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Efeu - Die Kulturrundschau

Der Rohstoff Leben

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.05.2018. Der New Yorker würdigt den großartigen kongolesischen Künstler Bodys Isek Kingelez. Autorin Dorothea Studthoff denkt im Logbuch Suhrkamp darüber nach, wie sich das Unglaubliche in Worte fassen lässt. Der Guardian will die brutalen Videos zu Drill Music nicht für die Messermorde in London verantwortlich machen. Die Filmkritiker feiert Agnes Varda, Jean-Luc Godard ist allerdings ein echter Stinkstiefel, stellt sich heraus.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2018 finden Sie hier

Film

JR, Varda, Katze: "Augenblicke: Gesichter einer Reise" (Weltkino)


Gestern wurde Agnès Varda 90. Ihr neuer Film "Augenblicke: Gesichter einer Reise" wird heute weit besprochen. Die Filmemacherin "hat sich ihren vielleicht schönsten Film bis gegen Ende einer an Höhepunkten reichen Karriere aufgehoben", schwärmt Andreas Busche im Tagesspiegel. Für den Film hat Varda gemeinsam mit dem Künstler JR die französische Provinz abgeklappert, "um jenes Frankreich zu finden, das Didier Eribon in seinen Erinnerungen 'Rückkehr nach Reims' von der Politik vergessen wähnt. ... Vardas Kino existiert in dem Aggregatzustand, in dem sich der Rohstoff Leben plötzlich in wahrhafte Kunst verwandelt."

Godard hat in dem Film im übrigen auch einen stinkstiefeligen Auftritt - beziehungsweise eigentlich keinen: Varda und JR hatten sich für einen Besuch angekündigt, Godard lässt den Termin kurzfristig platzen, "wahrscheinlich absichtlich", schreibt Johannes Bluth in der taz: "Nur eine als Notiz getarnte Anspielung auf Vardas früh verstorbenen Ehemann und Regisseurkollegen Jacques Demy klebt an der Tür, die Varda prompt zum Weinen bringt. Und auf einmal ist JR da: Trösten steht ihm offenkundig viel besser als Sticheln und am Ende nimmt er für seine Freundin Agnès sogar einmal kurz die Sonnenbrille ab."

Überhaupt würdigen die Kritiker die emotionale Intelligenz und filmische Empathie dieser großen Regisseurin: "Agnès Vardas gesamtes Schaffen zeugt von ihrem Selbstverständnis als soziales Wesen", würdigt Christina von Bylow die Regisseurin in der Berliner Zeitung. Daniel Kothenschulte pflichtet dem in der FR bei: "Vardas Begabung, sich in Unbekannte einzufühlen und zur Essenz ihrer Lebenswirklichkeit vorzustoßen, ist auch das Geheimnis dieses neuen Films", der sich "in ihr Schaffen nun einfügt wie ein unverhofftes Dessert". In ihren Filmen, schreibt Gerhard Midding auf ZeitOnline, geht Varda "stets ein enges Bündnis mit den Schauplätzen ein, stellt eine tiefe Resonanz her zwischen den Orten und der Seelenlage der Figuren". Der Film "kultiviert eine feine Melancholie über den Verlust alter Gewohnheiten", schreibt Katrin Doerksen im Perlentaucher, " - ein Briefträger erzählt vom Radio, das einst an seinem Fahrradlenker baumelte, eine alte Frau im Norden ist die letzte verbliebene Bewohnerin ihrer Straße - und schätzt zugleich das Jetzt, den Moment, die Ahnung einer vielversprechenden Zukunft." Weitere Besprechungen und Geburtstagsgrüße in Welt und FAZ.

Weitere Artikel: Für die NZZ spricht Christina Tillmann mit Christian Petzold über dessen Film "Transit". Ludwig Lugmeier empfiehlt in der taz eine Reihe im Berliner Kino Arsenal mit den Filmen mit Anna May Wong. Ihre erste große Rolle spielte sie in dem 1922 im Two-Strip-Technicolor-Verfahren entstandenen Stummfilm "The Toll of the Sea", dessen schauderhafte Youtube-Musikuntermalung Sie besser wegdrehen sollten:



Besprochen werden außerdem Stefanie Brockhaus' und Andreas Wolffs Dokumentarfilm "The Poetess" über die saudischen Dichterin Hissa Hilal, die 2010 als erste Frau bis ins Finale der Fernsehsendung "The Million's Poet" vorgedrungen ist (taz, FAZ), Jason Reitmans Mutterdrama "Tully" mit Charlize Theron (taz, FR) und Felix Moellers RAF-Doku "Sympathisanten" (Welt).
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Bühne

