Efeu - Die Kulturrundschau

Ich grabe ein Loch

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23.05.2018. Philip Roth ist tot. Die New York Times trauert. Die USA verdanken ihm große Momente onanistischer  Überschwänglichkeit, hielt ihm selbst die feministische Autorin Katie Roiphe zugute. Die taz erkennt die glückliche Fügung im Werk Tacita Deans. Im Deutschlandfunk Kultur spricht der georgische Clubbetreiber Zvias Gelbakhiani über die Demonstrationen gegen die Regierung in Tiflis. Die Welt blickt mit Entsetzen auf die Zerstörung der Städte durch den Siedlungsbau.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2018 finden Sie hier

Literatur

Philip Roth, der Titan der amerikanischen Literatur, ist tot. Gestern starb er, dem die Schwedische Akademie hartnäckig den Nobelpreis verweigert hatte, im Alter von 85 Jahren in New York. In der New York Times schreibt Charles McGrath einen ersten Nachruf: "Philip Roth war der letzte der großen weißen Männer: das Triumvirat der Schriftsteller - Saul Bellow und John Updike waren die beiden anderen - überragte die amerikanische Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er überlebte beide und schrieb deutlich mehr als sie, getragen von einem außergewöhnlichen zweiten Aufschwung. 2005 wurde er erst der dritte lebende Autor (nach Bellow und Eudora Welty), dessen Werke in die Library of America aufgenommen wurden. 'Updike und Bellow hielten ihre Taschenlampe in die Welt, um sie zu erkunden', sagte Roth einst, 'ich grabe ein Loch und halte die Lampe hinein'."

Der New Yorker fasst Roth' Themen so zusammen: "Die jüdische Familie, Sex, amerikanische Ideale, der Verrat der amerikanischen Ideale, politischer Fanatismus, persönliche Identität und der menschliche (meist männliche) Körper in seiner Stärke, seiner Zerbrechlichkeit und seinen oft lächerlichen Bedürfnissen." In der Welt erinnert sich Hannes Stein an seine letzte Begegnung mit Roth, bei der dieser erklärte: "Die amerikanische Literatur ist ein scharfer Galopp." Noch im vorigen Jahr schrieb Roth selbst im New Yorker über sich als amerikanischer Schriftsteller. Erinnert sei außerdem an ein Interview des Guardian mit Roth von 2005, in dem er sich schlicht als amerikanischer Autor - nicht jüdischer oder weißer - beschrieb: "Those kinds of considerations are newspaper cliches. Jewish literature. Black literature. Everyone who opens a book enters the story without noticing these labels. ... I'm an American." Und an Katie Roiphes Hommage auf Philip Roth, dem das stets keusche Amerika hinreißende Momente onanistischer Überschwänglichkeit verdanke. Und

Schade: Martin Walsers spätes, in der letzten Welt am Sonntag veröffentlichtes Eingeständnis, mit der Paulskirchenrede 1998 einen schweren Fehler begangen zu haben, verbuddelt die Welt leider im geschlossenen Garten ihres Bezahlangebot. Gerade vor dem Hintergrund, dass sich zahlreiche rechte Antisemiten immer wieder gerne strategisch auf diese Rede als Dammbruch im Diskurs berufen, wäre es dringlich gewesen, diesen Debattenbeitrag leicht öffentlich zugänglich zu machen.

Weitere Artikel: Auf Zeit online lässt sich Robert Prosser in Bosnien von dem heute 40-jährigen Emin erzählen, wie er als 18-Jähriger dem Massaker der Armee Ratko Mladics in Srebrenica entkam. von Sabine Rennefanz fährt für die Berliner Zeitung Zug mit Juli Zeh, die gerade mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Besprochen werden unter anderem Michael Angeles Frank-Schirrmacher-Biografie (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), David Szalays "Was ein Mann ist" (NZZ), der Band "Verschollene Superhelden" (Tagesspiegel), Galsan Tschinags "Kennst du das Land" (FAZ) und eine Ausstellung von Max Frischs Notizheften im Max-Frisch-Archiv (NZZ).
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Kunst


