Efeu - Die Kulturrundschau

Einblicke in Möglichkeitswelten

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15.09.2021. Die SZ staunt, wie Yinka Shonibare in Salzburg mit Waxprints die britische Kolonialgeschichte vom Maskenball ins Massaker wendet. Die FAZ blickt mit Thomas Demand in Moskau in jenen schneeweißen Überwachungskokon, in dem Edward Snowden einst auf Asyl in Russland wartete. Den Filmkritikern gehen die Augen über vor den vor sich hin brütenden Herrschern in Denis Villeneuves Science-Fiction-Epos "Dune".  Im Perlentaucher entdeckt Marie Luise Knott andere Wahrheiten in den geweißten Gedichten von Mary Ruefle. Und die SZ schreit sich mit King Krules die Klagegesänge einer Generation aus dem Herzen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2021 finden Sie hier

Kunst

Unheimliche Einblicke in jenes Hotelzimmer im Transitbereich des Moskauer Flughafens Seremetjewo, in dem Edward Snowden 2013 fünf Wochen zubrachte, erhält Kerstin Holm (FAZ) mit Thomas Demand in der Werkschau, die ihm die Moskauer Garage aktuell widmet. Erst durch Garage-Mitbegründer Roman Abramowitsch war der Zutritt möglich geworden: "Die fünfteilige Bildfolge mit dem Titel 'Asyl' (Refuge) versetzt in die Papierreplik jener einem Kokon von Überwachungstechnik gleichenden Gruft, wo Snowden, der Überwachungsmethoden der ihn beschäftigenden Dienste publik gemacht hatte und daher vor einem Verfahren wegen Hochverrats mit möglichem Todesurteil floh, mit seinem bisherigen Leben abschloss. Die teils fein gefaserten, teils silbrig glatten, täuschend naturalistisch ausgeleuchteten Oberflächen wirken daher auch wie das monumentale Äquivalent jener auf Papier gedruckten Güter, die man in China Verstorbenen mitgibt."

Bild:  Yinka Shonibare CBE. End of Empire, Ausstellungsansicht, Museum der Moderne Salzburg, 2021, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: Rainer Iglar

In der SZ porträtiert Catrin Lorch den britisch-nigerianischen Künstler Yinka Shonibare, dem das Salzburger Museum Mönchsberg derzeit eine Ausstellung widmet und der unter anderem dafür bekannt wurde, dass er in China oder Indonesien produzierte und auf Londoner Märkten als "authentisch afrikanisch" verkaufte Waxprints als Skulpturen inszenierte: "Fast eigenständig schienen die Stoffe sich der kolonial geprägten Geschichte Großbritanniens zu bemächtigen. Shonibares Skulpturen wirkten nur auf den ersten Blick wie Mannequins, deren viktorianische Roben und Fräcke sich afrikanisch verfärbt hatten. Auf den zweiten Blick bemerkt man, dass sie allesamt wie geköpft dastehen - was den Maskenball ins Massaker verwandelt."

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben 143 Objekte auf rassistische oder diskriminierende Begriffe überprüfen lassen, Jan Fyts Werk "Hund, Zwerg und Knabe" heißt nun "Hund, kleinwüchsiger Mann und Junge", Balthasar Permosers "Mohr mit der Smaragdstufe" wurde mit Asterisken (****) versehen, melden Gerhard Matzig und Cornelius Pollmer in der SZ. Von AfD bis Bild-Zeitung ist von "linker Bilderstürmerei" bis "Sprach-Polizei" die Rede, Matzig und Pollmer bleiben gelassen: "Es geht um 143 Objekte. Bei knapp anderthalb Millionen von Werken. Es geht um 0,01 Prozent. Dieser Bildersturm ist eine Bilderbrise."

Außerdem: Gleich zwei Ausstellungen hat sich taz-Kritiker Andreas Schlaegel in Norwegen zum Thema Wasser, Natur und menschlichen Eingriffe angeschaut. Neben der in der Kunsthall Bergen gezeigten Schau "The Ocean" zieht aber vor allem die in Moss gezeigte Ausstellung "House of Commons" Schlaegels Aufmerksamkeit auf sich, denn dort hatte man zuvor kurzerhand den Kurator Theó-Maria Coppola gefeuert, weshalb sich der Kritiker die Zusammenhänge der Werke nun selbst denken muss. In der Welt porträtiert Cornelius Tittel den spanischen Keramik-Künstler Miquel Barceló.

