Efeu - Die Kulturrundschau

Zum explosiven Höhepunkt

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20.01.2025. "Wenn der Wind weht, spüre ich, wie die Panik in mir zu pochen beginnt", schreibt in der SZ der Schriftsteller T.C. Boyle, der in den kalifornischen Wäldern ausharrt, trotz der Feuergefahr. Die Nachtkritik erklärt mit Eric de Vroedts Frankfurter Inszenierung von Arthur Millers Stück "Ein Blick von der Brücke" den Tod für beendet. Moritz Eggert protestiert auf Backstage Classical gegen eine offenbar anstehende GEMA-Reform, bei der die Klassik künftig deutlich benachteiligt sein könnte. Monopol findet bei Herbert Lindinger heraus, was hinter dem Muster auf den Sitzen der Berliner U-Bahn steckt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2025 finden Sie hier

Literatur

"Wenn der Wind weht, spüre ich, wie die Panik in mir zu pochen beginnt", schreibt in der SZ der Schriftsteller T.C. Boyle, der in den kalifornischen Wäldern lebt, allerdings so weit weg von Los Angeles, dass er von den verheerenden Bränden verschont geblieben ist. Dieser Wind ist einer, "der die Seele verätzt und Schlimmstes ankündigt. Ich meine windgetriebenes Feuer. ... Unser Haus, Frank Lloyd Wrights erster Entwurf für ein kalifornisches Haus (1909), ist ganz aus Mammutbaumholz gebaut, es steht in einem Hain aus Eichen, Eukalyptus und schwarzer Akazie, und wartet nur darauf zu brennen. Ich könnte umziehen. Ich sollte umziehen. Aber ich kann nicht. Ich liebe diesen Ort, ich liebe das Grundstück, ich liebe die Berge und das Meer, das nur wenige Blocks entfernt liegt. Wie die vernichteten Häuser meiner Freunde ist dieses Haus meine physische Autobiografie, oder zumindest ein großer Teil davon nach zweiunddreißig Jahren hier, und ich hoffe, dass das Schlimmste nicht eintritt."

Weitere Artikel: In der SZ stimmt Alexander Menden auf das heute beginnende Lyrikfestival Poetica in Köln ein. Kevin Gensheimer spricht für die Berliner Zeitung mit der Schauspielerin Anne Ratte-Polle. die neben anderen bei einer Berliner Veranstaltungsreihe aus Peter Weiss' Roman "Die Ästhetik des Widerstands" lesen wird. Roman Bucheli (NZZ), Björn Hayer (FR), Michael Lentz (FAZ) und Thomas Steinfeld (SZ) gratulieren dem Lyriker Eugen Gomringer zum 100. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Kai Sinas "Was gut ist und was böse. Thomas Mann als politischer Aktivist" (Jungle World), Armin Fuhrers Biografie über Anita Berber (NZZ), Barbara Tilgs 'He, Obstdiebin!'. Zeichnungen zu Peter Handkes Erzählung "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere" (Standard), Daniel Glattauers "In einem Zug" (TA) und neue Hörbücher, darunter Christoph Cierpkas und Joe Whites Audible-Hörspielbearbeitung von George Orwells "1984", die nicht zu verwechseln ist mit der aktuellen Dlf-Bearbeitung des Romans (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Wulf Segebrecht über Eugen Gomringers "literatur im kindli":

"zu meiner vaterstadt war ich geladen
nach zürich an der limmat sanften fluss
lob zu empfangen war mein dankbar muss ..."
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Bühne

Szene aus "Ein Blick von der Brücke".

