Efeu - Die Kulturrundschau

Der Mann in Schwarz

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09.04.2021. Die taz wirft einen Blick in die Gangs von Chicago, die mit blutigen Vergeltungen ihre Klickzahlen im Netz erhöhen. Artechock wüsste gern, ob die Studenten an der Berliner Filmhochschule, die Diversität und Identität fordern, auch ein künstlerisches Konzept haben. Bühnenproben sind kein Safe Space für Alltagsempfindlichkeiten, sondern für die Kunst, antwortet Bernd Stegemann in der FAZ auf Rassismusvorwürfe in Düsseldorf. Die FR steht erschlagen vor der Fülle des Gerhard-Richter-Archivs. Die Literaturkritiker würdigen Charles Baudelaire und Gustave Flaubert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2021 finden Sie hier

Musik

Victor Efevberha wirft für die taz einen Blick in die Gangs von Chicago und den dortigen Kult um Drill-Rap, dessen via Social Media in Videos und Tracks gestreute Provokationen am laufenden Meter Todesopfer fordern: "Konkurrenten und die ihnen nahestehenden Gangs zu beleidigen, ist weder neu noch einzigartig. Es ist nur ein Mittel, um die eigene Bekanntheit in den sozialen Medien zu steigern. Am Verstörendsten erscheint dabei die Tatsache, dass gerade die Wahrscheinlichkeit einer blutigen Vergeltung die Clickzahlen erhöht. ... Rapper:Innen sind im digitalen Zeitalter immer auch kleine Multimedia-Unternehmer:Innen, es geht nicht nur um die Vermarktung ihrer Musik, sondern auch um den Onlinecontent, der auf verschiedenen Plattformen geteilt wird. Gerade in Chicago findet die Bandenkriminalität unter benachteiligten jugendlichen Schwarzen, die in struktureller Armut aufwachsen, schnell ihren Weg ins Internet."

Weitere Artikel: Thomas Schacher schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Komponisten Rudolf Kelterborn. Besprochen werden eine Aufnahme des Pianisten Alexander Breitenbach von Kompositionen Ernst Bachrichs (NMZ) und das neue Album von Django Django (taz).

Archiv: Musik

Film

Auf Artechock sorgt sich Rüdiger Suchsland weiter um die Lage an der dffb, die derzeit in einem kaum transparent zu nennenden Verfahren eine neue Leitung sucht. Dass die Berliner Filmhochschule, um die immer schon gestritten wurde, in der Vergangenheit weniger durch ihre Leitung, als vielmehr durch die Leistungen ihrer Studenten von sich reden machte, ist ihm ein schwacher Trost: "Abgesehen vom alten Muff bei den Mitarbeitern bin ich besonders besorgt über das, was in den Köpfen der jüngeren Studenten vor sich geht. Bei allem Verständnis für die Ängste und Befürchtungen, die aus der aktuellen Situation resultieren - sowohl der Situation an der dffb, als auch der Situation in der Gesellschaft insgesamt und durch Covid-19 - muss man sagen, dass die Studis mehr und mehr an die Roten Garden in Maos Kulturrevolution erinnern. Sie skandieren sehr laut 'Diversität!' und 'Identität!' und jeder, der nicht miteinstimmt, wird niedergeschrien. Künstlerisch aber sind sie bislang stumm."

Bei Warner knallen derweil die Sektkorken: Die Monstersause "Godzilla vs. Kong" ist derzeit der weltweit erfolgreichste Kinofilm - und das, obwohl der Verleiher den Film auch auf den konzerneigenen Streamingdienst HBO Max gestellt hat, meldet David Steinitz in der SZ. "So mancher Branchenbeobachter wertet dies als seliges Zeichen für die Zukunft: eine glückliche, geldbringende Koexistenz von Kino und Streaming. Das Problem an der Sache ist aber, dass alle Kinozahlen durch den derzeitigen Ausnahmezustand kaum belastbar sind für die Zeit danach. ... Trotzdem könnte die Monsterschlacht ein Signal zumindest für die unmittelbare Zukunft sein: Die Zuschauer wollen, wenn sie schon ins Kino gehen, einfach lautes Bummbumm."

