft Clemens Haustein in der FAZ in Erinnerung. Joana Mallwitz hat das Stück nun bei ihrem Debüt bei den Berliner Philharmonikern spielen lassen und dabei "die Aktualität des Stückes" neu unterstrichen: "Wie kurze Durchblicke in einem bedrohlichen Wolkentreiben blitzen hin und wieder noch Erinnerungen an Süße und Delikatesse auf. Im Nu versinken sie im infernalischen Strudel des Geschehens. Wurde das Stück in der Vergangenheit noch als Krimi mit Caféhaus-Charme verstanden, konsumierbar zur besten Sendezeit, so macht Mallwitz vom ersten Ton an deutlich, dass es ihr bitterernst ist. Der Herzschlag zu Beginn in den zupfenden Kontrabässen: so präsent als handele es sich um eine anatomische Innenschau. Das Tempo ist hoch, der Puls schon hier von einer rasenden Nervosität. Streichertremoli jagen wie Angstschauer vorüber, die Holzbläser melden sich verwirrt wie Vögel vor dem Gewitter - es grenzt an ein Wunder, dass die Dirigentin bei der Drastik schon des Beginns die Spannung bis zum Ende des Stückes halten kann. ... Beim Hören wechseln Schauer der Lust mit Schauern des Grauens." Beim Dlf Kultur kann man das Konzert nachhören.
Weitere Artikel: Julian Wachners Vorhaben, gemeinsam mit dem Tölzer Knabenchor eine "authentische Gesamtaufnahme" von Bachs 200 Kantaten aufzunehmen, lässt SZ-Kritiker Helmut Mauró nach ersten Eindrucken "auf Großes hoffen". "Wir werden nicht letzter Platz sein", verspricht Attila Bornemisza vom österreichischen Geschwister-Duo Abor & Tynna, das Deutschland beim ESC vertreten wird, im Zeit-Online-Gespräch. Sven Beckstette schreibt in der taz zum Tod von Roy Ayers (weitere Nachrufe bereits hier). Dorothea Walchshäusl porträtiert für die NZZ die Pianistin Alice Sara Ott, die gerade sämtliche Nocturnes von John Field eingespielt hat. Daraus eine Kostprobe:
Besprochen werden ein Frankfurter Konzert des Orchestre de Paris unter Klaus Mäkelä zu Ehren Maurice Ravels (FR), ein von Zubin Mehta dirigiertes Konzert des West-Eastern Divan Orchestra in Wien (Standard), eine CD von Benjamin Appl mit Liedern von György Kurtág und Franz Schubert (FAZ), die 24 CDs und ein Buch umfassende Edition "Herbert von Karajan - Live in Berlin" (FAZ) und Lady Gagas neues Album "Mayhem" (FAZ-Kritiker Jan Wiele beschleicht der "Eindruck übertriebener Ordnung, fast schon von Ununterscheidbarkeit der Songs, die nahezu ausnahmslos in dieselbe Eurodance-Soße getunkt sind", mehr zum Album bereits hier).
Weitere Artikel: Julian Wachners Vorhaben, gemeinsam mit dem Tölzer Knabenchor eine "authentische Gesamtaufnahme" von Bachs 200 Kantaten aufzunehmen, lässt SZ-Kritiker Helmut Mauró nach ersten Eindrucken "auf Großes hoffen". "Wir werden nicht letzter Platz sein", verspricht Attila Bornemisza vom österreichischen Geschwister-Duo Abor & Tynna, das Deutschland beim ESC vertreten wird, im Zeit-Online-Gespräch. Sven Beckstette schreibt in der taz zum Tod von Roy Ayers (weitere Nachrufe bereits hier). Dorothea Walchshäusl porträtiert für die NZZ die Pianistin Alice Sara Ott, die gerade sämtliche Nocturnes von John Field eingespielt hat. Daraus eine Kostprobe:
Besprochen werden ein Frankfurter Konzert des Orchestre de Paris unter Klaus Mäkelä zu Ehren Maurice Ravels (FR), ein von Zubin Mehta dirigiertes Konzert des West-Eastern Divan Orchestra in Wien (Standard), eine CD von Benjamin Appl mit Liedern von György Kurtág und Franz Schubert (FAZ), die 24 CDs und ein Buch umfassende Edition "Herbert von Karajan - Live in Berlin" (FAZ) und Lady Gagas neues Album "Mayhem" (FAZ-Kritiker Jan Wiele beschleicht der "Eindruck übertriebener Ordnung, fast schon von Ununterscheidbarkeit der Songs, die nahezu ausnahmslos in dieselbe Eurodance-Soße getunkt sind", mehr zum Album bereits hier).
Film
Besprochen werden die Netflix-Serienadaption von Giuseppe Tomasi di Lampedusas gleichnamigem Romanklassiker "Der Leopard" ("ein schönes Netflix-Märchen, süß wie eine Cassata, aber so unsizilianisch wie ein Schokoriegel", findet Ursula Scheer in der FAZ), Ariane Labeds "September & July" (FAZ, unsere Kritik), Bong Joon-hos "Mickey 17" (Presse, Welt, unsere Kritik) und die Arte-Serie "Douglas is Cancelled" (Welt).
