9punkt - Die Debattenrundschau

60 Prozent an Google, 40 Prozent an Facebook

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.02.2017. Wer waren die Opfer?, fragt die Zeit, nachdem bekannt wurde, dass Baschar al Assad Tausende Menschen hat hinrichten lassen. Wer sich in Europa über Trumps "Muslim Ban" aufregt, sollte ich auch mal die europäische Flüchtlingspolitik ansehen, meint die taz. Der Netzökonom beschreibt wie Google und Facebook Werbeinnahmen anziehen - nämlich wie ein schwarzes Loch.  Und wer die geplante Verfassungsänderung in der Türkei ablehnt, muss wohl Terrorist sein, so sieht es laut Bülent Mümay in seiner FAZ-Kolumne jedenfalls die Regierung.

Politik

"Wer waren die Opfer?", fragt Andrea Böhm in der Zeit, nachdem gestern bekannt wurde, dass Baschar al Assad in einem seiner Gefängnisse über mehrere Jahre 13.000 Menschen ohne Verfahren hinrichten ließ (unser Resümee): "Assad zielte nicht auf die islamistischen Hardliner ab. Deren Führer wurden schon 2011 größtenteils aus der Haft entlassen. Er verfolgte vielmehr Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer Intellektuelle, kritische Militärs. Jene Schicht also, die man für einen Übergang zu demokratischen Verhältnisse brauchte."

Einige Schachgroßmeisterinnen verzichten auf ihre Teilnahme an der Schach-WM im Iran, bei der sie mit Kopftuch auftreten müssen, die meisten aber, wie die deutsche Teilnehmerin Elisabeth Pähtz , so Hartmut Metz in der taz, fügen sich "und teilen wohl die Ansicht von Pähtz: 'Der Iran ist nicht der perfekte Austragungsort für eine WM. Das wissen wir alle - andererseits hat keine einzige Föderation bei der Vergabe etwas dazu gesagt', gab die ehemalige U18- und U20-Weltmeisterin im Interview mit Chessbase.de zu bedenken. Die gebürtige Erfurterin hielt dem 'Geschrei bei Facebook' entgegen: 'Ich finde es traurig, dass nur das Negative gesehen wird...'"

Nein, Trump ist nicht Hitler, aber im SZ-Interview mit Matthias Kolb erklärt Timothy Snyder, warum ein Vergleich mit der Nazizeit durchaus hilfreich sein kann: "Nicht alles ist gleich. Die Lage der US-Medien ist schlechter, weil alles sehr konzentriert ist. In Deutschland gab es vor der Gleichschaltung eine viel größere Vielfalt unter den Zeitungen. Damals hatten die Leute längere Aufmerksamkeitsspannen. Im Vergleich zu Deutschland sind die USA ein riesiger Flächenstaat und es gibt zahlreiche Regionen mit erheblichem Wohlstand. Zudem ist die US-Volkswirtschaft stärker mit der Welt verbunden. Unser großer Vorteil ist aber, dass wir wissen, was in den Dreißigern passiert ist."

Warum regt man sich hier eigentlich so über Trumps "Muslim Ban" auf, fragt Bettina Gaus in der taz mit Blick auf die Vereinbarungen mit der Türkei und Libyen: "Alle menschenrechtlichen Erwägungen, die derzeit von Entscheidungsträgern gegen Trump ins Feld geführt werden, sind scheinheilig. Europa verhält sich - im Prinzip - nicht anders als der neue US-Präsident. Das, was ihm wirklich zur Last gelegt wird, ist sein wirtschaftspolitischer Kurs. Anders ausgedrückt: Wenn er sich zu internationalem Freihandel bekennt, dann wird der exportorientierte Rest der Welt mit seinen Menschenrechtsverletzungen schon klarkommen. War ja bisher auch nicht anders."
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Kulturpolitik

