Efeu - Die Kulturrundschau

Freiheit ungekannten Ausmaßes

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30.09.2024. Albert Serras Stierkampf-Doku "Tardes de Solidad" hat beim Filmfestival San Sebastiàn gewonnen: Die taz sieht hier sowohl den Heroismus des Torrero als auch das Leid des Stiers. Die FAZ taucht bei Eva-Maria Höckmayrs Dresdner Inszenierung der Faust-Oper "Mefistofele" ab in Arigo Boitos von "düsterer Glut" durchdrungene Musik. Die FAZ trauert in der Berliner Berkéwicz-Villa der einstigen Größe des Hauses Unseld nach. Und: Kris Kristofferson ist tot.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2024 finden Sie hier

Film

"Tardes de solidad" von Albert Serra

Mit Albert Serras "Tardes de solidad" hat beim Filmfestival San Sebastián "eine zweistündige immersive Dokumentation" den Wettbewerb gewonnen, "die den Heroismus des Stierkämpfers und seine präzise Choreografie aus nächster Nähe ebenso einfängt wie die Brutalität des tödlichen Duells und das tragische Leid des Tieres", schreibt Thomas Abeltshauser in der taz. Nach der Berlinale im Februar hat also ein weiteres Festival einen Dokumentarfilm ausgezeichnet: "In Zeiten wie diesen scheint die pure Fiktion oft nicht mithalten zu können", überlegtg Abeltshauser, den auch die "Altmeister des europäischen Autorenfilms" eher enttäuschten: "Die Zukunft des Kinos in San Sebastián ist weiblich und jung. Die herausragenden Filme dieses Jahrgangs stammen von Regisseurinnen, allen voran die Spanierin Pilar Palomero mit ihrem dritten Spielfilm 'Los Destellos' (Die Funken)." Im Filmdienst resümiert Wolfgang Hamdorf den Festivaljahrgang.

Weiteres: Michèle Binswanger schreibt im Tagesanzeiger über den Erfolg der Schauspielerin Philippine Leroy-Beaulieu, die in der Serie "Emily in Paris" zwar einen ziemlichen Besen spielt, aber gerade damit ziemlich ankommt. Gina Thomas schreibt in der FAZ zum Tod der Schauspielerin Maggie Smith (mehr dazu bereits hier). Besprochen wird die auf Apple TV+ gezeigte Serie "Midnight Family" (taz).
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Bühne

Szene aus "Mefistofele" an der Semperoper. Foto: / David Baltzer

Bei Andrea Battistoni und der Dresdner Staatskapelle war Arigo Boitos Oper "Mefistofele" in besten Händen, findet Gerald Felber in der FAZ nach dem Besuch von Eva-Maria Höckmayrs Inszenierung an der Semperoper: "Von samtig düsterer Glut" durchdrungen spielte das Orchester die Faust-Oper, in der der Mephisto allerdings zur Hauptfigur "als blasierter und trotzdem dünnhäutiger Menschen- und Schöpfungsverächter" wird, so Felber: "eine faszinierend zwielichtige Gestalt, von Krzysztof Bączyk erst machtvoll rebellierend und herrisch, dann zunehmend gebrochen und ausgehöhlt gesungen, optisch mit seiner nervösen, hager-schnittigen Eleganz eine Art Klon aus Pius XII., dem umstrittenen Pacelli-Papst der Vierziger- und Fünfzigerjahre, und heutigen Leitgestalten wie Bill Gates. Wie ein einfaches Verrücken oder Absetzen der markanten Brille, eine wegzuckende Körperverbiegung Verunsicherung, sogar Momente sensibler Einfühlung zum Ausdruck brachten, waren Musterbeispiele differenziert ausgearbeiteter Individualisierung."

Auch Roland H. Dippel ist in der nmz von den Sängern begeistert, vor allem von Faust Pavol Breslik "in einer der schönsten Tenor-Partien des italienischen Repertoires." Ab "der Gartenszene gelingt dem slowakischen Paradetenor eine perfekte Leistung. Mühelos überstrahlt die sicher klingende und geführte Stimme alle Orchestermassen ohne Flucht ins Fortissimo. Mit der schlichtweg wunderbaren Magherita von Marjukka Tepponen liefert er einen bewegenden Abschied von der Liebe."

