Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Akt gehobener Zeitverschwendung

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09.08.2018. Auf Zeit online protestieren SchriftstellerInnen mit Migrationshintergrund gegen das Labeling im Literaturbetrieb. Die Filmkritiker sahen Bodenloses in Regina Schillings Essayfilm "Kulenkampffs Schuhe". In der SZ möchte Intendantin Stefanie Karb wissen, warum die Young Fathers auf der Ruhrtriennale ein Problem sind, nicht aber an den Kammerspielen oder in der Spex. In der NZZ erinnert sich Norman Manea an seine Freundschaft mit Philip Roth.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2018 finden Sie hier

Literatur

In einem großen Dossier auf ZeitOnline äußern sich die Schriftstellerinnen und Schriftsteller Max Czollek, Özlem Özgül Dündar, Sandra Gugić , Mehdi Moradpour und Ronya Othmann im Zuge von #MeTwo über rassistische Erfahrungen im Literaturbetrieb. Max Czollek skizziert das Problem mit der "Zuweisung von Adjektiven", die oft eben auch eine Selbstzuweisung ist: "Ob Frauenliteratur oder Migrantenroman, Straßenrap oder Judenlyrik - das alles sind Labels, unter denen potenzielle Leser*innen eine Kunst erwarten, die als authentisch apostrophiert wird. Bei diesem Karneval der Kulturen spielen wir Künstler*innen häufig die Rolle, die man uns vorgibt. ... Die Adjektivliteratur wiederholt gerade jene Ausschlüsse, gegen die sich eine feministische, jüdische, migrantische, postmigrantische oder afrodeutsche Kritik ursprünglich zur Wehr setzte, als sie die Besonderheit und Nichtidentität der eigenen Perspektive betonte, um einer befürchteten 'kulturellen Aneignung' zuvorzukommen. Wenn wir mit diesem Bezug auf Identitäts- und Authentizitätsdiskurse nicht das Loch gegraben haben, in das wir mit der Adjektivliteratur fallen, dann haben wir zumindest einige Schaufeln besorgt."

In der NZZ erinnert sich der rumänische Schriftsteller Norman Manea an seinen Freund Philip Roth: "Wenn ich aus all den Qualitäten und Widersprüchlichkeiten, die Philip Roth vor seinen Zeitgenossen auszeichneten, eine auswählen müsste, dann wäre es seine hartnäckige Zurückweisung des Banalen, Gewöhnlichen, eines durch den schieren Alltag dumpf gewordenen Bewusstseins. ... Nichts darf den freien Gebrauch der Vorstellungskraft, der schöpferischen und der individuellen Freiheit hemmen - jener Kräfte, die den Erzfeinden der Kreativität die Stirn bieten und sie besiegen. Roth hat diese Energien von Anfang an ins Spiel gebracht."

Besprochen werden unter anderem Lisa McInerneys Kriminalroman "Glorreiche Ketzereien" (FR), Minetaro Mochizukis Comic "Chiisakobee" (SZ), Steffen Menschings "Schermanns Augen" (SZ) und Katharina Adlers "Ida" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Gestern Abend lief im Ersten Regina Schillings Essayfilm "Kulenkampffs Schuhe" über den Zusammenhang zwischen "Drittem Reich" und der Unterhaltungskultur im BRD-Fernsehen der 60er und 70er. Die Feuilletonkritiken trudeln langsam online und dank Mediathek ist das angesichts dieses sehenswerten Films auch heute noch aktuell. Der "großartige" Film ist überaus mehrschichtig, erklärt Bert Rebhandl im Cargo-Blog: Er ist "eine Geschichte der Nachkriegs-BRD im Spiegel ihrer Samstagabendliturgien, eine Familiengeschichte im Zusammenhang der kollektiven Geschichte, eine Krankengeschichte als Symptombild gesellschaftlicher Überanstrengung, und eine Geschichte von einer Geschichte, die nicht vergeht. ... Jede einzelne Sekunde in der Montage ist interessant", daneben "gibt es großartige Nebensächlichkeiten wie einen Auftritt von Fassbinder bei Rosenthal."

Cornelia Geißler erklärt in der Berliner Zeitung, dass "der Film durch die Folie der Unterhaltung ein eindrückliches Bild der frühen Jahre der Bundesrepublik zeichnet." Der Film "verblüfft, klärt auf, unterhält auf hohem Niveau", erklärt Harald Keller in der FR. "Nicht geringen Anteil daran haben der Cutter Jamin Benazzouz und die für den Dialogschnitt verantwortliche Luise Hofmann." Und Heike Hupertz erklärt in der FAZ: "Unter der Oberfläche der Harmlosigkeit dieser Unterhaltungsshows gibt es überall Bodenloses. Einiges sieht man erst durch Schillings Film."

Weitere Artikel: Im Standard resümiert Bert Rebhandl das Filmfestival in Jerusalem. Birte Carolin Sebastian spricht auf ZeitOnline mit der Schauspielerin Lily James. Barbara Hordych erinnert in der SZ daran, wie Klaus Lemke mit Cleo Kretschmer in Schwabing "Amore" gedreht hat. Urs Bühler widmet sich in den NZZ dem komödiantischen Angebot des Filmfestivals Locarno. Und eine amüsante Randnotiz: Disney darf auf seinem geplanten Streamingdienst offenbar seine eigenen "Star Wars"-Filme nicht ins Angebot nehmen, meldet watson.ch.

