Efeu - Die Kulturrundschau

Das Zarte und Verwunschene

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29.07.2024. Thom Luz' Adaption von Stefan Zweigs historischen Miniaturen "Sternstunden der Menschheit" bei den Salzburger Festspielen fällt bei den Kritikern weitgehend durch: Die FAZ sieht immerhin starke Schlussszenen. Alle trauern um den Komponisten Wolfgang Rihm: Er sprengte den Mythos vom Originalgenie in die Luft, erinnert die NZZ. Die SZ wird ihn als "lichten Romantiker" vermissen. Hollywood hat einen neuen Schauspielstreik, diesmal in der Gamesbranche, berichtet die SZ außerdem.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2024 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Sternstunden der Menschheit" in Salzburg. Foto: Sandra Then.

Eine Sternstunde des Theaters war das leider nicht: Die Kritiker taten sich überwiegend schwer mit Thom Luz' Adaption von Stefan Zweigs historischen Miniaturen "Sternstunden der Menschheit" bei den Salzburger Festspielen. Für FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier gerät die Aufführung zum "Schnipselgewitter", denn Luz baut aus den Texten eine Collage, in die er außerdem Tagebuchauszüge und Briefe einbaut, die Zweig im Exil schrieb. Das wirkt alles sehr willkürlich, meint Hintermeier, die Wirkung von Zweigs Prosa geht größtenteils verloren. Immerhin hält das Ende noch einige starke Szenen für den Kritiker bereit: "Am Ende überblendet Thom Luz zwei Freitode zu einem: Cicero und Zweig, Schicksalsgenossen insofern, als sie erkennen, dass sie in der jeweils neuen Zeit keinen Platz mehr haben. Mit den finalen Szenen gelingen der Inszenierung beklemmende Bilder. Barbara Melzl liest in gelbem Tüll von der Rampe aus Zweigs letzten Briefen, immer heftiger muss sie gegen den sich aufschaukelnden Tumult hinter ihr anschreien, bis ihre Stimme nicht mehr zu vernehmen ist. Diese Wechsel zwischen Stille und Furioso beherrschen Luz und Komponist Mathias Weibel."

Nachtkritikerin Gabi Hift sieht es ähnlich. Es gibt zwar eine "famose vierköpfige Band", die "brasilianische Musik spielt wie Zweig sie in den letzten Jahren seines Exils in den Straßen gehört haben wird: Chôro, bei der sich Walzer, Polka und populäre Schlager mit afrikanischen Rhythmen mischt." Die Schauspieler sind auf der Bühne aber zu beschäftigt, hecktisch historische Artefakte durch die Gegend zu tragen und Trümmer aufeinanderzustapeln, so Hift, die Musik "ignorieren sie entweder, oder sie singen mit nicht dazu passenden europäischen Liedern dagegen an, bis nur eine Kakophonie bleibt". In der FR ist Judith von Sternburg gar nicht überzeugt, auch Christiane Lutz hat in der SZ ihre Schwierigkeiten.

In der NZZ ist Ulrich M. Schmid erzürnt über Nina Chruschtschowas Eröffnungsrede (unser Resümee) bei den Festspielen, die er "einseitig, anmaßend und naiv" fand: "Einseitig, weil sie Puschkin als unschuldiges Opfer eines wütenden ukrainischen Nationalismus präsentierte und darüber schwieg, dass der russische Nationaldichter in seiner Lyrik die zaristische Unterwerfung des Kaukasus und die Niederschlagung des Polenaufstandes verteidigt hatte. Die Rede war anmaßend, weil Chruschtschowa ihren sprachlichen Kniefall - der in der gedruckten Fassung interessanterweise nicht vorkommt - 'im Namen der ganzen russischen Nation' vollzog. Jener Nation, die sich auf Putins Normalitätsversprechen eingelassen hat und den Ukraine-Krieg als notwendiges Übel betrachtet? Jener Nation, die nicht einmal den Mut aufbringt, an den Urnen ihrem kriegslüsternen Präsidenten die Unterstützung zu verweigern? Jener Nation, deren beste Köpfe entweder ins Ausland geflohen sind, im Gefängnis sitzen oder ermordet wurden?"

Ebenfalls der NZZ ist Christian Wildhagen genervt von Claudia Roths Vorschlag (unser Resümee), bei den Bayreuther Festspielen auch mal etwas anderes zu spielen als Wagner. Für ihn kommt das überhaupt nicht in Frage, vor allem weil Festspielleiterin Katharina Wagner schon einige Maßnahmen ergriffen hat, um die Festspiele jünger und moderner zu gestalten. Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung von "Tristan und Isolde" (unser Resümee) bleibt aber dennoch etwas hinter den Erwartungen des Kritikers zurück, weil der Regisseur die Oper als "Liebesdrama sehr kleinteilig und eher konventionell als Kammerspiel" inszeniert. In der taz schreibt Regine Müller zur Inszenierung.


