Efeu - Die Kulturrundschau

Alles verharrt in Auflösung

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26.09.2016. Am Wiener Burgtheater hat Martin Laberenz Goethes "Torquato Tasso" inszeniert: So viel Entschlossenheit zur Deklamationskunst hat der Standard schon lange nicht erlebt. Die Presse versank geradezu in Verlassenheit. Die SZ bwundert in der Wiener Albertina den stickenden Anarchismus der Pointillisten. Auf Critic.de fragt Dominik Graf, wozu Filmhochschule Heere von unfreien Regisseuren ausbilden .In der FAZ verabschiedet Jochen Vogt den Detektiv als letzten Individualisten der Literatur.

Bühne


Dorothee Hartinger und Andrea Wenzl in "Torquato tasso" am Burgtheater. Foto: Georg Soulek


Am Wiener Burgtheater hat Martin Laberenz Goethes Dichterdrama Torquato Tasso" inszeniert. Im Standard rechnet ihm Margarete Affenzeller die Entschlossenheit zur Deklamationskunst hoch an: "Regisseur Laberenz setzt einiges daran, um das Stück aus seiner historischen Umklammerung zu lösen, ohne es dabei aber zu verraten. Mit wenigen Drehungen holt er die Frauenfiguren aus der emanzipatorischen Versenkung, macht dem schweren Versmaß Luft, was aber nicht durchgehend gelingt (die Akustik leistet nicht immer gute Dienste). Somit verhallt einiges im blinden Sprechstakkato. Es geht also leider nicht ganz ohne Bleiwüstengefühl ab."

Etwas unausgeglichen findet Norbert Mayer in der Presse die Inszenierung, stark aber die Schauspieler, vor allem Philipp Hauß als Tasso, der "der auf dem Höhepunkt des Dramas, bereits isoliert, einen unglaublich rasanten Sprachschwall der Verlassenheit produziert". In der Nachtkritik ist Theresa Luise Gindlstrasser vor allem von Dorothee Hartinger als Gräfing im Raubtier-Badeanzug beeindruckt: "Wie sie dann so da steht, in ihrer lächerlichen Leopardennässe, halb betroffen vor lauter Vergänglichkeit, halb wunderschön, um wahr zu sein", das hat ihr imponiert."


Nora Buzalka und Franz Pätzold als Amalia und Karl Moor in Ulrich Rasches "Räuber"-Inszenierung. Foto: Thomas Dashuber.

Am Münchner Residenztheater hat die Saison mit einer aufwändigen "Räuber"-Inszenierung von Ulrich Rasche begonnen, an deren wuchtigen Bühnenbild die Gewerke ein Jahr gearbeitet haben, wie Christine Dössel von der SZ weiß. Entsprechenden value for money gab es zu sehen. So berichtet Dössel unter anderem von bombastischen Sprechchören, einem über die ganze Laufzeit das Bühnengeschehen umflorenden Soundtrack und einem wahrhaftigen Laufband-"Bühnenungetüm": "Titanisches Beeindruckungs- und Überwältigungstheater also, wuchtvoll, humorfrei, gewaltig gestählt. Einerseits. Andererseits begnügt sich Rasches Monumentaltheater nicht mit der Zurschaustellung seiner technoiden Muckis, sondern zelebriert schier feierlich die Sprache."

Weit weniger erfreut berichtet in der FAZ Patrick Bahners von dem Abend: "Verfremdungseffekthascherei als Fluch des Gegenwartstheaters", seufzt er angesichts all des deklamatorischen Aufwands dieser "Tortur", auch bei Martin Kušejs Inszenierung von Sartres "Schmutzigen Händen" ist seiner Ansicht nach außer "athletischen Leistungsbeweisen" kaum etwas zu holen gewesen. Auch in der Nachtkritik blickt Shirin Sojitrawalla auf "keinen wirklich spannender Abend" zurück.

