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06.09.2024. Der Tagesspiegel erkennt in Göran Hugo Olssons Montagefilm zum Israel-Palästina-Konflikt: Geschichte wiederholt sich als Teufelskreis. Die FAZ ärgert sich, dass AslıÖzarslans Film"Ellbogen" erst ab 16 freigegeben wird. Die Welt lässt sich in den Deichtorhallen von Andrea Orejarenas und Caleb Steins Verschwörungstheorien in den Bann ziehen. Mit Bruckners Neunter legt Lahav Shani einen vielversprechenden Auftakt für die Leitung der Münchner Philharmoniker hin, freut sich die SZ. Die FAZ macht sich Gedanken zu "Farben als Distinktionsmerkmal."
Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz ist bei den FilmfestspielenVenedig sehr beeindruckt von GöranHugoOlssons fünfstündigem Montagefilm "Israel Palestine on Swedish Television 1958-1989", der sein Archivrechercheprogramm und Themen bereits in absoluter Klarheit im Titel zusammenfasst: "Es ist alles schon da, vor einem halben Jahrhundert. Die Geschichte wiederholt sich als Teufelskreis: auch das eine niederschmetterndeErkenntnis." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte resümiert derweil die letzten Tage die Filme des "eher zweitklassigen Wettbewerbs", in dem ToddPhillips' (auch in taz und Filmdienst besprochener) Hollywood-Blockbuster "Joker: Folie à Deux" (unser Resümee) durchaus hervorsticht.
Zerrissene Figur: "Ellbogen" von Aslı Özarslan" Aus dem aktuellen Kinogeschehen: Einigermaßen sinnbefreit findet es Bert Rebhandl in der FAZ, dass die FSKAslıÖzarslans Verfilmung von FatmaAydemirs Berliner Jugendmilieu-Roman "Ellbogen" (unsere Filmkritik) erst ab 16 Jahren freigegeben hat. Dass die Geschichte eines türkischen Mädchens, das einen Jungen bei einer Rangelei im Affekt vor die U-Bahn wirft und anschließend nach Istanbul flüchtet, auch sprachlich hier und da ihre Härten hat, zweifelt Rebhandl dabei gar nicht an. Aber die Freigabe "ist ein bemerkenswert naiver Akt, mit dem einmal mehr ein wichtiges Thema in Deutschland bürokratischreguliert werden soll. Der Verleih protestiert natürlich auch, weil er dadurch von einer wichtigen Zielgruppe abgeschnitten wird. Aber die Auseinandersetzung, die 'Ellbogen' bei jungen Menschen auslösen sollte, führt der Film doch selber, und zwar auf eine Weise, die auch den Medienrealitäten der großen Plattformen etwas entgegenzusetzen sucht. Nämlich unmittelbare, widersprüchliche Einfühlung in eine zerrisseneFigur." Für den Freitagbespricht Maxi Braun den Film.
Weitere Artikel: Marian Wilhelm empfiehlt im Standard die Retrospektive FlorianFlickerin Wien. Besprochen werden die Netflix-Serie "The Perfect Couple" mit NicoleKidman (taz, Welt), die auf Artegezeigte, britische Serie "Mum" (FAZ), die KiKa-Animationsserie "Im Labyrinth der Lügen" über die DDR (FAZ) und MiriamErnsts in der Schweiz gezeigter Dokumentarfilm "Iddu - Inselgeschichten" (NZZ).
Andrea Orejarene und Caleb Stein: California City, Aerial View, 2022. Bildrechte: Palo Gallery, New York. Für die Ausstellung "Tactics and Mythologies: Andrea Orejarena & Caleb Stein" in den Hamburger Deichtorhallen haben die beiden Künstler rund 2000 Fotografien und KI-Bilder gesammelt, die sich mit Verschwörungstheorien befassen, weiß Stefan Grund in der Welt. Sie haben einen Roadtrip unternommen, "um jene Orte zu dokumentieren, die häufig mit angeblichen Bildbeweisen der Simulations-Verschwörungstheorie verknüpft sind, nach der die Menschheit wie im Film 'Matrix' in einer simulierten Wirklichkeit lebt." Dabei finden vorrangig Bilder Eingang in die Ausstellung, die ins kulturelle Gedächtnis eingegangen sind: "In der Ausstellung zu sehen ist auch eine großformatige Luftaufnahme von California City, einer Mega-City, deren größte Teile nie gebaut wurden. 1965 am Reißbrett entworfen, gilt sie heute als perfektes Beispiel für eine gescheiterte Planstadt mit lediglich knapp 15.000 Einwohnern im damals angedachten Ortskern. Die Stadt besteht darüber hinaus aus staubigen Straßen in der Mojave-Wüste. Ihre Struktur - sie erinnert an einen Microchip gigantischen Ausmaßes. 'Die Sichtbarkeit ist dabei das Entscheidende', so Stein, 'und die gibt es nur im Foto aus der Luft.'"