Außerdem: Artechock veröffentlicht Reaktionen auf die dort geführte "Lovemobil"-Debatte. Besprochen werden unter anderem Chloé Zhaos auf Mubi gezeigter Debütfilm "Songs My Brothers Taught Me" (SZ), eine DVD-Ausgabe von Michael Verhoevens "o.k.", der 1970 die Berlinale sprengte (critic.de), Aude Léa Rapins "Helden sterben nicht" (critic.de) und die Serie "Resident Alien" (FAZ).
Archiv: Film

Bühne

Am Düsseldorfer Schauspielhaus gipfelten Rassismusvorwürfe zuletzt in einer Forderung von 22 schwarze Theatermachern, die die Mitarbeit an einer geplanten Inszenierung ablehnten, weil sie dann durch 'institutionellen Rassismus retraumatisiert' würden. Sie fordern dennoch die Gagen und außerdem "mindestens" vier Jahre lang jährlich 600000 bis 800000 Euro Subventionen für ein eigenes Theater. Für den Dramaturgen Bernd Stegemann schießen sie damit weit übers Ziel hinaus, zumal die Vorwürfe, erklärt er in der FAZ, sich auf Probensituationen bezogen haben, in denen die Umgangsformen des Alltags nicht so einfach gelten könnten: "Es gilt, die Balance zwischen einer Kritik am Missbrauch der Entgrenzung und einer lebendigen Verteidigung des Schutzraums Theater zu finden. Dies gehört im Moment zu den größten Herausforderungen der Schauspielkunst. Weil ich um die Gefahren weiß, auf der einen oder anderen Seite abzurutschen, finde ich die einfache und selbstgerechte Art falsch, mit der Ron Iyamu und die 22 Briefunterzeichner ihre schlechten Erfahrungen zu einem Generalangriff auf das Theater machen. Ihr Fehlschluss entsteht dadurch, dass sie den geschützten Raum der Probe in einen 'Safe Space' verwandeln wollen, der den Alltagsempfindlichkeiten unterworfen ist."

In der nachtkritik beschreibt Michael Bartsch an Beispielen aus Ostdeutschland, wie Rechtsparteien in den letzten Jahren die Kultur attackierten (wenn auch mit wenig Erfolg). Besprochen wird Helen Malkowskys Inszenierung von Dai Fujikuras  Oper "Solaris" in Wien (Standard).
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Archiv: Bühne

Literatur

Vor 200 Jahren wurde Charles Baudelaire geboren. Ingeborg Waldinger charakterisiert ihn in der NZZ als Beobachter einer dekadenten, urbanen Zeit: Die Stadt Paris liest er "mit geschärftem Sinn für die Vielschichtigkeit ihrer trivialen, zeitlichen Erscheinungen und ergründet deren universelle Dimension." Er widmet sich typischen Gestalten der Stadt, "es sind Phantome von Nervalschem Zuschnitt, mythische Figuren. Auch jene hehre Passantin im modischen 'grand deuil', in deren Blick ein dunkles Feuer aufblitzt, eine 'Lust, die tötet'. Die zufällige Begegnung bleibt ein Wimpernschlag, dem nur die Kunst ein Dauerndes abzuringen vermag. Baudelaire verwandelt diesen Moment in eine Metaphysik der Moderne."

"Baudelaire war kunstkritischer Kommentator der Explosion der Farbe in den Gemälden der romantischen Malerei, als deren Heros er Delacroix feierte", erklärt Lothar Müller in der SZ, "und Zeuge des Aufschwungs der Salonmalerei, die von Cinemascope-Formaten träumte, ohne es zu wissen. Seine eigene Kunst aber ist bei allen Ekstasen der Einbildungskraft, die sie enthält, um den Schwarz-Weiß-Kontrast zentriert. Er ist der Mann in Schwarz, der in Poesie und Prosa alle Nuancen der Farbe wie des Wortes 'noir' erschließt."