Nachtkritikerin Grete Götze gefällt, wie in Eric de Vroedts Inszenierung von Arthur Millers Stück "Ein Blick von der Brücke" am Schauspiel Frankfurt "leichtfüßig über das Schwere" erzählt wird. Es geht um den Hafenarbeiter Eddie und seine Frau, die die beiden italienischen Cousins Marco und Rodolpho bei sich aufnehmen: Es "ist ein Stück über die Liebe, über das Begehren und langjährige Beziehungen, die aus dem Tritt geraten sind. Aber auch eins über Verrat, die Angst vor dem Fremden und darüber, was passiert, wenn keine Kompromisse geschlossen werden. Arthur Miller selbst hat es als Stück beschrieben, 'mit einer einzigen Handlungslinie von zunehmender Intensität, die unvermeidlich zum explosiven Höhepunkt führt'. Doch auch das Ende, in dem Marco Eddie ersticht, weil er ihn und Rodolpho verraten hat, gerät hier nicht düster. Das Licht geht an, Eddie steht auf und kuschelt sich zu einer italienischen Schnulze an seine Frau. Den Tod hat de Vroedt kurzerhand für beendet erklärt." Eine "runde Sache" ist das, meint die Kritikerin, die sich allerdings trotzdem ein wenig "mehr Widerstand im Material" gewünscht hätte.

Auch Judith von Sternburg findet in der FR, dass dem Abend ein bisschen mehr Struktur und weniger Beliebigkeit gut getan hätte - ein Lichtblick ist Heidi Ecks Darstellung von Anwalt und Erzähler Alfieri: "Ihre Mrs Alfieri ist durch ihr Mitgefühl bei gleichzeitiger Distanz (ist auch alles schon einen Moment her) tatsächlich die faszinierendste Figur des pausenlosen Zweistünders. Dass sie dazu große Gerichtssaalgesten benutzt, aber nach Eckscher Art schillernd fahrig aufführt: interessant."

Besprochen werden Bernadette Sonnenbichlers Adaption von Boris Vians Roman "Die Gischt der Tage" am Düsseldorfer Schauspielhaus  (nachtkritik), Georg Schmiedleitners Inszenierung von Erich Kästners Roman "Fabian oder der Gang vor die Hunde" am Theater Heilbronn (nachtkritik), Susanne Frielings Inszenierung des Briefwechsels von Ingeborg Bachmann und Max Frisch am Schauspiel Frankfurt, der unter dem Titel "Wir haben es nicht gut gemacht" herausgegeben wurde (FR), das Tanzstück "Momo" der Batsheva Dance Company und Trisha Browns Choreografie "Glacial Decoy" im Haus der Berliner Festspiele (taz), Kim Brandstrups Ballett "Of Light, Wind and Waters" mit Märchen-Motiven von Hans-Christian Andersen am Opernhaus Zürich (NZZ) und Marie Schleefs Inszenierung von Valeria Gordeevs Text "Er putzt" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik, FR).
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Design

Laura Ewert spricht für Monopol mit Herbert Lindinger, der vor vielen Jahren das einigermaßen scheußliche, im Sinne der Graffiti-Abwehr aber durchaus effektive Sitzmuster in den Zügen der Berliner Verkehrsbetriebe gestaltet hat. "Man sieht absichtlich nur Figuren, Dinge - manche meinen Würmchen - vor sich und keinen Hintergrund. Alle Elemente haben einen gleich starken figuralen Charakter. Das ist ein Gestaltungsverfahren, das in der Kunst und speziell der Textilkunst schon früh entdeckt wurde und immer wieder auftaucht. In der Wahrnehmungspsychologie 'Figur-Grund-Beziehung' genannt. Das Gegenteil unserer alltäglichen Wahrnehmung, bei der das Auge die Dinge bevorzugt und den Hintergrund unbeachtet lässt. Wenn da etwas in annähernd gleicher Größe dazu kommt, wird es schlecht wahrnehmbar, und das ist ärgerlich für einen Bemaler. Das half, um sich der Farbfilzer zu erwehren, die um 1985 plötzlich so billig waren und zum Muss für jeden Schüler gehörten."
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Stichwörter: Bvg, Graffiti

Kunst

In der FAZ lobt Erhard Grundl, kultur- und medienpolitischer Sprecher der Grünen, Claudia Roths Vorstoß, die "Beratende Kommission" für NS-Raubkunstfälle durch Schiedsgerichte zu ersetzen (unsere Resümees). Besprochen werden die Ausstellung "Politics of Love" im Kunsthaus Hamburg (taz) und die Ausstellung "Böse Blumen" in der Sammlung Scharf-Gerstenberg (Welt).
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Stichwörter: Schiedsgerichte