Architektur
"Das spekulative Luxuswohnen und der soziale Wohnungsbau stehen sich unversöhnlicher denn je gegenüber", konstatiert der Architekt Hans Kollhoff in der FAZ. Ein Umdenken wäre notwendig, aber immer noch wirkt der Geist des Architekten Hans Scharoun nach, der nach 1945 eines neues Konzept für die zerstörte Stadt entwickeln sollte: "Was uns daran hindert, einem Paradigmenwechsel nachzugeben, ist eine Art morbus scharounensis, antigroßstädtisch, ja antiurban, der sich bis heute, vor allem im Dunstkreis der Akademie der Künste, hartnäckig hält und überall auflebt, wo Monumentalität gewittert wird oder Architektur allzu selbstbewusst auftritt. Es herrscht die Neigung, sich einzurichten in 'innovativen' Provisorien; einem heterogenen Wald von Stützen den Vorzug zu geben gegenüber einer Kolonnade; eine Gerade zu brechen, bevor sie zu einer Linie wird; ein Rechteck abzuschneiden, einen Würfel zu spalten. Angst vor Symmetrie, Regelhaftigkeit, Klassizität. Horror vor einem gegliederten Ganzen. Viel Grün, aber kein Park, keine Allee, kein stolzer Baum."
Bühne

Der israelische Choreograf Emanuel Gat versteht "Freiheit nicht als grenzenlos, sondern als Übernahme von Verantwortung", erklärt Yi Ling Pan in der taz. Deshalb herrscht auch in seiner "Freedom Sonata", die er im Haus der Berliner Festspiele auf die Bühne brachte "keine Anarchie", aber große Vielfalt, die manchmal schon an Überforderung grenzt, so die Kritikerin: "Gespielt wird mit wilder Assoziation. Die Tänzerin Rindra Rasoaveloson steht scheinbar unbeteiligt in Distanz zur rennenden Meute. Aber mit flatterndem Kleid, leichten Handgesten und im weißlichen Nebel steuert sie die anderen mit göttlichen Kräften. Sakral und zugleich primitiv mutet der Zeitlupengang an, in dem sich fünf Tänzer:innen vor gleißendem Licht in surrealen Posen fortbewegen. Ist es Suche oder Feier? Aber schon ist die Formation aufgelöst und es folgt die nächste. Daraus wird auch ein Spiel der Reizüberflutung. Die Musik bricht abrupt ab, warme und kalte Beleuchtung wechseln sich ab, und die Kostüme beweisen, wie vielseitig eine Farbe sein kann. Weiß, dann Schwarz, als enges Hemd, Sportbra, Boxershorts."
Nicht so viel kann Wiebke Hüster in der FAZ mit diesem Tanzstück anfangen. Warum wechselt sich hier Musik von Kanye West, der im Moment wieder verstärkt mit rassistischer und antisemitischer Hetze auffällt, mit Ludwig van Beethoven ab? Für Hüster verliert das Stück gerade am Ende an Spannung und "die bedeutungsschwangere Atmosphäre und die komplizenhaften Blicke, welche die Tänzer wechseln, sind Bestandteile eines Rätsels, das man nicht mehr unbedingt lösen möchte."
Weiteres: In der FAZ schreibt Simon Strauss den Nachruf auf den DDR-Regisseur Wolfgang Engel. Besprochen werden Philipp Rosendahls Inszenierung von "Liv Strömquists Astrologie" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Marie Bues' Inszenierung von Caren Erdmuth Jeß' Stück "Die Walküren" nach Wagner am Schauspiel Hannover (nachtkritik), Romy Lehmanns Inszenierung von Juliane Hendes' Stück "Liebe und Plattenbauten" am Hessischen Landestheater Marburg (nachtkritik), André Kaczmarczyks Inszenierung von "Die Märchen des Oscar Wilde erzählt im Zuchthaus zu Reading" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Thomas Ostermeiers Inszenierung von Anton Tschechows "Die Möwe" im Londoner Barbican Centre (SZ, taz), Ute M. Engelhardts Inszenierung von Carl Ditters von Dittersdorfs Singspiel "Doktor und Apotheker" an der Oper Frankfurt (FR) und Claudia Bossards Adaption von Emily Brontës Roman "Sturmhöhe" am Schauspielhaus in Bochum (SZ).
Kunst
Weiteres: In der NZZ denkt Philipp Meier über die Aura des Originals nach. Besprochen werden die Ausstellung "Kykladitisses. Unerzählte Geschichten der Frauen auf den Kykladen" im Museum für Kykladische Kunst in Athen (FAZ), die Ausstellung "Udo Lindenberg - Panik in Tübingen" im Neuen Kunstmuseum Tübingen (FAZ), zwei Ausstellungen zum Achtzigsten von Anselm Kiefer im Amsterdamer Stedelijk und im Van Gogh-Museum (SZ), die Ausstellung "Undermining the Immediacy" im MMK Tower in Frankfurt (FR), die Ausstellung "Mensch Berlin" zum vierzigjährigen Jubiläum der Kunstsammlung der Berliner Volksbank (tsp), die Neupräsentation der Glassammlung im Kunstpalast Düsseldorf (taz) und die Ausstellung "So flows the tide of things" mit Werken von Yaşam Şaşmazer in der Zilberman Galerie in Berlin (taz).
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