Besprochen werden außerdem Stephan Kimmigs Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Münchner Residenztheater (SZ, FAZ), Christoph Marthalers Inszenierung von "Doktor Watzenreuthers Vermächtnis - Ein Wunschdenkfehler" am Theater Basel (NZZ), Claudia Bauers und Anna Bergmanns Inszenierung "Das Schiff der Träume" nach dem Film von Federico Fellini am Deutschen Theater Berlin (taz), Kirill Serebrennikows Inszenierung von Guiseppe Verdis "Don Carlo" an der Wiener Staatsoper (taz, Welt, NZZ), das von Maximilian Steinbeis konzipierte und von Nicola Hümpel inszenierte Planspiel "Ein Volksbürger" (taz), Daniel Arkadij Gerzenbergs Inszenierung seines Langgedichts "Wiedergutmachungsjude" am Gorki-Theater Berlin (taz), Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Anne Carsons Stück "Antigone" nach Sophokles am Theater Bremen (nachtkritik), Tom Kühnels Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns Stück "Die rote Mühle" am Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik), Johanna Wehners Adaption von Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" am Staatstheater Cottbuss (nachtkritik), Jorinde Dröses Inszenierung von Tine Rahel Völckers Stück "We Are Family. Eine Antikenüberschreibung" am Schauspiel Köln (nachtkritik) und Anna Marboes Inszenierung von Maria Lazars Stück "Die Hölle auf Erden" am Landestheater Innsbruck (nachtkritik).
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Literatur

Sehr melancholisch berichtet Paul Ingendaay in der FAZ von einer Soirée im Berkéwicz-Haus am Berliner Nikolassee zum 100. Geburtstag des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld, dessen Tod vor 22 Jahre bis heute eine Lücke hinterlassen habe. Auch die anwesende "jüngere deutsche Autorengeneration ... ist grauer und weißer geworden seit damals, was sonst, viele sind längst jenseits der sechzig. ... Es ist voll im Haus, irgendwie scheint dies hier der Berliner Ersatz, nein, Trost für den Kritikerempfang zu sein, den es im Haus in der Klettenbergstraße in Frankfurt nie wieder geben wird, allein das wäre ein Grund zum Heulen." Und "das Haus leert sich spät, man will bleiben und noch ein bisschen festhalten an der Sicherheit, die von Unselds Feuer ausgeht. Aber es ist erloschen. Die Wärme, die es spendet, ist eine indirekte. Das riesige Unseld-Archiv ist jetzt digital abrufbar, und viele Germanisten werden sich daran mästen. Die 'edition unseld' dagegen, 2008 gegründet, ist 2016 nach vierzig Titeln lautlos verplätschert. Es geht eben doch nicht immer weiter."

Felix Stephan kommt in der SZ auf Unselds Alphatier-Auftreten zu sprechen, das "natürlich vor allem Männern imponiert". Entsprechend geprägt war das Suhrkamp-Programm der Unseld-Jahre, entsprechend viele Männer fanden sich auch am Nikolassee ein. Doch "ließen sich an diesem Abend auch reichlich Indizien dafür sammeln, dass der Fürst die Macht womöglich tatsächlich erst einmal gründlich auf sich vereint haben muss, um Auserwählten dann im zweiten Schritt Freiheit ungekannten Ausmaßes gewähren zu können." Von traumhaften Stipendienzuwendungen nach vorausgegangener Druckkostenzuschuss-Abpressung berichtete etwa Rainald Goetz. "Als Nachgeborener konnte man sich jedenfalls des Gefühls nicht leicht erwehren, dass sich die Trauer der Anwesenden nicht nur auf eine Person richtete, sondern auch auf eine Herrschaftsform." Die SZ dokumentiert Lutz Seilers und Ulla Berkéwiczs Reden an dem Abend.

Weitere Artikel: Mia Eidlhuber spricht für den Standard mit Rudolf Scholten, Gründer des Festivals "Literatur im Nebel", über dessen Pläne bei der kommenden Festivalausgabe, bei der die simbabwische Autorin Tsitsi Dangarembga zu Gast sein wird. Christian Staas freut sich (online nachgereicht) in der Zeit über die wohl 2025 erscheinende, 2000-seitige Gesamtausgabe der in der Neuen Rundschau seit 2012 erschienenen Kommentare einer kulturwissenschaftlichen Gruppe zu den einzelnen Kapiteln von Herman Melvilles "Moby-Dick". Paul Jandl erinnert in der NZZ an den Schriftsteller Truman Capote, der heute vor 100 Jahren geborgen wurde.

