Efeu - Die Kulturrundschau
Von der südostasiatischen Schleichkatze ausgeschieden
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2024. Der Guardian gleitet auf Zen-Wolken in London durch die superflachen Gemälde von Takashi Murakami. Politische Kunst verlor ihre Bedeutung, als Haltungen selbst zur Marke der Künstler wurden, konstatiert Zeit Online. Die FAZ lacht, seufzt und grübelt in Fritz Senns im Laufe von Jahrzehnten aufgebauter James-Joyce-Spezialbibliothek in Zürich. Die SZ nimmt Abschied vom guten alten Esszimmer. Und alle trauern um Hannelore Hoger, die kühle Laborantin mit dem rauen Charme, wie die FR schreibt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
28.12.2024
finden Sie hier
Kunst

Der japanische Künstler Takashi Murakami hat nicht nur in den Nullerjahren schon mit Louis Vuitton, später auch mit Issey Miyake, Pharrell Williams oder Billie Eilish zusammengearbeitet, er begründete mit "Superflat" auch eine eigene Bewegung und stellte die japanische Kunstgeschichte auf den Kopf, weiß Laura Cumming (Guardian), die im Gagosian Grosvenor Hill in London nun eine große Murakami-Schau bewundern kann. Auf den mit Acryl, Blattgold und Glitzer überzogenen Bildern, die aus der Ferne wie "schillernde Nachbildungen" traditioneller japanischer Aquarelle und Holzschnitte wirken und aus denen jede Perspektive getilgt wurde, entdeckt Cumming immer wieder Neues: "Es gibt bezaubernde Bilder von Chrysanthemen, hinter denen sich ein Fluss in die Ferne windet, auf Blattgold. Der Fluss ist eine völlig stilisierte Abstraktion, und die 'Murakamisierung', wie die Leute sie nennen, besteht einfach darin, dass in die Mitte jeder Blume ein Smiley eingefügt wird. In seiner Version von Ogata Kōrins Paravent der Pfauen aus dem 17. Jahrhundert - einem japanischen Nationalschatz - werden die Augen in den Federn des männlichen Pfaus murakamisiert, aber zu welchem Zweck? Der Galerieführer fordert uns auf, an die 'Raffinesse der aristokratischen Kultur' zu denken, doch was man sieht, ist das Gegenteil von Raffinesse. Er kann humorvoll sein. Eine Manga-Figur gleitet auf einer Zen-Wolke aus glänzend weißem Acrylglas dahin."
Ein ganz "famoses" Experiment erlebt Christiane Meixner (Tagesspiegel) im Berliner Bröhan-Museum, das in der Ausstellung "Intervention #1" Objekte aus der Sammlung mit den geometrischen, dreidimensionalen Werken des Künstlers Gerold Miller konfrontiert. In der Auswahl "überwiegt das Ornament. Kurviges, Ausladendes wie jene 'Tänzerin mit Kothurn', die um 1901 in Paris aus feuervergoldeter Bronze gegossen wurde: mit einem Kleid, das in dekorativen Falten erstarrt ist und in der Hochphase des Jugendstils entstand. Ein Gemälde von Karl Hagemeister verheißt den 'Blick aus dem Fenster auf Häuser in Paris' um 1884. Zwei Jahrzehnte jünger ist die Vase aus der Manufacture Nationale de Porcelaine de Sèvres. Aber halt: Gibt es hier nicht die erste formale Anknüpfung? Das schlichte Gefäß betört mit seiner schwarz-blauen Glasur - ein Doppel, das sich in einem 'SET'-Duo von Miller wiederfindet. Ein kleiner Tisch nimmt die Kreisform seiner 'Instant Vision 265' von 2023 visuell wieder auf.... Man beginnt zu ahnen, wie Gerold Miller sieht; wie die optischen Impulse der Kunstgeschichte ihren Weg in sein Werk finden. Zugespitzt, abstrahiert, allgemeingültig."
Die Kunst gibt sich immer politischer, und doch wird das, was aus der Kultur an Einmischung kommt, von der Politik längst nicht mehr ernst genommen, notiert Tobi Müller, der sich in einem Essay auf Zeit Online noch an herausragende politische Kunst zu Beginn des Jahrtausends erinnert. Aber: "Das Problem ihrer Politisierung begann aber da, als diese Haltungen selbst zur Marke der Künstlerinnen und Künstler wurden. Aus der Freiheit, auch politische Kunst machen zu dürfen und damit ein großes Publikum erreichen zu können, erwuchs ein Marktbefehl, politischer Künstler sein zu müssen. Häufig stammt dieser Befehl von Marken und Museen, die mit aktivistischer Kunst von ihren institutionellen Problemen ablenken wollen. Die Luxusüberbauung des einst subkulturellen Tacheles-Blocks in Berlin ist nur eins von vielen Beispielen: Das Fotomuseum Fotografiska versuchte dort gleich zu Beginn, mit extra-aktivistischen Ausstellungen Kritik an dem Immobilienprojekt abzuwehren. Deshalb wird diesen Marken und Museen auch art washing vorgeworfen. 2024 hat sich nun besonders deutlich gezeigt, dass aus diesen Entwicklungen ein quer durch alle Kunstszenen ersichtliches Problem entstanden ist: die Überschätzung der eigenen Wirkungskraft."
