Im Kino

Stadt der Nicht-Orte

Die Filmkolumne. Von Stefanie Diekmann
22.01.2025. Winter in Winnipeg: Wer noch etwas Schnee sehen will, ist mit Matthew Rankins in Cannes ausgezeichnetem Film "Universal Language" bestens bedient. Die Geschichte um einen im Eis aufgefundenen Geldschein spielt in einer Parallelwelt, in der die Straßenschilder der kanadischen Stadt auf Farsi sind und Truthähne Brillen klauen.

Es ist nicht so, dass die Stadt Winnipeg keine Beziehungen zum Kino hätte. Oder das Kino keine zur Stadt Winnipeg. Der Filmemacher Guy Maddin hat einige seiner schönsten Filme hier gedreht, darunter "The Saddest Music in the World" (2003) und "My Winnipeg" (2007). Ein paar Segmente aus Fernando Meirelles' "The Constant Gardener" (2005) und Bennett Millers "Capote" (2005) wurden in der Stadt gefilmt. Es existiert eine sehr aktive Indie-Filmszene. Und eine kurze Recherche macht deutlich, dass eine erstaunliche Anzahl erstaunlich blutiger Horrorfilme in Winnipeg entstanden sind. (Einschlägig: "The Clown at Midnight", 1998, mit Christopher Plummer.)

Eine gewisse Überraschung bleibt dennoch. "Es gibt nicht viel Tourismus in Winnipeg", sagt der Fremdenführer Massoud (Pirouz Nemati), der eine Gruppe stoisch an Backstein- und Betonwänden vorbei, durch monochrome Stadtlandschaften, in ein verlassenes Einkaufszentrum und in eine etwas heruntergerockte Wohnanlage führt, um sie vor Sitzbänken, an einer Autobahnauffahrt oder vor einem Mehrfamilienhaus Aufstellung nehmen zu lassen. Unter Umständen auch mal für eine halbe Stunde, so wie in diesem Film alles sehr bedächtig geschieht. Die Stadt, in der es nicht viel Tourismus gibt, dafür sehr viel Schnee, ist kein Ort, der sich als Filmkulisse aufdrängt. Der Regisseur Matthew Rankin und seine Kamerafrau Isabelle Staschtschenko haben ihr dennoch ein paar spektakuläre Einstellungen abgewonnen.

Rankins Winnipeg: Stadt des Winters, der Schneehaufen, der Grau-, Beige- und Brauntöne. ("Manchmal sieht Grau auch aus wie Beige", wird relativ früh im Film konstatiert.) Stadt der hohen Mauern, die durch Ziegel, winzige Fenster oder geometrische Ornamente rhythmisiert werden. Stadt der Nicht-Orte und Stadt der langen Wege, in der die Innenräume hinter Türen liegen, die meist in riesige Gebäude eingelassen sind. In "Universal Language" gehört es zu den Eigenheiten Winnipegs, dass überall Farsi gesprochen wird, außer wenn eine Figur sich bedankt ("merci") oder wenn eine Schulklasse den französischen Satz an der Tafel wiederholen muss. Und ebenso selbstverständlich sind auch die Straßen- und Ladenschilder auf Farsi, werden Fremde am Ortseingang durch ein Billboard auf Farsi begrüßt, ist der Rial als Währung akzeptiert und wird die örtliche Filiale der Kette Tim Horton's durch einen Samowar und einen Berg von Zucker dominiert. Der Tee geht im Zweifelsfall aufs Haus, und wer Hilfe braucht, der könnte sie an dieser Stelle finden.


Die Figuren: Negin und Nazgol, die eine 500-Rial-Note im Eis entdecken, Omid, dem seine Brille von einem Truthahn gestohlen worden ist (don't ask), der Fremdenführer mit seiner Gruppe, der überaus verlorene Heimkehrer (gespielt von Rankin selbst) und all die anderen bewegen sich durch die Kulisse Winnipegs meist schnurgerade, in Bewegungen, die minutiös in die geometrisch aufgeteilten Einstellungen eingetragen werden. Von bildrechts nach bildlinks, von bildlinks nach bildrechts, in die Tiefe des Bildes gerne im 90-Grad-Winkel, und ansonsten, wenn es denn sein muss, am liebsten in Diagonalen, den architektonischen Vorgaben angepasst. Aber wenn "Universal Language" die Vermessung einer Stadt ist (Unwirtlichkeit, Überdimensionen etc.), ist es zugleich eine Liebeserklärung, die weniger dem Winnipeg des Real Life als der Möglichkeit eines Ortes gilt, der mehr als eine Stadt enthält, mehr als eine Welt und eine Sprache, und der ohne das Prinzip der Diaspora in keinem Fall zu denken ist.

In Cannes lief "Universal Language" im Programm der Semaine de la Critique und wurde mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. In Deutschland war er zunächst auf dem Filmfestival Hamburg zu sehen, dort erhielt den Arthouse Cinema Award. Dass er sich mehr als ein, zwei Wochen in den Kinos halten wird, ist unwahrscheinlich, und wer in diesem Winter noch etwas Schnee sehen will, ist gut beraten, ihn gleich anzusehen. Den Tee, die Utopie, die Kulissen gibt es dazu.

Stefanie Diekmann

Universal Language - Kanada 2024 - OT: Une langue universelle - Regie: Matthew Rankin - Darsteller: Rojina Esmaeili, Saba Vahedyousefi, Sobhan Javadi, Pirouz Nemati, Mani Soleymanlou u.a. - Laufzeit: 89 Minuten.