Efeu - Die Kulturrundschau

Überall knackt es. Man kaut.

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25.10.2017. Die Donaueschinger Musiktagen fordern den Kritikern starke Nerven ab: Die FAZ durchsteht eine halbe Stunde den Lärm von Düsenjets, kapituliert aber bei Yoga-Musik. Auf ZeitOnline berichtet Ulrike Draesner aus dem behäbig-lässigen Finnland. Die SZ nimmt die Kulturarbeit der CIA in den Blick. Und die NZZ erkennt, warum das queer-feministische PorYes-Festival eine geschlossene Veranstaltung bleibt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2017 finden Sie hier

Film


Die glitzernde Auster: Der Preis des queer-feministsichen PorYes-Festivals

Die Berliner Verleihung des PorYes-Awards für feministische Pornografie war im wesentlichen eine geschlossene Veranstaltung, ist Marc Felix Serrao von der NZZ aufgefallen. Das hänge auch mit dem "schiefen Bild der Wirklichkeit" zu tun, das Serrao den Macherinnen unterstellt: Die gingen nämlich noch immer von einer "quicklebendigen toxisch-männlichen Unkultur" aus. Galliges Fazit von Serraos Abrechnung: "Ein Hollywood-Film und eine Netflix-Serie erreichen Millionen Köpfe - und im Berliner Hebbel-Theater bleibt am Abend der Award-Show von den 800 Plätzen etwa ein Viertel frei. Die queer-feministische Pornoszene, die mit dem Anspruch antritt, die Mehrheitsgesellschaft auf den richtigen Weg bringen zu wollen, bleibt selbst bei ihrem gesellschaftlichen Höhepunkt unter sich. Das liegt weniger an dem sperrigen Begleitjargon als an dem Irrglauben, dass Männer sich beim Masturbieren für eine bessere Welt einsetzen wollen."

Kaspar Heinrich spricht auf ZeitOnline mit Thorsten Schaumann, der nach dem Tod von Heinz Badewitz die Leitung der Hofer Filmtage übernommen hat, über dessen Pläne für das Traditionsfestival in Franken. Ein Film qualifiziert sich für ihn demnach, "wenn er geradlinig emotional anspricht. Perfekt gemacht sein muss er nicht. Wir haben keine Vorgaben und können es auch mal wagen, verrücktere Sachen zu zeigen, inhaltlich wie formal. Eine quirlige Komödie bis hin zum Fast-Kunstfilm." Echte Kunst solle demnach woanders stattfinden?

Weiteres: Patrick Holzapfel stellt sich im Filmdienst-Essay beim Blick in die Frühgeschichte des Kinos Fragen über die Zukunft des Kinos. Im Standard porträtiert Bert Rebhandl Christoph Waltz, der einen Auftritt als Ehrengast bei der Viennale hat. Dominik Kamalzadeh spricht im Standard mit Sean Baker über desseen neuen, bei der Viennale gezeigten Film "The Florida Project". Hanns-Georg Rodek berichtet in der Welt von einem heute zur Versteigerung angebotenen Brief des Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst, in dem dieser sich über Orson Welles' "Citizen Kane" äußert. Deutschlandfunk Kultur bringt Barbara Leitners Feature über den Animationsfilmer Heinrich Sabl, der seit 15 Jahren an seinem Film "Memory Hotel" arbeitet. In diesem Arte-Porträt kann man ihm dabei sogar zusehen.

Besprochen werden Michael Glawoggers posthum fertiggestellter Essayfilm "Untitled" (Welt, unsere Kritik hier), Mohamed Diabs ägyptischer Politthriller "Clash" (Tagesspiegel), Francis Lees "God's Own Country" (Standard), die Netflix-Serienkiller-Serie "Mindhunters" (taz) und der dritte Teil des deutschen Komödien-Straßenfegers "Fack ju Göhte" (Welt, Berliner Zeitung).
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Musik