Besprochen werden unter anderem Sabine Scholls "Transit Lissabon" (Standard), Siegfried Unselds "Hundert Briefe" (online nachgereicht von der FAZ), Joshua Groß' "Plasmatropfen" (Standard), Hugo Dittberners "Der Professor im Keller" mit ausgewählten Erzählungen (Tsp) und der von Paulus Manker herausgegebene Prachtband "Karl Kraus: 'Die letzten Tage der Menschheit'. Dramatische Chronik des Ersten Weltkrieges in 1500 Orginalphotographien und 441 Zitaten" (Standard).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Alexander Kosenina Christian Felix Weißes "Die kleinen Leute"

"In Lilliput, ich glaub es kaum,
Doch Swift erzählts, sind Leute ..."
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Kunst

Andreas Rossmann bilanziert in der FAZ die ersten Monate des neuen Uffizien-Chefs Simone Verde. Yelizaveta Landenberger berichtet von der Ukraine-Biennale in Chemnitz. Besprochen wird die Ausstellung "Richard McGuire - Then and There, Here and Now." im Cartoonmuseum Basel (FAZ).
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Musik

Die Agenturen melden: Kris Kristofferson ist tot! Während wir auf die Nachrufe warten, hier schon mal einer seiner schönsten Songs:



Wer nachvollziehen will, wie wichtig Kristofferson für die Country-Musik war, dem sei Ken Burns' großartige neunteilige Dokumentation über das Genre empfohlen, besonders natürlich Teil 5 und 6 - nachzusehen in der Arte-Mediathek.

Jan Brachmann führt für die FAZ ein großes, inhaltlich sehr dichtes Gespräch mit Dmitry Ablogin über dessen Chopin-Aufnahmen, für die der Pianist die rechte und die linke Hand teils auseinander spielen ließ, was seit dem Zweiten Weltkrieg eigentlich als verpönt gilt, früheren Aufführungspraxen aber durchaus entspricht: "Diese Trennung der Hände hat, wie andere Aspekte des romantischen Klavierspiels, praktische und ästhetische Gründe. Ästhetisch: Es ist einfach schön und poetisch! Dadurch kann man auch bestimmte Töne besser hervorheben und mit feinerem Ausdruck spielen als beim strengen Zusammenklang. ... Die praktischen Gründe liegen in der Bauart der historischen Flügel: Die Hammerflügel bis grob gesagt Mitte des neunzehnten Jahrhunderts waren alle parallel besaitet, nicht überkreuzt wie heute. Das hatte großen Einfluss auf die Register: Sie hatten eine unterschiedliche Dynamik und unterschiedlichen Ausdruck. Je höher die Töne wurden, desto schwächer wurden sie, weil die Saitenlänge sich verkürzt und durch die Parallelbespannung die Resonanzanregung tieferer Saiten vermieden ist. Wenn man dann einen tiefen Basston mit einem hohen Melodieton gleichzeitig - wie notiert - anschlägt, hat der hohe Ton nicht so viele Chancen wie der tiefe. Also liegt die Zeitversetzung zwischen den Händen nahe."



Weitere Artikel: Hilmar Klute freut sich in der SZ über Taylor Swifts Erfolg: Sie "schreibt Texte wie Sylvia Plath" und "ist genauso klug und genauso poetisch wie Bob Dylan". Jakob Biazza porträtiert für die SZ den Musiker und DJ Jamie XX, der mit "In Waves" gerade ein neues Album veröffentlicht hat. Elmar Krekeler wirft für die Welt einen Blick ins neue Köchelverzeichnis, das den Überblick über Mozarts Werke auf den neuesten Stand bringt (mehr dazu bereits hier). Nick Joyce berichtet im Tagesanzeiger von einem Abend für Udo Jürgens, der heute 90 Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden Jeremy Eichlers Buch "Das Echo der Zeit" über Komponisten nach dem Zweiten Weltkrieg (NZZ), der Saisonauftakt der Wiener Philharmoniker unter Daniele Gatti (Presse), ein Konzert von John Mau in Frankfurt (FR), Maxim Billers Album "Studio" (FAZ), Jordi Savalls und Alfia Bakievas Aufnahme von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" (FAZ), ein postumes Album der 2021 bei einem Unfall verstorbenen Musikerin Sophie ("Was den neuen Stücken fehlt, ist die Energie der Künstlerin selbst", seufzt Zeit-Online-Kritikerin Annett Scheffel) und ein neues Album von David Gilmour, der solo eigentlich nicht mehr nach Pink Floyd klingen will ("Zum Glück gelingt ihm das auch diesmal nicht wirklich", freut sich Wolfgang Schneider in der FAZ), sowie dessen erstes von insgesamt sechs Konzerten in Rom (ein "zutiefst magischer Abend", schwärmt Joachim Hentschel in der SZ).

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