25 Jahre Perlentaucher
Geschweige denn literaturkritisch
Von Marc Reichwein
10.03.2025. "Popliteratur-Sozialisation, aber ex negativo".Marc Reichwein antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Die fünf deutschsprachigen Bücher, die in den letzten 25 Jahren am prägendsten waren? Schwierig. Man kann Gegenwartsteilnehmer sein und trotzdem wenig Gegenwartsliteratur lesen - was für meine Nullerjahre gilt, in denen ich noch kaum journalistisch tätig war, geschweige denn literaturkritisch, aber allerlei Lektüren nachholte, poststudentisch: Peter Handke ("Mein Jahr in der Niemandsbucht"), sämtliche Thomas Bernhards und so weiter.
Christian Kracht: "Eurotrash"
Kracht ist in den 25 Perlentaucher-Jahren der deutschsprachige Autor, von dem ich kein Buch verpasst habe, sprachlich ist er seinen vielen Epigonen haushoch überlegen. Sein gelungenstes Werk zwischen 2000 und 2024 schien mir lange "Imperium", das von einem ebenso spinnerten wie faszinierenden Selbstverwirklicher in der Zeit des deutschen Kaiserreichs handelt. Typen wie August Engelhardt gibt es immer; heute wäre er woke und postkolonial, aber trotzdem arglos selbstbezogen. Für noch prägender als "Imperium" halte ich heute "Eurotrash", denn mit diesem 'Faserland 2' schlug Kracht selbstbewusst einen werkbiografischen Bogen vom bewusst bornierten "Faserland"-Ich-Erzähler der Tempo-Jahre zum autobiografisch geouteten Kracht des Jahres 2021. "Eurotrash" zeigte zweierlei: Kracht kann auch eine zentrale Frauenfigur, die Mutter des Erzählers. Und er praktiziert mit diesem selbstreferentiellen Werk das, was Steffen Martus "Werkpolitik" nennt.
Herta Müller: "Atemschaukel"
Noch eine Frucht meiner Popliteratur-Sozialisation, aber ex negativo. Die Autorin Herta Müller blieb in meiner Wahrnehmung lange vom Buch "Der deutsche Pop-Roman" von Moritz Baßler überdeckt, worin sie so naja wegkam. Doch in "Atemschaukel", der von Müller erzählten Lebensgeschichte Oskar Pastiors, steckt die maximale Poesie, die Zeitgeschichte sich anverwandeln kann - als Prosa, die einzelne Worte so wichtig nimmt wie Lyrik. Müller beherrscht sie meisterhaft.
Daniel Kehlmann: "Tyll"
Spätestens seit "Die Vermessung der Welt" wusste ich, dass dieser Autor etwas kann, das deutschsprachiger Literatur in dieser handwerklichen Perfektion nur ganz selten gelingt. Plotten. Dramaturgisch und erzählerisch ist "Tyll" anspruchsvoller als die populäre "Vermessung". Es ist die Wiedergeburt des historischen Romans im Gewand dichterischer Freiheit, denn schon die Hauptfigur Till Eulenspiegel hüpft durch ein anderes als das ihr eigentlich zugehörige Jahrhundert.
Lutz Seiler: "Stern 111"
Seit ich als Feuilletonleser denken kann, wurde angestrengt nach dem 'Wenderoman' gefahndet, dem ultimativen Werk zum Ende der DDR. Als das Label von der Literaturkritik längst vergessen und entsorgt war, kam dieser Wenderoman. "Stern 111", das 2020 erschienene Werk des späteren Büchnerpreisträgers, hat mich atmosphärisch stärker berührt als jedes andere Buch der letzten 25 Jahre. (Dabei hatte auch "Kruso" schon ein tolles Setting).
Florian Illies: "1913"
Rangiert in der Perlentaucher-Liste erstaunlicherweise unter Romane, obwohl es ein erzählendes Sachbuch ist. Anders als der im Jahr 2000 erschienene Bestseller "Generation Golf", für die der Perlentaucher nur eine einzige Rezensionsnotiz verzeichnet, hat Illies' Jahres-Revue "1913" ein ganzes Genre geprägt. Gar nicht mal, weil Bücher seit 2012 gehäuft Jahreszahlen im Titel tragen, sondern dahingehend, dass kaleidoskopisch und szenisch, lebensnah wie in einer Reportage erzählt wird, um Literatur- oder Kulturgeschichte Revue passieren zu lassen. Uwe Wittstocks Bücher "Februar 33" und "Marseille 1940" sind ohne Illies gar nicht denkbar, zugleich ist er kein Kopist. Die Methode ist größer als ihr Erfinder oder Anwender - ein Paradigma. Das Bühnen-Prinzip der Revue in Buchform.