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Donizettis Oper "Maria Stuarda" an der Deutschen Oper Berlin (Tagesspiegel), Simon Stolbergs Adaption des "Don Quichote" für das Schauspiel Köln (nachtkritik) und Mohamed El Khatibs Dokumentartheaterprojekt "Stadium" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik, Standard).
Archiv: Bühne

Kunst


Bodys Isek Kingelez, Detail aus Kimbembele Ihunga, 1994. Photo: Maurice Aeschimann. Courtesy CAAC - The Pigozzi Collection

Im New Yorker würdigt Peter Schjeldahl den vor drei Jahren im Alter von 66 Jahren gestorbenen kongolesischen Künstler Bodys Isek Kingelez, Designer, Architekt, Bildhauer, Ingenieur, Künstler. Und "Genie", wie Schjeldahl hinzufügen möchte, nach dem Besuch einer "phänomenalen" Ausstellung, die Sarah Suzuki und Carsten Höller für das Moma zusammengestellt haben. Seine wundervollen Modelle zeigen "imaginierte Gebäude und ganze Städte in einer perfekt abgeschlossenen Melange aus modernen, postmodernen und vollkommen erfundenen Stilen. Gefertigt sind sie meist aus bemaltem Papier, Pappe und Plastik, gelegentlich mit urbanem Müll: gebrauchtem Verpackungsmaterial, Flaschenverschlüssen, Getränkedosen. Die einzelnen Werke sind 30 bis 120 Zentimeter hoch und ein Meter bis über 3 Meter breit, wie etwa das Meisterstück des Künstlers, 'Ville Fantôme' (1996), ein Tableau, das von Wolkenkratzern nur so strotzt, die sich an einer Ringstraße aneinanderreihen. Die Wirkung der Arbeit kann man nur mit einem Oxymoron beschreiben: anmutig mächtig oder irre gelassen. Die Verwandtschaft mit Kunsthandwerk, Spielzeug, Folk oder Outsider-Kunst und Bricolage kommt einem unvermeidlich in den Sinn, wird aber sofort wieder vertrieben von der Genauigkeit einer Ästhetik, die so anspruchsvoll ist wie die eines Alexander Calder oder Joseph Cornell."

Susan Meiselas, Self-portrait,
44 Irving Street, Cambridge,
Massachusetts, 1971; from Susan Meiselas: On the Frontline
(Aperture, 2017)
© 2017 Susan Meiselas.
Perlentaucher Thierry Chervel liest für "Fotolot" drei neue Fotobücher von Susan Meiselas - einer Fotografin, die vom Verschwinden besessen ist und gegen das Verschwinden kämpft. Am drastischsten sieht man das in einem Foto, das sie in Nicaragua aufnahm, schreibt er: "Dieses Foto präsentiert sich dem Betrachter zunächst als wohlkomponiertes Panorama mit grünen Hügeln, einem See, einer bekränzenden weiteren Hügelkette im Hintergrund. Eine harmonische, konventionelle Vedute, an der allerdings an der oberen Bildkante ein sehr dunker, abgeschnittener Wolkenstreifen auffällt, der wie ein Trauerrand wirkt. Erst dann fällt der Blick auf den angefressenen Torso eines Mannes, von dem nur die die durch Verwesung aufgedunsenen Beine in der Hose und die säuberlich abgenagte Wirbelsäule bleiben."

Weiteres: Gottfried Helnwein erzählt im Interview mit dem Standard, was er sich mit seiner Verhüllung des Ringturms gedacht hat, die eine junge Frau zeigt, die mit einer Maschinenpistole auf ihre Umwelt zielt: Alles pazifistisch und antikapitalistisch gemeint. Nicola Kuhn berichtet im Tagesspiegel über einen neuen Streit um Olu Oguibes Documenta-Obelisken in Kassel.

Besprochen werden die Ausstellung "Soziale Fassaden", in der Frankfurts Museum für Moderne Kunst und die Deka Bank gemeinsam ihre Sammlungen präsentieren (FR), die Ausstellung "Post Otto Wagner" im Wiener Museum für angewandte Kunst (Standard) und die Bruce-Nauman-Retrospektive im Schaulager Basel (Tagesspiegel).
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Literatur

Nachdem ihr aus heiterem Himmel ein Mann vor die Füße baplompscht (oder so ähnlich) ist, denkt Dorothea Studthoff im Logbuch Suhrkamp darüber nach, wie sich das Unglaubliche eigentlich in Worte fassen lässt. Denn "wenn einem etwas Unerhörtes passiert, weckt dieses mit aller Kraft das Bedürfnis, es möglichst so zu erzählen, dass die daraus resultierende Geschichte zum einen glaubhaft klingt, denn man hat es ja erlebt - wirklich! -, aber zum anderen auch so, dass der volle Irrsinn erzählerisch hervortritt und unterstreicht, welch ein erschütterndes Erlebnis das für einen war."