Besprochen werden Justin Bensons und Aaron Moorheads Horrorfilm "The Endless" (Perlentaucher, taz), Cory Finleys Thriller "Vollblüter" (taz, SZ), Eran Riklis' Thriller "Aus nächster Distanz" (Tagesspiegel, FR), Mike Newells "The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society" (NZZ) und der Monsterfilm "The Meg" mit Jason Statham (Perlentaucher, FR, NZZ, Standard).
Archiv: Film

Musik

Die CD-Absätze von Klassiklabels wie Harmonia Mundi haben sich in den vergangenen zehn Jahren halbiert, erklärt Christian Girardin, der Manager der Plattenfirma, im FAZ-Gespräch. Die Hörerzahl ist dank Streaming allerdings in etwa gleich geblieben, wodurch sich jedoch neue Herausforderungen stellen - zumal, da Streamingkunden nicht immer gezielt nach bestimmten Einspielungen, sondern allgemein nach Stücken suchen: "Wir beziehen zum Beispiel unsere Künstler selbst mit ein. Jeder von ihnen pflegt seine eigene Playlist. Oft hat es auch mit Glück zu tun, wie im Falle von Paul Lewis, dessen Aufnahme der 'Mondscheinsonate' es in die vorderen Ränge der Beethoven-Playlist bei Spotify geschafft hat und die dort in zwei Jahren 35 Millionen Mal gestreamt wurde. Wir wollen nun schauen, ob man auf solche Zufälle nicht auch hinarbeiten kann."

Mit großer Freude klickt sich NZZ-Autorin Marion Löhndorf durchs Archiv der BBC-Sendereihe "Desert Island", in der seit 1942 Prominente ihre Musik für die einsame Insel vorstellen: Das Stöbern in den alten Episoden "ist eine Tätigkeit, die Neugierige und Nostalgiker süchtig machen, die zu einem Akt gehobener Zeitverschwendung werden kann." Schönes Fundstück: "Der Schauspieler Michael Caine outete sich als Fan von Disco-Musik."

Weitere Artikel: Im Freitag schreibt Jürgen Ziemer über Andreas Doraus Musical "König der Möwen". Besprochen werden Alison Chernicks Kino-Porträt des Geigers Itzhak Perlman (taz), Steve Hauschildts Ambient-Techno-Album "Dissolvi" (Pitchfork), das Konzert des slowenischen Symphonieorchesters der Musikakademie Ljubljana bei Young Euro Classic (Tagesspiegel) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album "13 Kinds of Happiness" von Stella Sommer, deren "dystopischen Timbre" sich Pinky Rose von ZeitOnline "nur zu gern hingibt":

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Archiv: Musik

Kunst

Peter Iden besucht für die FR den neuen Anbau der Mannheimer Kunsthalle, der mit einer Schau der Lichtkästen Jeff Walls eröffnet. In der Welt stellt Dirk Schümer den spätromantischen Maler Léon Frédéric vor, dem das Musée Gustave Courbet im französischen Ornans derzeit eine Ausstellung widmet.

Besprochen werden die Ausstellung "Gerhard Richter. Abstraktion" im Potsdamer Museum Barberini (taz), die Ausstellung "Street. Life. Photography" in den Hamburger Deichtorhallen (die für FAZ-Kritiker Freddy Langer von einer "befremdenden Beliebigkeit" zeugt) und eine Ausstellung des Videokünstlers Pierre-Philippe Hofmann im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Richter, Gerhard

Bühne

Im Interview mit der SZ reagiert Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Karb langsam etwas gereizt auf den Vorwurf, sie habe mit der Einladung der schottischen Band Young Fathers dem Antisemitismus ein Forum geboten (die Band wurde dann wieder ausgeladen und wieder eingeladen und hat schließlich selbst abgesagt): "Ich würde auch nicht beim BDS unterschreiben, als Deutsche schon gar nicht. Darum geht es auch gar nicht, sondern darum, ob man diese Künstler einladen darf oder nicht. Das sind dann eine Menge, auch sehr wesentliche Künstler. In München spielten die Young Fathers beim Eröffnungsfest der Saison der Kammerspiele, und niemand regte sich darüber auf. Sie spielten auch in Köln, waren auf der Titelseite der Musikzeitschrift Spex. Das ist doch jetzt alles ein bisschen übertrieben und unverhältnismäßig, was hier gerade passiert."

Weitere Artikel: Sven Sakowitz unterhält sich für die taz mit Regisseur Patrick Wengenroth, der das Bühnenstück "König der Möwen" von Andreas Dorau und Gereon Klug beim Sommerfestival im Hamburger Theater Kampnagel inszeniert, über Indie-Identitäten (mehr zum Musical im Freitag). Im Interview mit der FR gibt der Hamburger Kulturmanager Christian Holst Tipps, wie Theater die Sozialen Medien besser nutzen könnten. NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico macht in ihrem Interview mit dem deutschen Festivalmacher Matthias von Hartz kein Hehl daraus, dass ihr der kapitalismuskritische Aktivismus vieler Theater inzwischen etwas billig vorkommt.

Besprochen werden Ivo Dimchevs "Selfie Concert" beim Wiener Festival Impulstanz (nachtkritik), Florentina Holzingers Performance "Apollon" beim Impulstanz (taz) und die Operetten "Land des Lächelns" und "Sissi" bei den Lehar-Festspielen in Bad Ischl (Presse).
Archiv: Bühne