Efeu - Die Kulturrundschau

Da schimmert förmlich die Luft

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17.09.2021. Die NZZ ist glücklich, dass die Berlinische Galerie dem deutschen Publikum Ferdinand Hodlers spärlich bedeckte Leiber zumutet. Die FAZ freut sich indes, dass die Wiener Albertina mit den Mythen rund um Amedeo Modigliani aufräumt. Der taz vergeht dank Anna-Sophie Mahlers Inszenierung der "Mittagsstunde" in Hamburg endgültig die Lust aufs Landleben. Die SZ spürt ein Gefühl von Freiheit beim 54. Steirischen Herbst. NMZ und NZZ strahlen im Glanz der frisch renovierten Zürcher Tonhalle.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2021 finden Sie hier

Kunst

Bild: Amedeo Modigliani: Weiblicher Halbakt, 1918. Öl auf Leinwand. Albertina Wien - Sammlung Batliner

Überwältigt kommt FAZ-Kritikerin Ursula Scheer aus der prächtigen Amedeo-Modigliani-Ausstellung "Revolution des Primitivismus" in der Wiener Albertina, die gleich mit mehreren Mythen aufräumt: Die Avantgarde-Künstler blickten keineswegs auf indigene Kunst herab - und Modigliani musste sich weder hinter Picasso noch Brancusi verstecken, erkennt Scheer: "Eindrucksvoll gelingt das, wo fast fünftausend Jahre alte frühkykladische Inselidole den Auftakt geben zu einer Serie um 1911 entstandener Zeichnungen Modiglianis von Figuren in Trägerpose. Deren geradlinige Physis weist voraus auf ein späteres Gemälde einer roten Büste, die wie ein archaisches Idol anmutet, findet sich aber auch in den berühmten liegenden Akten, die Modigliani von 1917 bis 1919 auf Leinwände bannte. Gleich mehrere dieser Werke, einst zum Teil wegen der auf ihnen gezeigten Schamhaare skandalumwittert, sind in Wien vereint und stehen für das vieldeutige Frauenbild des Künstlers: Zwar in der Tradition der Venus-Darstellungen, doch ohne allegorischen Anspruch malt er Frauen als in die Fläche gebannte menschliche Skulpturen, sinnlich und abweisend zugleich." Im Standard hätte sich Katharina Rustler allerdings eine Problematisierung des Begriffs "Primitivismus" gewünscht.

Bild: Ferdinand Hodler, Die Nacht, 1889-1890, Foto: © Kunstmuseum Bern


Noch 2003 lehnte das Pariser Musée d'Orsay die Übernahme einer Genfer Ausstellung mit Landschaften Ferdinand Hodlers ab, mit der Begründung, man könne "solche schweizerische Kunst dem französischen Publikum nicht zumuten", erinnert Daghild Bartels in der NZZ und ist umso glücklicher, dass die Berlinische Galerie weniger "zimperlich" ist und Hodler eine prächtige Ausstellung mit dem Titel "Hodler und die Berliner Moderne" widmet: "Am Beginn der Beziehung zu Berlin steht Hodlers wohl berühmtestes Bild, 'Die Nacht' von 1890, das einst in Genf ein Skandal war. Man empörte sich über die nackten, nur spärlich bedeckten Leiber. Sie schlafen in streng horizontaler, paralleler Anordnung. In deren Mitte jedoch schreckt angesichts einer schwarz umhüllten Figur ein Mann auf, unschwer als der Künstler selber zu erkennen. Der dynamische Kontrast zwischen der tiefen Ruhe der Schläfer und dem dramatischen Aufschrecken der zentralen Figur symbolisiert die Nähe des Schlafes zum Tod - eines der lebenslangen Leitmotive Hodlers."

