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21.02.2025. Tricia Tuttles erste Berlinale lässt die Filmkritiker zumindest klaglos zurück: Es gab genug Kunst und Innovation, meint die FR. Und der ukrainische Schwerpunkt war ohnehin sehenswert, ergänzt die taz. Monopol staunt in Düsseldorf über die Landschaften aus Elektroschrott, die der äthiopische Künstler Elias Sime erschafft. Der Münchner Museumsverband versucht nach dem SZ-Leak zu NS-Raubkunst in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen nun seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, konstatiert der Tagesspiegel. Die FR lernt in Bulgarien, wie Kulturerbe schmerzen kann.
Die Berlinale geht zu Ende. Standard-Kritikerin Valerie Dirk ist im Großen und Ganzen zufrieden mit dem ersten Jahrgang unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle: "Aufbruchsstimmung" liege in der Luft. "Keine drögen Politikerreden auf der Eröffnung, eine knackige Gala, eine Chefin, die den Festivalfrachter mit ruhiger Hand und klarer Ausdrucksweise durch die politisch bewegten Wogen steuert. ... Heißersehnte Publikumslieblinge holte Tricia Tuttle durch den Ausbau der Sektion Berlinale Special Gala nach Berlin. ... Insgesamt setzte Tuttles erster Wettbewerb auf formal anspruchsvolles, aber nicht allzu forderndes Arthousekino. Man sah viele gute Filme, aber wenige Höhen und Tiefen."
"What Does That Nature Say To You" von Hong Sang-soo Bereits gestern wurde der Wettbewerb mit HongSang-soos "What Does That Nature Say To You" abgeschlossen - für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte "einer der feinsten Filme des Festivals". Auch ansonsten ist er sehr zufrieden mit Tuttles erstem Jahrgang: "Man kann sich über diesen Wettbewerb wahrlich nicht beklagen: Auch wenn es an großen Namen mangelte und äußerer Aufwand eine seltene Ausnahme blieb, zeigt die neue Leiterin Tricia Tuttle Finderglück, da wo es darauf ankommt - bei Innovation und Kunst."
FAZ-Kritiker Andreas Kilb fand den Wettbewerb zwar besser als in den beiden Jahren zuvor, aber längst nicht so stark, dass man von einem Neuanfang reden könnte: "Die Vorstellung, mit einer neuen Chefin würde alles anders in Berlin, ist ohnehin eine Illusion. Auch Tricia Tuttle kann die Filmfestspiele nicht wieder von einem Winter- zum Sommerfestival machen, und sie kann die Oscars nicht in den April zurückverlegen. Die Auswahl, die sie trifft, richtet sich nach dem Angebot. Dass die Hauptsektion diesmal um einen Tag verkürzt wurde, spricht für sich: Mehr war nicht drin." "Tuttle hat die Forumisierung der Berlinale, vor allem des Wettbewerbs, ersetzt durch eine Panoramisierung" - so eine These, die Rüdiger Suchsland von Artechock auf einer Festivalparty aufgeschnappt hat und für durchaus plausibel hält. Seine eigene Bilanz: "Es gibt ein paar gute bis interessante Filme, aber das meiste, was ich gesehen habe, ist auch etwas beliebig."
"Timestamps" von Kateryna Gornostai Bevor morgen Abend die Bären vergeben werden, widmen sich die Filmkritiker noch dem ukrainischenSchwerpunkt im Festival. KaterynaGornostais im Wettbewerb gezeigter Dokumentarfilm "Timestamps" zeigt den Schulalltag in der Ukraine unter Kriegsbedingungen. Der Film "dokumentiert melancholisch, wie eine zutiefst verwundete Nation hartnäckig um ihr kulturellesÜberleben kämpft", schreibt Andreas Fanizadeh in der taz. "Ukrainische Kinder lernen heute, wie sie sich vor Blindgängern oder Sprengstofffallen in Acht nehmen. Wie man in der Natur überlebt, welche Pilze giftig sind und welche angekokelt Moskitos fernhalten. Was man für den Notfall im Rucksack dabei haben sollte, warme Kleidung, Erste-Hilfe-Set, Ausweis, die Powerbank nicht vergessen. Wie man sich nach dem Kompass orientiert, Blutungen stoppt, wiederbelebt, eine Drohne steuert oder das Gewehr entriegelt." Auf Nadine Lange (Tagesspiegel) wirkt "der Film wie ein großes Mosaik", er "zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die mit aller Kraft die Bildung ihrer Jüngsten verteidigt." In der tazbespricht Silvia Hallensleben EvaNeymanns "When Lightning Flashes Over the Sea" und VitalyManskys "Time to the Target", die sich ebenfalls mit der Ukraine befassen.