Besprochen werden die Ausstellung "Dann machen wir's halt selbst!" im Friedrichshain-Kreuzberg Museum (taz) und die unter dem Titel "Avantgarde und Gegenwart" gezeigte Sammlungspräsentation im Wiener Belvedere 21 (Standard).
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Literatur

In ihrer Perlentaucher-Lyrikkolumne befasst sich Marie Luise Knott diesmal mit den Gedichten von Mary Ruefle, die ihr die aktuelle Ausgabe des Schreibheft nahe bringt. Unter anderem geht es um Ruefles Technik des Ausweißens, die von Emily Malbone Morgans Roman "The Little White Shadow" von 1889 ihren Ausgang nahm: "Ruefle hatte sich ein altes gegilbtes, fleckiges Exemplar davon vorgenommen und die Textoberfläche Zeile für Zeile geweißt, von wenigen Aussparungen abgesehen. Übrig geblieben waren so auf jeder Seiten einige Textbausteine, die als das sichtbar waren, was sie geworden waren: gelockerte Ziegelsteine. Einblicke in Möglichkeitswelten. Ein Spiel. Eine Lesart. ... Eine Voraussetzung für dichterische Empfänglichkeit sei der Müßiggang, so Walt Whitman: 'Ich feiere und lade meine Seele zu Gast / liege auf dem Erdboden, behaglich halte ich Rast und betrachte einen Halm vom Sommergras', zitiert ihn Ben Lerner in 'Warum hassen wir die Lyrik?'. Wer da wie Whitman die Halme betrachtet oder wie Ruefle dasitzt und weißt, weiß, dass auf diese Weise ein anderer Flow, der Flow der Sprache, beginnen kann, der anderen Wahrheiten Raum verschafft."

Die Dante-Festspiele zum 700. Todestag des italienischen Dichters halten an. Sehr ausführlich widmet sich Ulf von Rauchhaupt in der FAZ dem mitunter "kosmographisch heiklen" Sphärenmodell Dantes, das wohl auf die Wiederentdeckung von Aristoteles im 12. Jahrhundert zurückzuführen ist. Rauchhaupt nennt es "eine Hypersphäre, genauer eine 3-Sphäre: die dreidimensionale Oberfläche einer vierdimensionalen Kugel mit dem Primum mobile als Äquivalent zu dem, was auf einer 2-Sphäre wie der Erdoberfläche der Äquator ist. Wie dort die beiden Flächen der Nord- und der Südhalbkugel überall aufeinandertreffen, so berühren sich auf der gesamten Sphäre des Primum mobile zwei dreidimensionale Kugeln mit jeweils unterschiedlichen Zentren, die des astronomischen Kosmos und die des Empyreums." Aha.  

In der Dante-Reihe der FAZ blickt Jürgen Kaube auf die einzige Stelle in der "Commedia", in der nicht Italienisch gesprochen wird. Und Michael Wurmitzer spricht im Standard-Gespräch mit dem "Commedia"-Forscher Karlheinz Stierle. Dazu passend rezensiert Alexander Cammann in der Zeit Franziska Meiers Dante-Biografie "Besuch in der Hölle".

Besprochen werden unter anderem Sally Rooneys "Schöne Welt, wo bist du" (Standard), Peter Henischs "Jahrhundertroman" (Standard), neue Comics mit Spirou und dem Marsupilami (Tagesspiegel), John Mairs "Es gibt keine Wiederkehr" (SZ) und Fernanda Melchors "Paradais" (FAZ).
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Film

Sieht gut aus: Timothée Chalamet in "Dune"


Denis Villeneuves Verfilmung von Frank Herberts Science-Fiction-Epos "Dune" ist für Dominik Kamalzadeh (Standard) schlicht ein Meisterwerk der digitalen Ausgestaltung: "Das Zusammenspiel aus Produktionsdesign und Mise en Scène ist nicht nur die Visitenkarte dieses Films, sondern zugleich dessen Gesicht und Körper. Es stellt die Verbindung her zwischen dem Mystizismus der 'edlen Wilden', dem Wüstenvolk der Fremen, und der technologischen Übermacht der Invasoren, die auch etwas von vor sich hin brütenden Herrschern in brutalistischen Dekors an sich haben." Ein bisschen mehr als in die Augen gestreuten Sand, pardon: Zucker, hätte es aber doch sein dürfen, meint Audrey Arnold in der Presse: Die wilde Psychedelik der Vorlage komme zu kurz, "zu viel Plot muss aus dem Weg geräumt werden. Weshalb die erste Hälfte des Zweieinhalbstünders etwas trocken ausfällt."

