Efeu - Die Kulturrundschau

Anti-Dercon

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21.06.2018. Die Filmkritiker sind einstimmig begeistert vom mutmaßlich neuen Berlinaleleiter Carlo Chatrian, der in Deutschland keine falschen Freunde habe. Einig sind sie sich auch mit Werner Herzog in der Wertschätzug für die chinesisch-amerikanische Filmregisseurin Chloé Zhao. Man kann selbst in Israel ganz wunderbar unpolitisch schreiben, versichert David Grossman im Tagesspiegel. Simon Rattle hat sich aus Berlin mit Mahlers Sechster verabschiedet: Reine Klanglust hörte der Tagesspiegel und wartet jetzt auf den musikalischen Höllensturz Kirill Petrenkos.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2018 finden Sie hier

Film

Dass Monika Grütters morgen Mittag Carlo Chatrian, den bisherigen Leiter des Filmfestivals in Locarno, der Öffentlichkeit als neuen Berlinale-Direktor präsentieren wird, daran herrscht im Feuilleton keine Zweifel mehr. Die Vorfreude ist enorm: Eine "willkommene Entscheidung", zitiert Fréderic Jaeger in der Berliner Zeitung den Regisseur Christoph Hochhäusler und damit einen der Unterzeichner des im vergangenen Jahr an Grütters gerichteten Filmemacher-Appells: Schließlich habe sich Locarno unter der Ägide Chatrians zu einem "Mekka für Filmliebhaber" gemausert. Und: Es wird wohl auf eine Doppelspitze hinauslaufen, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock: "Den kaufmännischen Teil der Direktion soll eine Frau übernehmen, deren Name am Freitag bekanntgegeben wird." Von Chatrian verspricht er sich einiges, zumal dieser "von außen kommt. Denn in der deutschen Filmszene hat er keine Feinde, aber auch keine falschen Freunde, denen er irgendetwas schuldig ist, oder sich verpflichtet fühlen muss. Das gleiche gilt auch für die Berlinale selbst, wo die unter Kosslick knapp zwei Jahrzehnte lang fröhlich erstarrten Strukturen dringend frischen Wind brauchen, und auch Chatrian nicht darum herumkommen wird, unbequeme Entscheidungen zu treffen."

Auf ZeitOnline nennt Andreas Scheiner Chatrian einen "Anti-Dercon. Glamour bringt er keinen mit, der Introvertierte mit den Locken ist ein Cineast wie aus dem Drehbuch. ... Chatrian geht nicht mit der Mode, er will Wegbereiter sein, ein Entdecker." Auch SZ-Kritiker David Steinitz hält diese Entscheidung für eine gute. In der FR blickt Frank Junghänel zurück auf das publizistische Genre Kosslick-Kritik.

Schönes Pferd, schöner Mann: Szene aus Chloé Zhaos "The Rider"

Vom existenziellen Drama des Rodeo-Reiters, der kein Rodeo-Reiter mehr sein kann, erzählt Chloé Zhaos semi-dokumentarischer, von der Kritik begeistert aufgenommener Film "The Rider". Der Film, schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher, "ist ein moderner Western, aber einer, der ganz vom Pferd her gedacht ist. Das Pferd ist, was vom Western übrig ist. Schon die ersten Bilder des Films sind Pferdebilder: golden glänzendes Fell und wehende Mähne in Großaufnahme, geschmeidige Bewegungen, bildschirmfüllend. Der Blick in ein Pferdeauge. Dann wacht Brady auf, sein eigener Körper glänzt auch, bläulich vor schwarzem Hintergrund. Der Menschenkörper hat seine eigene Schönheit (und Zhaos Film hat einen Blick für diese Schönheit, für Bradys Schönheit; es gibt, das zeigen diese Bilder eindrücklich, viel zu wenig Filme von Frauen über Männerkörper), aber die Schönheit und vor allem die Ganzheit der Pferdekörper ist für ihn unerreichbar." Der Film ist "im wundervollen Abendlicht der blauen Stunde gedreht", schwärmt Philipp Bühler in der Berliner Zeitung und stimmt Werner Herzog aus vollem Herzen zu, der die Regisseurin Chloé Zhao als "neue, bedeutende Stimme im amerikanischen Kino" gewürdigt hat.

Weitere Artikel: Für die NZZ spricht Geri Krebs mit Shirin Neshat über ihren Film "Auf der Suche nach Oum Kulthum". Jenni Zylka wirft für die taz einen Blick ins Programm des Jüdischen Filmfests in Berlin. In der Spex blickt Diana Weis auf 20 Jahre "Sex and the City" zurück. In der Textreihe "100 Deutsche Lieblingsfilme" auf Eskalierende Träume erinnert André Malberg an Jürgen Goslars Kriminalfilm "90 Minuten nach Mitternacht" von 1962. Und die New Filmkritik veröffentlicht Rolf Aurichs ursprünglich für eine Neuauflage von Hartmut Bitomskys Buch "Die Röte des Rots von Technicolor" vorgesehenes Nachwort (inklusive einer Publikationsnotiz des Autors).

