Efeu - Die Kulturrundschau

Falsch feuernde Synapsen

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27.09.2016. Schön verstörend findet der Guardian die Schau der Turner-Prize-Finalisten in der Tate Britain. Die FAZ bangt um das Filmerbe. Der Standard muss ohnmächtig zusehen, wie in Marlene Streeruwitz' neuem Roman "Yseut" männlicher Machtausübung der Sprachprozess gemacht wird. Im Tagesspiegel findet auch Thomas Ostermeier: Man kann nicht immer subtil sein, man muss auch mal provozieren.

Kunst

Im Guardian preist Adrian Searle in höchsten Tönen die anstehende Turner-Prize-Show in der Tate Britain, die Arbeiten der vier Finalisten zeigt: "Lange habe ich es nicht genossen, so verwirrt und perplex zu sein. Michael Dean, Anthea Hamilton, Helen Marten und Josephine Pryde schaffen auf ganz unterschiedliche Art Situationen, erzählen Geschichten mit Skulpturen, Fotografien und anderen Bildern, fertigen Objekten, Gefundenem, Handgemachten, Geliehenem. Unrein, durchlässig, nicht gebunden an ein Medium oder eine Methode, voller Neugier, Gedanken und Schrullen. Ihre Kunst gehört zusammen." (Anthea Hamilton: Lichen! Libodo! Chastity!, Project for Door (After Gaetano Pesce), 2015. Foto: Kyle Knodell. Tate Britain.)

In der FAZ-Reihe über gute Bilder schlechter Künstler schreibt Kulturministerin Monika Grütters über Hermann Stenners "Heiligen Sebastian".

Besprochen werden die Ausstellung "Romantik und Moderne" im Kupferstichkabinett in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Ernst Ludwig Kirchner - Hieroglyphen" im Hamburger Bahnhof in Berlin (taz).
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Film

Für die FAZ berichtet Andreas Kilb vom ReStored-Festival der Deutschen Kinemathek in Berlin, das sich Fragen und Herausforderungen der Filmrestauration und -überlieferung widmet. Unter anderem erfährt er dort auch, warum es mit der flächendeckenden Rettung der filmarchivalischen Bestände nicht recht vorangehen will: Kulturstaatsministerin Grütters treibe zwar seit längerem ein entsprechendes Zehnjahres-Projekt voran, doch die zur Finanzierung nötigen Länder zieren sich: "Einige Provinzbeamte vermögen offenbar nicht einzusehen, dass Filme, auch wenn sie nicht auf ihrem Territorium entstanden, ein schützenswertes Kulturgut darstellen. In Deutschland hört die Barbarei auf den Namen 'Kultusministerium'."

Weiteres: In der NZZ zeigt sich Susanne Ostwald beim Zürich Filmfestival weidlich angeödet vom "wohlstandsgenährten Weltschmerz" im jungen Film. Thomas Abeltshauser berichtet in der taz vom Filmfestival in San Sebastian. Bauern haben im Kino Konjunktur, schreibt Gunda Bartels im Tagesspiegel. Im Guardian schreibt Peter Bradshaw zum Tod des Trashfilmers Herschell Gordon Lewis, der 1963 mit "Blood Feast" den ersten Splatterfilm der Filmgeschichte gedreht hat.

Besprochen wird Luca Medicis Komödie "Der Vollposten" (taz).
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Literatur

Im Standard liest Ronald Pohl erwartungsgemäß unerbaut Marlene Streeruwitz neuen Roman "Yseut", in dem sich eine Frau aus ihrem traurigem Familienleben ins Land der Liebe befreit: "Streeruwitz bleibt auch als Erzählerin Polemikerin. Zur Last gelegt wird dem Patriarchat nicht so sehr die Verfügungsgewalt über Frauen. Streeruwitz fuchst die bedenkenlose Indienstnahme von Gefühlen, die Ausbeutung weiblichen Engagements... Wie so oft im Werk dieser Autorin wird die Sprache als Instrument männlicher Machtausübung brutal in die Mangel genommen. Die Neuordnung der Ausdrucksmittel zeitigt Sätze, die man nicht ohne Bestürzung liest: 'Yseut stand rund um ihr Leben in sich als Schwere.' Man steht ein wenig ratlos gleich daneben."

Besprochen werden Terry Eagletons "Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch" (NZZ), Delphine de Vigans "Nach einer wahren Geschichte" (Tagesspiegel), Cornelia Funkes neuer "Drachenreiter"-Roman (SZ), Evgenij Vodolazkins "Laurus" (FAZ) und Reinhard Kaiser-Mühleckers für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman "Fremde Seele, dunkler Wald" (SZ).

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Bühne

Im Tagesspiegel unterhält sich Max Tholl mit dem Berliner Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier über Angela Merkel, die Flüchtlingskrise und sein AfD-Zombie-Stück "Fear": "Man will auch provozieren. Man wird ja auch von der Gegenseite provoziert. Das Stück, das ich gerade an der Schaubühne inszeniere, Arthur Schnitzlers 'Professor Bernhardi', ist da vielleicht subtiler. Es gibt viele Dialoge, die stark an Debatten im heutigen Deutschland erinnern: Böhmermanns Schmähgedicht, Burka, Religionsfreiheit. Auf eine sehr komplexe Art wird hier über Rassismus und seine Folgen erzählt. Das ist eine andere Art der Auseinandersetzung als bei 'Fear', aber es braucht auch diese provokanten Stücke, mit denen wir in den Kampf und vor Gericht ziehen."