Weitere Artikel: Im Welt-Interview spricht der kanadische Künstler Jeff Wall über seine aktuelle Ausstellung in seiner Londoner Galerie und über die Restaurierung und Konservierung von Fotografien. Für den Tagesspiegel wirft Eva Karcher einen Blick auf das krisengeschüttelte Kunstmarktjahr 2024. Für die Berliner Zeitung porträtiert Len Sander die Autorin und Künstlerin Cemile Sahin, deren Videoarbeiten und Rauminstallationen derzeit in der Ausstellung "ROAD RUNNER" in der Berliner Galerie Esther Schipper zu sehen sind.
Besprochen wird die Ausstellung "Böse Blumen" im Berliner Museum Scharf-Gerstenberg (Berliner Zeitung).
Literatur

Weiteres: Die vorislamische arabische Dichtung biete den Schlüssel zum Verständnis der Hamas wie überhaupt des ganzen Nahostkonflikts, ist der Arabist Stefan Weidner in der NZZ überzeugt: "Die Dichtung, nicht die Religion, liefert die Geschichten, welche die heutigen Konflikte in der arabischen Welt lesbar machen."
Die SZ hat sich Autorinnen und Autoren nach den für sie wichtigsten Romanen des Jahres befragt - und sie haben in großer Zahl mit Notizen geantwortet. Maxim Biller etwa erfreut sich an Wolfgang Koeppens endlich vorliegendem Konvolut "Romanfragmente", Martina Hefter legt uns Janna Steenfatts "Mit den Jahren" ans Herz, Eckhart Nickel lobt Frank Witzels "Die Möglichkeit einer Micky Maus" und Sigrid Löffler ist fasziniert von Teju Coles "Tremor" (unsere Kritik). Christian Milz liest für "Bilder und Zeiten" nach, wie Émile Zola und Franz Werfel die angeblichen Marienerscheinungen von Lourdes literarisch verarbeiteten: "Konträrer als diese beiden Autoren kann man den Blick auf die Ereignisse in der Stadt gar nicht werfen." Alexander Mionskowski erzählt im "Literarischen Leben" der FAZ von seiner Reise nach Litauen auf den Spuren des Dichters Johannes Bobrowski. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Laudatio der Germanistin Saskia Fischer auf Maxim Biller anlässlich der Auszeichnung des Schriftstellers mit dem Nicolas-Born-Preises. Im Dlf Kultur diskutiert Jan Drees mit Thomas Steinfeld über dessen Goethe-Biografie.
Besprochen werden unter anderem Maylis de Kerangals "Weiter nach Osten" (taz), Jessica Knolls Krimi "Bright Young Women" (taz), Thomas Pigors "La Groete - Sag nicht Kleinkunst" (FAZ) und Olga Grjasnowas "Juli, August, September" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel würdigt Frederik Hanssen Bernhard Glocksin, der seit zwanzig Jahren als künstlerischer Leiter der Neuköllner Oper fungiert. In der Welt kürt Jakob Hayner die zwölf besten Theaterstücke des Jahres. Besprochen werden Florian Thiels Inszenierung von Ödön von Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung", das vom Stadttheater Bremerhaven in der ehemaligen Theodor-Storm-Schule gezeigt wird (taz)
Architektur
In der SZ verabschiedet Gerhard Matzig wehmütig das Esszimmer, das nicht nur aufgrund veränderter Essgewohnheiten, sondern auch auf aufgrund veränderter Geschlechternormen aus den Grundrissen verschwand: "Die Hausarbeit fiel den Frauen zu. Getrennte Esszimmer und Küchen verstärkten die Zuschreibung von männlichen und weiblichen Räumen. Das Esszimmer, in dem der Patriarch vor Kopf sitzt und auf sein Bürgermeisterstück wartet, das von der Frau in einer kleinen Fabrik namens Küche zubereitet wird, ist insofern auch ein Opfer angemessen moderner Gesellschaften. Anderseits spräche nichts dagegen, wenn die Männer, die sich dauernd Kochshows reinziehen, die Kaffeebohnen nur akzeptabel finden, wenn sie von der südostasiatischen Schleichkatze ausgeschieden wurden, und die wochenlang nach einem wirklich exzellenten Küchenmesser zum Preis einer Rolex fahnden, wenn solche Männer der vor Kopf sitzenden Chefin mal was schön Veganes auftischten."