Was ein Glück, dass die Rieckhallen des Museums Hamburger Bahnhof nicht abgerissen und durch Luxuswohnungen ersetzt wurden, freut sich Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. So kann sie nun die Ausstellung "Keep Walking" mit Skulpturen und Installationen von Mark Bradford bestaunen: Es "packen und verstören skulpturale Malereien und ein überlebensgroßes Selbstbildnis als Skulptur, getötet oder gleich wieder breakdancend, alles untermalt mit Schwarzer Musik. Und Bradford erinnert an die Zeit der zahllosen, stigmatisierten Aids-Kranken und -Toten seit den 1980er-Jahren. Der Sohn einer Friseurin malt, baut, schneidet, brennt und 'onduliert' monumentale Bilder unter Verwendung von Haarspitzenpapier, Haarfolie und Haarfarbe. Oft benutzt er achtlos in L.A. herumliegende krude Fundmaterialien. Etwa weggeworfene, mit knallbunten, dick aufgetragenen Farben überzogene Auslegeware. Ein riesiger 'Teppich', über den man ausdrücklich gehen soll, führt direkt zu einer Filmleinwand: eine Vorstadtstraße in L.A., ein junger Schwarzer Mann schreitet wie aus Gullivers Land der Riesen in beklemmender Zeitlupe den tristen Bürgersteig ab. 'Geh weiter, immer weiter!' ist die ermutigende Botschaft dieser seltsamen Szene."
Weitere Artikel: Die taztrifft sich zum Gespräch mit der Jury des Bremer Videokunstpreis. Der Schriftsteller Jaroslav Rudis besucht den Künstler Lev Skop in dessen Atelier im ukrainischen Drohobytsch (FAZ). Die FAZ erkundigt sich schon einmal, was dieses Wochenende bei der Frankfurt Art Experience los ist. Der Pauli-Preis für Gegenwartskunst geht dieses Jahr an Gabriele Stötzer, vermeldet die FR. Florian Illiesist auch für Zeit Online auf Jubiläumsartikel zu Caspar David Friedrichs 250. Geburtstag abonniert. Die Berliner Zeitungberichtet über die Schändung von Annemirl Bauers Gemälde "Die männliche Herrlichkeit Gottes" im Foyer der Humboldt-Uni. Monopolsetzt sich mit der Faszination "Malen nach Zahlen" auseinander.
Szene aus "Der Alpenkönig" am Theater in der Josefstadt Ronald Pohl freut sich im Standard mit Josef Köpplingers Inszenierung von Ferdinand Raimunds "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" über einen gelungenen Saisonstart am Theater in der Josefstadt: "Der Dichter selbst ist unrettbar melancholisch. Die widrigen Verhältnisse des Vormärz nutzt er für einen umfassenden Reformvorschlag: Die Gemüter der Menschen sollen von allem Übelwollen geheilt werden. Erst dann betritt die mit sich selbst ausgesöhnte Menschheit den Tempel reiner 'Erkenntnis'." Besonders Hauptdarsteller Michael Dangl weiß zu überzeugen: "Dangls funkelnder Widerstand gegen alle vorschnellen Versöhnungsangebote ist kopfgesteuert. In ihm wispern, ein Nachhall, die Geister der Anarchie. Wie Dangl beiläufig Geldscheinbündel an die Armen weiterreicht, gleichsam von sich und den anderen angewidert; wie er die Verlogenheit der Verhältnisse bis auf den Grund durchschaut und zugleich gute Miene zum doppelten Spiel macht: In seiner Figur verdichtet sich augenblicksweise die Materie von Jahrhunderten."
Besprochen wird "Empusion" von Olga Tokarczuk in der Inszenierung von Antú Romero Nunes beim Lausitz-Festival (Nachtkritik).
Claudia Roth möchte die Fördermittel für Übersetzungen stark kürzen - unser Resümee in der Debattenrundschau. Georg Holzer erinnert in der FAZ an den vor 500 Jahren geborenen LyrikerPierredeRonsard.