"My Undesirable Friends" von Julia Loktev Das Berlinale Special zeigt derweil JuliaLoktevs fünfstündigen Dokumentarfilm "My Undesirable Friends" über unabhängigerussischeTV-Journalistinnen kurz vor und während des Beginns der Invasion der Ukraine, die allesamt als "ausländische Agenten" gelabelt wurden. "Es ist Cinema verité, wie man es selten so intensiv gesehen hat", schreibt ein sehr beeindruckter Hanns-Georg Rodek in der Welt. Die "Drohung, selbst verhaftet und verhört und eingesperrt zu werden", gehört für die Medienfrauen zum Alltag. "Man kann in 'My Undesirable Friends' der Zerstörung einer (Beinahe-)Demokratie in sich beschleunigender Zeitlupe zusehen. Das Ausmachen von 'Feinden der Gesellschaft'. Die Markierung der 'Feinde'. Wie man ihnen die Zwangsjacke der Zensur anlegt. Wie sie sich selbst zu zensieren beginnen. Ihre komplette Mundtotmachung. Es sind oft kleine Schritte. Aber viele kleine Schritte. Ein Totalitarismus fällt nicht mehr über Nacht vom Himmel."
Bei diesem Film, der der "Dramaturgie eines Polit-Thrillers" folgt, kannTagesspiegel-Kritiker Andreas Busche nicht anders, als "an die aktuelle Situation in Amerika zu denken". Ein Eindruck, den die Regisseurin selbst im taz-Gespräch mit Julia Habernagel bestätigt: "Ich habe angefangen, einen Film über unabhängige Journalist:innen in Russland zu machen. Daraus wurde ein anderer Film, als Russland die Ukraine angriff. Worum es in dem Film geht, hat sich wiederum im letzten Monat für mich als US-Amerikanerin verändert. Ich muss ständig über die Parallelen zu den USA nachdenken. Wir bewegen uns unglaublich schnell in Richtung Autoritarismus."
Mehr vom Festival: Hans-Joachim Neubauer blickt für den Filmdienst auf Filme, die sich den "Widersprüchen des SystemsFamilie" widmen. Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Radu Judes Wettbewerbsfilm "Kontinental '25" (critic.de), FlorianPochlatkos Perspectives-Wettbewerbsfilm "How to Be Normal and the Oddness of the Other World" (critic.de), MarcinWierzchowskis "Das Deutsche Volk" (critic.de), EmmaHoughHobbs' und LeelaVargheses Animationsfilm "Lesbian Space Princess" (taz) und EdgarReitz' "Leibniz" (Welt).
Und für die schnellen Kurzeindrücke vom Festival: Der Kritikerspiegel auf critic.de, der Berlinale-Schwerpunkt bei Artechock und die SMS vom Cargo-Team.
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Mariam Schaghaghi spricht für die FAZ mit ThomasVinterberg über dessen in der ARD gezeigte TV-Serie "Families Like Ours". Die langjährigen "JamesBond"-Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson haben die kreative Kontrolle über das Franchise sehr zur Sorge vieler Fans an Amazon abgetreten, meldet David Steinitz in der SZ. Pascal Blum schreibt im Tagesanzeiger einen Nachruf auf den Schweizer Regisseur RichardDindo. Besprochen wird die Netflix-Serie "Zero Day" mit Robert de Niro (Zeit Online).
Elias Sime: Veiled Whispers. Bild: Kunstpalast Düsseldorf.
