Efeu - Die Kulturrundschau

Mit aufgeplustertem Gefieder und zum Sprung geduckt

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25.01.2025. Die FAS hört in Bologna das aufgebrachte Vogelkreischen und Fuchsgebell in den Bildern des Malers Antonio Ligabue. Die SZ erkennt anhand von Halina Reijns "Babygirl": Die interessantesten Filme sind jene, in denen Frauen auf alle herabblicken. Die SZ besucht außerdem das eine Milliarde Dollar teure Grand Egyptian Museum in Kairo, wo extra Platz für die Berliner Nofrete gelassen wurde. Die FAZ erliegt in Berlin noch einmal dem verschwörerischen Zwinkern von Trisha Brown. Und ND wird zum Ohrenzeugen der Entstehung einer Bach-Toccata, wenn Ilya Shmukler sie spielt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2025 finden Sie hier

Kunst

Raubkatze von Antonio Ligabue. Ausstellungsplakat

Spätestens mit Giorgio Dirittis Film "Volevo nascondermi" ("Ich wollte mich verstecken") hat die Wiederentdeckung des italienischen Malers Antonio Ligabue eingesetzt, in den großen Nationalmuseen fehlt der psychisch labile Künstler, dessen Werk immer der "naiven Malerei" zugeordnet wurde, bis heute, weiß Karen Krüger (FAS). Umso glücklicher ist sie, dass mit dem Palazzo Pallavicino und dem Palazzo Albergati in Bologna gleich zwei Häuser dem Maler, der sein Leiden an der Welt in Bildern ausdrückte und sich auch mal in Trance-Zustände versetzte, in denen er die Laute und Bewegungen der zu malenden Tiere nachahmte, Ausstellungen widmen: "Ligabues Fauna ist … nicht unschuldig oder idyllisch, sie ist aggressiv, gewalttätig und rau, und wenn die Leinwände Laute von sich geben könnten, würden aufgebrachtes Vogelkreischen, Fuchsgebell und das wütende Brüllen von Raubkatzen den Palast aus dem 15. Jahrhundert erfüllen. Die Motive sind emotional stark aufgeladen, meistens sieht man einen Kampf um Leben und Tod oder um die Vorherrschaft des Stärkeren, doch nie so, dass sich eine moralisierende Aussage daraus ableiten ließe: Zwei Hähne belauern sich mit hochgestellten Kämmen, aufgeplustertem Gefieder und zum Sprung geduckt; eine Eule weidet in ihrem Versteck eine geschlagene Taube aus..."

Camille Claudel, LʼÂge mûr (Das reife Alter), 1899, Musée Camille Claudel, Nogent-sur-Seine, Foto: © Marco Illuminati

Benno Schirrmeister ist in der taz zunächst irritiert: Ist es eine gute Idee, der Bildhauerin und Rodin-Geliebten Camille Claudel mit Bernhard Hoetger einen anderen Mann zur Seite zu stellen, um ihr zu gebührendem Ruhm zu verhelfen, wie es das Paula Modersohn-Becker-Museum in Bremen derzeit tut? Unbedingt, meint Schirrmeister, denn zum einen reinszeniert die Schau die gemeinsame Ausstellung der beiden im Jahr 1905 in Paris, zum anderen bekommt Hoetgers impressionistisches Werk etwas von Claudels Glanz ab. "Anhand eines alten Fotos hat man im Paula Modersohn-Becker Museum nachempfunden, wie Bernhard Hoetger und Camille Claudel 1905 in der Galerie Blot präsentiert waren, mit Art-Déco-Sockeln und Fächerpalme. Das hat Charme, ohne in Reenactment abzugleiten. In der Betonung des historischen Moments gelingt der Ausstellung, die zwei in ihrer bloßen Zeitgenossenschaft als Künstler*innen erfahrbar zu machen. Gerade dadurch lässt sich erkennen, wie weit sie sich damals vom gemeinsamen Bezugspunkt Auguste Rodin entfernt hatten: Anders als Rodin, arbeitete Claudel die raumgreifende Bewegung schon immer aus. Und Hoetgers Plastiken weisen früh einen Zug ins Monumentale auf, den eigentlich auch Rodin angestrebt habe."

