Efeu - Die Kulturrundschau

Mehr Klirr-Klirr als Bling-Bling

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10.04.2019. DlfKultur erkundet mit dem Fotografen Roger Melis die vielen Facetten der DDR-Gesellschaft. Der Tagesspiegel trauert um den Schauspieler Seymor Cassel, der der modernen Gesellschaft sein zerfurchtes Gesicht gab. Die SZ rätselt noch immer, welche rote Linie Kirill Serebrennikow eigentlich überschritten hatte. Der Standard empfiehlt Spellling gegen musikalische Gleichförmigkeit. Und der Guardian gönnt sich für 800 Dollar einen Haarschnitt in den Hudson Yards.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2019 finden Sie hier

Kunst

Roger Melis: Fischer, Usedom, 1983. Aus der Serie: Die Ostdeutschen - Fotografien aus drei Jahrzehnten DDR. © Roger Melis / Stiftung Reinbeckhallen

Die Reinbeckhallen in Berlin-Schöneweide zeigen Arbeiten des DDR-Fotografen Roger Melis. Im DlfKultur spricht dessen Stiefsohn Mathias Bertram, der die Schau kuratiert hat, über Melis, die kritische Fotografie und den realistischen Blick: "Die Ausstellung fällt jetzt in eine Zeit, in der viel über die Ostdeutschen nachgedacht wird und ihnen gern eine Identität zugeschrieben wird. Und die Ausstellung zeigt eigentlich genau das Gegenteil: Sie zeigt eine äußerst vielfältige, differenzierte, ja, heute würde man sagen, diverse Gesellschaft, und zwar einmal natürlich eine sozial vielschichtige Gesellschaft - und das führt hier eben dazu, also dass man die Landarbeiter, die Forstarbeiter, die Fabrikarbeiter genauso sieht wie den Parteisekretär, den Betriebsdirektor. Und natürlich ist das auch im politischen Spektrum eine vielfältige Gesellschaft, die sich nicht auf einen Nenner bringen lässt. Das kann man sehr schön an diesen Porträt-Serien sehen."

Erst musste Angela Merkel die Bilder des NS-Mitläufers Emil Nolde im Kanzleramt abhängen, dann musste sie vom antibritischen Antisemiten Karl Schmidt-Rotluff Abstand nehmen. Dass sie jetzt erstmal gar kein Bild mehr aufhängen will, kritisiert  Kia Vahland in der SZ aber auch schon wieder als "mutlos". In der Berliner Zeitung wirft Harry Nutt die Frage auf, wer eigentlich die Kanzlerin in Kunstfragen berät. (Der Perlentaucher würde dem Kanzleramt Lotte Laserstein empfehlen, oder Katharina Grosse!)
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Bühne

In der SZ überlegt auch Silke Bigalke, was die Freilassung des Regisseurs Kirill Serebrennikow zu bedeuten habe. Wollen die Behörden die internationale Aufmerksamkeit drosseln? Rudern sie zurück? Schließlich ist die kreative Buchführung, die sie Serebrennikow vorwerfen, in der russischen Kulturszene gang und gäbe: "Viele Kultureinrichtungen in Russland könnten mit ähnlichen Vorwürfen vor Gericht gebracht werden. Deswegen verunsichert der Prozess besonders. Nun rätseln alle, welche unsichtbare Grenze Serebrennikow überschritten haben könnte."

Katherine Manley und Michael Mayes als Pat und Richard Nixon. Foto: Matthias Baus / Staatsoper Stuttgart

Mit seiner Oper "Nixon in China" machte John Adams aus dem historischen Treffen ein kluges Drama über die Unfähigkeit zusammenzukommen, erklärt Reinhard Brembeck in der SZ und ist einfach überwältigt von Marco Štormans Stuttgarter Inszenierung: "Goodman & Adams entdecken bei ihrer Studie sechs einsame Menschen (der sechste ist Henry Kissinger), die trotz ihrer spektakulären Karrieren und Machtpositionen in den kulturellen Codes ihrer Herkunft gefangen bleiben. Verständigung, Austausch oder Annäherung sind nicht möglich. Auch darüber klagt die Musik. Doch diese Klage ist voller Optimismus, voll lichter Hoffnungen. Denn Adams ... bietet einen stets nachvollziehbaren und begeisternden Mix aus Barockmusik, afrikanischer Folklore, Blues, Pop, eingängigen Melodien, süffigen Akkordfolgen und romantischem Sentiment. Mühelos wechselt er von einem Rhythmusfeld zum anderen, sein Timing ist grandios, sein Einfallsreichtum verblüffend."

Weiteres: In der FAZ traut Wiebke Hüster ihren Augen nicht: Das Stadttheater Chemnitz stemmt eine Schwanensee-Aufführung mit einem Ballettensemble von zwanzig TänzerInnen, begeistert zeigt sich auch Katharina Leuoth in der Freien Presse. Hier ein kurzer Ausschnitt im Video. Der Standard greift die Missstände an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper auf, die der Falter ans Licht gebracht hat: "Ein Teil der Vorwürfe konzentriert sich auf eine im Jänner gekündigte Lehrerin, die Schülerinnen unter anderem getreten, blutig gekratzt und an den Haaren gerissen haben soll." Margarete Affenzeller bilanziert nach fünf Jahren die Intendanz der Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann.