"Geduld, Disziplin und Liebe zum Detail" ist für den äthiopischen Künstler Elias Sime die beste Medizin gegen die Zivilisationserkrankungen der Moderne, hält Alexandra Wach anlässlich seiner Ausstellung "Echo የገደል ማሚቶ" im Düsseldorfer Kunstpalast für Monopol fest. Seine "dreidimensionalen Mosaike, deren Zusammensetzung gemeinsam mit dem Team bis zu 20 Jahre dauern kann, bestehen aus Hunderten von Tasten, stehengebliebenen Armbanduhren oder Elektrokabeln, sind verwirbelt und in Farbfelder unterteilt, die man mit genug Distanz sogleich als Ackerland oder Pflanzenmotive identifizieren möchte. Andere funkeln wie eine Großstadt bei Nacht. 'Der Mensch ist die Brücke zwischen der natürlichen und der gebauten Umwelt. Wir können von keinem von beiden getrennt werden', sagt Sime." "Die ökologischen Auswirkungen der über den Globus wuchernden Technologie sind verheerend, der fatale Kreislauf durch Weiterverwertung im Kunstkontext natürlich nicht zu durchbrechen."
Das geleakte Dokument zu NS-Raubkunst in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, über das die SZ gestern berichtet hat (unser Resümee), wird von weiteren Medien aufgegriffen. Laut Tagesspiegel versucht sich der Münchner Museumverband aus der Schlinge zu ziehen: "Der geleakte Bericht legt nahe, dass die Staatsgemäldesammlungen das Gegenteil praktiziert und Informationen zurückhält, um nicht restituieren zu müssen. Dagegen verwahrt sich der Münchner Museumsverband und gibt an, der Bericht sei veraltet und habe nur als 'Arbeitsmittel' gedient. Er gebe lediglich einen 'Work-in-Progress-Stand' wieder. Gleichwohl entschuldigt dies nicht die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs." Für die immer noch nicht restituierten Teile der Sammlung des Kunsthändlers Alfred Flechtheim, die von der Gestapo konfisziert wurde, finden die Anwälte seiner Nachfahren deutliche Worte: "'Bayern hätte Hinterbliebenen von Opfern informieren, die Werke an öffentliche Datenbanken melden und Restitutionsverfahren einleiten müssen', so Markus H. Stötzel. 'Tatsächlich zeigt sich, dass Bayern sich von Anfang an nicht an diese Regeln halten wollte und die Ahnungslosigkeit vieler möglicher Anspruchsteller schamlos ausgenutzt hat. Hier wird ein massives Unrecht der Nazis auch mehr als 80 Jahre später aufrechterhalten.'" FR, NZZ, Standardund taz berichten ebenfalls.
Weiteres: Die vietnamesische Künstlerin Thuy Tien Nguyen erhält den ersten Young Generation Art Award, der mit 10.000 Euro dotiert ist, meldet die Berliner Zeitung. Ausgelobt wurde der Preis von Monopol und Degussa, in deren Berliner Niederlassung ihre Kunst nun ausgestellt wird.
Besprochen wird: Die Ausstellung "Radikal! Künstlerinnen und Moderne 1910-1950" in der Modernen Galerie Saarbrücken (FAZ).
Bild: Buzluzha Project. In der FRlernt Sophie Tiedemann in Bulgarien, was "Dissonant Heritage" ist: Es handelt sich dabei um "Kulturerbe, das schmerzt", weil es in Verbindung zu Diktatoren steht. Das brutalistische Busludscha-Denkmal, das die Bulgarische Kommunistische Partei 1981 errichten ließ, war nur wenige Jahre als Kongresszentrum in Betrieb. Die Architektin Dora Ivanova hat zur Bewahrung des schwierigen Erbes 2015 die Busludscha-Stiftung gegründet: "Alles soll dokumentiert werden: der propagandistische Glamour der Vergangenheit und die Wut auf die einstigen Diktatoren, die sich nach Zusammenbruch des Regimes in Vandalismus äußerte. Ivanova und ihrem Team geht es ums Bewahren, nicht ums Restaurieren. Genau deshalb sollen alle zu Wort kommen: Auch jene, die an die Wände Graffitis sprühten und vielleicht sogar Diebe, die Marmorfliesen und Kupferskulpturen abtrugen."