Film
Hannelore Hoger ist bereits am 21. Dezember gestorben. Dem Fernsehpublikum war die Schauspielerin als TV-Ermittlerin Bella Block bekannt, in Siebzigern war sie indessen eine zentrale Protagonistin des Neuen Deutschen Films, während sie für Peter Zadek auf der Bühne stand. Mit Alexander Kluges "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" gelang ihr 1968 der Kino-Durchbruch, schreibt Harry Nutt in der FR. "Mit dem rauen Charme einer selbstbewussten Projektemacherin widersprach sie den femininen Klischees zeitgenössischer Boulevardproduktionen. ... Kluge war dabei eher Experimentierender als Rebell, und Hannelore Hoger wurde zu seiner kühlen Laborantin. In 'Die Patriotin' spielte sie die Geschichtslehrerin Gabi Teichert, die sich nicht mit den Resultaten der herkömmlichen Geschichtsschreibung abgeben will und kurzerhand selbst den Spaten schultert." Sie "verkörperte die Gedanken des Zweifels, der Neugier und den Tatendrang einer Frau, die nicht einfach dort weitermachen kann, wo die Generation der Eltern Verschüttetes angehäuft hat."
Jenni Zylka erinnert in der taz an Volker Schlöndorffs Böll-Verfilmung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", in der Hoger mitspielte. "Eine selbstverständliche, feministische Solidarität geht im Film von Hoger aus - und eine wohltuende Stacheligkeit. Diese Frau, das ist auf den ersten Blick klar, macht sich nicht klein. Erst recht nicht gegenüber einem Mann. Vor allem Schauspielerinnen wird stets eine gewisse 'Gefallsucht' angedichtet. Jedoch war Hoger (...) im besten Sinne keine gefällige Person." Die Schauspielerin "steht für eine gelungene Synthese zwischen einem reflexiven Kino und einem Fernsehen, in dem sie ihr Kunstwissen lebensnah verallgemeinern konnte", hält Bert Rebhandl in der FAZ fest.
Außerdem: Martin Scholz plauscht für die WamS mit Willem Dafoe über Robert Eggers' Neuverfilmung von "Nosferatu", in dem der Schauspieler nun, nachdem er bereits im Jahr 2000 in "Shadow of the Vampire" Max Schreck, den Nosferatu-Darsteller, gespielt hatte, als Vampirjäger auf Untoten-Hatz geht. Jenni Zylka resümiert für die taz das Kinojahr 2024. Das FAZ-Team kürt seine besten Serienmomente des sich neigenden Jahres. Der Schauspieler Justin Baldoni hat ein PR-Team mit einer Schmutzkampagne gegen seine Filmpartnerin Blake Lively beauftragt, berichtet Nadine A. Brügger in der NZZ. Andreas Scheiner (NZZ) und Sandra Kegel (FAZ) gratulieren Denzel Washington zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden Mohammad Rasoulofs "Die Saat des Heiligen Feigenbaums" (Perlentaucher, FAZ), Scott Becks und Bryan Woods' Horrorfilm "Heretic" mit Hugh Grant (Perlentaucher) und Dominik Grafs morgen im Ersten ausgestrahlter TV-Krimi "Polizeiruf 110: Jenseits des Rechts" (FR).
Jenni Zylka erinnert in der taz an Volker Schlöndorffs Böll-Verfilmung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", in der Hoger mitspielte. "Eine selbstverständliche, feministische Solidarität geht im Film von Hoger aus - und eine wohltuende Stacheligkeit. Diese Frau, das ist auf den ersten Blick klar, macht sich nicht klein. Erst recht nicht gegenüber einem Mann. Vor allem Schauspielerinnen wird stets eine gewisse 'Gefallsucht' angedichtet. Jedoch war Hoger (...) im besten Sinne keine gefällige Person." Die Schauspielerin "steht für eine gelungene Synthese zwischen einem reflexiven Kino und einem Fernsehen, in dem sie ihr Kunstwissen lebensnah verallgemeinern konnte", hält Bert Rebhandl in der FAZ fest.