Philipp Oswalt, ehemals Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, fordert im Tagesspiegel, dass Berlin endlich städtebauliche Verdichtung zulässt - und zum Beispiel auch vom "Traufhöhen-Dogma" abgeht: "Das Traufhöhen-Dogma wirkt so stark, dass sich die Avantgardisten der heutigen Berliner Architektenszene wie Arno Brandlhuber und Christoph Langhoff lediglich trauen, die Traufhöhe um eine Etage anzuheben. Warum diese Verzagtheit? Bei der opulenten Breite der Berliner Hauptstraßen wäre es kein Problem, Gebäudehöhen zu verdoppeln: also nicht Aufbau einer Dachetage, sondern von fünf oder sechs Stockwerken. Den Aufschrei der 'europäischen Stadt'-Ideologen kann man mit einem Flugticket nach Rom, Mailand oder Madrid parieren. Dort hat der Städtebau schon vor vielen Jahrzehnten ohne Probleme 40 Meter hohe Wohnbauten in die Innenstadt integriert.
Stichwörter: Berlin, Philipp Oswalt

Urheberrecht

Der Süddeutsche Verlag ruft seine Autoren offenbar dazu auf, auf die ihnen zustenden Gelder aus dem ehemaligen "Verlegeranteil" der VG Wort, der eigentlich den Autoren zusteht, zugunsten der SZ zu verzichten, meldet Peter Weißenburger in der taz. In einem Schreiben an die Autoren "argumentiert der Verlag, 'nur das Zusammenwirken von Verlagen und Autorinnen/Autoren in der VG Wort gegenüber der Geräteindustrie' sichere 'langfristig die Einnahmen aller'. Das Verzichtsschreiben ist als Vordruck angehängt."
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Stichwörter: VG Wort, Urheberrecht

Ideen

Die Kontroverse um den südafrikanischen Theologen und Anti-Aprtheidkämpfer Farid Esack, der eine Gastprofesseor an der Uni Hamburg innehatte und wegen seiner Sympathie zur Israelboykottkampagne als antisemtisch kritisiert wurde, kann Daniel Bax in der taz nicht nachvollziehen. Der Mann sei ein Muslim, er habe Humor, und er sei in Südafrika verfolgt worden, und "mit Antisemitismus habe die BDS-Kampagne 'absolut gar nichts' zu tun. Das sehe man daran, dass im Beirat der BDS-Bewegung auch Juden säßen und sich auch in Israel Juden gegen die Besatzung engagierten. "
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Internet

Wenn eine Unternehmensseite auf Facebook angeklickt wird, kann man immer zuverlässiger davon ausgehen, dass das Unternehmen bezahlt hat - eine virale Verbreitung von Facebook-Postings wird immer seltener, schreibt Netzökonom Holger Schmidt. "Entsprechend erhöhen auch die Unternehmen ihr Engagement. '2015 haben die Unternehmen etwa 30 Milliarden Dollar in Social-Media-Werbung investiert. 2016 waren es etwa 50 Milliarden Dollar', schätzt Robert Lang, CEO von Socialbakers... Der Anteil der Impressions, die von den Unternehmen bezahlt wurden, ist in diesem zwei Jahren von 52 auf 83 Prozent gestiegen. Und dann noch eins: "Allerdings profitieren nur zwei Online-Unternehmen von dem Boom. In den USA sind zuletzt etwa 60 Prozent des Wachstums im Online-Werbemarkt an Google geflossen, 40 Prozent an Facebook. Der gesamte Rest stagniert."
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Europa

Tayyip Erdogan will bekanntlich die türkische Verfassung ändern, so dass möglichst alle Macht seiner großartigen Person zukommt. Aber "die öffentliche Zustimmung zum Präsidialsystem alla Turca, das die Verfügungsgewalt über fast das gesamte Land einer Einzelperson in die Hand gibt, liegt unter dem erwünschten Niveau", kontatiert Bülent Mümay in seiner FAZ-Kolumne, "also hagelt es Statements von Regierungsseite. Der Justizminister bezichtigte Menschen, die nein sagen wollen, mit Terrororganisationen zu paktieren: 'Schaut euch die Reihen der Neinsager an. All die Terrororganisationen, die Verrat an der türkischen Nation üben, arbeiten Hand in Hand für ein Nein.'"

Im Interview mit Markus Decker von der Berliner Zeitung erklärt Gesine Schwan, warum sie glaubt, dass die Demokratie in Polen stärker gefährdet sei als in den USA, "nicht weil Trump die Demokratie respektieren würde. Das tut er offensichtlich nicht. Sondern weil die Institutionen in den USA über zu lange Zeit gewachsen und gefestigt sind, als dass sie sich durch eine Person aus dem Weg räumen ließen. Diese lange Tradition gibt es in Polen noch nicht, auch wenn dort ebenfalls viele Menschen widerstehen."
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