Im Kino

Wie ein Opfer

Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
04.09.2024. Weil sie unbeabsichtigt den Tod eines Studenten verursacht, flieht eine junge Frau in die Türkei. Doch auch dort wartet nicht das Glück, sondern nur eine Mogelpackung namens Mehmet. Trotz kleiner Schwächen überzeugt Aslı Özarslans Verfilmung von Fatma Aydemirs Roman "Ellbogen", vor allem dank der famosen Hauptdarstellerin Melia Kara, als Geschichte über Ausgrenzung und eine Flucht ins Ungewisse.

Hazal wird achtzehn, kommt aus einer türkischen Familie und lebt im Wedding in Berlin. Die deutsche Arbeitswelt kann ihr kaum etwas bieten: Im Bewerbungsschreiben korrigiert das Rechtschreibeprogramm ihren türkischen Namen zu einer deutschen Quatsch-Konstruktion, kaum einer gibt sich Mühe, ihren Nachnamen richtig auszusprechen, statt der erhofften Ausbildung im Altersheim bekommt sie ein dreimonatiges Praktikum angeboten. Schön metaphorisch ist in Aslı Özarslans Verfilmung von Fatma Aydemirs Roman "Ellbogen" schon eine frühe Szene, in der Hazal mit der automatischen Tür des Seniorenheims hadert, in dem sie sich bewerben will - man kennt das: wenn sich die Elektronik den Wünschen widersetzt und man wie ein Idiot mit der Hand winkt, um den Bewegungssensor anzustacheln. Bei Hazal allerdings hat die Tür, die sich automatisch öffnen sollte, ihr aber entschlossen den Zugang verweigert, eine viel weitere, und, wie im Verlauf des Films klar wird, tragische Dimension.

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Hazals Tante hat es irgendwie geschafft, hat einen guten Beruf gefunden und dem Wunsch der Familie entsprochen, vor allem dem Wunsch der Mutter Hazals, die die Umarmung, die Hazal dringend braucht nach ihrem enttäuschenden Bewerbungsgespräch, nicht ertragen kann. Aber Hazal ist eben anders, die Dinge fügen sich nicht und sie fügt sich ihnen nicht. Zu ihrem achtzehnten Geburtstag zieht sie mit ihren Freundinnen los, man trinkt, man tanzt, schminkt sich, vergisst den ganzen Mist - diese Momente, die in diesem Alter so intensiv und prägend sind, weiß Özarslans Film auf sehr glaubhafte Weise darzustellen. Doch der wahrscheinlich seit langer Zeit herbeigesehnte Abend erweist sich als herbe Enttäuschung: Die Mädels wollen in einen Berliner Club, aber dem Türsteher sind die paillettenbesetzen Absatzschuhe und die großen Ohrringe wohl nicht cool genug, er weist sie ab. Was man in einem fortgeschrittenen Alter mit einer betrunkenen Wutrede und anschließendem Schulterzucken quittieren würde, ist für eine Achtzehnjährige ein Weltuntergang, umso mehr, als die empfundene Demütigung ein Gefühl bestätigt, das schon lange da ist: "Ich gehöre nicht dazu" - "Wie ein Opfer", sagt Hazal, und das will sie partout nicht sein. Dieses Ereignis führt den Film zu seiner Schlüsselszene: Die Mädchen werden von einem jungen Typen an der U-Bahn rassistisch angemacht und bedrängt, die Begegnung eskaliert, am Ende ist der Mann tot.

Diese Szene ist stark, am Anfang versuchen die Freundinnen nur, sich den Mann vom Hals zu halten, als er nicht lockerlässt, schlagen sie zu - einmal, zweimal, als er am Boden liegt, beginnen Hazal und ihre Freundin, ihm in den Bauch zu treten. Hier werden die Opfer zu Täterinnen, die Kamera zeigt die Gesichter der Mädchen, die durchaus eine gewisse Lust und Befreiung spüren, während sie zutreten. Allerdings liegt in dieser zentralen Szene auch eine kleine Schwäche des Films, weil man das Gefühl bekommt, dass der Film vor seiner eigenen Courage zurückschreckt. Natürlich hat "Ellbogen" eine schwierige Gratwanderung zu bewältigen: Hazal wird zur Mörderin - gleichzeitig muss sie Identifikationsfigur bleiben. Deshalb ist der Student ja irgendwie auch ein bisschen selber Schuld, dass er so ein rassistischer Idiot ist und Mädchen belästigt und sein Tod ist definitiv ein Unfall. Was genau den Mann umgebracht hat, zeigt uns der Film nicht (unerklärlicherweise wurde der Film trotz dieser Aussparung mit FSK 16 eingestuft), wir können lediglich vermuten, dass er nach einem Stoß durch Hazal so unglücklich fällt, dass er sofort tot ist. Letztlich wirkt das doch etwas allzu konstruiert - auch der Dialog kommt in dieser Szene nicht besonders glaubwürdig rüber. Sie ist trotzdem eine starke Ausgangssituation für alles Weitere: Hazal tut nicht das Vernünftige - sich den Behörden stellen, sich entschuldigen, bereuen - sondern sie flieht nach Istanbul zu ihrem Bekannten Mehmet.


Das Herausragende an diesem Film ist ohne Zweifel seine Hauptfigur, die Melia Kara mit einer sehr authentischen Mischung aus achtzehnjährigem Trotz, Unsicherheit, Verzweiflung und auch Aggression verkörpert. Allein in Hazals zaghaftem "mhmm", wenn sie nicht weiß, was sie auf eine Frage antworten soll oder nicht antworten will, steckt sowohl Zartheit als auch Widerstand.

In Istanbul gibt es kurze Momente der Erleichterung, hier kommt Hazal ohne Probleme in einen Club, mit genau denselben Schuhen. Aber lange währt das Glück nicht. Mehmet offenbart sich als Mogelpackung: Er ist erstens drogenabhängig und zweitens nicht besonders empathisch. Auch die politische Situation in der Türkei ist natürlich alles andere als rosig, wie die Protagonistin erfahren muss, als sie von einem Polizisten brutal angegangen wird, der gar nicht nach ihr sucht, sondern nach Mehmets Mitbewohner, der sich im kurdischen Widerstand engagiert. Aber für Hazal gibt es kein Zurück. Deshalb kann ihre Tante, die sie am Ende des Films besucht und sie zur Rückkehr bewegen will (sie könne ja im Gefängnis ihr Abitur nachholen) nur verlieren. Hazal will nicht reumütig und geschlagen in das Land zurückkehren, dass sie nie so richtig haben wollte. Und deshalb rennt sie am Ende dieser trotz kleiner Schwächen eindrücklichen Geschichte weiter ins Ungewisse.

Alice Fischer

Ellbogen - Deutschland, Türkei, Frankreich 2024 - Regie: Aslı Özarslan - Darsteller: Melia Kara, Doğa Gürer, Jale Arıkan, Haydar Şahin, Orhan Kiliç u.a. - Laufzeit: 86 Minuten.