Im Kino
Kaum durchschaubarer Charme
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
24.12.2024. Hinter einem Lächeln, das in zahlreichen romantischen Komödien Frauenherzen eroberte, kann auch das kalte Grauen lauern: Diese Erkenntnis beschert uns "Heretic". Scott Beck und Bryan Woods besetzen ihren ansonsten gar nicht einmal so originellen Horrorfilm mit niemand Geringerem als Hugh Grant.
Zunächst läuft der Song nur im Hintergrund, er musste ihn wohl beiläufig aufgelegt haben, als sie in das Zimmer traten. Dann setzt er die Schallplattenspielernadel zurück und lässt sie wieder in die äußerste Rille fallen. Der im Intro lang gedehnte, verhallte Sound der Gitarre von "The Air That I Breathe" erklingt von vorne: "If I could make a wish/ I think I'd pass". Er fragt, ob sie dieses Lied schon einmal gehört hätten, nicht heute vielleicht, erst recht nicht gerade eben, als sie noch nicht genauer hinhörten, aber als Echo, als Anverwandlung in aktuelleren Musiknummern. Zwei Jahrzehnte nach ihren Hit aus den 1970er-Jahren verklagten die Mitglieder der Hollies nämlich eine andere Band, Radiohead, für ihre Single "Creep", da sie darin offenkundige Ähnlichkeiten in Rhythmus und Melodieführung zu "The Air That I Breathe" zu hören vermeinten. Einzige Zeit später strengten Radiohead selbst ein Gerichtsverfahren an: "Get Free" von Lana Del Rey ähnelte nun wiederum "Creep" zu sehr - aus der einstmaligen Bearbeitung war längst ein vermeintliches Original geworden. So sei es, sagt er, immer mit Anverwandlungen und Variationen: Mit der Zeit verstellten sie den Blick auf eine ursprüngliche Fassung.
"Sprechen wir eigentlich über Religion oder über Musik?", fragen in "Heretic" Schwester Barnes (Sophie Thatcher) und Schwester Paxton (Chloe East) ihren Gastgeber. Das Haus Mr. Reeds (Hugh Grant) betraten die beiden jungen Anhängerinnen, ja Vertreterinnen des Mormonentums zu Beginn noch im Vertrauen, dass dieser mit ihnen über ihren Glauben sprechen wolle, neugierig sei auf die Lehren aus dem "Book Of Mormon". Aber Mr. Reed weiß bereits, dass nicht nur ein populäres Musical der Schöpfer von "South Park" diesen Namen trägt, er ist mit dieser Schrift und deren abgeleitetem Verhältnis gegenüber der jüdischen und christlichen Glaubenslehre näher vertraut. Religion ist für ihn wie Popmusik, Brettspiele und das breite Angebot an Fastfoodfraßketten (modernere Arten der Ersatzreligion also) ein Netz aus Bezügen und Fortentwicklungen: Jede weitere, neue Iteration verwässert das Original, bedient sich bei etwas, das sie damit sukzessive auslöscht.
Die beiden Schwestern sind von Anbeginn misstrauisch, aber doch nicht genug, um all die verdächtigen Details aufeinander zu beziehen, hinter den etwas bemüht erklärten Parabeln, in die sie verwickelt werden, einen Plan zu erahnen. Selbst als der durch die Wohnung ziehende Geruch eines Blaubeerkuchens, den, so gibt Mr. Reed zunächst vor, seine Frau gerade frisch für die Besucherinnen gebacken habe, sich als eine angezündete Duftkerze erweist, ergreifen sie nicht sofort die Flucht.

Mr. Reed besitzt einen hintergründigen, kaum durchschaubaren Charme, der ganz der des ihn verkörpernden Schauspielers Hugh Grant ist. Darin liegt der Kniff von "Heretic", um den herum die beiden Regisseure Scott Beck und Bryan Woods ihre Horrorgeschichte konstruiert haben. Im verschüchtert scheinenden Blick und der ungesteuert gerunzelten Stirn bleibt stets der für Grant typische, zerstreute Swag erkennbar, mit dem der Darsteller in den romantischen Komödien der 90er-Jahre auch die eitelsten Angewohnheiten und Verhaltensweisen seiner Figuren entwaffnen konnte. Wer sich bei dem, was er tut, derart awkward geben kann, derart benommen und von den eigenen Marotten peinlich berührt wirkt, kann auf diese Weise auch monströse Gedanken und Begehren verstecken. So entwickelt der Film für einige Zeit sein verführerisch aufgeschobenes Enthüllungsspiel, bei dem ein Lächeln selbst dann noch einnehmend wirkt, wenn es längst nur noch eisig in den Falten des Mundwinkels hängt.
Und doch kann selbst Hugh Grant nicht über die wenig ausgeklügelte Genredynamik des Plots hinwegtäuschen. Wie der klackernde Zeitschalter des Riegelschlosses, das den Ausgang aus dem Haus genau reguliert, greifen in der zweiten Hälfte des Films die Erzählrädchen von "Heretic" als eine Abfolge von mehr oder minder spannungsreich konstruierten Escape-Room-Szenarien ineinander: Hinter jeder Tür und unter jeder weiteren Klappe, die ein weiteres Geschoss hinunter führt, wartet das nächste Rätsel. Dadurch beraubt sich der Film seiner spielfreudigen, bisweilen an M. Night Shyamalans grelles Entführungspandämonium "Split" gemahnenden Hintersinnigkeit und gerät zur arg konventionell aufgelösten Thriller-Räuberpistole. Wer diesem allzu durchsichtigen Kammerstück am Ende tatsächlich entkommt, ist hingegen sein grandioser, sich frei spielender Hauptdarsteller: Sollte Grant in Zukunft wieder Rollen in romantischen Komödien übernehmen, wird in diesen von nun an stets auch etwas Grauenverheißendes durchscheinen.
Kamil Moll
Heretic - USA 2024 - Regie: Scott Beck, Bryan Woods - Darsteller: Hugh Grant, Sophie Thatcher, Chloe East, Topher Grace, Elle Young - Laufzeit: 111 Minuten.
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