An der Deutschen Oper in Berlin eröffnet Robert Borgmann die Saison mit Mozarts "Così fan tutte". In der Berliner Zeitung erlebte Clemens Haustein die Oper als "schummriges Nachtstück" mit edler Kostümausstattung: "Freunde eines neonpinken, neongelben Pop-Biedermeier werden sich über das hochartifizielle Raumkunstwerk freuen, in dem Borgmann diese "Così" sich verlieren lässt. Dass Mozarts Oper dabei in den fernsten Fernen des vielsagenden Nichtsagenden verschwindet, dürfte hingegen niemandem gefallen."

Ulrich Amling schlägt die Hände über dem Kopf zusammen vor Entsetzen: "Allerhand Inszenierungsmüll wird da lustlos verschoben", schreibt er im Tagesspiegel. Diese "Ausgeburt von Trostlosigkeit" verlange ihren Schauspielern eine "Tölpeliade ohne jeden metaphysischen Witz" ab. Ganz im Gegenteil dazu sah tazler Niklaus Hablützel "einen entspannten, enorm lebendigen Mozart": Alles in allem "ein gelungener Start in die neue Saison." Sehr schön fand auch Wolfgang Behrend in der Nachtkritik die Aufführung, aber auch etwas beliebig.

In der Berliner Zeitung schreibt die Künstlerin Susanne Schirdewahn aus sehr persönlicher Sicht über die Querelen am Berliner Ensemble, wo ihr Mann nach achtzehn Jahren als Schauspieler um seine Beschäftigung fürchtet: "Anders als Politiker uns derzeit zu vermitteln versuchen, ist Kunst und vor allem Theater nicht nur ein Job. Es ist ein Leben mit einer erweiterten Familie. Wenn das Oberhaupt ausgetauscht wird, ist das ein starker Eingriff in die eigene Biografie. Man hat schlicht: starke Gefühle."

Besprochen werden Ulrich Rasches Münchner "Räuber"-Inszenierung (FR, mehr dazu im Efeu von gestern), Fritz Katers am Deutschen Theater Berlin gezeigtes Stück "Buch.Berlin" (Tagesspiegel, SZ), Jette Steckels Hamburger "Zauberflöte" (FAZ) und Stefan Bachmanns Kölner "Hamlet" (FAZ).
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Musik

Julia Spinola porträtiert in der SZ den Dirigenten und Komponisten Omer Meir Wellber, der in Dresden gerade Strauss' "Salome" gelungen umsetzt: "Die zum Teil hoch dissonante, drastische Orchesterpolyphonie, das planvolle, kaum mehr durchhörbare Stimmengewirr des Quartetts der Juden, die seismographisch registrierten Regungen des Ekels und der erotischen Manie - all das erhält in Wellbers Interpretation eine unumwundene Direktheit. Das ist, bei aller Sinnlichkeit, die Wellber auch walten lässt, nie der 'Wunderharfen'-Klang, den das berühmteste Strauss-Orchester der Welt normalerweise pflegt."

Als "Buch zur großen Depression" liest Michael Pilz Bruce Springsteens Autobiografie "Born to Run", die von den Leuten erzählt, die ihr Heil in Donald Trump suchen: "Es geht um die 'falsch feuernden Synapsen' in Amerika und überhaupt." Die SZ bringt eine deutsche Übersetzung von Richard Fords vor wenigen Tagen in der New York Times erschienenen Besprechung von Bruce Springsteens Memoiren.

Weiteres: Für die taz hat Stephanie Grimm das Afropunk-Festival in London besucht.

Besprochen werden Volker Hagedorns "Bachs Welt" (Zeit), das neue Album von De La Soul (FR), ein Konzert von Kaleidoskop und Andromeda Mega Express (Tagesspiegel), ein Konzert von Half Girl (Tagesspiegel) und ein Konzert von Daniele Gatti bei den Berliner Philharmonikern (Tagesspiegel). Und Pitchfork kürt die 50 besten Ambient-Alben.
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Architektur


Historsche Museum Ningbo. Foto: Amateur Architecture Studio.

In China entstehen neue Museen mittlerweile in einem so rasanten Tempo und in so hoher Anzahl, dass schon die Exponate knapp werden, erfahren wir von Mark Siemons in der FAZ. Meist entstehen die Gebäude ohnehin nur zum Zweck der Quartiersaufwertung, ohne dass die Öffentlichkeit mitreeden könnte. Daraus "folgen die zentralen Anforderungen an die Architekten: Schnelligkeit, Flexibilität und Kühnheit. Dass die Neubauten vor allem auffallen sollen, hat ästhetisch wiederum sehr unterschiedliche Konsequenzen. Die Spannweite reicht von den archaisch und avantgardistisch zugleich aussehenden Gebäuden Wang Shus, die sich mit ihrer ingeniösen Verwendung recycelter Ziegelsteine in die jeweilige Natur- und Stadtlandschaft einpassen, bis zu den elliptisch geschwungenen Science-Fiction-Gebilden des Pekinger MAD-Büros, die in jeder Umgebung wie ein Alien wirken." In dieser Interviewsammlung spricht der chinesische Architektennachwuchs genauer über diese Herausforderungen.
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