Der Film sieht so unverschämt gut aus, dass SZ-Kritiker Tobias Kniebe schier die Augen übergehen. Auch ansonsten habe Villeneuve die legendär sperrig-kantige Vorlage gut in den Griff gekriegt, meint Kniebe und hofft innig auf einen Kassenerfolg samt Sequels: Die literarischen Fortsetzungen nämlich "enthalten einen Gottkaiser, der den kriegerischen und ökologischen Wahnsinn der menschlichen Wachstumsideologie durchschaut hat - und der der Galaxis einen jahrhundertelangen, heilenden Stillstand verordnet. Oder eine unbesiegbare Frauenarmee, die alles männliche Soldatentum obsolet macht."

Für die Überwältigungsmaschine Villeneuves hat Lucas Barwenczik vom Filmdienst allerdings gar nichts übrig: Der Film "gibt dafür wenig zurück, außer dem Gefühl des Unterworfenseins.  Deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob die Filme von Denis Villeneuve oder auch Christopher Nolan nicht im selben Maße infantilisieren wie die der Marvel-Disney-Hegemonen. Als düsteres Spiegelbild, als Scheinalternative zementieren sie den Horizont des Traummediums Kino zu und meißeln ihre Namen in das Gestein am Rande unserer Wahrnehmung. In der Negation sind sie mit dem vernäht, was sie bekämpfen. Besinnungslose Prunksucht, Kunsthandwerk. Eine Leinwand voller Geld, nur ein wenig melancholischer."

Besprochen werden Václav Marhouls Verfilmung von Jerzy Kosińskis Skandalroman "The Painted Bird" (SZ). Christian Schwochows "Je Suis Karl" (Zeit),Kai Ehlers Dokumentarfilm "Freistaat Mittelpunkt" (critic.de) und der neue Teil der Folter-Horrorreihe "Saw", die nun mit einer Prise Humor gewürzt wird (Tages-Anzeiger),
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Bühne

In der nachtkritik-Kolumne "Heimatgeschichten" denkt die Schauspielerin Lara-Sophie Milagro über den Unterschied zwischen Aufklärung durch Gewaltdarstellung und bloßer Reinszenierung des Grauens in Film und Bühne nach: Braucht es für die "Erkenntnis wirklich immer und immer wieder explizit ausgestellte verbale und / oder körperliche Gewalt gegen nicht-weiße Körper?"

Besprochen werden Romeo Castelluccis Inszenierung der"Pavane für Prometheus" über einen jungen Mann, der bei einem Motorradunfall beide Beine verliert (eines der "schönsten und berührendsten" Stücke in Nike Wagners achtjähriger Amtszeit als Intendantin des Bonner Beethovenfestes, jubelt Michael Struck-Schloen in der SZ), Gianluca Falaschis Inszenierung von Francesco Ciléas "Adriana Lecouvreur" am Staatstheater Mainz (FR), Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Enis Macis "Wüst oder Die Marquise von O… Faster, Pussycat, Kill! Kill!" am Theater Bremen (taz) und Dorian Drehers Inszenierung von Händels Oper "Rodelinda" bei den Händelfestspielen Göttingen (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Völlig umgehauen ist Max Fellmann in der SZ-Popkolumne von King Krules noch vor Corona aufgenommenen Live-Album "You Heat Me Up, You Cool Me Down" von King Krule. "Die Punk-Klagelieder des jungen Briten klingen immer nach schmerzhafter Einsamkeit", sodass man meinen könnte, diese "seelenwunden Klagegesänge bräuchten die Tropfsteinhöhlenverlorenheit der Studioaufnahmen, die Leere zwischen den Tönen." Das ist aber nicht der Fall: "Das Publikum schweigt nicht ergriffen, sondern singt ganze Lieder mit, Wort für Wort, selbst die allerleisesten Stellen. So frenetisch, so atemlos, dass mit jedem Takt wieder klar wird, wie sehr der Mann, Jahrgang 1994, vielen seiner Generation aus dem Herzen schreit. Großartig." Begleitet wird die Veröffentlichung von einem Konzertfilm, in dem der Künstler auf der Bühne wirklich das Letzte gibt:



Weitere Artikel: In der NZZ porträtiert Florian Bissig Ed Partyka, den neuen Leiter des Zurich Jazz Orchestras. Andrian Kreye schreibt in der SZ zum Tod des Jazzpianisten George Wein. Besprochen wird das Abschlusskonzert des Lucerne Festivals mit dem Budapest Festival Orchestra (NZZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Krule, King, Punk