Weitere Artikel: Laurence de Cars, Präsidentin und Direktorin des Pariser Louvre, sendet einen Hilferuf: Das Museum sei "besorgniserregend veraltet", meldet unter anderem Oliver Meiler in der SZ: "Da und dort regnet es sogar rein, neulich musste eine Ausstellung abgebrochen werden, weil der Saal nach einer mittleren Überschwemmung unter Wasser stand." In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 88 Jahren gestorbenen Ost-Berliner Fotografen Thomas Billhardt. In der FAZ resümiert Patrick Bahners eine Diskussionsrunde im Stiftersaal des Kölner Wallraf-Richartz-Museums zu "aktuellen und künftigen Herausforderungen" von Kunstmuseen. In Bilder und Zeiten (FAZ) würdigt Gina Thomas anhand der Ausstellungen "Drawing the Italian Renaissance" in der King's Gallery in London, "Michelangelo, Leonardo, Raphael - Florence" in der Royal Academy in London und "Dürer to Van Dyck - Drawings from Chatsworth House" in den National Galleries of Scotland in Edinburgh die Kunst der Zeichnung.
Archiv: Kunst

Literatur

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Der Romanist Edoardo Costadura widerspricht in "Bilder und Zeiten" der FAZ Simon Strauss, der in seinem Beitrag zur FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten", Lampedusas Roman "Der Leopard" insbesondere Friedrich Merz ans Herz gelegt hatte (unser Resümee). Ein Plädoyer für positive Veränderung, um zu bewahren, was man bewahren will, wie Strauß das Buch deutet, sei der Roman allerdings ja gerade nicht. An dessen Ende "ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Die Geschichte der Salina und mithin die Geschichte Siziliens und Italiens ist in eine Abwärtsspirale geraten, aus der sie - die Salina, Sizilien, Italien - nicht mehr herauskommen. ... Wie der beste Kenner von Lampedusas Werk, Francesco Orlando, einmal gesagt hat, ist der Roman nicht nur von einer Nostalgie der Vergangenheit, sondern auch von einer Nostalgie des ausgebliebenen Fortschritts durchzogen. Hätten die sizilianischen beziehungsweise die italienischen Eliten sich nicht mit den Machenschaften von Gangstern wie Sedàra abgefunden und den Verrat an der Demokratie mitverantwortet (...), wäre der Weg Italiens in eine moderne und gerechte Gesellschaft leichter gewesen."

Weitere Artikel: Mathias Döpfner hat für die WamS den mittlerweile 103-jährigen Georg Stefan Troller für ein großes Gespräch in Paris getroffen. In der Jungle World gratuliert Magnus Klaue dem Lyriker Eugen Gomringer zum 100. Geburtstag. Die FAZ dokumentiert Katharina Teutschs Laudatio auf den Schriftsteller Clemens Meyer zur Verleihung des Lessing-Preises.

Besprochen werden unter anderem Wolf Haas' "Wackelkontakt" (taz), die von Maria-Christina Piwowarski herausgegebene Anthologie "Und ich -" mit Texten von Autorinnen (taz), Édouard Louis' "Monique bricht aus" (Presse), der zweite Teil von Luz' Comicadaption von Virginie Despentes' "Vernon Subutex"-Romanzyklus (taz), Carlo Levis "Die doppelte Nacht. Eine Deutschlandreise im Jahr 1958" (taz), der Briefwechsel von Gerty von Hofmannsthal und Hugo von Hofmannsthal (NZZ), Mieko Kanais "Leichter Schwindel" (FAZ) und Jonas Lüschers "Verzauberte Vorbestimmung" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
 
In der Frankfurter Anthologie schreibt Theo Stemmler über William Shakespeares "Sonett 130":

"In ihrem aug ist nichts von sonnenstrahl,
Korall ist röter als ihr lippenpaar,
Wenn schnee weiss ist so ist ihr busen fahl ..."
Archiv: Literatur

Film

Wer dominiert hier eigentlich wen? Nicole Kidman und Harris Dickinson in "Babygirl"

In der SZ ist Philipp Bovermann ziemlich begeistert von Halina Reijns "Babygirl", in dem sich Nicole Kidman als Karrierefrau auf eine BDSM-Beziehung mit einem halb so alten Praktikanten einlässt - wohlgemerkt als Sub. "Wieder mal zeigt sich, nach 'Tár' (unsere Kritik), nach 'Anatomie eines Falls' (unsere Kritik) etwa, dass einige der interessantesten Geschichten im Kino eben nicht von sogenannten starken Frauen erzählen, zu denen Mädchen aufblicken können, sondern von mächtigen Frauen, die auf alle herabblicken. So viel Kompliziertes, Erzählenswertes ist los, wenn das passiert, und 'Babygirl' fängt das in teils sehr klugen Szenen ein. Die Frage, wer hier eigentlich wen dominiert, wenn er der Untergebene ist, aber zugleich der Dom, der jederzeit ihre Karriere beenden kann, indem er das Verhältnis öffentlich macht; die Frage nach weiblicher Schuld; die terra incognita einer Macht nach dem Patriarchat."