Tacita Dean, Majesty, 2006. Foto: © Tate, London, 2018

Als Wunder preist Gaby Hartel in der taz die Tacita-Dean-Ausstellung in der Royal Academy in London: "Nicht nur, weil die Männerdomäne ihr neues Haus mit den Arbeiten einer Frau eröffnet. Sondern weil Dean eine Künstlerin ist, deren Werke selbst dann noch fragil und fragend wirken, wenn sie raumgreifend und inhaltsgewaltig sind. Und das ist eine rare Qualität. Dean arbeitet mit leisen, zarten, nicht selten dem Verschwinden nahen Dingen und Medien: mit Luft, mit Kreide, mit analogem Film, mit klassischer Bildung, mit echten Freundschaften und mit dem, das sie den 'state of grace' nennt, die glückliche Fügung."

Weiteres: In der NZZ erzählt Marion Löhndorf, wie der ehemalige Kurator der Tate Gallery, Jim Ede, in Cambridge ein privates Kunsthaus errichtet hat. In der SZ schreibt Peter Richter den Nachruf auf den amerikanischen Künstler Robert Indiana, der sich nie von dem Erfolg mit seiner LOVE-Skultur erholen sollte.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Baumeisterinnen der Maasai Museum der Völker in Schwaz (Standard), eine Schau von Videokunst mit Hiam Abbass in der Berliner Galerie Katharina Raab (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Flashes of the Future" im Aachener Ludwig Forum (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Dean, Tacita

Architektur

Mit blankem Entsetzen blickt Welt-Kritiker Dankwart Guratzsch auf den massenhaften Wohnungsneubau hierzulande. Es drohe "eine Zerstörungswelle wie durch den Wiederaufbau nach dem Krieg", meint Guratzsch, nur dass diesmal nicht das Geld fehlt, sondern die Konzepte. Überall nur neue Siedlungen! "Man setzt nicht auf städtische Bautypologien wie die Blockrandbebauung, sondern erneut auf vorstädtischen Zeilenbau, nicht auf Parzellenbebauung, sondern Kompaktvergabe ganzer Areale an ein und denselben Bauherren, nicht auf die Trennung von öffentlichen und privaten Räumen, sondern auf fließende Räume ohne jegliche Fassung. Niemand weiß mehr, was an einem Gebäude vorn und was hinten ist, wo eine Straße anfängt und wo sie endet, was ein Eckhaus ist und wo sich ein Platz öffnet, ob man sich im Zentrum oder am Rand befindet. Was da entsteht, sind Wohn- und Schlafregale, die jegliche Ausstattung mit Elementen der Differenzierung, der Hierarchisierung und ortstypischen Qualifizierung vermissen lassen."
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Stichwörter: Wohnungsbau

Bühne

Frank Castorf hat an der Bayerischen Staatsoper Leos Janaceks "Aus einem Totenhaus" inszeniert. Für SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber ist das reinster Kunsttriumph, grandioses Bühnenbild, schmerzhaft empathische Musik und eine souveräne Simone Young am Dirigentenpult. Weniger begeistert ist Marco Frei in der NZZ, der bei Castorf nichts von der Vielschichtigkeit eines Lager-Psychogramms erkannt hat: "An dieser Oper hat er schlicht vorbeiinszeniert."

Weiteres: In der Welt bilanziert Eva Birringer das Berliner Theatertreffen. Besprochen wird Antú Romero Nunes'  "Macbeth"-Inszenierung am Burgtheater (SZ).

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Stichwörter: Burgtheater, Macbeth

Film




Mit "Ein Leben", einer Adaption des gleichnamigen Romans von Guy de Maupassant, gelingt Regisseur Stéphane Brizé so etwas wie der "2001" des Kostümfilms, versichert Andreas Kilb in der FAZ: "Er hat das Buch nicht adaptiert, er hat es übersetzt: in eine Sprache, die dem Sog der Wörter widersteht. 'Ein Leben', mit anderen Worten, ist also eher die Geschichte eines Gesichts als die Besichtigung einer Geschichte." Und dieses Gesicht gehört Judith Chemla, für Kilb "das zweite Wunder dieses Films." Weitere Kritken auf epdFilm, kino-zeit.de und bei critic.de.

