Efeu - Die Kulturrundschau

Die Partie ist mörderisch

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.03.2018. Der Mensch ist ein Strandläufer am Meer der Ewigkeit, lernen SZ und NZZ  in Heinz Holligers Oper "Lunea" über den Dichter Nikolaus Lenau. Hans Neuenfels' Berliner "Salome"-Inszenierung enttäuscht alle, die auf einen Skandal gehofft haben, bemerken FAZ und Tagesspiegel. Die taz hört bei Anna von Hauswolff, wie klar und schön eine entzauberte Welt klingen kann. Die NZZ ahnt, dass Österreichs Literatur auch dank einer klugen Verlagsförderung so gut dasteht.  Christoph Hochhäusler beklagt in seinem Blog Parallel Film die Unreife der deutschen Filmkultur. Die Oscar-Verleihung beschäftigt weiterhin die Feuilletons.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2018 finden Sie hier

Bühne


Heinz Holligers "Lunea" am Opernhaus Zürich. Foto: Paul Leclaire

"Steht ein Dichter am Rand der Welt, wird er für Heinz Holliger interessant", weiß Egbert Tholl in der SZ und erzählt nach der Uraufführung der Oper "Lunea" so kurzweilig wie erhellend die Geschichte des Werks und des Dichters Nikolaus Lenau. Und er schließt: "Die Bilder und Figurenkonstellationen in diesem Klangraum sind ungefähr so narrativ oder unmittelbar einleuchtend wie der letzte Satz, der in der Aufführung an die Wand des schwarzen Bühnenkastens projiziert wird: 'Der Mensch ist ein Strandläufer am Meer der Ewigkeit.' In dieser soghaften Studie über psychischen Verfall zielt alles auf die Figur Lenaus, also auf Christian Gerhaher. Er spricht, als wäre er Oskar Werner, er explodiert im Zorn, hat ariose Ausbrüche und deklamiert in verstiegenen Amplituden. Die Partie ist mörderisch, auch weil sie, neben dem Chor, den Abend tragen muss."

Auch in der NZZ findet Christian Wildhagen großartig, wie Holliger das Verdikt des Wahnsinns bei Lenau in Frage stellt: "Die stärksten Momente des Werks und der vom Intendanten Andreas Homoki inszenierten Aufführung sind denn auch jene, in denen dieser oft ein wenig surreal wirkende Schwebezustand zwischen Wahn und Sinn in all seiner so bizarren wie beredten Schönheit ausgekostet wird." Georg Rudiger ist in der NMZ allerdings weniger überzeugt und erkennt auf "zu viel Kopfgeburt und zu wenig Theatralik".


Hans Neuenfels' "Salome" an der Staatsoper Berlin. Foto: Monika Rittershaus

In der FAZ versteht Clemens Haustein gar nicht, warum Dirigent Christoph Dohnányi drei Tage vor Hans Neuenfels' Salome-Premiere an der Staatsoper in Berlin hingeworfen hat: "Hätte Dohnányi keinen Skandal daraus gemacht, wäre auch keiner zu bemerken." Im Tagesspiegel mutmaßt Ulrich Amling, dass Dohnányi wohl auf ein Misstrauensvotum des Orchesters reagiert habe, denn sein Ersatz, der 24-jährige Thomas Guggeis, habe seine Sache ganz hervorragend gemacht. In der taz gesteht Niklaus Hablützel nach der Premiere betroffen, fast schockiert: "Wir schauen Salome an - und lieben sie." Weitere Besprechungen in Welt und NMZ.

Besprochen werden die Aufführungen "Erschlagt die Armen!" und "Am Kältepol" am Münchner Residenztheater (taz), Doris Reckewells "Die Formel" am Konzert Theater Bern (NZZ), Olga Bachs Ibsen-Adaption "Die Frauen vom Meer" im Theater RambaZamba in Berlin (Tagesspiegel), die Euripides-Adaption "Mother Song" des irakisch-belgischen Regisseurs Mokhallad Rasem am Landestheater Niederösterreich (Standard).
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Design