Lukas Foerster spricht für critic.de mit dem Kurator Sebastian Schwittay über dessen Frankfurter Reihe mit Filmen, die mit ihren ursprünglichen, dann aber doch abgelehnten Soundtracks gezeigt werden: "Nicht selten kommt es im Zuge eines solchen Musiktauschs zu einer völligen Neuausrichtung des Films. Das betrifft musikalische Figurencharakterisierungen wie auch Genre-Verortungen. Elmer Bernsteins abgelehnte Musik zu Walter Hills 'Last Man Standing' (1996) verortet den Film etwa in einer klassischen Western-Tradition, während Ry Cooders saxophon-lastiger Ersatzscore die Erzählung näher an den Film Noir rückt. John Coriglianos abgelehnte Musik zum Mel-Gibson-Thriller 'Edge of Darkness' (2010) spendiert der Figur der ermordeten Tochter ein wunderschönes Thema, das am Ende in ein musical-ähnliches Tableau mit Solo-Sopran mündet. Howard Shores eher funktionale Ersatzmusik hält sich mit komplexer Figurenausleuchtung hingegen sehr zurück."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek hat sich für die Welt das mit Ach und Krach nach Ampel-Aus doch noch gerade so verabschiedete Gesetz zur Filmförderung genau angesehen und dabei festgestellt: Fiel der Begriff "Diversität" im ersten Entwurf noch fast 70 mal, ist davon im Endergebnis kaum mehr etwas zu finden. Eva Könighofen berichtet im Filmdienst von einem Symposium zum Thema "Dokumentarfilm und Zeitlichkeit". Andreas Kilb gratuliert in der FAZ dem Regisseur Olivier Assayas zum 70. Geburtstag. Elmar Krekeler porträtiert in der WamS die Schauspielerin Jeanette Hain.

Besprochen werden Matthieu Delaportes und Alexandre de La Patellières Dumas-Neuverfilmung "Der Graf von Monte Christo" (Standard, unsere Kritik), Matthew Rankins "Universal Language" (Standard, unsere Kritik), Adam Elliots Animationsfilm "Memoir of a Snail" (Presse), die Science-Fiction-Serie "Pantheon" (taz) und die ARD-Serie "The Next Level" (FAZ).
Archiv: Film

Bühne

Glacial Decoy by Trisha Brown Dance Company © Maria Baranova

In der FAZ erinnert sich Wiebke Hüster hymnisch an die 2017 verstorbene Tänzerin Trisha Brown, deren Choreografien "Working Title" von 1985 und "Glacial Decoy" von 1979 nun gemeinsam mit Noé Souliers Choreografie "In the Fall" durch die Trisha Brown Dance Company auf die Bühne der Berliner Festspiele gebracht wurden. Noch einmal schwelgt Hüster in der "physischen Virtuosität, der intellektuellen Unbeirrtheit und anziehenden künstlerischen Eigensinnigkeit" der Brown'schen Tänze: "Die lakonisch vor- und zurückschwingenden Arme, die zu sagen scheinen 'So what!', die vor- und zurücktanzenden Schultern, wie ein verschwörerisches Zwinkern. Das elegante Rückwärts-Shuffeln wie von Marathonläufern, die plötzlich aus dem Bild verschwinden, in der Gasse: Browns Idee von Witz ... das Quasiorganische, Alltägliche, Jedermannhafte ihrer Schritte, ihrer Moves, das exakte Phrasieren, wodurch das Allerweltsgehen plötzlich musikalische Erfüllung wird. Die Liebe zum 'Kollisionskurs' (Brown)."

Szene aus "Caligula" Bild: © Gabriela Neeb

Klüger, aber auch verzweifelter als die Trumps, Musks und die anderen Macker ist Albert Camus' "Caligula" allemal, und doch bringt der israelische Regisseur Ran Chai Bar-zvi in seinem "abgefuckten philosophischen Minenspiel" etwas von den Allmachtsfantasien heutiger Autokraten auf die Bühne des Münchner Volkstheaters, meint Nachtkritikerin Silvia Stammen: "Steffen Link spielt Camus' 'Tragödie der Erkenntnis' als glamourös-desaströsen Trip durch die Untiefen kompromissloser Selbsterkenntnis und -zerstörung. Als glänzender Manipulator der Macht ist er ganz bei sich, beherrscht voll hämischer Freude das Spiel von Drohung und Verführung, wenn er den erschrockenen Patriziern seine Regierungspläne verkündet: 'Regieren heißt stehlen und ich werde ehrlich stehlen.' Alle Bürger müssen ihre Kinder enterben und ihr Vermögen der Staatskasse vermachen. Danach bleibt ihnen nur noch, auf ihr Todesurteil zu warten." Der SZ-Kritikerin Christiane Lutz ist die Inszenierung hingegen "zu glatt, zu clean, zu kontrolliert, als hätte sich das Team nicht getraut, wirklich tief hinunter in die menschlichen Abgründe zu blicken".