Nachdem er in seinen ersten beiden Jahren als neuer Leiter der Donaueschinger Musiktage noch an die Pläne seines verstorbenen Vorgängers Armin Köhler gebunden war, konnte Björn Gottstein jetzt im dritten Jahr endlich ein Programm ganz nach seinem Gusto zusammenstellen. Die Kritik reagiert darauf jedoch mitunter gallig: "Inzwischen greift auch beim ältesten musikalischen Uraufführungsrummel der Welt der digitale Paradigmenwechsel", stöhnt etwa Eleonore Büning in der NZZ. "Alles ist möglich, vor allem Kopieren, Paraphrasieren und Ironisieren - ein bisschen Spaß muss sein. Dafür erscheint kein Originalgenie mehr unter der Sonne, alles wurde schon einmal gespielt, gesungen, gesampelt und verstärkt - nur eben noch nicht von allen." Wobei Margaret Leng Tans "Klavierpoesie" die Kritikerin dann doch allen Ärger vergessen ließ.

In der FAZ berichtet Max Nyfeller von argen Publikumswallungen angesichts von Gottsteins programmatischen Erweiterungen: So gab es "amerikanische Yoga-Musik" genauso wie "wie eine auf Krawall gebürstete Dancefloor-Performance von Alexander Schubert. Eine halbe Stunde lang Stroboskopblitze und der Lärm von startenden Düsenjets." Die "gnadenlose Entfesselung visueller und akustischer Gewalt" spaltete das Publikum, so der Kritiker: "Hier die spitzen Begeisterungsschreie einer Gruppe vermutlich jüngerer Besucher, dort die Buhs derjenigen, die an dem in digitale Slices zerlegten Menschenbild keinen Spaß hatten. ... Im eher emotionsarmen Kontext eines Neue-Musik-Festivals sorgt das immerhin für einen kleinen Adrenalinschub." Hier gibt es einen Ausschnitt zu hören.

Jens-Christian Rabe verzweifelt in der SZ am neuen Album "Colors" von Beck: Was war der Mann mal ein Garant für zeitlosen, smarten Avantgarde-Pop! Und jetzt das: Ein Album, das den Eindruck erweckt, als ob Beck beabsichtige, "alles markant Beckhafte nach und nach aus seiner Musik auszuschwemmen und wieder in den Pop zurückzuverschwinden ... Auch jetzt ist natürlich nichts im strengen Sinne Lausiges dabei, aber über weite Strecken ist es doch ein Disco-Dance-Pop-Album geworden, das sich arg rückstandslos durch einen hindurchpumpt." Wobei die Stücke "Dear Life" und "Wow" den Kritiker am Ende doch noch überzeugen.



Außerdem: Cigdem Toprak unterhält sich für ZeitOnline mit dem HipHop-Duo Celo & Abdi. Kristof Schreuf plaudert für die taz mit Musiker und Labelchef Maurice Summen. Karl Fluch erinnert im "Unknown Pleasures"-Blog des Standard an Charlie Rich. In der SZ-Popkolumne schreibt Jan Kedves unter anderem über die neue EP von Fatima Al Qadiri. Und der WDR bringt das neue Hörspiel des Hamburger Punk-Urgesteins Jens Rachut.

Besprochen werden Konzerte von The National (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), das neue Album "Ken" von Destroyer (Spex), ein Konzert des Ensemble Concerto Melante (Tagesspiegel) und das Berliner Konzert von Shabazz Palaces, die laut Ulrich Gutmair in der taz "eine oft außerirdisch, robotisch und kalt klingende und doch fröhliche, lebensbejahende Musik" spielen: "Cyberpunk, Cyberfunk."
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Literatur

Sehr poetisch berichtet die Schriftstellerin Ulrike Draesner im Freitext-Blog auf ZeitOnline von ihrem Besuch in Finnland, wo sie der behäbig-lässige Umgang der Bevölkerung mit dem Spannungsverhältnis von Tradition und Globalisierung auf leise Art beeindruckt: "Europa und seine Ränder. Betonung der Eigenheit. So, wie man es hier macht, hat es etwas: langsam. Man macht weiter, in Ruhe. ... Die Stadt hat Geschichte, aber nur wenig. Das Land besteht aus Granit, überwachsen von Moosen und Beeren. Manche so matschig, dass sie, kaum reif, zu Wasser zerfallen in der Hand. Es regnet und regnet. Die Handelsketten sind globalisiert, das Gleiche wie überall. Dazwischen gibt es Marimekko. Und getrocknetes Roggenbrot. Wie umgehen damit, wer man ist? Überall knackt es, man kaut."