Mit großer Freude wandert Laura Weißmüller (SZ) durch das wiedereröffnete Museum für Gestaltung in Zürich, das in seiner Neukonzeption auch zum Mitmachen und Anfassen einlädt, so etwa im ersten Stock, wo es Schweizer Design zu sehen gibt: "Man sitzt oder liegt auf Reeditionen von Schweizer Möbelklassikern, auf Le Corbusiers schwerem LC2-Sessel etwa oder auf Charlotte Perriands schlankem Tagesbett. Hier kann man Vorhänge befühlen, über Teppiche laufen, die Bücher aus den Regalen nehmen oder einfach auch nur durch die bodentiefen Fenster, vorbei an Willy Guhls geschwungene Gartenmöbel aus Beton, auf den angrenzenden Park blicken." Mehr dazu auch hier.
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Musik

Auf den Alben Anna von Hauswolffs hat sich die Musik immer mehr verdüstert und aufgeladen - auch live kommt das jetzt richtig zur Blüte, meint Kirsten Riesselmann in der taz nach dem Besuch eines Konzerts in Berlin: "Der Sound schichtet und potenziert sich, entfaltet enorme Wucht, bleibt dabei trotzdem kristallin. Wenn tote Magie so klingt, dann entstammt sie einer im Guten entzauberten Welt. Einer Welt, die Pathos, Härte, Schönheit, Chaos, Depression, Irrsinn, Frohsinn, Introspektion und Extrovertiertheit auf eine sehr eigene, autonome Weise zusammenführt." Einen kleinen Eindruck vom Berliner Konzert bietet dieses (im Sound leider nicht ganz so kristalline) Handy-Video:



Weitere Artikel: Für The Quietus blickt Lottie Brazier auf das Schaffen der Cocteau Twins zurück. Besprochen werden Kendrick Lamars Berliner Konzert (Tagesspiegel) und das neue Album der U.S. Girls (FR).
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Stichwörter: Von Hauswolff, Anna

Literatur

Den Kleinverlagen schmelzen die Umsätze dahin, meldet Paul Jandl in der NZZ. Eine Ursache der ökonomischen Misere sei das VG-Wort-Urteil, das den Verlagen keine Tantiemen mehr zugesteht, eine andere die wegbrechenden Leser (sechs Millionen sollen dem Buchmarkt verloren gegangen sein). Jandl empfiehlt den Blick nach Österreich, das seine Verlage klug fördere: "Rund drei Millionen Euro im Jahr können sich die österreichischen Verlage aus den Fördertöpfen holen. Für die Großen unter den Kleinen sind das maximal 60 000 Euro pro Saison. Damit lässt sich das Risiko erheblich mindern, das es beim Lancieren neuer Literatur gibt. Literatur, die für Neugier, Offenheit und Experiment steht. Aber das ist es nicht allein. Seit 1992 gibt es die österreichische Verlagsförderung in der heutigen Form. Die deutschsprachige Belletristik würde anders ausschauen, wenn sie nicht in den alpenländischen Verlagsprogrammen eine sichere Quelle hätte."

Besprochen werden unter anderem die Übersetzung von M. Karagatsis erstmals 1957 erschienenen Romans "Das gelbe Dossier" (NZZ), Jon McGregors "Speicher 13" (NZZ), Ferdinand von Schirachs "Strafe" (Tagesspiegel, FR), die Neuauflage der Comics "Schwarze Gedanken" von André Franquin und "Freddy Lombard" von Yves Chaland (SZ), Christina Viraghs "Eine dieser Nächte" (NZZ) und Najem Walis "Saras Stunde" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film



Zeitverschiebungsbedingt finden die meisten Kommentare zur Oscar-Nacht erst jetzt ihren Weg in die hiesigen Blätter. Der sich gestern bereits abzeichnende Tenor - mäßige Show, nette Statements, aber insgesamt alles eine Spur zu bieder und vorsichtig - setzt sich fort. Alles sicher sehr gut gemeint, was da auf der Bühne zu hören war, meint Barbara Schweizerhof in der taz, die allerdings auch darüber erschrak, "wie die Oscar-Verleihung mit ihrem Branchennarzissmus die politischen Inhalte sterilisiert." Der Abend stand unter dem Zeichen "der Konsolidierung", ärgert sich Susanne Ostwald in der NZZ.