In der NZZ gratuliert sich Philipp Meier dazu, dass er sich mit dem Besuch des Ginmaku-Festivals in Zürich "auf ein Filmfestival eingelassen hat, dessen Programm ausschließlich aus japanischen Filmen besteht," und damit ein wenig "in der Fremde wandelt". Insbesondere Ryutaro Nakagawas "Summer Blooms" kann er dabei als Entdeckung empfehlen, denn der Regisseur "ist ein meisterhafter Erzähler der Nöte junger Menschen im Tokioter Großstadtdschungel".

Besprochen werden Thomas Stubers "In den Gängen" nach einer Geschichte von Clemens Meyer (SZ, unsere Kritik hier) und die Serie "Instinct" (FAZ).
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Musik

Im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur erzählt der georgische Clubbetreiber Zvias Gelbakhiani von den Protesten Tausender in Tiflis gegen die Schließung seinesBassiani-Clubs durch die Regierung. Gelbakhiani spricht von einem überfallartigen Polizeieinsatz: "Wir hatten das Gefühl, wir sind das Ziel eines Anti-Terror-Einsatzes. Auf der einen Seite hatten wir diese Spezialkräfte der Polizei die mitten in den Club gestürmt sind, und auf der anderen Seite gab es neben all der Unterstützung auch eine große gesteuerte Kampagne gegen uns in den sozialen Medien. ... Die offizielle Begründung ist ja der Verdacht auf Drogen, aber selbst der Innenminister hat uns bei einem Treffen hinter verschlossenen Türen bestätigt, dass wir nichts damit zu tun haben. Aber öffentlich sagt er das nicht. Mein Punkt ist der: Das war kein Anti-Drogen-Einsatz. Es war eine Machtdemonstration gegen uns als Vertreter einer Generation die diesem System hier widersteht."

Beim Moers-Festival hat sich tazler Philipp Rhensius gründlich einheizen lassen: Eintauchen konnte er hier unter anderem "in den Kosmos unerhörter, angsteinflößender, und bisweilen wehtuender Klangwelten zwischen Metal, Noise und Jazz ... Es sind solch wechselnde Aggregatzustände, die nie nur eine, sondern alle möglichen, oft gar neue Emotionen produzieren, bis man merkt: So etwas habe ich noch nie gespürt. Das ist nicht immer angenehm, sondern manchmal ein Kampf mit der Wahrnehmung." Fazit: "Schönheit nicht in der Perfektion, sondern im Kaputten und Banalen zu suchen, regt zum Weiterdenken an. Was gibt es Wichtigeres, als in Zeiten wachsender Uneinigkeit gemeinsam zu rätseln, und sei es nur darüber, wo oben oder unten ist?"

Weiteres: Es gibt immer weniger fröhliche, dafür umso mehr traurige Pop-Songs, meldet Max Fellmann in der SZ-Popkolumne unter Berufung auf eine große empirische Studie. Simon Reynolds berichtet in seinem Blog, wie er in den frühen 90ern via Grunge und Alternative Rock den schweren Rock der frühen 70er für sich entdeckte. Sony kauft sich bei EMI ein, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Bernhard Uske schreibt in der FR einen Nachruf auf den Komponsiten Dieter Schnebel (weitere Nachrufe hier). Deutschlandfunk Kultur hat aus Anlass von Dieter Schnebels Tod den ersten Teil eines mehrteiligen Gesprächs vorab online gestellt.

Besprochen werden Courtney Barnetts neues Album "Tell Me How You Really Feel" (Pitchfork) und neue Soundtrack-Veröffentlichungen, darunter eine Edel-Vinyledition der Filmmusik von Goblin zu Dario Argentos Psychothriller "Tenebrae" aus dem Jahr 1982 (The Quietus).

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