Auch Gustave Flaubert kam 1821 auf die Welt - Wolfgang Matz untersucht in der FAZ das Verhältnis zwischen beiden und fragt sich, was die beiden der Gegenwart noch zu sagen haben: "Es bleibt der Verdacht, die 'Moderne' hätte, zumindest in der Breite, gerade mit dem gesiegt, was ihren Klassikern so abscheulich war, mit dem 'Realismus', der trivialen Abbildung von trivialer Wirklichkeit. Ihre Idee - seit Baudelaire, Flaubert, Proust und trotz allem auch Victor Hugo - war jedoch eine ganz andere: 'Die Bemühung um äußere Schönheit, die Sie mir vorwerfen, ist für mich eine Methode', schreibt Flaubert am 10. März 1876 an die verehrte Kollegin George Sand. ... Die Literatur der Moderne wurde klassisch allein durch den Stil als Ausweis künstlerischer Wahrheit. Und dass man sie immer wieder liest wie der Koch den Fortsetzungsroman: verzaubert, gerührt, amüsiert, zutiefst gefesselt, macht sie unsterblich." Dazu passend erinnert Wolf Lepenies in den "Actionszenen der Weltliteratur" an Flauberts Engagement als Nationalgardist im deutsch-französischen Krieg 1870.

Besprochen werden unter anderem Simone Buchholz' Krimi "River Clyde" (FR), Peter Handkes "Mein Tag im anderen Land" (NZZ), Chan Ho-keis Krimi "Die zweite Schwester" (online nachgereicht von der FAZ), die Neuauflage von Richard Corbens Comicklassiker "Mutantenwelt" (Tagesspiegel) und Dolly Aldertons "Gespenster" (SZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Gerhard Richter, Atlas, Tafel 803, Ella, 2007, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München (Detail) © Gerhard Richter 2020


Ingeborg Ruthe hat für die FR in Berlin das Max-Liebermann-Haus am Pariser Platz besucht, wo Gerhard Richter sein Archiv ausgebreitet hat. "Es ist reizvoll, diese Inspirationsquelle des Malers, die zugleich sein Leit- und Ordnungssystem darstellt, abzugleichen mit den bekannten Gemälden", schreibt Ruthe, die von der Fülle des Materials schier erschlagen ist. Richter ging es wohl nicht viel anders: "Sammeln, ablegen, ordnen, später vielleicht malen? - Das ist das Arbeitsprinzip Richters. Er habe so viel mehr fotografiert in all den Jahren, 'so dass ich gar nicht mehr daran denken konnte, es zu malen', sagt er im Interview. 'Da war der 'Atlas' auch eine Möglichkeit, die Fotos wie in einem Tagebuch zu sammeln, abzulegen, zu erledigen'."

Weiteres: In der taz stellt Falk Schreiber die niigerianische Künstlerin Adéola Ọlágúnjú vor, die im Rahmen des Mentoring-Programms Forecast im Radialsystem junge Männergruppen in Lagos, die Area Boys, porträtiert. Und ist damit Teil des  Patrick Wildermann annonciert im Tagesspiegel den Beginn der 2. Roma Biennale. In der NZZ stellt Susanna Koeberle die Zürcher Galerie Lullin + Ferrari vor. Bettina Maria Brosowsky schreibt in der taz über den Bildhauer Fritz Fleer, der vor 100 Jahren geboren wurde und in Hamburg bekannt war für seine "Kunst am Bau". Besprochen werden der Film "White Cube" des niederländischen Konzeptkünstlers Renzo Martens, der die Kongolesen auf den neuesten Stand der Antikolonialismuskritik bringt (Zeit online) und eine Steiermark-Schau ein Graz (Standard)
Archiv: Kunst
Stichwörter: Richter, Gerhard