Efeu - Die Kulturrundschau
Der wolkenlose Himmel im Nichts
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20.07.2024. Die Entscheidung der Darmstädter Akademie, den Büchner-Preis 2024 an den Südtiroler Dichter Oswald Egger zu verleihen, versetzt die Literaturkritiker in kräftige Wallungen: Die FR feiert Oswald als genialen Lyriker und begnadeten Nature Writer. Sinnlich ist er auch, versichert die Welt. Zeit online ist entsetzt über die Entscheidung: "Unsinn, den man laut liest, bleibt trotzdem Unsinn." Der Tagesspiegel fragt angesichts von Eggers hermetischer Sprache: Was also soll das? Die FAZ urteilt salomonisch: "Publikumsmehrheitsfähig ist so etwas gewiss nicht. Aber preiswürdig." Die SZ feiert Rossinis weiblichen "Tancredi" in Bregenz. Die nachtkritik lernt aus einer Münchner Inszenierung von Ulf Schmidts "Geld oder Leben", was mit sozialverträglichem Frühableben gemeint ist. Der Tagesspiegel bestaunt in Berlin Zoran Minics Stadtansichten von Mailand.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
20.07.2024
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Literatur

Auch Björn Hayer ist in der FR höchst erfreut über die Wahl der Darmstädter Akademie: "Diese Entscheidung sendet zwei Signale aus: Erstens prämiert man einen genialen Lyriker und schiebt damit erneut vor allem ästhetische Maßstäbe für die Vergabe in den Vordergrund. Zweitens wird ebenso das Nature Writing gewürdigt, wie es in ähnlicher Weise Esther Kinsky oder Daniela Danz betreiben. Genau darin besteht auch die politische Komponente eines an der Oberfläche unpolitischen Œuvres. Egger gibt der durch Klimawandel und menschlichen Fortschritt gebeutelten Natur eine Stimme - indem er sie in all ihren Facetten personifiziert und indem er dazu, so weit es geht, von unserer Grammatik abweicht."
Wass Egger will, "ist die Aufhebung der kategorialen Grenze von Literatur und bildender Kunst", meint in der SZ Burkhard Müller. Eigentlich kann Literatur das nicht leisten, meint er. "Das ist Klang, das ist Performance. Man weiß nicht, ob man diese Beharrlichkeit des Kunstwillens beklagen oder bewundern soll. Sie sorgt jedenfalls für unverwechselbare Resultate." Auf Zeit online liefern sich Peter Neumann und Volker Weidermann ein Pro und Kontra über die Entscheidung: Neumann findet Eggers zwar nicht leicht zu lesen, aber höchst anregend im Sinne einer Büchnerschen Romantik: "Nicht der Dichter soll über die Welt befinden, sondern die Sprache soll sich ihre eigene Welt, ihre eigene Natur erfinden." Volker Weidermann hingegen winkt ab: "Unsinn, den man laut liest, bleibt trotzdem Unsinn. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Versuche unternommen, Oswald Eggers Bücher zu lesen. Ich bin jedes Mal auf den ersten Seiten gescheitert. Es sind hermetische Texte. Diese Texte wollen keine Leser." Auch Gerrit Bartels ist im Tagesspiegel mehr als skeptisch: "Die Entscheidung hat etwas sehr Entlegenes, bei aller Sprach- und Kunstfertigkeit von Eggers Lyrik. Niemand muss dessen Arbeiten lesen, das ist klar, aber auch nur wenige können das und haben ihren Spaß dabei. Was also soll das?" In der NZZ würdigt Paul Jandl Egger als "großen Performancekünstler". Und in der FAZ befindet Andreas Platthaus: "Publikumsmehrheitsfähig ist so etwas gewiss nicht. Aber preiswürdig."
Weitere Artikel: In der NZZ-Reihe "Künstler im Schweizer Exil" schreibt Lucien Scherrer über Arthur Koestler. Carolina Schwarz ist in die Toskana gereist um Cornelia Funke zu besuchen und fragt sich über drei taz-Seiten, ob das Interesse der Bestsellerautorin für Klimaschutz ernst gemeint ist. Der Schriftsteller Matthias Göritz liest für die FAZ noch einmal Uwe Johnsons letztes Buch "Heute neunzig Jahr". Elmar Krekeler besucht für die Welt Friedrich Ani. Der Standard würdigt Clemens J. Setz, der am Sonntag beim Literaricum Lech zum Poeta Laureatus gekürt wird. Den mit 20.000 Euro dotierten Uwe-Johnson-Preis erhält die Autorin Iris Wolff für ihren Roman "Lichtungen", meldet die FAZ.
Besprochen werden unter anderem die Unseld-Ausstellung in Marbach (FAZ), Frauke Buchholz' Krimi "Skalpjagd" (FR), Ruth Hoffmanns "Das deutsche Alibi" (taz), Tanja Busses und Christiane Grefes "Der Grund" (taz), Franziska Gänslers "Wie Inseln im Licht" (taz), Annette Hagemanns Gedichtband "Katalog der Kiefermäuler (taz), Jonathan C. Slaghts "Die Eulen des östlichen Eises" (FAZ), Agi Mishols "Gedicht für den unvollkommenen Menschen" (FAZ) und Elif Shafaks "Am Himmel die Flüsse" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie stellt Matthias Weichelt Adam Zagajewskis Gedicht "Römische Stadt in der Provinz" vor:
"Römische Stadt in der Provinz
Diese von den Archäologen ausgefegte Stadt
hat keine Geheimnisse mehr.
Haben sie doch gelebt wie wir.
Abends schauten sie lange aufs Meer,
nippten ohne Eile am süßen Wein
und träumten von den gleichen Dingen wie wir.
..."
Architektur
Im Aedes-Architekurforum kann sich Bernhard Schulz (Tagesspiegel) in der Ausstellung "Stuttgart Main Station: Ein Jahrhundertprojekt wird Realität" einen Eindruck verschaffen, wie der Bahnhof Stuttgart 21 aussehen wird, wenn er 2026 hoffentlich fertiggestellt ist.
Film
Besprochen werden Lee Isaac Chungs Remake von Jan de Bonts "Twister" (NZZ), Roland Emmerichs Sandalenfilm "Those About to Die" (Zeit online, Ulf Lippitz unterhält sich mit dem Regisseur im Tsp über dessen Film), Gabriela Cowperthwaites Thriller "I.S.S." (SZ), Thomas Arslans Noir "Verbrannte Erde" (SZ), Levan Akins "Crossing - Auf der Suche nach Tekla" (FAZ), Natja Brunckhorsts Komödie "Zwei zu eins" über das Jahr 1990 in der DDR (FAZ) und Mike Hodges' "Croupier" (FAZ).
Bühne