Außerdem: Paul Jandl plädiert in einer NZZ-Glosse für längere Sätze. Ganz Schweden schimpft auf die Schwedische Akademie, glossiert Roman Bucheli in der NZZ. Auf Tell unterzieht Sieglinde Geisel Frank Schätzings "Die Tyrannei des Schmetterlings" dem gefürchteten Page-99-Test und wirft dem Bestseller-Autor im Zuge allerlei "aufgeblasene Formulierungen" vor.

Besprochen werden George Saunders' "Lincoln im Bardo" (NZZ), Olga Martynovas Essaysammlung "Über die Dummheit der Stunde" (Tagesspiegel), Marcelo Figueras' "Das schwarze Herz des Verbrechens" (NZZ), Ralf Rothmanns "Der Gott jenes Sommers" (Tagesspiegel) und Felix Kuchers "Kamnik" (FR).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

In London gibt es neuerdings mehr Morde als in Städten wie New York (unser Resümee). Die meisten Morde werden mit Messern begangen und finden in Zusammenhang mit Drogenkriminalität statt. Nein, die "Drill Music", die die Jugendlichen gern hören, eine besonders aggressive Art des Rap, zu verbieten, würde nichts bringen, meint Iman Amrani im Guardian, die den Zusammenhang mit diesen meist auf Youtube verbreiteten Rapliedern aber nicht leugnet. "It's the more amateur videos by younger, aspiring rappers that cause concern. Videos of young men ballied up (wearing balaclavas or masks) and sending for 'opps' (enemies or targets) are popular with a young audience hungry for rawness and realness, albeit served alongside specific threats of violence. So, yes, these videos are worrying, but they don't just happen in a vacuum, they are a sad depiction of the reality of life for many young people."

Das wird ein "psychedelischer Sommer", verspricht Ulrich Rois auf Skug - sofern man nur das neue Album von Datashock, "Kräuter der Provinz", auf der Playlist hat. Die saarländischen Neo-Krautrocker verbeugen sich mit improvisiert-ausladenden Songs wie "Marodierende Sachbearbeiter aus Teilzeit" und "Im Zuchtstall der Existenzhengste" wieder tief vor den Vorbildern aus den Siebzigern, ohne sich deren mitunter verkniffene Ernstelei abzuschauen. Um dieses Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Anderen kreist das Projekt des Kollektivs ohnehin, erklären Tabea Köbler und Robert Henschel in der taz: Schließlich hieß ein früheres Album der Band schon "Die Pyramiden von Gießen": "Woher kommt Sound? Schwingen irgendwo im Kontinuum des Klangs kleine Erdpartikel mit, die auf eine Traditionslinie schließen lassen? ... Gleichwohl: Der Referenzrahmen Krautrock ist weder hermetisch abgeschlossen noch ausschließlich selbstreferenziell. Und hier beginnt die Tiefendimension dieser Überlegung zur Provinz, nämlich als Frage kultureller Aneignung, die im Medium der Musik gestellt wird." Bei Bandcamp kann man in das Album reinhören:



Passend dazu gibt das Berliner Elektro-Duo Âme, das Techno und Krautrock miteinander vermählt, in der Spex zahlreiche Musiktipps, darunter viel historischer Krautrock, etwa von Harmonia, für das Duo "die zentrale Band der Siebziger."

Weiteres: Für ZeitOnline spricht Antje Harders mit der transsexuellen Musikerin Kim Petras über deren Erfahrungen und künstlerischen Werdegang. Stephanie Grimm stellt in der taz Will Toledo und sein Projekt Car Seat Headrest vor. Beim RBB gibt es ein Konzert von Michael Wollny zum Nachhören.

Besprochen werden ein neues Album von Ry Cooder (NZZ), ein Konzert von Shellac (FR), Henrik Schwarz' mit dem Metropole Orkest aufgenommenes Album "Scripted Orkestra" (taz), ein Konzert des Chiaroscuro Quartet (NZZ), ein gemeinsames Album von Sly & Robbie mit Nils Petter Molvaer, Eivind Aarset und Vladislav Delay (FR),
Archiv: Musik