Efeu - Die Kulturrundschau

Dem Preußischen gegenüber skeptisch

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24.09.2024. Die taz begreift in Wiesbaden die Literatur in den Werken der Fluxus-Künstlerin Alison Knowles. Die SZ erfährt von der israelischen Hip-Hop-Sängerin Noga Erez, wie der Krieg in ihrer Musik alles Verspielte zersplittert. Auf Backstage Classical ruft die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv ihrem Land zu: Tschaikowsky kann nichts für Putins Gewaltorgien. Und in Frankfurt versucht Jens-Daniel Herzog einen wenig martialischen Kleist auf die Bühne zu bringen, freut sich die FR.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2024 finden Sie hier

Kunst

Alison Knowles, Beans Rolls, 1963-64, Courtesy Alison Knowles. Foto: © Studio Alison Knowles

Gemeinsam mit Nam June Paik und George Macunias brachte die amerikanische Künstlerin Alison Knowles den Fluxus nach Wiesbaden, wirklich bekannt wurde sie im Gegensatz zu ihren männlichen Mitstreitern hierzulande nie, erinnert Katharina J. Cichosch, die sich in der taz freut, dass das Kunstmuseum Wiesbaden Knowles nun eine überfällige Retrospektive widmet. Ihre bekannteste Performance, die Zubereitung einer gigantischen Portion Salat, ist zwar nicht zu sehen, zu entdecken ist dennoch ein üppiges Werk, das Performances ebenso umfasst wie Buchobjekte oder Collagen und durch sein "Gespür fürs Magische" besticht: "Großformatige Cyanotypien auf Stoff, von der Sonne oder der Künstlerin selbst bedruckt, Foto- und Materialcollagen, Setzkästchen mit Alltagsfundstücken, große Bahnen naturgeschöpfter Papiere, die zum Relief über- und untereinandergelegt wurden. Konzentriert sind ihre Zusammenstellungen, oft aus dem gewöhnlichen Alltag geschöpft, aber reich. Und dann gibt es dreidimensionale Arbeiten wie das 'Fingerbook 3', ein Tableau zum Durchfahren mit den Fingern - Literatur zum wörtlichen Begreifen..."

Sarah Morris: "Library of Congress [Capital]", 2001. Privatsammlung, Devon, UK © Sarah Morris Foto: Stephen White / White Cube

Piet Mondrian hätte das Werk von Sarah Morris geliebt, ist sich Tagesspiegel-Kritikerin Adrienne Braun sicher - auch wenn die amerikanische Künstlerin ihre geometrischen Formen mit Bedeutung auflädt. Allerdings lassen meist nur die Werktitel erkennen, "dass bei ihren Gemälden reale Städte Pate standen", stellt die Kritikerin in der Retrospektive "All Systems Fail" im Kunstmuseum Stuttgart fest: Die "Farbflächen sind die ganz subjektive Antwort von Sarah Morris auf die Metropolen, die sie bereist. Mit dieser künstlerischen Haltung, die ästhetische Fragestellungen dem eigenen Empfinden unterordnen, weist die Malerei von Sarah Morris inzwischen eher in die Vergangenheit. Diese unbeschwert daherkommenden, poppigen Farbflächen erzählen vom Luxus einer Generation, die sich ganz dem Oberflächenreiz hingeben konnte und Selbstbezüglichkeit als Qualitätssiegel verbuchte - ohne den Anspruch, intellektuell tiefer zu graben oder sich ernsthaft der gesellschaftlichen Realität zu stellen."