Besprochen werden Stanislaw Muchas Dokumentarfilm "Kolyma", an dessen liebenswert skurrilen Protagonisten taz-Kritikerin Barbara Wurm einen Narren gefressen hat (eine weitere Kritik in der SZ), Gary Ross' Gaunerinnenkomödie "Ocean's 8" (Perlentaucher, ZeitOnline, Standard, FAZ, Welt), die zweite Staffel der Serie "Queer's Eye" (FAZ) und eine neue, von Arte online gestellte Doku über Leni Riefenstahl (FR).
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Literatur

Im Tagesspiegel spricht Christian Böhme mit dem israelischen Schriftsteller David Grossman über die Situation in dessen Land.  Zwangsläufig politisch müssen die Literaten in seinem Land nicht sein, sagt er: "Wir haben in Israel ganz wunderbare Autoren, die völlig unpolitisch schreiben. Und es gibt einige, die einen politischen Ansatz haben. Jene, die sagen: Wir lassen uns von der Verzweiflung nicht niederdrücken. Wir wollen stattdessen fantasieren, uns etwas vorstellen. Der Ort dafür kann die Literatur sein. Denn die Menschen in Israel fühlen, dass sie in einer Falle feststecken - sie können sich Frieden nicht vorstellen."

Weiteres: Alexander Menden (SZ) und Gina Thomas (FAZ) gratulieren Schriftsteller Ian McEwan zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Teju Coles "Blinder Fleck" (online nachgereicht von der Welt), Günter Kunerts Gedichtband "Aus meinem Schattenreich" (FR), Pénélope Bagieus "Unerschrocken 2" mit weiteren Comic-Porträts großer Frauen (Tagesspiegel), Mathieu Sapins Comicporträt über Gérard Depardieu (Standard), Charlie Englishs "Die Bücherschmuggler von Timbuktu" (Zeit) und Matt Ruffs "Lovecraft County" (FAZ).
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Kunst

Besprochen werden eine Ausstellung der türkischen Künstlerin Nilbar Güres im Lentos Kunstmuseum in Linz (Standard) und ein Band über "Rodin and the Art of Ancient Greek" (Literary Review).
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Bühne

In der nachtkritik stellt Christian Huberts Inszenierungen von Computerspielen an der Berliner Volksbühne und dem Schauspielhaus Bochum vor. Boris Gruhl resümiert in der Stuttgarter Zeitung Filip Barankiewiczs erste Saison als Ballettdirektor des Prager Nationaltheaters. Im Gespräch mit der nachtkritik erklären Bettina Masuch vom tanzhaus nrw, Matthias Pees vom Frankfurter Mousonturm und Kathrin Tiedemann vom Forum Freies Theater in Düsseldorf, was es mit dem mit zwölf Millionen Euro geförderten "Bündnis internationaler Produktionshäuser" auf sich hat.

Besprochen werden Calixto Bieitos Inszenierung von Monteverdis "L'incoronazione di Poppea" am Opernhaus Zürich (NZZ) und Ong Keng Sens Inszenierung "Trojan Woman" bei den Wiener Festwochen (SZ).
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Musik

Mit Gustav Mahlers Sechster Sinfonie und damit dem ersten Werk, das er jemals mit diesem Orchester dargeboten hat, verabschiedete sich Simon Rattle offiziell als Leiter der Berliner Philharmoniker (hier kann man das Konzert noch ein paar Tage online nachhören). Diese Wahl erinnert auch an eine andere Zeit, schreibt Peter Uehling in der Berliner Zeitung, schließlich war Mahler vor der Jahrtausendwende noch deutlich angesagter als heute Strawinsky, mit dem sich Rattle in seiner Zeit bei den Philharmonikern besonders beschäftigte. Eine "Ära" will Uehling Rattles Leitung allerdings nicht ohne weiteres nennen: "Die vielen herausragenden Konzerte ergeben am Ende kein kompaktes Bild. Das zeigt sich nicht zuletzt am Umgang mit neuer Musik: Stand Karajan ihr weitgehend hilflos gegenüber und hielt sich ans Bewährte, hatte Abbado seine von Luigi Nono geprägten ästhetischen Maßstäbe, so bewegte sich Rattle von englischer Effekthascherei bis Pierre Boulez und Helmut Lachenmann und wieder zurück zu Jörg Widmann durch alle möglichen Richtungen - und man weiß nicht, ob diese Inklusion nun für Offenheit steht oder für den Mangel an Überzeugung."

Frederik Hanssen geht im Tagesspiegel näher auf den Mahler-Abschluss ein: "Während Mahlers Sechste eigentlich Idyllen ad absurdum führt und mit Akribie zerstört, was sie mit Furor erschafft, stellt sich beim Hörer an diesem Abend ein seltsam gegenläufiger Effekt ein. Rattle überlässt den musikalischen Höllensturz seinem Nachfolger Kirill Petrenko. Im allgemeinen Kollaps stellt er das heraus, was gewachsen ist: Klanglust, die das Geräuschhafte umarmt, körperbetonte Bässe, rhythmisches Feuer."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel porträtiert Hans Ackermann den Komponisten und Dirigenten Samuel Adler, der heute in Berlin zu Gast ist. Für die NZZ porträtiert Hans Keller Shakira. Matthias Dell erinnert im Freitag nach einer Sichtung historischer Aufnahmen daran, dass Fußballspieler, die im Stadion die Nationalhymne "singen", erst in den späten 80ern und frühen 90ern zum (allerdings auch nicht flächendeckenden) Standard wurden: Auch kernige deutsche Jungs wie  Sepp Maier und Oliver Kahn haben die Hymne nicht gesungen. In der NZZ befasst sich Hanspeter Künzler unterdessen mit der Geschichte der Fanchöre im Stadion.

Besprochen werden ein Jeff-Beck-Konzert (FR), eine Beethoven-CD des Cuarteto Casals  (NZZ), ein Konzert von Valentin Uryupin und Tobias Feldmann (FR).
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