Efeu - Die Kulturrundschau

Zwischen Lustschrei und Flüstern

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24.07.2024. Die Bayreuther Festspiele waren schon immer ein Hort der starken Frauen, erinnert sich die Welt. Die FAZ besucht die Kunstausstellung Nord Art, auf der es um nichts weniger als das Aussterben der gesamten Menschheit geht. Bildungsangebot, radikale Geste oder Gedenkübung? Zeit Online ist eher ratlos angesichts RP Kahls Peter-Weiss-Verfilmung "Die Ermittlung". Die taz berichtet von den fürchterlichen Haftbedingungen, denen die belarussischen Folkmusiker Nadzeya und Uladzimir Kalach nach ihren Anti-Lukaschenko-Protesten ausgesetzt waren.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2024 finden Sie hier

Kunst


Battogtokh Turbat: "Judgement" © Jörg Wohlfromm

Im beschaulichen schleswig-holsteinischen Büdelsdorf findet die Nord Art statt, eine der größten Kunstausstellungen Europas. Dieses Jahr feiert sie ihr 25. Jubliäum - und versammelt, so Selma Schiller in der FAZ, Kunstwerke aus aller Welt, die seismographisch die konfliktbeladene Weltsituation abbilden. Zum Beispiel die Arbeit "Judgement" des Mongolen Battogtokh Turbat, "eine gigantische Installation aus achthundert blutrot gefärbten, mit spinnennähnlichen Beinen aus Eisen versehenen Schulterblattknochen von Schaf und Ziege, die wie riesige Insekten aus der Decke des Raumes zu quellen scheinen und Wand und Boden in einer rasenden Geschwindigkeit bevölkern. (...) Jedes Schulterblatt steht dabei gleichzeitig für zehn Millionen Menschen und soll in der Gesamtheit das künftige Ableben aller 8,1 Milliarden Menschen angesichts von Naturkatastrophen und anderer in der Zukunft möglicher Heimsuchungen symbolisieren."

Außerdem: Marcus Woeller entdeckt für die Welt in einer Ausstellung in der Scuola Grande San Giovanni Evangelista, Venedig einen der großen Unangepassten der jüngeren Kunstgeschichte. Der Jude Boris Lurie überlebte als Kind die nationalsozialistischen Konzentrationslager und wurde später zu einem Provokateur der amerikanischen Kunstszene. Lurie "konterkariert auf künstlerisch hohem Niveau die verhassten Mittel der Pop-Art, spielt mit der Agitprop von Dada-Collagen und der Mehrdeutigkeit von Readymades, wofür Scheißhaufen aus Keramik ein Beispiel sind."Daniel Völzke portraitiert in monopol die Künstlerin Linder, deren Werk nächstes Jahr in der Londoner Hayward Gallery ausgestellt wird.

Besprochen werden Gallis Schau "Seht zu, wie ihr zurechtkommt" im Berliner Palais Populaire (taz Berlin), "Ellsworth Kelly - formes et couleurs, 1949-2015" in der Pariser Fondation Louis Vuitton, die Smartphone-Ausstellung "The World In My Hand" in der Münchener Alexander-Tutsek-Stiftung (SZ), eine Stefan-Hirsig-Ausstellung in der Galerie Haverkampf Leistenschneider, Berlin (FR) und Toyin Ojih Odutolas Schau "Ilé Oriaku" in der Kunsthalle Basel (monopol).
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Literatur

Harry Nutt befasst sich in der FR mit Theodor Fontanes Antisemitismus. Die Schriftstellerin Ronja von Rönne verzweifelt in der NZZ am Erwachsenwerden. Anna Nowaczyk erinnert in der FAZ an Kafkas Reise im Sommer 1907 nach Löwy in Triesch.

Besprochen werden Tobi Dahmens Comic "Columbusstraße" (Intellectures), Peter Kerns "Dorfansicht mit Nazis" (taz), Elif Shafaks "Am Himmel die Flüsse" (TA), Hiroko Oyamadas "Das Loch" (FAZ) und Paul Lynchs "Das Lied des Propheten" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
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Film

Gedenkübung: RP Kahls "Die Ermittlung"

Eher ratlos steht Tobi Müller von Zeit Online vor RP Kahls Verfilmung von "Die Ermittlung", Peter Weiss' Theaterarbeit aus dem Jahr 1965 über den ersten Frankfurter Auschwitzprozess, das "wohl wichtigste deutsche Theaterstück der Sechzigerjahre". Dass Carlo Chatrian den Film nicht zur Berlinale eingeladen hat, kann Müller nun besser verstehen, den Protest dagegen hingegen weniger. "Die Pressetexte zum Film bewerben ihn als 'ein künstlerisch radikales Filmprojekt!' Aber was ist radikal daran, ein Theaterstück abzufilmen? ... Für wen ist diese neue Ermittlung gemacht? Für jüngere Menschen, die man damit bilden könnte oder sollte, wären vier Stunden praktisch bewegungslose Einstellungen im Studio eine sehr hohe Hürde. Liebhaber der Theatergeschichte? Der Film fügt den berühmten Inszenierungen kaum etwas hinzu, erst recht nichts Radikales. Dritte Möglichkeit, nach langem Nachdenken: Der Film ist als eine Art Gedenkübung gedacht, als Teil der deutschen Erinnerungskultur, um sich dem Thema in einem gemeinschaftlichen Raum auszusetzen. Allein: Dazu ist das Theater der bessere Ort, gerade wenn man von der Bühnenästhetik so wenig abweicht wie dieser Film. "