Weiteres: Linus Schöpfer begleitet Jonathan Franzen für die SZ bei der Vogelpirsch.

Besprochen werden Delphine de Vigans "Tage ohne Hunger" (FR), Gertrud Leuteneggers "Das Klavier auf dem Schillerstein" (Tagesspiegel), der neue "Asterix"-Comic (taz), Kurt Steinmanns Neuübersetzung von Homers "Ilias" (online nachgereicht von der FAZ), Alejandro Zambras Ferngespräch" (Tagesspiegel), Sándor Lénárds "Am Ende der Via Condotti" (NZZ), Eliot Weinbergers Essayband "Vogelgeister" (NZZ), Tim Krohns "Herr Brechbühl sucht eine Katze" (NZZ) und John le Carrés "Das Vermächtnis der Spione" (online nachgereicht von der SZ).
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Archiv: Literatur

Bühne

Die FR bringt Peter Idens Vortrag von den Römerberggesprächen zur Zukunft der Frankfurter Bühnen. Darin wirft er leider erst ganz am Ende die entscheidene Frage auf, wie so plötzlich ein Sanierungsbedarf von einer Milliarden Euro festgestellt werden kann: "Hinter den Wänden und unter den Böden, wird uns glaubhaft versichert, sieht es übel aus. Zu fragen ist, warum das nicht früher gesehen wurde und die Schäden dann schrittweise zu beheben gewesen wären."

Besprochen werden Kirill Serebrennikovs unfertig gebliebene Inszenierung von Humperdincks "Hänsel und Gretel" in Stuttgart (FR) und Ersan Mondtags Inszenierung von Aischylos' "Orestie" am Hamburger Thalia Theater (SZ).
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Kunst

In der SZ unterhält sich Catrin Lorch mit dem Kurator Anselm Franke über die Ausstellung "Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg", mit der das Haus der Kulturen der Welt sehr kritisch die Kulturpolitik der CIA im Kalten Krieg unter die Lupe nimmt, auch den berühmten Kongress für kulturelle Freiheit: "Unser Schwerpunkt ist die Verwendung der 'freien' Kunst als Waffe, als Soft Power im Kalten Krieg. Denn die politische Inanspruchnahme der Kunst hatte durch Organisationen wie den Kongress für Kulturelle Freiheit eine neue Form angenommen, die für den liberalen Konsens dann typisch werden wird: die Autonomie und Unabhängigkeit der Künstler wird selbst zum Inhalt der Propaganda."

Weiteres: In der NZZ freut sich Daniele Muscionico über die Wiederentdeckung des Schweizer Fotografen Jakob Tuggener und eine Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur. Nur wer jung ist, kann Cézanne langweilig finden, seufzt Adrian Searle in Guardian, die National Portrait Gallery widmet ihm gerade Ausstellung in London. Im art Magazin unterhält sich Claudia Bodin mit dem Illustrator Christoph Niemann über seine Arbeit und sein Cover für den New Yorker.
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Architektur



Entwurf zu The Shed. Bild: Diller Scofidio + Renfro


In der FAZ begeistert sich Ivo Goetz für einen Entwurf des amerikanischen Architekturbüros Diller Scofidio + Renfro. Sie haben ein ausfahrbares Kulturzentrum entwickelt, das nicht nur multifunktionell ist, sondern auch Platz sparend, sozusagen Space on Demand, wie er im Aedes Architecture Forum sehen konnte "Das Hauptgebäude, so der Plan, soll bei Bedarf durch die fahrbare Hülle erweitert werden; sie rollt in kaum mehr als fünf Minuten über einen öffentlichen Platz mitten in Manhattan. Wird es nicht mehr benötigt, fährt es in seine Lauerstellung zurück und gibt den Park wieder frei."

In der taz berichtet Klaus Englert, wie Architekten des Kopenhagener Büros BIG die Bunker-Anlagen des Tirpitz-Museums in Jütland umgebaut haben.
Archiv: Architektur