Efeu - Die Kulturrundschau

Chateau de Tarot

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28.01.2021. Die SZ feiert eine überwältigende Elsa Dreisig als Massenets "Manon Lescaut" - Aussteigerin und Luxussüchtige zugleich - und eine unvergleichliche Sophia Loren. Das Van Magazin wüsste gern, mit wem genau eigentlich Putinverehrer Valery Gergiev und die Stadt München einen Dialog führen. Die Welt fragt besorgt: Ist die Erotik im Film tot? Und die Haute Couture zeigt die schönsten Bodybuilderinnen, Törtchen und Tarot-Karten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2021 finden Sie hier

Design

Die Haute-Couture-Schauen sind normalerweise nur einem hochexklusiven Kreis aus Superreichen und einigen ausgewählten Journalisten zugänglich. Doch für Corona war selbst dieser kleine Kreis zu groß. Also taten die Designer, was auch alle anderen tun: ein Video drehen. Das  ist schön, denn so haben wir alle etwas davon. Bei Schiaparelli zum Beispiel kann man der Arbeit an der Kollektion von Daniel Roseberry zusehen. Vorgeformte Torsos lassen die Models wie Amazonen oder Bodybuilderinnen aussehen, goldene Schlangen winden sich um Ausschnitte, goldene Türschlösser besetzen Hosen und riesige Stoffbahnen sind zu hinreißender Sportswear oder kaiserlichen Stehkrägen gerafft. Eine prächtig-surrealistische, dennoch moderne Kollektion. Hier das Video:



"Wenn Sie wie ein Törtchen aussehen wollen, müssen Sie woanders hingehen", hat Roseberry noch der Vogue mitgegeben. Eine Spitze, die sich nur gegen Giambattista Valli richten kann. Dem kann das egal sein, denn niemand kann Törtchen so gut wie er: Tüllvolants bis zu den Ohren, dazu Rüschen, Federn, Blumen, Schleifen, Big hair und noch Tüllpuschel auf den Schuhen! Die Models tragen es mit Stolz, den Kopf mit dem aufgetürmten Infantinnenhaar hocherhoben, die blassen Gesichter, bis auf die schwarz umrandeten Augen ohne jede Farbe, scheinen einer längst vergangenen Zeit anzugehören. Hier das Video:



Außerdem: Bei Iris von Herpen tauchen Paradiesvögel aus dem Nebel auf. Armani empfängt mit funkelnd eleganten Roben im Spiegelsaal seines Mailänder Couturepalazzos. Valentino lässt seine vergoldeten Models auf schwindelerregenen Plateauabsätzen zum Soundtrack von Massive Attack über den prächtigen Marmorboden der Sala Grande in der Galleria Colonna staksen. Bei Chanel dann haben es die Models so eilig, einen blumengeschmückten Platz zu überqueren, dass Antonin Corbijn mit seiner Kamera kaum hinterherkommt. Und Maria Grazia Chiuri (Christian Dior) zeigt im Chateau de Tarot, dass die größte Liebe immer noch die mit sich selbst ist. Alle Schauen finden Sie bei der Vogue.
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Musik

Vor dem Hintergrund der Verhaftung Alexej Nawalnys in Russland kommt Hartmut Welscher in VAN auf Valery Gergiev zu sprechen, den Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker und glühenden Putin-Verehrer. "Der mächtigste und reichste russische Kulturschaffende ist gleichzeitig prominentester Angestellter der drittgrößten Stadt Deutschlands - das ist eigentlich eine ziemlich wilde und ziemlich einmalige Versuchsanordnung. Nur dass beide Seiten so tun, als existierte sie nicht." Entscheidende Funktionäre verweisen auf die Notwendigkeit des Dialogs, so Welscher. "Was Gergiev und die Verantwortlichen in München unter 'Dialog' verstehen, ist allerdings eher eine Karikatur all dessen. Auf die Nachfrage, was denn genau damit gemeint sei und wie der Dialog von wem geführt werde, antwortet Intendant Müller: 'In allererster Linie denke ich an einen konfliktfreien Dialog zwischen Dirigent und Orchester.' ... Auch Kulturreferent Biebl will den Dialog nur im Künstlerischen und zwischen Dirigent und Orchester verorten. ... Gergiev ist wie kaum ein anderer klassischer Musiker verstrickt in Machtpolitik. Das ist nicht verwerflich. Aber dass man in München gerade deshalb peinlich genau darauf bedacht ist, den Dialog allein auf die Kunst zu beziehen und alles andere auszuklammern, führt zu einem ziemlichen Eiertanz."