Bild: Dee and Lisa on Mott Street. Little Italy, New York City, USA, 1976 © Susan Meiselas / Magnum Photos

Anders als etwa Diane Arbus interessiert sich die Magnum-Fotografin Susan Meiselas immer für das soziale oder politische Umfeld der von ihr Porträtierten, erkennt Standard-Kritiker Stephan Hilpold beim Besuch der Ausstellung "Mediations" im Kunsthaus Wien. Etwa in den Aufnahmen, die Meiselas von Stripperinnen auf Jahrmärkten in New England machte: "Mit viel Empathie und ungewohntem Blick setzte sich Meiselas mit deren Lebensbedingungen auseinander und versucht die Sichtweise der Dargestellten selbst zu verstehen. Das dürfte ihr nicht immer leicht gefallen sein, als junger Feministin war ihr die Problematik dieses Gewerbes natürlich bewusst. Der fotografische Blick auf die 'carnival strippers' ist kein sexualisierender, sondern einer, der die Natürlichkeit und Ungezwungenheit der Körper feiert. Auf einem Bild in der zweigeschoßigen Ausstellung ist die Fotografin hinter ihrer Hasselblad zu sehen, sie unter vielen Stoffschichten versteckt, die Stripperin vor ihr beinahe nackt."

Außerdem: Im FR-Interview mit Sandra Danicke spricht die amerikanische, im Rollstuhl sitzende Künstlerin Michelle Miles über ihre aktuelle Ausstellung "Crip Time" im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, über körperliche und geistige Dysfunktionalität und integrative Designlösungen. In der Welt schreibt Martina Meister zur Verhüllung des Pariser Arc de Triomphe.

Besprochen werden die laut Tagesspiegel "Höhepunkte" der Berlin Art Week, darunter zwei Ausstellungen des Fluxus-Performers Tomas Schmit und Nachwuchskünstler im Berliner Palais Populaire, eine Installation auf dem "Park Platz" der Berlinischen Galerie (Tagesspiegel), die Sammlung Schedlmayer im Wiener Leopold Museum (Standard), die Ausstellung "Alles!" mit Werken von Alexej Jawlensky im Museum Wiesbaden (FR) und die Ausstellung "Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra - Neue Horizonte" im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) (SZ).
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Literatur

Christian Schröder wirft für den Tagesspiegel mit Dantes "Commedia" einen Blick in den Abgrund. Online nachgereicht, listet die auf Literatenporträts spezialisierte Fotografien Isolde Ohlbaum in der Welt ihre Lieblingsbücher auf.

Besprochen werden unter anderem Dilek Güngörs "Vater und ich" (FR), Anke Feuchtenbergers Comic "Der Spalt" (Tagesspiegel), Jens Nordalms Biografie "Der schöne Deutsche" über den Tennisspieler Gottfried von Cramm (Zeit), Bachtyar Alis "Mein Onkel, den der Wind mitnahm" (NZZ), Klaus Pohls Theaterroman "Sein oder Nichtsein" (Tagesspiegel), neue Thriller von Hari Kunzru und Jonathan Lethem, die beide stipendiatsbedingt am Berliner Wannsee beginnen (SZ), und Uwe Wittstocks "Februar 33. Der Winter der Literatur" (SZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Güngör, Dilek

Bühne

Bild: Dejan Kaludjerović in Zusammenarbeit mit Marija Balubdžić, Bojan Djordjev und Tanja Šljivar Conversations: I don't know that word … yet (2021), Opern-Performance, Foto: Mathias Völzke

Den Geruch von Aufbruch und Freiheit hat Ingo Arend (SZ) beim 54. Steirischen Herbst unter dem Titel "The Way Out" in der Nase, der aber auch die Realität nie aus den Augen verliert, etwa mit der Arbeit "Conversations: I don't know that word … yet" von Dejan Kaludjerović: "Der serbische Künstler hatte zusammen mit Marija Balubdžić, Bojan Djordjev und Tanja Šljivar die Antworten Grazer Kinder zu Fragen wie Armut, Ausgrenzung oder Krieg in eine Oper gegossen. Die hinreißende Mixtur aus Soundcollage und Cut-up-Drama war eines der beeindruckendsten Werke zum Auftakt des vierwöchigen, sich sukzessive, entspannt und ohne spektakuläre Mega-Events entfaltenden Programms. Ein Musterbeispiel engagierter Kunst, das, so spielerisch und formbewusst es war, nicht in die Aporien der politisch motivierten 'bullshit-art' zurückfiel, die Degot auf einem Panel zur Zukunft des Kunstbetriebs im Forum Stadtpark geißelte."