FAZ-Kritiker Jan Brachmann hatte in Bayreuth dafür viel Spaß mit Tobias Kratzers Inszenierung von "Tannhäuser" und Jay Scheibs "Parsifal".
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Architektur

In der FAZ geht Kritiker Ulf von Rauchhaupt auf architektonische Spurensuche nach den Maya. In der "Maya-Metropole" Tikal befinden sich die berühmten Tempelpyramiden aus der klassischen Maya-Periode, die etwa vom 3. bis 9. Jahrhundert reicht. Viele freigelegte Bauwerke und Inschriften auf den Steinen geben den Forschern Aufschluss über die "untergegangene Zivilisation", so Rauchhaupt: "Anderes von dem, was die Steine Tikals uns zuflüstern, ist zwar deutlich, aber dennoch voller Rätsel. Dazu gehören Bauten wie der Tempel, zu dem wir jetzt hinaufgestiegen sind, dem nach der Pyramide zweitgrößten Bauwerk im Mundo Perdido. Er steht auf einer Plattform, deren Flanken als Abfolge schräger und senkrechter Flächen ausgeführt sind. Dieses sogenannte Talud-tablero-Design ist charakteristisch für die Architektur der großen Stadt Teotihuacán. Vor ihrem jähen Untergang im sechsten Jahrhundert blühte jene Metropole mehr als 200 Jahre lang gleichzeitig mit Tikal - aber auf dem Hochland von Mexiko, tausend Kilometer entfernt."
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Stichwörter: Maya, Tikal, Mexiko

Musik

Wolfgang Rihm, 1952 - 2024. (Bild: Hans Peter Schaefer, CC BY-SA 3.0)

Die Feuilletons trauern um Wolfgang Rihm, den großen Anti-Dogmatiker und de facto bundesrepublikanischen Haus- und Hof-Komponisten. Denkschulen und Reglements waren ihm verhasst, auch wenn er "beileibe nicht der erste Komponist der Nachkriegszeit war, der sich gegen den Dogmatismus speziell der deutschen Avantgarde wehrte und wieder zurückkehrte zu den musikalischen Gestaltungsmitteln, wie sie seit dem 19. Jahrhundert bereitstehen", schreibt Eleonore Büning, Rihms Biografin, in der NZZ. Doch "Rihm hat, kraft seiner Musik, das Avantgarde-Denken bereits in den siebziger Jahren so desavouiert, dass es sich selbst abschaffte. Er sprengte zugleich den noch viel älteren Mythos vom Originalgenie in die Luft. Nicht nur Rihm selbst, jeder junge Komponist sucht sich seither seine Regeln selbst. Diese Errungenschaft ist irreversibel."



Seit 1970 nahm Rihm es mit dem verkrusteten Denken in der Neuen Musik auf, schreibt Jan Brachmann in der FAZ: "Mit einer Vehemenz, die damals verstörte, sagte der noch nicht einmal Zwanzigjährige in seiner Kunst 'Ich'. Als auf dem Höhepunkt der seriellen Musik das Subjekt fast völlig durch das System erstickt worden war, ... setzte ein junger Mann auf Körper, Ausdruck, Wucht wie Innigkeit gleichermaßen. ... Zugleich faszinierten ihn die 'Verlaufsformen' mehr und mehr: das Momenthafte des Werks und die Überlegungen, dessen Fest-Stellung in der definitiven Gestalt zu entkommen. Der Orchesterzyklus 'Jagden und Formen', der als 'work in progress' zwischen 1995 und 2008 wuchs und sich wandelte, ist so ein klingender Essay über Zeit und Gestalt. "Vers une symphonie fleuve" dachte zuvor schon über musikalischen Gestaltwandel im Fluss, über mähliche Zustandsveränderungen und die Eingliederung des Impulsiven in langfristige Verlaufskurven nach."



"Rihm war ein Erbe des Expressionismus", hält Reinhard J. Brembeck in der SZ fest, "seine Ausdruckslust maßlos, sein sich Hineinschrauben und Tiefenbohren in Menschenschicksale von höchst emotionaler Wucht. Auch ein ungern über Puccini hinaus hörendes Publikum konnte sich dem verführerischen Sog und der Elementarwucht dieser Musik nicht entziehen. ... Rihm war ein lichter Romantiker, seine Gedankenwelt und sein Klangsehnen waren zutiefst im 19. Jahrhundert verwurzelt, das wurde in seinem Komponieren mit der Zeit immer deutlicher. ... Er entdeckte zunehmend das Zarte, das Verwunschene."