Bert Rebhandl berichtet in der FAZ vom Filmfestival in Odessa und verzeichnet, wie im ukrainischen Kino - das seit einer Reform von 2020 stärker in den ukrainischen Staat eingebunden ist - Verhandlungen von Identitätsfragen und ein ästhetischer Konservatismus stärker werden. Daneben sind Spuren auszumachen, wie die Ukraine sich selbst in der Zukunft sieht, "am deutlichsten vielleicht in 'Yasa' von Sergii Masloboischtschikow, dem ehrgeizigsten Film im Nationalen Wettbewerb. Ein Kammerspiel wie früher bei Ingmar Bergman, mit zwei Frauen in einem neureichen Ambiente, wie es so nur oligarchischen Konstellationen entstammen kann. Die ältere Hanna, die eine junge Frau namens Darka von einem Kriegstrauma befreien will, das diese im Donbass erlitten hat, ist eine Figur der alten Systeme: einflussreich geworden unter dem Präsidenten Janukowitsch, versucht sie bis heute, auf allen Seiten gleichzeitig zu stehen. Sie verzweifelt an Darka. Und dieser Generationenkonflikt, hier in einem künstlerisch überladenen Prestigefilm, wird die Ukraine prägen."

Weitere Artikel: Reinhard Kleber erzählt im Filmdienst von seiner Begegnung mit Peter König, der als Filmagent Kinos mit Filmen versucht. Maxi Leinkauf porträtiert im Freitag die Schauspielerin Ursula Werner, die aktuell im Kino in "Zwei zu eins" zu sehen ist. Mit der Regisseurin dieses Films, Natja Brunckhorst, hat sich Bert Rebhandl für die FAS getroffen. Sandra Kegel berichtet in der FAZ von den Dreharbeiten zu Niki Steins ARD-Film "Stammheim - Hauptstadt der RAF". Die gemütliche RTL-Krimireihe "Miss Merkel", in der eine fiktive Variante der Altbundeskanzlerin Kriminalfälle ausknobelt, hat im italienischen Fernsehen ansehnliche Einschaltquoten, meldet Daniele Muscionico in der NZZ.

Besprochen werden Shawn Levys Superhelden-Film "Deadpool & Wolverine" (Presse, Standard, Welt) und die Netflix-Doku "Skywalkers: A Love Story" (SZ).
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Bühne

Katharina Wagner, 2009 © Tafkas, Lizenz: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Immer schon "ein Hort der starken Musiktheaterfrauen" waren die diesen Donnerstag startenden Bayreuther Wagner-Festspiele, stellt Manuel Brug in der Welt klar. Das gilt schon für die Leitung des Spektakels: "Sechs Jahre leitete Richard Wagner Bayreuth, 23 Sommer Cosima, 22 Siegfried, 14 Winifred, 57 Wieland und Wolfgang, inklusive 2024 inzwischen 15 Jahre Eva und Katharina. Das macht 85 Jahre für die Männer und immerhin 52 für die Frauen." Aber auch musikalisch: "Zum Probenanfang der diesjährigen Festspiele machte das Foto eines weiblichen Triumvirats schnell die Runde in den sogenannten sozialen Medien: das der drei Dirigentinnen Oksana Lyniv (seit 2021 als erste Frau am Pult in Bayreuths 'mystischem Abgrund', dem Orchestergraben), Natalie Stutzmann (im zweiten Sommer) und der Wagner-Veteranin Simone Young, die hier schon als Barenboim-Assistentin Proben dirigiert hat, allerdings jetzt erstmals regulär den 'Ring' übernimmt. Damit stehen 2024 neben Semyon Bychkov und Pablo Heras-Casado erstmals mehr Damen als Herren am Pult auf dem Grünen Hügel." Eines fehlt freilich immer noch in Bayreuth, wendet Christiane Peitz im Tagesspiegel ein, nämlich, "dass endlich eine Regisseurin inszeniert. Tatjana Gürbaca war für den 'Ring' 2022 im Gespräch, es hat nicht geklappt."