Foto: Armin Smailovic


taz-Kritiker Jens Fischer vergeht der Traum vom Landleben beim Erleben der Ausgrenzungen, des Alkoholmissbrauchs und der Gewalt, die Anna-Sophie Mahler in ihrer Inszenierung von Dörte Hansens "Mittagsstunde" auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters bringt: "Das könnte alles sentimental, tragisch oder kitschig daherkommen. Mahler aber inszeniert erfrischend unprätentiös. Ein sanfter Triumph, wie sie ästhetisch konventionell ein mit dem Realismus spielendes Theater reanimiert. Das ist politisch zwar nicht so ambitioniert wie etwa die 'Unterleuten'-Dramatisierungen des ähnlich gelagerten Juli-Zeh-Romans, macht aber inniges Schauspiel möglich, das als bewegender, gedankenvoller Abend übers Sterben funktioniert - und über die Wehmut, aufgrund all der Ich-Identitäts-Kriselei noch gar nicht gelebt zu haben."

Außerdem: Der Prozess gegen den Choreographen Jan Fabre, dem Tänzerinnen Machtmissbrauch vorwerfen, beginnt erst jetzt, die Leitung der belgischen Tanzbiennale hat eine für den Oktober geplante Vorstellung von Fabres neuem Stück aber schon mal abgesetzt, meldet Wiebke Hüster in der FAZ. Ähnlich agierte auch der Intendant des österreichischen Landestheaters Linz, Hermann Schneider, im Falle der von ihm suspendierten Choreographin seiner Tanztheatersparte, Mei Hong Lin, so Hüster: "Im Februar waren aus den Reihen der Company Vorwürfe gegen die Zweiundsechzigjährige erhoben worden. Sie missbrauche ihre Macht, sie setze krankgeschriebene Tänzer unter Druck, möglichst bald zur Arbeit zurückzukehren, sie überschreite mit wiederholten Durchlaufproben eines Stücks die Belastungsfähigkeit der Tänzer, nehme Verletzungen in Kauf und keine Rücksicht, wenn diese einträten." Im Welt-Interview mit Shila Behjat plaudert Anna Netrebko über Wagner, den Lockdown und das Älterwerden.

Besprochen werden Max Claessens Inszenierung von Felicia Zellers "Der Geldkomplex" (nachtkritik), ein Stadtspaziergang durch Köln mit dem Titel "Utopolis" von Rimini Protokoll (nachtkritik) und Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Christoph Willibald Glucks "Iphigenie en Tauride" an der Pariser Opera (SZ).
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Archiv: Bühne

Film

Katja Nicodemus unterhält sich für die Zeit mit Denis Villeneuve über dessen SF-Epos "Dune" (unsere Kritik, weitere hier). Für den Filmdienst vertieft sich Stefan Stiletto derweil in Villeneuves Filmografie. Anke Sterneborg porträtiert für epdFilm den Schauspieler Jannis Niewöhner, der aktuell in "Je Suis Karl" zu sehen ist. Thomas Abeltshauser resümiert im Freitag das Filmfestival Venedig. In der NZZ porträtiert Urs Bühler den Schweizer Filmemacher Markus Imhoof, der dieser Tage 80 wird. Der Produzent Günter Rohrbach erinnert sich in der SZ an die Dreharbeiten zum Filmklassiker "Das Boot" vor 40 Jahren.