Das neue Kreisky-Album hält für Standard-Kritiker Christian Schachinger, der im steten Homeoffice sehr unter den dünnen Wänden zu seinen Nachbarn zu leiden hat, einige Überraschungen parat: "Mitunter klingt die Gitarre von Martin Max Offenhuber wie eine kranke Kuh. Ein anderes Mal quengelt sie abstrahierend im sperrigen Postpunk herum wie sonst das Nachbarkind. Oft geht der Gitarrist mit seiner ziemlich höhenlastig eingestellten Klampfe als ein Thrash-Metal-Gitarrist in die Schremsen, der mit Kate Bush ein Duett gibt."

Weiteres: Für die taz geht Stephanie Grimm mit der Weilheimer Indieband The Notwist einmal das Alphabet durch. Sean Kitching führt für The Quietus durch die Welt von Pere Ubu. Albrecht Selge stiftet derweil im VAN Magazin Orientierung im Werk von Witold Lutosławski. Manuel Brug schreibt in der Welt einen Nachruf auf Eva Coutaz, die mehr als vierzig Jahre das Klassiklabel Harmonia Mundi geleitet hat. Peter Kemper porträtiert für die FAZ Henrik Freischlader, für ihn "Deutschlands bester Bluesgitarrist".

Besprochen werden neue Alben von Rhye (ZeitOnline) und Buzzy Lee, Steven Spielbergs Tochter (Tagesspiegel). Wir hören rein:

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Literatur

In einer auf 54books veröffentlichten Seminararbeit ärgert sich Peter Hintz über den Kult um Patricia Highsmith, für ihn "nicht nur die Queen des Suspense, sondern auch des literarischen Antifeminismus", die wohl auch deshalb unter Feuilletonistenmännern hoch im Kurs stehe.

Besprochen werden Gabriel Josipovicis "Wohin gehst du, mein Leben?" (taz), Nadeschda Mandelstams Biografie über den Dichter Ossip Mandelstam (NZZ), Peter Fabjans "Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard" (Standard), Szczepan Twardochs "Das schwarze Königreich" (Welt), Ayad Akhtars "Homeland Elegien" (FR), Haruki Murakamis Erzählungsband "Erste Person Singular" (SZ) und Monika Helfers "Vati" (FAZ).
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Bühne

In der SZ ist Reinhard J. Brembeck vollkommen hingerissen von Jules Massenets "Manon Lescaut" an der Hamburger Staatsoper: Er applaudiert der leichthändigen Regie von David Bösch, dem "raffinierten Panoptikum", das Dirigent Sébastien Rouland aus Massenets Musik erschafft und - hier wird der Applaus zum Orkan - der Manon Elsa Dreisigs. "Das also ist Manon im Januar 2021: eine junge blonde Aussteigerin, gestreifter Pulli und knielanger Rock, blauer Mantel, türkiser Strickschal, türkise Strickmütze. Die überwältigende Elsa Dreisig ist in Hamburg diese große Liebende und luxussüchtige Manon Lescaut, die der Abbé Prévost 1731 in einem Roman weltberühmt machte und der Jules Massenet 1884 eine hinreißend charaktervolle Musik komponierte. Fragiler, erotischer, verzweifelter und duftender, als das Daniel Auber, Giacomo Puccini und Hans-Werner Henze in ihren durchaus nicht üblen Veroperungen hinbekommen haben."