Weiteres: Die Sanierung der Komischen Oper in Berlin droht an den Kosten von 500 Millionen Euro zu scheitern, meldet Sophia Zessnik in der taz. Anna Vollmer trifft sich für die FAS mit der aufstrebenden Dramaturgin Lena Brasch, die am Berliner Ensemble Stücke zu Spielerfrauen im Fußball und zu Britney Spears inszeniert hat. Manuel Brug stellt in der Welt mit Nathalie Stutzmann, Simone Young und Oksana Lyniv drei Dirigentinnen vor, die in Bayreuth für Furore sorgen und verbringt einen Tag mit Antonio Pappano, dem Chefdirigenten des London Symphony Orchestras. Besprochen wird Carl Maria von Webers "Freischütz" in der Inszenierung von Philipp Stölzl bei den Bregenzer Festspielen (Zeit, FAZ, FAS)
Musik
Florian Bissig berichtet in der NZZ vom Festival da Jazz in St. Moritz. Nicholas Potter unterhält sich für die taz mit Andrii Yankovskyi über die ungemütliche Lage der Clubszene in der Ukraine. In der SZ nimmt Andrian Kreye ein Treffen mit Maxim Biller zum Anlass, über dessen neue CD "Studio" zu reden. In der FAZ stellt Jan Brachmann zwei Interviewbände mit Musikern vor: "Die Möglichkeit einer gewissen Distanz" mit dem Dirigenten Marek Janowski und Eric Schoones' "Die Wege der Meister. Zen in der Musik".
Besprochen werden ein Konzert von Andrey Shabashev bei Jazz im Palmengarten (FR) und ein Konzert von Peter Maffay im Frankfurter Stadion (FR).
Besprochen werden ein Konzert von Andrey Shabashev bei Jazz im Palmengarten (FR) und ein Konzert von Peter Maffay im Frankfurter Stadion (FR).
Kunst

Die Beriner Galerie Albrecht stellt 22 Stadtansichten von Mailand aus, die Zoran Minic geschaffen hat, Hans-Jörg Rother bestaunt im Tagesspiegel die Bilder, die eben genau nicht die üblichen Touristenziele zeigen, sondern ganz normale Straßen: "Aber von Geschichte, im Grunde nicht einmal von der Gegenwart der lombardischen Metropole wollen diese ruhig abgetönten Visionen einer auto-, menschen- und natürlich auch vollständig smogfreien Stadt (Mailands Smogglocke ist berüchtigt) nichts zeigen, geschweige denn bildhaft erzählen. Dunkelblau schlängeln sich breite und schmale Kanäle an den rosa-, gelb- oder ockerfarbigen Fassaden rechteckiger Häuser vorbei, über deren blassroten Dächern sich der wolkenlose Himmel im Nichts verliert. Es sieht aus, als wären alle Details einem Modellbaukasten entnommen oder, besser gesagt, als verwandle der Künstler die reale Stadt in Elemente eines Modellbaukastens - und die dunkelgrünen Bäume, die er an den Straßenrand setzt, gleich dazu."
Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe unterhält sich für die FR mit Christoph Tannert, der sich als Leiter des Berliner Künstlerhauses Bethanien verabschiedet. Marcus Woeller schreibt in der Welt über den äußerst unangepassten Künstler Boris Lurie. Ein weiterer vom Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi geschaffener Campendonk ist aufgetaucht, meldet die FAZ.
Besprochen werden eine Otto-Dix-Ausstellung im Bündner Kunstmuseum (NZZ), "Who Cares?" im Jüdischen Museum in Wien (taz), Francis Alys' "Ricochets" im Barbican Center (SZ) und die Sonderausstellung zu Alexander Pohl im Glasmuseum Hadamar (FAZ).
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