Auf ZeitOnline verteidigt Wenke Husmann den "hochverdienten" Hauptpreisträger des Abends, Regisseur Guillermo del Toro. Auch Andreas Busche hält die Auszeichnung für del Toros "Shape of Water" im Tagesspiegel für sehr passabel, hätte sich über eine Auszeichnung für Jordan Peeles rassismuskritische Horrorkomödie "Get Out" in den wichtigsten Kategorien noch ein bisschen mehr gefreut. Schön findet es FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, dass mit "Shape of Water" ein Film in guter Hollywood-Tradition gewinnt, also "fantastisches Kino mit einer sozialen Komponente, virtuos und geschichtsbewusst auf die Leinwand gebracht von einem großen Individualisten. Es ist ein Liebesbeweis an Hollywood, geschaffen von einem 'kleinen Jungen aus Mexiko, der sich das alles nie hätte träumen lassen', wie Guillermo del Toro."

Bei dieser Oscarverleihung wurde erstmals Tacheles gesprochen, was das Geld betrifft, ist FAZ-Kritikerin Verena Lueken insbesondere bei Frances McDormands stürmischem Plädoyer für mehr Teilhabe der Frauen an der Produktion aufgefallen: "Nicht Akzeptanz forderte sie, sondern - Geld. Produktionsmittel." Wobei es Lueken nicht entgeht, dass bei den Oscars seit einiger Zeit überhaupt nicht mehr die Mega-Seller im Vordergrund stehen. Für SZ-Kritiker David Steinitz ein gutes Signal, wenn jetzt auch kleine Indie-Produktionen wie der Horrorfilm "Get Out" reale Aussichten auf eine Auszeichnung haben: Das sei "eine dringend notwendige Entstaubung." Im Online-Kommentar erhofft sich Steinitz' SZ-Kollegin Susan Vahabzadeh von dieser Verleihung auch einen deutschen Aufbruch in die Zukunft: Denn während Sebastián Lelios chilenisches Transgender-Drama "Eine fantastische Frau" mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde, motte sich die deutsche Produktion in klassischen Geschlechterrollen ein.

Weiteres zum Oscar: Mit dem Oscar für die Netflix-Doku "Icarus" über Sportdoping markiert die Academy einen "Umbruch", hält Dominik Kamalzadeh im Standard fest: "Im Non-Fiction-Bereich wurde damit erstmals das Tor für eine Streamingplattform geöffnet." Michael Pekler (Standard) und Barbara Schweizerhof (ZeitOnline) schreiben über Frances McDormand. Dirk Peitz porträtiert auf ZeitOnline Oscar-Preisträger Gary Oldman. In der Berliner Zeitung stellt Harry Nutt Gerd Nefzer vor, der für die visuellen Effekte in "Blade Runner 2049" mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Das ZeitMagazin präsentiert eine Strecke mit den schönsten Kostümen. Und wie schnappt man sich eigentlich die begehrte Auszeichnung "bester Film des Jahres"? Und was hat die neue Rolle der Filmfestivals damit zu tun? Vanity Fair hat dazu ein unterhaltsam-instruktives Video erstellt:



Abseits der Oscars: In seinem Blog macht sich Filmemacher Christoph Hochhäusler Gedanken zum deutschen Gegenwartsfilm, der zwar rein personell weit besser sei als sein Ruf, aber keine Rahmenbedingungen vorfindet, sich zu entfalten. "Es mangelt dem deutschen Film nicht an Begabungen, aber an der Intelligenz, sie zu erkennen und zu entwickeln. Zur Unreife unserer Filmkultur gehört es aber auch, Altmeister von Hartmut Bitomsky bis Helke Sander unsanft aufs Altenteil abzuschieben, obwohl noch vieles von ihnen zu lernen wäre. Was fehlt ist letztendlich der Respekt für den kreativen Funken, der alles erst in Bewegung setzt, während umgekehrt die Institutionen Demutsgesten fordern und bekommen."

Besprochen wird Andreas Christoph Schmidts von der ARD online gestellter Filmessay "Krieg und Frieden" über die deutsch-sowjetische Geschichte (Berliner Zeitung).
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