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Die fünf deutschsprachigen Bücher, die in den letzten 25 Jahren am prägendsten waren? Schwierig. Man kann Gegenwartsteilnehmer sein und trotzdem wenig Gegenwartsliteratur lesen - was für meine Nullerjahre gilt, in denen ich noch kaum journalistisch tätig war, geschweige denn literaturkritisch, aber allerlei Lektüren nachholte, poststudentisch: Peter Handke ("Mein Jahr in der Niemandsbucht"), sämtliche Thomas Bernhards und so weiter.
Christian Kracht: "Eurotrash"
Kracht ist in den 25 Perlentaucher-Jahren der deutschsprachige Autor, von dem ich kein Buch verpasst habe, sprachlich ist er seinen vielen Epigonen haushoch überlegen. Sein gelungenstes Werk zwischen 2000 und 2024 schien mir lange "Imperium", das von einem ebenso spinnerten wie faszinierenden Selbstverwirklicher in der Zeit des deutschen Kaiserreichs handelt. Typen wie August Engelhardt gibt es immer; heute wäre er woke und postkolonial, aber trotzdem arglos selbstbezogen. Für noch prägender als "Imperium" halte ich heute "Eurotrash", denn mit diesem 'Faserland 2' schlug Kracht selbstbewusst einen werkbiografischen Bogen vom bewusst bornierten "Faserland"-Ich-Erzähler der Tempo-Jahre zum autobiografisch geouteten Kracht des Jahres 2021. "Eurotrash" zeigte zweierlei: Kracht kann auch eine zentrale Frauenfigur, die Mutter des Erzählers. Und er praktiziert mit diesem selbstreferentiellen Werk das, was Steffen Martus "Werkpolitik" nennt.
Herta Müller: "Atemschaukel"
Noch eine Frucht meiner Popliteratur-Sozialisation, aber ex negativo. Die Autorin Herta Müller blieb in meiner Wahrnehmung lange vom Buch "Der deutsche Pop-Roman" von Moritz Baßler überdeckt, worin sie so naja wegkam. Doch in "Atemschaukel", der von Müller erzählten Lebensgeschichte Oskar Pastiors, steckt die maximale Poesie, die Zeitgeschichte sich anverwandeln kann - als Prosa, die einzelne Worte so wichtig nimmt wie Lyrik. Müller beherrscht sie meisterhaft.
Daniel Kehlmann: "Tyll"
Spätestens seit "Die Vermessung der Welt" wusste ich, dass dieser Autor etwas kann, das deutschsprachiger Literatur in dieser handwerklichen Perfektion nur ganz selten gelingt. Plotten. Dramaturgisch und erzählerisch ist "Tyll" anspruchsvoller als die populäre "Vermessung". Es ist die Wiedergeburt des historischen Romans im Gewand dichterischer Freiheit, denn schon die Hauptfigur Till Eulenspiegel hüpft durch ein anderes als das ihr eigentlich zugehörige Jahrhundert.
Lutz Seiler: "Stern 111"
Seit ich als Feuilletonleser denken kann, wurde angestrengt nach dem 'Wenderoman' gefahndet, dem ultimativen Werk zum Ende der DDR. Als das Label von der Literaturkritik längst vergessen und entsorgt war, kam dieser Wenderoman. "Stern 111", das 2020 erschienene Werk des späteren Büchnerpreisträgers, hat mich atmosphärisch stärker berührt als jedes andere Buch der letzten 25 Jahre. (Dabei hatte auch "Kruso" schon ein tolles Setting).
Florian Illies: "1913"Rangiert in der Perlentaucher-Liste erstaunlicherweise unter Romane, obwohl es ein erzählendes Sachbuch ist. Anders als der im Jahr 2000 erschienene Bestseller "Generation Golf", für die der Perlentaucher nur eine einzige Rezensionsnotiz verzeichnet, hat Illies' Jahres-Revue "1913" ein ganzes Genre geprägt. Gar nicht mal, weil Bücher seit 2012 gehäuft Jahreszahlen im Titel tragen, sondern dahingehend, dass kaleidoskopisch und szenisch, lebensnah wie in einer Reportage erzählt wird, um Literatur- oder Kulturgeschichte Revue passieren zu lassen. Uwe Wittstocks Bücher "Februar 33" und "Marseille 1940" sind ohne Illies gar nicht denkbar, zugleich ist er kein Kopist. Die Methode ist größer als ihr Erfinder oder Anwender - ein Paradigma. Das Bühnen-Prinzip der Revue in Buchform.
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