"Während der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance den Verlust der Meinungsfreiheit in Europa anprangert, sperrt seine Administration für eine Woche den Zugang zu 160 Schulbibliotheken", schreibt Nadine A. Brügger in der NZZ. Im Zuge wurde auch Julianne Moores autobiografisch grundiertes Kinderbuch "Freckleface Strawberry" aus den Regalen entfernt. Von dem Buch über ein Mädchen, das sich mit seinen Sommersprossen arrangieren muss, geht in der Vorstellungswelt des sonst so toughen Gespanns Trump und Vance offenbar eine unmittelbare Bedrohung für die USA aus. "Zu den Büchern, die aus den Pentagon-Schulbibliotheken verschwunden sind, gehören neben Moores Buch über Sommersprossen auch KathleenKrulls 'No Truth Without Ruth' über RuthBaderGinsburg, die zweite Frau am Obersten Gericht. Oder 'Becoming Nicole' von AmyEllisNutt, die wahre Geschichte eines Transgender-Mädchens und seiner Familie. ... Eines der Bücher, das auf vielen - laut Trump inexistenten - Verbotslisten steht, ist MargaretAtwoods 'Der Report der Magd'. Die Geschichte spielt in einer dystopischen Theokratie, bestehend aus einigen US-Gliedstaaten, in denen Bücher nicht nur aus dem Alltag verbannt wurden, sondern die breite Bevölkerung gar nicht mehr lesen und schreiben lernen darf. Damit will die herrschende Elite sich vor Rebellion schützen und ihre Macht sichern."
Außerdem: Das Literaturarchiv Marbach hat Franz Kafkas "Brief an den Vater" erworben, meldet Tilman Spreckelsen in der FAZ. Besprochen werden unter anderem SilkeMaier-Witts "Ich dachte, bis dahin bin ich tot. Meine Zeit als RAF-Terroristin und mein Leben danach" (NZZ), BelaB. Felsenheimers "Fun" (Presse) und DmitrijKapitelmans "Russische Spezialitäten" (FR).
Jakob Hayner führt für die Welt ein Interview mit dem Theaterregisseur Christopher Rüping, dessen Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" nach der Station in Zürich nun am Deutschen Theater Berlin aufgeführt wird. Es geht um die verständliche Sehnsucht nach Feelgood-Abenden: "Es gibt Popcorn-Gefühle, die funktionieren ohne jede Beteiligung des Verstandes. Nach denen sehnt man sich manchmal, schon aus Gründen der seelischen Hygiene. Aber im Theater suche ich nach sehr spezifischen Gefühlen, die sich für mich nur aus einer gedanklich-sinnlichen Kohärenz entwickeln." Wichtig ist ihm auch die Unverwechselbarkeit seiner Inszenierungen: "Eine Handschrift ist ein Cocktail aus Erfahrungen, Überzeugungen und Geschmack. Erfahrungen kann man nicht loswerden und Überzeugungen sollte man nicht loswerden. Nur beim Geschmack muss man vorsichtig sein, der ist nicht so individuell, wie man denkt, sondern spiegelt meist die soziale Situation der regieführenden Person wider und enthält all deren Privilegien und Begrenzungen. Zu viel Geschmack ist gefährlich."
Im taz-Gespräch mit Steffen Greiner bietet die georgische Elekto-Produzentin AnushkaChkheidze einen Einblick in den aktuellen Stand der Dinge zum ProtestinGeorgien, in den die lokale Musikszene fest eingebunden ist. Frédéric Schwilden erzählt in der Welt von seinem Treffen mit Tocotronic, die gerade ein neues Album herausgebracht haben. Christoph Irrgeher stellt im Standard das neue, ambitionierte Klassiklabel SupremeClassics vor. Frederik Hanssen weist im Tagesspiegel die Arbeit des Vereins "Konzertleben" vor, der Klassik-Nachwuchsmusikern Auftritte ermöglicht. Besprochen werden neue Alben von Soul-Legende CandiStaton (Standard) und BarryGuy (FR) sowie der erste Band von Chers Autobiografie (NZZ).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Thomas Combrink über EllaFitzgeralds Interpretation von ColePorters "Anything Goes":
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