Musik

Die Anzeichen verdichten sich, dass die GEMA plant, die E-Wertung ("E" für ernsthaft, im Gegensatz zu "U" für Unterhaltung) beim Verteilen von Tantiemen abzuschaffen - die eh schon mauen Ausschüttungen an Klassik-Komponisten könnten damit in Zukunft erheblich mauer ausfallen. Axel Brüggemann hat für Backstage Classical Protestbriefe aus dem Klassikbetrieb eingesammelt. Der Komponist Moritz Eggert etwa fürchtet in seinem Brief an den GEMA-Vorstand "eine solch radikale Umwandlung des bisherigen Systems, dass es die Existenz der E-Musik an sich gefährdet. ... Würde Johann Sebastian Bach in diesem neuen System wirken, er wäre bei der GEMA ein kleines Licht, ohne jede Chance auf ordentliche Mitgliedschaft, da seine Aufführungen allesamt kein Inkasso im heutigen Sinn erbrächten. Wir haben in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende Marginalisierung von E in den Machtstrukturen der GEMA erlebt. Einst war gewährleistet, dass E-Komponierende wirklich eine garantierte Stimme im Aufsichtsrat hatten, diese Zeiten sind lange vorbei. Wir wehren uns gegen diese drohende Marginalisierung und gegen eine Fremdbestimmung der GEMA, die die ursprünglichen Absichten ihrer Gründer zutiefst verrät. Das Geld, was hier umverteilt werden soll, geht an ausländische Großkonzerne, wozu es keinerlei Zwang gibt."

Weitere Artikel: Jan Brachmann berichtet in der FAZ vom Festival Ultraschall in Berlin (hier diverse Konzerte zum Nachhören). Einer Studie zufolge, könnten Musik-Urheberinnen und -Urhebern bis 2028 durch KI etwa ein Viertel ihrer Einnahmen verlieren, meldet Helene Slancar im Standard. Besprochen wird ein Konzert von Soap & Skin (Presse).
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Film

Mit seinen meist mit Katharina Adler verfassten "Tatort"-Krimis hat Rudi Gaul in den letzten Jahren für Aufsehen gesorgt. Er fühlt sich beim Sonntagabendkrimi der ARD "fast wie beim Autorenfilm", sagt der Regisseur gegenüber Matthias Dell im Gespräch für Zeit Online. Mit dem Kino hingegen hat er trotz Filmfestivals und Auszeichnungen weniger gute Erfahrungen gemacht: Dies liegt "auch an den Förderstrukturen, der Gremienkultur, aus der bei uns Kino entsteht. Ich habe damals viel zu spät registriert, wie viele Kompromisse man eingehen muss, damit der Film am Ende finanziert wird. Es herrscht eine große Angst, dass etwas nicht funktioniert auf dem Kinomarkt. ... Ich kann verstehen, dass es Maßstäbe braucht, aber da fängt man schon an, sich zu verbiegen. ... Beim 'Tatort' hat man idealerweise eine starke Redakteurin wie Brigitte Dithard oder Katharina Dufner beim SWR. Die sind Ansprechpartnerinnen mit einer klaren Haltung. Wenn du dich auf dieser Ebene verstehst, es da ein Vertrauensverhältnis gibt, in dem kontrovers diskutiert werden kann, dann ist das viel einfacher." Gestern Abend lief sein SWR-Tatort "Verblendung".

Weiteres: Michael Theil empfiehlt in der FAZ den Podcast "Close Up" der Deutschen Filmakademie, in dem Filmemacher übers Filmemachen sprechen. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb dem Regisseur Gianni Amelio zum 80. Geburtstag. Besprochen wird Clint Eastwoods "Juror #2" (FAZ, unsere Kritik).
Archiv: Film
Stichwörter: Tatort, Gaul, Rudi, Deutscher Film, ARD