Weitere Artikel: Monopol meldet, dass das kleine Grosz-Museum in Berlin wegen Förderungslücken vorzeitig schließen muss. In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe zum Tod der DDR-Fotografin Barbara Berthold. Ebenfalls in der Berliner Zeitung besucht Ida Luise Krenzlin das Hotel Continental in Berlin Treptow, ein 2022 gegründetes Kunstzentrum zur Unterstützung von Künstlern aus der Ukraine und anderen Ländern, in denen Menschen unter Krieg und Verfolgung leiden, aber auch für unabhängige Künstler aus der Freien Szene Berlins. Ein weiteres Werk von Ai Weiwei ist zerstört worden, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Der Täter, ein notorisch bekannter Kunstzerstörer, (…) nutzte einen unbeobachteten Moment im Foyer des Palazzo für seine Aktion. Dort war Ai Weiweis 'Porzellankubus' platziert, eine würfelförmige Skulptur aus blau-weiß glasierter Keramik."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "After Images" über Bildverweigerung in der Julia Stoschek Collection in Berlin (taz) und die Ausstellung "Auftreten im Bild. Positionen im kolonialen Kräftefeld" im Wiener Photoinstitut Bonartes (FAZ).
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Literatur

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Rachel Eliza Griffiths, Fotokünstlerin, Lyrikerin und Ehefrau von Salman Rushdie, hat mit "Was Ihr uns versprochen habt" ihren ersten Roman veröffentlicht, er handelt von Gewalt gegenüber schwarzen Familien im Amerika der fünfziger Jahre. Sie schäme sich für die USA der Gegenwart, in der sich Rassismus immer wieder manifestiere, erzählt sie im WamS-Gespräch, in dem sie auch einen Bürgerkrieg nach den Wahlen befürchtet: "Tatsächlich ist es heute eher so, als hätten die Vertreter der weißen Vorherrschaft die Jagdsaison eröffnet - es gibt inländischen Terrorismus, Amokläufe, hinzu kommen Einschränkungen von Frauenrechten - wie man zuletzt sehen konnte, als der Supreme Court das durch das Grundsatzurteil 'Roe versus Wade' eingeführte landesweite Recht auf Abtreibung wieder einkassierte. (...) Heute zu behaupten, es sei nicht mehr wichtig, über die Folgen von Sklaverei und Unterdrückung zu sprechen, weil sich die Gesellschaft verändert habe - das stimmt nicht."

In der taz schreibt Robert Misik zum Tod des im Alter von 90 Jahren verstorbenen US-amerikanischen, marxistischen Kritikers und Literaturtheoretikers Fredric Jameson.

Besprochen werden unter anderem Navid Kermanis Buch "In die andere Richtung jetzt - Eine Reise durch Ostafrika" (SZ), Timothy Snyders "Über Freiheit" (SZ), Mario Vargas Llosas Roman "Die große Versuchung" (SZ, NZZ), Peter Probsts Buch "Was ist afrikanische Kunst?" (FAZ), Sibilla Aleramos Roman "Eine Frau" (FAZ), der Sammelband "Das jüdische Frankfurt - von der NS-Zeit bis zur Gegenwart" (FAZ) und Julian Hessenthalers Buch "Nach Ibiza. Der lange Schatten eines Skandalvideos - Warum unsere Demokratie in Gefahr ist" (FAZ), Svenja Flaßpöhlers Buch "Streiten" (NZZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau.
Archiv: Literatur

Bühne

Szene aus der "Prinz von Homburg" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller.