Besprochen werden unter anderem DorisWirths "Findet mich" (NZZ), Paul Lynchs "Das Lied des Propheten" (taz), Martina Hefters "Hey guten Morgen, wie geht es dir?" (Freitag), Daniela Kriens "Mein drittes Leben" (FR), AdamShatz' Biografie von FrantzFanon (FAZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter OleNymoens und WolfgangM. Schmitts antikapitalistische Parabel "Die kleinen Holzdiebe und das Rätsel des Juggernaut" (SZ). Und Lars von Törne gibt im Tagesspiegel aktuelle Comictipps, darunter JoannSfars "Der Götzendiener".
Außerdem bringt die FAZDoris Runges neues Gedicht "früher":
"saß einer wie er an der bar trank sein letztes glas ..."
Wenn LahavShani mit den Münchner Philharmonikern AntonBruckners Neunte spielt, dann lässt dies SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck auch deshalb aufmerken, weil Shani ab übernächster Spielzeit die Leitung der Philharmoniker übernimmt. Es ist, wie sich Brembeck auch im anschließenden Bach-Teil zeigt, ein eher konservativer Abend. "Shani hat einen ungezwungen natürlichen Zugang zu romantischer Musik. Er lässt Bruckner dahinströmen, er verkünstelt sich nie, sucht nicht nach neuen Lösungen, Überraschungen, Spekulationen. So kommen die leisen Streicherwirbel und die tastend einsetzenden Bläser nicht etwa überirdisch geheimnisvoll - oder, wie Bruckner schreibt: 'feierlich; misterioso' -, sondern ganz diesseitig, als ein in Klang gefasstes Unbehagen aus den Tiefen der Erde." Der Dirigent "treibt die Musik unerbittlich an, immer wieder zeichnen die Bläser dazu fahle Albträume. Das Ganze ist ein überreizter und hohnlachender Walzer, der ganz dezidiert nur ein Ziel kennt: Untergang und Tod. ... Da lauschen und schauen Publikum wie Musiker in einen grausigen Abgrund, der bei Shani nichts Metaphysisches hat, sondern alle Kriege, Ausbeutungen, Foltern dieser Welt meint."
Weitere Artikel: Hanspeter Künzler spricht für die NZZ mit der Experimentalmusikerin LaurieAnderson über deren neues Album "Amelia". Axel Brüggemann spricht für Backstage Classical mit Petr Popelka, der in dieser Saison seine Position als Chefdirigent der WienerSymphoniker antritt. Wie bereits Johanna Adorján in der SZ (hier unser Resümee) feiert auch Antonia Baum in der Zeit den Irrsinn im neuen Musikvideo "Tailor Swif" von A$APRocky. Stefan Ender resümiert im Standard den Saisonauftakt im WienerMusikverein. Stefan Weiss plädiert im Standard für mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Oasis-Comeback. Im Standardfreut sich Christian Schachinger auf die österreichischen Konzerte des Schweizers Manuel Gagneux, der mit seinem Projekt Zeal & Ardor Gospel mit Black Metal vermählt. Das klingt dann so:
Besprochen werden das neue Album des JoachimKühnFrenchTrios (FR), das neue Album von Nick Cave (taz, mehr dazu bereits hier) und ein Konzert der Band Tinariwen in Frankfurt (FR).
In der Frankfurter Pop-Anthologie befasst sich Thomas Combrink mit JohnCales Song "Paris 1919":
"In den letzten Jahren haben immer mehr Modefirmen Farben für sich vereinnahmt", beobachtet Florian Siebeck in Frankfurter Allgemeine Quarterly: "Neue Designer, besonders junge, schicken sich an, bestimmte Töne zu besetzen, um sie zum Träger bestimmter Werte und Marken zu machen. Dabei geht es nicht mehr zwingend darum, sich die exklusive Nutzung eines Farbtons zu sichern, sondern darum, dass die Öffentlichkeit ihn untrennbar mit dem Namen eines Hauses verbindet. Farben als Distinktionsmerkmal." Vor allem "junge Designer wie Maximilian Davis" versuchen "sich mit emblematischen Farben einen Namen zu machen. Damit kommen sie auch den Kunden entgegen, deren Kaufverhalten sich geändert hat. Sie sind subtiler unterwegs und weniger exaltiert. Die Häuser suchen einen Stil, der frisch und einprägsam ist und gleich ins Auge fällt, ohne gleich von der großen Masse erkannt zu werden. Farbe eignet sich dafür wunderbar."