Die Oper wird noch bis morgen 18 Uhr gestreamt:



Weiteres: Im Gespräch mit der taz beschreiben die Schauspielerin Sina Martens und die Dramaturgin Amely Joana Haag die Auswirkungen, die das mehrfache Verschieben der Premiere von Frank Castorfs "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" im Berliner Ensemble für sie hat. Im Gespräch mit der FAZ würdigt Schaubühnenchef Thomas Ostermeier den verstorbenen schwedischen Dramatiker Lars Norén, der an Covid gestorben ist, und mahnt, es sei "jetzt wichtiger denn je, keine Werturteile über Altersgruppen zu fällen, sondern die gesamte Gesellschaft zu schützen. Dazu werden wir durch den Tod von Lars Norén in Schweden gemahnt: dass der Schutz aller Altersgruppen wichtiger ist, als vorschnell Kontaktbeschränkungen zu lockern."
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Kunst

Tobias Timm unterhält sich für die Zeit mit Katharina Sieverding, deren große Ausstellung in der Hamburger Sammlung Falckenberg den Corona-Schließungen zum Opfer fällt. Im Tagesspiegel stellt Birgit Rieger das Programm der Transmediale unter der neuen Leitung von Nora O Murchú vor: "for refusal" ist das Thema, genauer: Verweigerung als Mittel zur Veränderung "sozialer, politischer, kultureller Strukturen". In der FAZ schildert Lena Bopp die missliche Lage des libanesischen Nationalmuseums in Beirut. Und Karen Krüger bewundert die Einfälle, mit denen Eike Schmidt, Direktor der Uffizien in Florenz, sein Publikum umwirbt, zuletzt mit der Aktion "Uffizi da mangiare" - "Uffizien zum Essen".
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Stichwörter: Corona, Beirut

Film

Fan und Idol: "Was würde Sophia Loren tun?" (Bild: Netflix)

"Wahnsinnig bezaubernd" findet SZ-Kritikerin Johanna Adorján die Kurz-Doku "Was würde Sophia Loren tun?", die gerade auf Netflix zu sehen ist: In diesem an "Lebensweisheiten" prallen Film geht es einerseits um eine Frau, die den Titel des Films zur Leitfrage ihrer Lebens erkoren hat - parallel dazu geht es um die Loren selbst, die mit über 80 bei den Dreharbeiten zu ihrem letzten Film "aussieht wie eine sagenhaft schöne Landschaft, eine Naturgewalt, man kann sich an ihrem Gesicht nicht sattsehen und möchte sich alles darin merken. ... Und dann sehen wir in kurzen Filmszenen und Bildern wieder ihren ganzen Zauber. Sehen Sophia Loren, diese große stolze wunderschöne Frau mit dem italienischen Temperament, mit Riesenschritten auf hohen Absätzen durch ihre Filme laufen und den Männern links und rechts den Kopf verdrehen. Sie strahlt zugleich Sinnlichkeit und Mütterlichkeit aus. Solche Frauen gibt es sonst nicht, schon gar nicht in Deutschland, aber vielleicht auch in Italien nur ein einziges Mal."

Dass Keira Knightley keine Sex- und Nacktszenen mehr drehen will, wenn auf dem Regiestuhl ein Mann sitzt, kann Marie-Luise Goldmann von der Welt schon nachvollziehen. Dennoch fragt sie sich, "wie mutig Knightleys Entscheidung wirklich ist, oder genauer: Muss sie aufgrund ihrer Regel überhaupt auf irgendeine Zusammenarbeit verzichten?" Erotik habe im Gegenwartskino schließlich ohnehin einen schlechten Stand: "Traut sich niemand mehr an das schwierige Thema ran? ... Ist das das Ende der Erotik? Hält eine neue Prüderie Einzug in die Welt des Kinos und der Schlafzimmer?"

Weitere Artikel: David Steinitz bringt in der SZ eine amüsante Randnotiz zum coronisch-chronisch verschobenen neuen "James Bond"-Film: Weil das Product Placement im Film im Begriff ist, zu veralten, drohen nun Nachdrehs - das will zumindest die britische Sun herausgefunden haben. Wilfried Hippen spricht in der taz mit dem Regisseur Lars Jessen über das Filmedrehen unter Coronabedingungen. Dunja Bialas (Artechock) und Ulrich Kriest (Filmdienst) resümieren das Filmfestival Max Ophüls Preis.

Besprochen werden Simon Stones auf Netflix gezeigtes Drama "Die Ausgrabung" mit Ralph Fiennes (FR), der Dokumentarfilm "76 Days" über die Situation in den Krankenhäusern in Wuhan zu Beginn der Pandemie (taz) und die auf AppleTV gezeigte Serie "Losing Alice" (Presse).
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