Eine starke Saison-Eröffnung liefert Jens-Daniel Herzog mit seiner Inszenierung der Oper "Prinz von Homburg" von Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann an der Oper Frankfurt ab, freut sich FR-Kritikerin Judith von Sternburg. Bachmann hatte in ihrem Libretto schwer mit der berühmten Schlusszeile Kleists zu kämpfen: "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!", erinnert Sternburg. Um den Dichter vom Vorwurf des Nationalismus zu befreien, "heißt es ins kampfbereite Ende hinein bei Bachmann noch einmal, nein, zweimal ausdrücklich, 'dass die Empfindung einzig retten kann'". Das Kriegerische und Martialische des Originals weicht in Herzogs Inszenierung jedenfall dem Verwunschenen und Verträumten, so Sternburg: "Eine sich an Musik und Text anschmiegende Fasson, die dabei auf ihre Eigenständigkeit und ihr Profil achtet. Der Bachmann-Henze'schen Linie einer Zivilisierung folgen Regisseur Jens-Daniel Herzog und sein Team minuziös, zeigen sich dem Preußischen gegenüber skeptisch, zeigen Menschen auf der Bühne. In der FAZ ist Wolfgang Fuhrmann skeptischer. Zwar evoziere das Orchester "unter der Leitung von Takeshi Moriuchi in erstaunlicher Farbigkeit und Differenziertheit lyrische und träumerische Zustände ebenso wie die unerbittliche Rhythmik militärischer Fanfaren und Trommelwirbel." Gleichzeitig bleibt in der Inszenierung aber "alles in einer fast lehrstückhaften Distanz", bemängelt Fuhrmann. 

Weiteres: In der taz berichtet Alina Komorek vom "Fragile"-Festival am Pina-Bausch-Zentrum in Wuppertal, das sich mit der Frage der Nachhaltigkeit bei Theaterproduktionen auseinandersetzt. Besprochen werden Karin Beiers Inszenierung von "Herr Puntila und sein Knecht Matti" (nachtkritik), Franz von Strolchens Inszenierung von Christian Winklers Stück "Rooting for the anti-hero" (nachtkritik), Sebastian Schugs Inszenierung von Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" am Schauspiel Frankfurt (FR), Damiano Michielettos Inszenierung "Messias" im Berliner Flughafen Tempelhof (SZ), Goldie Rölls Inszenierung von Jona Rauschs "Betonklotz 2000" (taz) und Andreas Homokis Inszenierung der Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos" am Opernhaus Zürich (NZZ).
Archiv: Bühne

Film

Szene aus Azazel Jacobs "Drei Töchter".

An Anton Tschechows Stück "Drei Schwestern" muss Caroline O. Jebens auf Zeit Online bei der Netflixproduktion "Drei Töchter" denken. Und nicht nur wegen des Titels: Azazel Jacobs Film über drei Frauen, die sich in einem New Yorker Appartement um den sterbenden Vater kümmern, entspinnt sich zu einem psychologischen Kammerspiel, so die begeisterte Kritikerin: "Bei Tschechow werden bessere Zeiten für die Schwestern nie anbrechen. Und auch in 'Drei Töchter' ist klar: Der Vater wird sterben. So sehen wir den dreien beim Trauern zu, und ihre Reaktionen auf den nahenden Tod verweisen bereits auf die unterschiedlichen Modi der Trauer: Katies Aktionismus angesichts der Machtlosigkeit, Christinas Achtsamkeit gegenüber der Erbarmungslosigkeit, Rachels Rückzug angesichts der Ausweglosigkeit. Obwohl ihre Unterschiede unabdingbar sind für die Spannungen zwischen den Figuren, wirkt ihre Konstellation immer wieder auch eklektisch."

Im NZZ-Interview mit Andreas Scheiner unterhält sich Francis Ford Coppola über die Realisierung seines Films "Megalopolis" (unser Resümee), den er mit 125 Millionen Dollar komplett selbst finanzierte. Dass es in seinem Film um einen Architekten geht, sei kein Zufall: "Weil es mir um das Entwerfen der Welt der Zukunft ging. Wenn Sie einen Architekten anrufen, sagen Sie ihm, wofür er etwas entwerfen soll. Ich glaube, dass es kein Problem gibt, das der Mensch, diese geniale Spezies, nicht lösen könnte. Oder stimmen Sie mir nicht zu, dass der Mensch im Vergleich zu allen anderen Lebewesen außergewöhnlich talentiert und kreativ ist?" Andreas Busche bespricht den Film für den Tagesspiegel, Patrick Holzapfel schreibt für die NZZ.