Manuel Brug verabschiedet sich in der Welt von Rihm als Lebemann und künstlerischem Allrounder, hebt allerdings auch sanft kritische Töne unter: Rihm war "stilistisch ein wenig vorhersehbar." Er "rüttelt vielleicht auf, verstört aber nur selten. ... Überraschend, innovativ gar, war er, seit er eine gewisse Meisterschaft, seinen Platz auf dem Klangolymp erreicht hatte, nur noch selten. Dafür verlor er sich allzu gern in seinem scheinbar amorphen, schön schillernden Tonfluss samt ruppiger Orchestertutti, zart, doch stählern." Weitere Nachrufe schreiben Judith von Sternburg (FR), Ljubiša Tošić (Standard) und Christian Wilhagen (NZZ).

Bei den Salzburger Festspielen hat Igor Levit Beethovens Siebte in der Fassung für Klavier von Franz Liszt aufgeführt. Der Pianist "meißelt und donnert die vier Sätze mit aller verfügbaren Energie in den Flügel", beobachtet Wolfgang Schreiber in der SZ. "Das konfrontative Denken in Tönen ist Levits Sache. ... Das Perkussive beherrscht den Gang der Ereignisse, auch im Allegretto-Satz und dem atemlos leichtfüßigen Scherzo in der Presto-Gangart. Der fließende Orchesterklang kann vergessen werden, der Rhythmus im geschlagenen Klavierklang wird wie nackt empfunden, wie neu zu hören. Beethovens auskomponierte Hochspannung und deren perkussive Verfremdung gehen Hand in Hand." Für BR Klassik bespricht Johann Jahn den Abend.

Weiteres: Jakob Thaller wirft für den Standard einen Blick darauf, wie die Popkultur sich zum US-Wahlkampf verhält. Besprochen werden die Autobiografie der feministischen Punkmusikerin Kathleen Hanna (Jungle World), die Autobiografie des Londoner Musikers Wreckless Eric (taz), Celine Dions Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele (SZ), eine konzertante Aufführung von Richard Strauss' Oper "Capriccio" von Elsa Dreisig mit den von Christian Thielemann dirigierten Wiener Philharmonikern (SZ), Herbert Grönemeyers Auftritt beim CSD Berlin (Tsp), das neue Album von Deep Purple (FAZ) und eine CD-Box mit Aufnahmen des Baritons Lawrence Tibbett (FAZ).
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Literatur

Sophia Zessnik (taz), Christian Baron (SZ) und Marc Reichwein (Welt) erinnern an den vor fünfzig Jahren gestorbenen Erich Kästner. Dlf Kultur hat aus diesem Anlass ein Literaturfeature von Hans Rubinich über Kästner online gestellt. Außerdem melden die Agenturen, dass die irische Schriftstellerin Edna O'Brien mit 93 gestorben ist.

Besprochen werden unter anderem der Band "Senza Casa" aus der Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe (für die SZ vom TA online nachgereicht), Rachel Cusks "Parade" (Freitag), Thomas Medicus' Biografie über Klaus Mann (taz), Iris Wolffs "Lichtungen" (Standard), Elizabeth Pichs Comic "Fungirl" (Standard), Martina Hefters "Hey guten Morgen, wie geht es Dir?" (online nachgereicht von der FAZ), Éliette Abécassis' "Bevor wir uns vergessen" (Standard), Dieter Richters "Costiera Amalfitana. Geschichte einer Landschaft" (online nachgereicht von der FAZ) und Deborah Levys "Die Position der Löffel" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Sabrina Habel über Heinrich Heines "Die Heimkehr: Gedicht LXIX":

"Wir fuhren allein im dunkeln
Postwagen die ganze Nacht ..."
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Film

Hollywood hat einen neuen Schauspielstreik - diesmal trifft es allerdings die Gamesbranche, die schon seit langem viel mehr Umsatz macht als das Filmgeschäft. Aktuell geht es um die Verwendung von KI-Kopien bekannter Schauspieler, "Für beide Seiten steht viel auf dem Spiel", schreibt Philipp Bovermann in der SZ. "Games sind die Zukunft, so sehen das viele in Hollywood. Aber die Zukunft der Games lautet: KI. ... Gameskonzerne, aber auch externe Unternehmen wie Convai oder Inworld investieren derzeit in die Entwicklung von etwas, das man Seelen-Generatoren für die Figuren in Computerspielen nennen könnte. Das dürfte die Position der Schauspieler nicht eben verbessern. Denn wenn Matthew McConaughey die Hülle liefert und das Games-Studio die Seele, wo hört das eine auf und wo beginnt das andere? Inwiefern kopiert die KI nur seinen Schauspielstil und in welchem Grad ist sie dabei selbst schöpferisch? Sollte man Schauspieler auch ohne ihr Schauspiel lizenzieren dürfen?"

Außerdem: Pamela Jahn spricht in der NZZ mit dem Schauspieler Peter Kurth - aktuell im Kino zu sehen in der Wendekomödie "Zwei zu Eins" (besprochen in der Welt und bei uns) - über dessen Ost-Herkunft. Besprochen wird die zweite Staffel der Netflix-Serie "Kleo" (taz).
Archiv: Film