Efeu - Die Kulturrundschau
Allein wie die anzogn war
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11.02.2025. Die SZ überwindet am Wiener Volkstheater mit "Fräulein Else" sowohl das Patriarchat als auch die Scham vor der Nacktheit. Justin Kurzels Thriller "The Order" führt ebenfalls die SZ an die Ursprünge des Wahnsinns der Trump-Wähler. Die taz nähert sich in einer Krefelder Ausstellung zwei Visionären des Raumdenkens, dem Architekten Friedrich Kiesler und dem Künstler Walter Pichler. Die FAZ bewundert die Eleganz des Pinselstrichs von Comiczeichner Albert Uderzo in einer Ausstellung in Berlin.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
11.02.2025
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Bühne

Christiane Lutz hat sich für die SZ mit der Regisseurin Leonie Böhm zum Plaudern getroffen und sich außerdem ihre Version von Arthur Schnitzlers "Fräulein Else" am Wiener Volkstheater angesehen. Böhm befreit die Figuren ihrer Inszenierungen oft von der "Testosteronlast" der Textvorlage, so Lutz, als "feministische Überschreibung" würde sie das aber nicht bezeichnen, denn "die Essenz der Originaltexte ist immer da, sie negiert nichts. Sie legt viel mehr etwas bislang Ungesehenes frei." So wird auch das moralische Dilemma der Fräulein Else, die aus der Not heraus damit hadert, sich vor dem reichen Dorsday auszuziehen, in einer emanzipatorischen Geste aufgelöst: "Sie überlegt, Dorsday zurückzuweisen oder sich einfach umzubringen. Sie imaginiert das Gerede auf ihrer Beerdigung: 'Die is da selber schuld. Allein wie die anzogn war. Außerdem hätt sie ja einfach nein sagen können.' Kleiner Gruß an die 'Me Too'-Debatte und an die immer noch beliebte Täter-Opfer-Umkehr. Irgendwann ruft Else das Publikum auf, einfach mit ihr gemeinsam zu Dorsday nach Hause zu gehen, das ganze Theater, 700 Leute! 'Wenn einer mich sieht, dann sollen mich auch andere sehen. Die ganze Welt soll mich sehen', das Publikum lacht, aus der bedrohlichen Situation entsteht ein Moment der Gemeinschaft. 'Die meisten von uns sind nackt unter ihren Mänteln. Schämen? Wir uns? Warum? Ich schäme mich nicht', ruft Else und zieht ihren Mantel und den weißen Spitzenkragen aus, darunter ist sie nackt. Es ist eine die Angst überwindende Nacktheit."
Besprochen werden Claus Guths Inszenierung der Strauss-Oper "Die Liebe der Danae" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ), Haitham Assem Tantawys Inszenierung von Peter Maxwell Davies' Oper "Der Leuchtturm" und Julia Langeders Inszenierung von Henry Purcells Oper "Dido und Aeneas" an der Oper Duisburg (FR), zwei Inszenierungen von Elfriede Jelineks Stück "Asche", einmal von Jette Steckel am Hamburger Thalia Theater und von Lilja Rupprecht am Schauspiel Hannover (taz) und Barrie Koskys Inszenierung der Puccini-Oper "Manon Lescaut" an der Oper Zürich (NZZ).
Literatur
"Welche waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000", wollen wir von den Literaturkritikern in unserer Umfrage zu 25 Jahren Perlentaucher wissen. Die Antworten sind mittlerweile sehr ansehnlich (hier unser Überblick mit allen Texten). Neu hinzu kommt nun Jan Drees, der eine von Björn Kuhligk und Jan Wagner herausgegebene Lyrik-Anthologie, sowie Romane von Christian Kracht, Juli Zeh, Hannes Bajohr und Feridun Zaimoglu nennt. Vor allem letzterer hat nach Drees' Ansicht die hiesige Literaturlandschaft wie kaum ein zweiter geprägt: "Mit 'Liebesmale, scharlachrot', diesen 'neuen Leiden des jungen Ali' begann 2000 eine nicht abflauende Massen-Liebe und Leidenschaft für eine variantenreiche deutschsprachige 'Literatur mit Migrationshintergrund', die Suche nach dem wichtigsten 'Wenderoman' vielleicht nicht beendend, aber deutlich marginalisierend. Tausend neue Stimmen, tausend neue Geschichten sind seitdem erschienen, eine hohe, weite Tür wurde aufgestoßen, das Scheinwerferlicht gelenkt auf Stars wie Emine Sevgi Özdamar (Büchnerpreis 2022), Saša Stanišić (Deutscher Buchpreis 2019) und Tijan Sila (Ingeborg-Bachmann-Preis 2024). Pures Gold."Im Tagesspiegel hält Gerrit Bartels den Versuch des Galeristen Johann König, Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod" verbieten zu lassen (unser erstes Resümee), für schlecht beraten, handelt es sich dabei doch gerade nicht um ein Buch, "das im Herbst des vergangenen Jahres für Aufsehen gesorgt hatte. Das tut es jetzt ganz sicherlich."