Weiteres: Hanns-Georg Rodek trifft für die Welt die Regisseurin Yasemin Şamdereli, die in ihrem Film "Samia" das Schicksal der somalischen Leichtathletin Samia Yusuf Omar verarbeitet. In der NZZ beleuchtet Marion Löhndorf Federico Fellinis Liebe zu Rimini. Besprochen werden die Dokumentation "Trauma in Nahost - Der 7. Oktober und seine Folgen", zu sehen in der arte-Mediathek (SZ) und Klaus Sparwassers Klima-Doku "System Change" (taz).
Archiv: Film

Musik

Auch ohne den 7. Oktober wäre Noga Erez' Musik Gesprächsthema, versichert Joachim Hentschel, der uns die Hip-Hop-Sängerin in der SZ als Israels derzeit "größten, bahnbrechendsten, durchgeknalltesten" Popstar vorstellt. Aktuell ist ihr neues Album "The Vandalist" erschienen, in dem der Krieg dann doch eine Rolle spielt: "Der Krieg gibt vielen der neuen Songs eine zusätzliche, alles Verspielte splitternd abräumende Bedeutung. Er ist bei Noga Erez zugleich der springende Punkt und der Elefant im Raum. 'Ich lasse beim Schlafen ein Auge immer offen, behalte immer die Schuhe an', singt sie im fantastischen, auf einer Basslinie von Busta Rhymes basierenden Album-Titelsong. Es ist ein Szenario der ständigen Alarmbereitschaft und Friedlosigkeit, das sie hier entwirft. Die 'Vandalistin', die sie sich für diese Saison als Hip-Hop-Alter-Ego erfunden hat, sei eine Rächerinnenfigur, die sich eigene Regeln erschaffen müsse, weil die Welt so durch und durch kaputt sei, erklärt die Künstlerin." Wir hören rein:



Axel Brüggemann unterhält sich für Backstage Classical mit der ukrainischen Dirigentin Oksana Lyniv über die Kraft der Musik in Kriegszeiten, aber auch über die Vorwürfe, die ihr aus der Ukraine gemacht werden, seit sie in Dresden Tschaikowski dirigiert hat: "Das ganze Land hat sich wegen meines Repertoires aufgeregt. … Ich kämpfe auch für den humanistischen Wert der Werke von Tschaikowski. Dafür, dass uns klar werden muss, dass Tschaikowski mit seinen Werten oder seiner Homosexualität im heutigen Russland aufgeschmissen wäre. Er kann nichts für Putins Gewaltorgien! Er hätte unter Putins Russland gelitten! Für mich ist es um so bitterer zu sehen, dass die Tschaikowski-Straße in Odessa nun umbenannt werden soll. Tschaikowski war in Odessa, es hängt ein großes Porträt von ihm im Dirigentenzimmer - und ich empfinde es als Vandalismus an seiner Musik, wenn wir ihn demontieren."

Weitere Artikel: Wolfgang Sandner scheibt in der FAZ den Nachruf auf den im Alter von 95 Jahren gestorbenen amerikanischen Saxophonisten Benny Golson, in der NZZ schreibt Ueli Bernays. Jan Josef Liefers geht mit seiner Band Radio Dora auf Abschiedstour, meldet Stefan Hochgesand in der Berliner Zeitung. Im Tagesspiegel erzählt Nadine Lange, was die Band "Die Atzen" dagegen unternimmt, dass einer ihrer Songs von der AfD missbraucht wird. Die Zeit hat ihre Reportage zum deutschen Schlager online nachgereicht.

Besprochen werden ein Linkin-Park-Konzert in der Hamburger Arena, bei dem sieben Jahre nach dem Tod von Sänger Chester Bennington nun die neue Sängerin Emily Armstrong auftrat (Welt) und Katy Perrys neues Album "143", das Zeit-Online-Kritiker Timo Posselt nicht nur ziemlich "langweilig" findet, sondern auch zeigt, wie weit abgeschlagen Perry hinter Charlie XCX inzwischen ist.
Archiv: Musik