Außerdem: Martin Scholz plauscht für die WamS mit Willem Dafoe über Robert Eggers' Neuverfilmung von "Nosferatu", in dem der Schauspieler nun, nachdem er bereits im Jahr 2000 in "Shadow of the Vampire" Max Schreck, den Nosferatu-Darsteller, gespielt hatte, als Vampirjäger auf Untoten-Hatz geht. Jenni Zylka resümiert für die taz das Kinojahr 2024. Das FAZ-Team kürt seine besten Serienmomente des sich neigenden Jahres. Der Schauspieler Justin Baldoni hat ein PR-Team mit einer Schmutzkampagne gegen seine Filmpartnerin Blake Lively beauftragt, berichtet Nadine A. Brügger in der NZZ. Andreas Scheiner (NZZ) und Sandra Kegel (FAZ) gratulieren Denzel Washington zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden Mohammad Rasoulofs "Die Saat des Heiligen Feigenbaums" (Perlentaucher, FAZ), Scott Becks und Bryan Woods' Horrorfilm "Heretic" mit Hugh Grant (Perlentaucher) und Dominik Grafs morgen im Ersten ausgestrahlter TV-Krimi "Polizeiruf 110: Jenseits des Rechts" (FR).
Musik
Michael Stallknecht feiert in der NZZ die App Neumz, die nicht nur tausende Stunden mit Aufnahmen gregorianischer Gesänge bietet, sondern (zumindest in der Bezahlversion) die Aufnahmen auch durch wissenschaftliches Begleitmaterial kontextualisiert - also "eine Mischung aus einem wissenschaftlichen Klangarchiv und einem mittelalterlichen Streamingdienst." Dahinter steckt das von dem amerikanischen Musikwissenschaftler John Anderson angetriebene, EU-geförderte Netzwerk "Repertorium", das aufwändige Digitalisierungsarbeit leistet und an KI-basierten Analysetools arbeitet. "Was damit entsteht, ist ein klingendes Gedächtnis der ältesten Musik Europas, das in doppeltem Sinne zeitgenössisch ist: als umfassende digitale Quelle für Wissenschaft und Universitäten, wo etwa Studierende der Musikwissenschaften die Gesänge nachhören und mitlesen können. Es ist aber auch der Anschluss der weltweiten Internetöffentlichkeit an die lebendige Tradition der Klöster. Wenn die Nonnen im Kloster von Jouques singen, dann hört man manchmal die Vögel auf dem Dach der Kirche dazu zwitschern. Sie wollen mitsingen beim ewigen Gesang Europas."
Weitere Artikel: Gerald Felber spricht für die FAZ mit dem Musikwissenschaftler Thomas Röder über die von ihm mitbesorgte Gesamtausgabe der Werke Anton Bruckners. Ljubiša Tošić porträtiert für den Standard das von Cathrin Chytil initiierte Ensemble La Philharmonica, das sich auf die Arbeit von Komponistinnen spezialisiert hat. Lukas Heinser schreibt in der FAS über die im Ruhrgebiet ansässige Musikerin Philine Sonny. Sven Beckstette blickt für die taz zurück auf das R&B-Jahr 2024. Kai Spanke feiert in "Bilder und Zeiten" der FAZ 70 Jahre Stratocaster.
Besprochen werden Georges Gachots Dokumentarfilm "Misty" über den Jazzmusiker Erroll Garner (NZZ), das neue Album von Snoop Dogg (WamS) und "Chromakopia", das neue Album von Tyler the Creator, das laut FR-Kritiker Stefan Michalzik "ungeachtet der musikalischen Disparatheit wie ein wohlstrukturierter, glasklar produzierter Liederzyklus klingt". Wir hören rein:
Weitere Artikel: Gerald Felber spricht für die FAZ mit dem Musikwissenschaftler Thomas Röder über die von ihm mitbesorgte Gesamtausgabe der Werke Anton Bruckners. Ljubiša Tošić porträtiert für den Standard das von Cathrin Chytil initiierte Ensemble La Philharmonica, das sich auf die Arbeit von Komponistinnen spezialisiert hat. Lukas Heinser schreibt in der FAS über die im Ruhrgebiet ansässige Musikerin Philine Sonny. Sven Beckstette blickt für die taz zurück auf das R&B-Jahr 2024. Kai Spanke feiert in "Bilder und Zeiten" der FAZ 70 Jahre Stratocaster.
Besprochen werden Georges Gachots Dokumentarfilm "Misty" über den Jazzmusiker Erroll Garner (NZZ), das neue Album von Snoop Dogg (WamS) und "Chromakopia", das neue Album von Tyler the Creator, das laut FR-Kritiker Stefan Michalzik "ungeachtet der musikalischen Disparatheit wie ein wohlstrukturierter, glasklar produzierter Liederzyklus klingt". Wir hören rein:
Kommentieren