Viel Freude hat FAZ-Kritiker Andreas Platthaus beim Besuch der großen, vom Comiczeichner Flix kuratierten Uderzo-Ausstellung im Museum für Kommunikation in Berlin, bei der es sich um eine Variante einer Hommage an den Asterix-Zeichner handelt, die zuvor auch schon in Paris zu sehen war. "Flix konnte aus dem Vollen schöpfen, wählte in Uderzos Atelier aber nur rund sechzig Originalseiten aus. Trotz dieser moderaten Zahl wirken sie viel intensiver als in der Pariser Ausstellung, weil sie in Berlin jeweils singuläre ästhetische Wirkung entfalten können, statt eng gehängt einander jeweils die Wirkung zu nehmen. ... Man erkennt die Virtuosität dieses Wanderers zwischen den beiden Welten der amerikanischen und der frankobelgischen Comicästhetik. Reuezüge gibt es nicht bei Uderzo, seine Arbeit mit dem Pinsel ist von höchster Eleganz. ... Etwas kurz kommt neben diesem Feuerwerk an Zeichenkunststücken die für 'Asterix' so wichtige Erzählfreude von René Goscinny, doch dessen Tochter lieh immerhin die Schreibmaschine nach Berlin aus, auf der ihr Vater bis zum frühen Tod 1977 die Szenarien der Abenteuer geschrieben hatte." Dlf und Dlf Kultur haben mit Flix über die Ausstellung und Uderzo gesprochen.
Außerdem: Im FAZ-Bücherpodcast spricht Sandra Kegel mit Julia Schoch über deren neuen Roman "Wild nach einem wilden Traum". Besprochen werden unter anderem Zach Williams' Storyband "Es werden schöne Tage kommen" (NZZ, unsere Kritik), Ricardas Gavelis' "Vilnius Poker" (NZZ), Reinhard Kleists Comic "Low: David Bowie's Berlin Years" (NZZ), Kai Sinas "Was gut ist und was böse. Thomas Mann als politischer Aktivist" (taz), Jakob Wassermanns "Mein Weg als Deutscher und Jude" (Welt), Kevin Lamberts "Querelle de Roberval" (Freitag) und Elsa Koesters "Im Land der Wölfe" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Film

Justin Kurzels Thriller "The Order" mit Jude Law macht einem auch die letzten nach Trumps zweitem Amtsantritt verbliebenen Haare grau, schwärmt David Steinitz in der SZ. Der zu seinem Bedauern nur auf Amazon und nicht im Kino gezeigte Film über eine reale, von Bob Mathews geleitete rechtsradikale Terrorgruppe aus den Achtzigern "zeigt die Ursprünge des Wahnsinns, zu dem viele Trump-Anhänger und Neo-Rechte heute bereit sind." Der Film "funktioniert über weite Strecken bestens als astreiner Cop-Thriller à la 'Heat'. ... Gleichzeitig fängt der Film pointiert die etwas verschlafen wirkende Zeit in den Jahren 1983 bis 1984 ein. Eine Zeit, in der die Behörden nicht auf die technischen Hilfsmittel der Gegenwart zurückgreifen konnten und ein fast schon absurdes Bild der Überforderung abgeben bei ihrer Fahndung. Eine Zeit, in deren Nachlese die Politik komplett verpennt zu haben scheint, dass sich in aller Seelenruhe Gruppierungen formen konnten, die die US-Demokratie offen infrage stellen und herausfordern - und die es heute mehr oder weniger indirekt bis ins Weiße Haus geschafft haben."