Besprochen werden das KI-kritische Tanzsolo "protect. there is no wind in geometrical worlds" der Wiener Choreografin Inge Gappmaier im Brut-Theater (Standard), die Majakowski-Komödie "Die Wanze" durch das Meng Theatre Studio aus Peking am Hamburger Thalia Theater (FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur

Im Jahr 2002 wurde der Grundstein gelegt, nun ist es zumindest in Teilen eröffnet: Das Grand Egyptian Museum in Kairo, eine Milliarde Dollar hat es gekostet, während das Land nahe am Bankrott steht, weiß Bernd Dörries, der sich das nach einem Entwurf des irischen Studios Heneghan Peng Architects gestaltete Haus für die Seite 3 der SZ angesehen hat: "Der Eingang ist ein aus dem Gebäude herausragendes Dreieck, eine kleine Pyramide, eine Reminiszenz an die großen da draußen in der Wüste, die sich auch in der Fassade wiederfindet. Etwa 30 000 Kunstwerke sollen hier zum ersten Mal gezeigt werden, sagt der stellvertretende Minister Abbas. 'Bisher hat man uns immer beschuldigt, nicht alle Artefakte zu zeigen, die wir haben', sagt Abbas. (…) Die Besucher, sagt er, werden alles sehen, was sein Land zu bieten habe. Sie werden aber auch die Leerstellen sehen, die vielen Schätze, die noch im Ausland sind, von denen die Museumsdirektoren in Deutschland und England so lang behauptet hätten, sie seien dort besser aufgehoben. Die Nofretete-Büste in Berlin, der Stein von Rosette im British Museum oder die Ramses-Statue in Turin, um nur ein paar zu nennen. Am wichtigsten ist den Ägyptern die Nofretete. 'Natürlich wollen wir sie zurück', sagt der Minister."
Archiv: Architektur

Musik

Der noch junge Pianist Ilya Shmukler ist eine "Ausnahmeerscheinung", schwärmt Berthold Seliger im einem seiner großen ND-Longreads. Bewundern konnte er Shmuklers Spiel beim Luzerner Festival Le Piano Symphonique. Schon zu Konzertbeginn, bei Bachs Toccata D-Dur BWV 912. "hat man hat das Gefühl, gerade Ohrenzeuge ihrer Entstehung zu werden, so brillant, individuell und gleichzeitig intellektuell durchdrungen gerät Shmuklers Interpretation." Geradezu "sensationell" gerät dem Pianisten aber Liszts "Funérailles", die Shmukler "zu einem groß angelegten Trauermarsch in f-Moll gestaltet, der den Zuhörern durch Mark und Bein geht mit all den bedrohlichen punktierten Aufschreien, den tiefen C's, den Tremoli, den Fortissimo-Sforzati, bis die elegische Melodie hervortritt, virtuos verarbeitet wird und sich schließlich in einen kühnen, mit ihren donnernden Oktaven der linken Hand Chopins As-Dur-Polonaise zitierenden Höhepunkt entlädt. Am Schluss dann drei tiefe Pianissimo-Staccati: zweimal f-Moll-Akkorde, eine hohle f-Oktave. Mit Shmukler haben wir ein düsteres Trümmerfeld besichtigt."

Weitere Artikel: Lena Karger porträtiert für die Welt Yuval Raphael, die als Überlebende des Hamas-Massakers auf dem Supernova-Festival Israel beim ESC in der Schweiz vertreten wird. Wolfgang Sandner erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an das vor 50 Jahren aufgenommene "Köln Concert" von Keith Jarrett, dem sich auch Noemi Schneider in diesem WDR-Kulturfeature ausführlich widmet. Yelizaveta Landenberger porträtiert für die taz Aikhal Ammosov, der in Jakutien in einer Punkband spielte, sich vehement gegen Russlands Kolonialismus und Ukraine-Krieg aussprach und über Umwegen im Exil in Düsseldorf gelandet ist.

Besprochen werden Konzerte von Puts Marie (NZZ) und Olivier Chavet (FR) sowie FKA Twigs' neues Album "Eusexua" (Torsten Groß bewundert auf Zeit Online "die völlige Hingabe an Tanz, Musik, Sex und Gemeinschaft").

Archiv: Musik