Besprochen werden Maria Speths Dokumentarfilm "Herr Bachmann und seine Klasse" (Welt, epdFilm hat mit der Filmemacherin gesprochen, weitere Kritiken hier), Natalija Yefemkinas Dokumentarfilm "Garagenvolk" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Christian Schwochows "Je suis Karl" (Welt), die auf Sky gezeigte Neuverfilmung von "Szenen einer Ehe" mit Jessica Chastain und Oscar Isaac (FAZ), Evi Romens Debütfilm "Hochwald", der in Deutschland allerdings erst am 7. Oktober startet (Standard), und das Reboot der Horror-Reihe "Saw" mit Samuel Jackson (SZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Schwochow, Christian

Musik

Zuletzt mutete die Zürcher Tonhalle etwas muffig-ältlich an, doch nach einer vierjährigen Renovierung erstrahlt das Haus in einem lange nicht mehr gesehenen Glanz, freut sich Christian Wildhagen in der NZZ: Zu beobachten gibt es einen "Brückenschlag" zwischen den Zeiten, den auch Paavo Järvi mit dem Tonhalle-Orchester mit einer Aufführung von Mahlers 3. Sinfonie vollzieht, mit der das Haus ursprünglich eingeweiht worden war. Ziel der neuen Raumakustik ist eine "sonore, bassgrundierte Mischklang-Ästhetik, die sich erheblich vom analytisch-kristallinen Sound-Design moderner Konzerthäuser, etwa der Elbphilharmonie, unterscheidet. ... Gegenüber früher wirkt der Saal etwas trockener abgestimmt, aber auch deutlich trennschärfer, zumal beim Schlagwerk. Ein einzelner Klang demonstriert den erreichten Zuwachs an Farben und Obertönen exemplarisch: Auf dem Höhepunkt des Schlusssatzes, den Mahler zeitweilig 'Was mir die Liebe erzählt' überschrieben hat, ertönt ein Schlag von drei Becken im perfekten Einklang. Da schimmert förmlich die Luft, und der Saal strahlt einen Augenblick lang noch ein bisschen heller."

Für die NMZ berichtet Marco Frei von dem Abend: "Die Verhältnisse unter dem Parkettboden wurden im Zuschauerraum sowie hinter der Saaldecke deutlich optimiert. Sie schwingen nun mit, und die Hohlräume darunter und dahinter leiten gerade die tieferen Frequenzbereiche optimal weiter. Zwischen Piano und einfachem Forte sind die dynamisch-klanglichen Verhältnisse nahezu perfekt. Im mehrfachen Forte kann es hingegen zuweilen etwas dröhnen."

Hans Nieswandt staunt nach einem Aufenthalt in Südkorea: Nachdem dort vor einigen Jahren noch hauptsächlich Männer DJs waren, hat sich dieses Verhältnis nun nahezu ins Gegenteil verdreht, berichtet er in der taz. "Es scheint, dass eine Existenz als DJ, neben der selbstredend wundervollen Aussicht, sein Leben vollumfänglich der Musik widmen zu können, nicht zuletzt auch als Feld weitreichender weiblicher Selbstbestimmung in einem nach wie vor recht konservativen Land identifiziert worden ist und interpretiert werden kann. Meine Nachfragen bezüglich einer potenziell feministischen DJ-Agenda wurden allerdings stets ausweichend beantwortet. Es gibt in Südkorea eine ziemlich harte, antifeministische Fraktion, offenbar gerade unter jungen Männern, vor allem natürlich in den sozialen Medien, wegen der das 'F-Wort' nicht allzu begeistert benutzt wird."

Außerdem: Berthold Seliger führt in einem Longread für das ND anlässlich eines Schwerpunkts beim Musikfest Berlin durch Strawinskys Schaffen. Die erstmals nach 17 Jahren grunderneuerte Rolling-Stone-Liste der 500 besten Songs aller Zeiten ist so divers wie nie, meldet Christian Schröder im Tagesspiegel. An der Spitze und dort natürlich sehr verdient steht dieser Song:



Besprochen werden Moor Mothers "Black Encyclopedia Of The Air" (The Quietus), die neue Box aus Bob Dylans Bootleg-Serie (FR, mehr dazu bereits hier), das neue Album von Iron Maiden ("Vieles ist ein ziemlich dreistes Selbstplagiat", gähnt Nicolas Freund in der SZ) und Vivien Goldmans Album "Next is now" (taz). Wir hören rein:

Archiv: Musik