Besprochen werden Claudia Bauers Aufführung "Süßer Vogel Jugend" am Schauspiel Leipzig (SZ), Anna Bergmanns hochemotionale Inszenierung von "The Broken Circle" am Staatstheater Karlsruhe (FR), Rolando Villazóns Inszenierung von Rameaus "Platée" an der Semperoper (FAZ) und Constanza Macras' Tanzstück zur Gentrifizierung "Der Palast" (Berliner Zeitung).
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Architektur

Im Guardian rauft sich Oliver Wainwright die Haare beim Anblick der New Yorker Hudson Yards, dem 25 Milliarden teuren Areal für Superreiche: "Das Überraschende ist nicht, dass eine solche Entwicklung stattgefunden hat, sondern dass es so scheußlich ist. Der Marketinghype von Hudson Yards ist voller Superlative: Dies sei das größte und teuerste private Immobilienprojekt in der Geschichte der USA, ein Ort mit 'noch nie dagewesenen' Einzelhandelskonzepten und 'einzigartigen' Restaurants. Es wird als das Nonplusultra in allem angesehen, ein raffinierter Spielplatz für anspruchsvolle Stadtbewohner, mit Geschäften, in denen man fünfstellige Summen für eine Armbanduhr und 800 Dollar für einen Haarschnitt ausgeben kann. Doch es fühlt sich alles so billig an."
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Stichwörter: Hudson Yards, Armbanduhren

Film

Traurige Nachricht: Der Schauspieler Seymour Cassel ist tot. Christiane Peitz blickt im Tagesspiegel-Nachruf insbesondere auf die langjährige Zusammenarbeit mit John Cassavetes zurück, für den Cassel oft vor der Kamera stand - vor allem mit Gena Rowlands. Die beiden "waren das hohe Paar des amerikanischen Indie-Kinos, sie verkörperten die Verstörungen, die Psychopathologie der modernen Gesellschaft. ... Das immer schon zerfurchte Gesicht mit dem Schnauzbart, das Zerknautschte, Verwirrte seiner Figuren, die angeraute Stimme und die leise Selbstironie machten Cassel zum sympathischen Antihelden." Weitere Nachrufe im Guardian und im Hollywood Reporter. Und eine Szene aus "Minnie & Moskowitz":



Weitere Artikel: Filme über Kriegsreporter erleben derzeit eine Renaissance, schreibt Jens Balkenborg im Freitag und sieht darin auch eine Reaktion auf jüngste Krisen des allgemeinen Berufsstands: "Der Journalismus sieht sich in der Kritik und muss sich als faktenbasierte Instanz beweisen." Fritz Göttler (SZ) und Dietmar Dath (FAZ) gratulieren Max von Sydow zum Neunzigsten. Besprochen werden Ali Abbasis "Border" (SZ, FAZ) und die Fox-Serie "Broadchurch" (FAZ).
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Design

Für die NZZ hat Viviane Ehrensberger im Museum für Gestaltung Zürich eine Ausstellung über die Schweizer Schuhhersteller Bally besucht.
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Literatur

Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Jürg Altwegg (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Claudio Magris zum Achtzigsten.

Besprochen werden unter anderem Nikolaus Harnoncourts "Meine Familie" (NZZ), Christoph Heins "Gegenlauschangriff" (Standard), Albrecht Selges "Fliegen" (NZZ), Horst Bredekamps "Aby Warburg, der Indianer" (SZ), Hans Christoph Buchs "Tunnel über der Spree. Traumpfade der Literatur" (Tagesspiegel), Nathaniel Richs "Losing Earth" (Welt, Dlf Kultur), die Ausstellung "Wettlauf zum Mond - die fantastische Welt der Science-Fiction" im Karikaturenmuseum in Krems (SZ) und Ulrich Siegs Biografie über Elisabeth Förster-Nietzsche (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Stichwörter: Bredekamp, Horst, Krems

Musik

Spellling - nur richtig geschrieben mit drei "l" - "stellt im ansonsten doch sehr zur musikalischen Gleichförmigkeit neigenden und ohne übertrieben eingesetzte künstlerische Alleinstellungsmerkmale auskommenden Genre des R'n'B aktuell eine Ausnahme dar", meint Christian Schachinger im Standard, nachdem er die auf Bandcamp erhältlichen Alben der Künstlerin durchgehört hat. Fazit: "Mehr Klirr-Klirr als Bling-Bling." Ein Video:



Fettes Brot haben mit "Lovestory" ein neues Album und liefern gleich im ersten Song eine "Ode an die eigene Onkeligkeit", winkt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline genervt ab: "Wenn Fettes Brot eins können, dann effektiv mit Geschmacksverirrungen flirten." Wobei Gerhardt es der Band immerhin zugute hält, dass sie politisch Haltung bewahrt.

Weitere Artikel: Jan Kedves hat für die SZ beim Dlf nachgefragt, woher eigentlich die mitunter unpassend gute Laune verströmende Musik zwischen den mitunter eher schlechte Nachrichten verbreitenden Informationsbeiträgen in der Frühsendung kommt. In der FAZ porträtiert Till Schmidt den äthiopischen Jazzer Hailu Mergia.

Besprochen werden das neue Album "Life Metal" von Sunn o))) (Standard), neue Popveröffentlichungen, darunter das Debütalbum der Supergroup LSD, das sich aus Labrinth, Sia und Diplo zusammensetzt ("trotz Übermaß makellos zubereitet", schreibt SZ-Popkolumnist Julian Dörr) und das neue Album von Daniel O'Sullivan (The Quietus). Ein aktuelles Video:

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