Außerdem: Die Welt hat Georg Stefan Trollers Erinnerung an seine Begegnung mit Roberto Rosselini online nachgereicht. In der FR gratuliert Daniel Kothenschulte dem Film-Avantgardisten Wilhelm Hein zum 85. Geburtstag. Besprochen werden Louise Courvoisiers Jugendfilm "Könige des Sommers" (FAZ), die ARD-Kriminalserie "Spuren" (taz) und Stephan Lambys ARD-Film "Die Vertrauensfrage" (FAZ, Zeit Online).
Musik
Christian Schachinger (Standard), Inga Barthels (Tsp) und Mathis Raabe (Zeit Online) rekapitulieren den Halbzeitauftritt von Kendrick Lamar beim Super Bowl, den der Hiphop-Superstar nicht nur für sanfte versteckte Spitzen gegen Trump (der im Stadion anwesend war) nutzte, sondern auch, um seine Fehde mit dem Konkurrenten Drake weiter auszubauen. Peter Münch porträtiert für die SZ das bosnische Dubioza Kolektiv, das momentan auf Tour ist und mit seinen Songs "gegen die politischen Eliten der Balkan-Autokratien, gegen die Korruption" und "gegen den Nationalismus ... im zerfallenen Jugoslawien zum Soundtrack bei Streiks und Demonstrationen" gehört.
Besprochen werden unter anderem Ian Whites Dokumentarfilm "Mutiny in Heaven" über Nick Caves frühe Band The Birthday Party (FAZ) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter "Tokuzu" von Arashi & Takeo Moriyama, deren Musik einem laut Standard-Kritiker Ljubiša Tošić "mit beiden Beinen ins Gesicht springt". In diesem Sinne - Deckung hoch:
Besprochen werden unter anderem Ian Whites Dokumentarfilm "Mutiny in Heaven" über Nick Caves frühe Band The Birthday Party (FAZ) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter "Tokuzu" von Arashi & Takeo Moriyama, deren Musik einem laut Standard-Kritiker Ljubiša Tošić "mit beiden Beinen ins Gesicht springt". In diesem Sinne - Deckung hoch:
Architektur

Der Architekt Friedrich Kiesler und der Künstler Walter Pichler waren beides Visionäre der Raumgestaltung, erklärt Regine Müller in der taz. Während Kiesler in den 1920er Jahren mit seiner 'Raumstadt' für Aufregung sorgte ('ein riesiges rechtwinkliges Gebilde, das nach allen Seiten hin offen ist'), erntete Pichler Jahrzehnte später mit seinem Konzept der 'Kompakten Stadt' nur Hohn und Spott. Zum Glück zeigt eine Ausstellung im Kaiser Wilhelm Museum Krefeld die beiden Pioniere nun im Dialog miteinander, freut sich Müller, bereichert durch Installationen des Architekturkollektivs raumlaborberlin: "Da gibt es beispielsweise Walter Pichlers 'Glücksanzug', eine utopische Maschine, die den menschlichen Körper umgibt, etliche futuristische Sitzmöbel im Geiste der Popart, biomorphe Möbel der 1930er Jahre, mit denen Kiesler die Nierentisch-Ära schon vorausahnte. In vielfacher Ausführung und sogar in einem alten Film ist Kieslers 'Endless House' zu sehen, das er seit 1950 in diversen Zeichnungen und Plastiken darstellte, jedoch wiederum nie im Maßstab 1:1 bauen konnte. Die eiförmige Architektur experimentiert mit Licht, Raumfluss und organischen Texturen. Berührungspunkte zwischen Kiesler und dem 46 Jahre jüngeren Walter Pichler gab es nicht nur in ihrer Durchlässigkeit zwischen Stadt, Wohnen und Skulptur, sondern auch in ihrem gemeinsamen Interesse für Sensorik, Performance, für spirituelle Themen, organische Materialien, Morphologien und ihrem gewitzten Sinn für Funktionalität."
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