Mehr aus Bayreuth: Valentin Schwarz spricht für nmz mit dem "Ring"-Regisseur Valentin Schwarz. Joachim Lange wiederum unterhält sich, ebenfalls für nmz, mit einer der drei erwähnten Wagner-Dirigentinnen, Simone Young. Christiane Lenz porträtiert in der Berliner Zeitung den israelischen Regiestudent Kerem Hillel, der dieses Jahr den "Fliegenden Holländer" inszeniert.

Immer eine Reise wert sind laut FAZlerin Lotte Thaler auch die Opernfestspielen in Heidenheim. Dieses Jahr präsentiert die Regisseurin Rosetta Cucchi eine denkbar unsentimentale Inszenierung von Giacomo Puccinis "Madame Butterfly": "So schonungslos in der Desillusionierung einer Frau sieht man diese Oper nicht alle Tage. Cio-Cio-San lebt als Kindfrau in einem Muschelgehäuse des Bühnenbildners Tassilo Tesche, wird von allen Männern - dem Heiratsvermittler Goro (Musa Nkuna), dem Onkel Bonze (Alexander Teliga) - hin und her geschoben und ist wie in einem Wahn gefangen, dass Pinkerton sie liebt. Olga Busuioc verausgabte sich dabei in fast beängstigender Rollenanverwandlung, zwischen Lustschrei und Flüstern, Traumvision und Verlust des Verstands."
Archiv: Bühne

Architektur

Bei allem Wirbel um Joe Chialos Bibliothekspläne im Gebäude der Galeries Lafayette sollte man nicht übersehen, dass in Berlin noch eine ganze Reihe weiterer Kaufhauskolosse mit ungewisser Zukunft in der Gegend herumstehen, findet Florian Heilmeyer in der taz. In der Neuköllner Karl-Marx-Straße wurde ein Kaufhaus nun von einem privaten Investor umgebaut, diesen Sommer öffnet das "Kalle". Herausgekommen ist eine Mischung aus Büroflächen, Läden und Gastronomie. Architektonisch ist das durchaus ansprechend: "Noch vor wenigen Jahren wäre ein solches Bestandsgebäude mit seinem deprimierenden Betonparkhaus umstandslos abgerissen worden. Jetzt sieht das anders aus. Investoren stehen auf Umnutzung, Nachhaltigkeit ist ein Verkaufsfaktor. Auch deswegen ließen die Investoren von Max Dudlers Architekturbüro ein Konzept erstellen, in dem die Tragstruktur des Altbaus bewahrt bleibt. Nur die Fassaden wurden entfernt und die betone Spiralrampe für das Parkhaus. An deren Stelle setzten die Architekt*innen ein aufwendig konstruiertes Glasdach über dem 'Marktplatz' ein. Hoch darüber werden die Dachterrassen von Kauf- und Parkhaus durch eine schmale Brücke mit Glasbrüstungen verbunden - sieht auch ziemlich instagramable aus." Ein Modell für die Zukunft? Heilmeyer ist skeptisch, er sähe anstatt der privaten Wirtschaft, die die Gentrifizierung vorantreibt, lieber kommunale Nutzungsmodelle.
Archiv: Architektur

Musik

Die belarussischen Musiker Nadzeya und Uladzimir Kalach sind nach zwei Jahren Haft entlassen worden und nach Berlin geflohen. Die beiden Köpfe der Folkband Irdorath hatten gegen Lukaschenko protestiert (unser Resümee). Jens Uthoff berichtet in der taz von dem Terror, den die beiden ausgesetzt waren: "In der ersten Zeit der Haft sei Uladzimir mit 24 Personen in einer Zelle auf 20 Quadratmetern untergebracht worden, auf dreistöckigen Eisenbetten, in einem Keller mit feuchten Wänden. Kakerlaken seien in der Zelle gewesen, es habe eine Toilette ohne Sichtschutz gegeben. Nachdem er in die Strafkolonie 3 in Viciebsk verlegt wurde, sei der psychologische Terror am schlimmsten gewesen. 'Die Wachleute haben mich wie ein Tier behandelt. Wir wussten: Sie können dich jederzeit mit Schlägen und Strom foltern oder in den Kerker stecken.' Seine Frau Nadzeya war den Großteil der Haftzeit im Frauenlager einer Strafkolonie in Homieĺ interniert, sie berichtet von ähnlichen Qualen: Von wucherndem Schimmel in den Zellen, von "ekligen" Duschen."

Weitere Artikel: Dierk Saathoff erinnert in der Jungle World an das vor 25 Jahren erschienene Tocotronic-Album "K.O.O.K.".  Edo Reents schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Bluesmusiker John Mayall. Jakob Biazza schreibt in der SZ einen Nachruf auf Abdul "Duke" Fakir, den Gründer der Four Tops:



Besprochen werden ein Auftritt von Ziggy Alberts (Presse) und Jack Whites neues, gratis online gestelltes Album "No Name" (Standard-Kritiker Christian Schachinger verspricht einen "wilden Ritt").

Archiv: Musik