Besprochen werden außerdem Jette Steckels Hamburger Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" (der Monika Nellissen in der Welt vor lauter Spezialeffekten kaum folgen konnte), Mozarts "Cosi fan tutte" an der Deutschen Oper Berlin (nachtkritik), die Uraufführung von John von Düffels "Martinus Luther" in Münster (nachtkritik), Fritz Katers "Buch.Berlin" in der Inszenierung von Tilmann Köhler am Deutschen Theater Berlin (taz) und die Darmstädter Inszenierung von Elfriede Jelineks "Wut" (FR).
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Kunst


Paul Signac: Venedig, die rose Wolke, 1909, Bild: Albertina, Wien, Sammlung Batliner

Sanft irritiert fühlt sich SZ-Kritikerin Almuth Spiegler beim Besuch der momentanen Pointillismus-Schau in der Wiener Albertina: Einerseits wirken die Bilder wie erstarrt, doch wenn man andererseits erfahre, "dass die Pointillisten stark links orientiert waren, zum Teil in anarchistische Anschläge in Paris verstrickt waren wie Maximilien Luce und der führende Pointillisten-Kunstkritiker Felix Feneon, dann kennt man sich nicht mehr aus. Was waren sie denn nun? Harmoniesüchtige Anarchisten? Stickende Anarchisten? Die aber Ruhe, Idylle, Pastellfarben wollen? Utopie ist das Schlüsselwort hier, meint der Kurator, es geht um das Hinwegsehen in ein gesellschaftliches Arkadien."

Weiteres: Bernhard Schulz berichtet im Tagesspiegel von der Beirut Art Fair.

Besprochen werden die Schau "Sex in Wien" im Wien Museum (Welt), eine Ausstellung des Bildhauers Tal R in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Rosenthal - ein Mythos. Zwei Männer schreiben Geschichte" im Porzellanikon in Hohenberg an der Eger und Selb (FAZ).
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Film

Critic.de dokumentiert ein im Mai bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen geführtes Gespräch zwischen Hartmut Bitomsky, Dominik Graf und Kathrin Resetarits über Sinn, Zweck und Herausforderungen von Filmhochschulen. Unter anderem geht es um den neu um sich greifenden Biedersinn in der deutschen Filmproduktion. Regisseur Graf meint dazu: "Arbeitspolitisch gelesen ist das natürlich eine Katastrophe. Ich weiß nicht, wie viele Regiestudenten pro Jahr in Deutschland fertig ausgebildet auf den Markt geworfen werden und wie viele diese deutsche Fake-Filmindustrie überhaupt pro Jahr aufnehmen kann. Nehmen wir mal an, es sind 60, das sind ungefähr - rein vom Produktionsvolumen und dem beständig drohenden Gelaber der Fernsehsender her, dass sie immer weniger Geld haben und weniger Geld ausgeben können, wollen - im Grunde 59 zu viel" und damit seiner Ansicht nach "so viele, dass sich alle vor diesem Nadelöhr drängen und die, die durchwollen, müssen unter Umständen heftige Kompromisse machen, damit sie hinten am Ende in der Branche ankommen."


Echt Agfacolor: Veit Harlas "Opfergang" von 1944.

Veit Harlans im späten Nationalsozialismus entstandene Farbfilm-Melodramen "Opfergang" und "Immensee" sind in mustergültigen HD-Edition erschienen, informiert Fritz Göttler in der SZ. Die dunkel glühende Schwermütigkeit dieser Filme macht sich als Einfluss bei Generationen deutscher Filmemacher von Fassbinder über Schlingensief bis Dominik Graf bemerkbar, schreibt er weiter. Kein Wunder, denn "'Opfergang' ist ein Trip ins Herz der Dunkelheit, ein film noir deutscher Provenienz, und die Farben - gedämpftes Agfacolor, nicht das aggressive Technicolor, das wir aus den amerikanischen Fünfzigern kennen - dienen dazu, den schwarzen Untergrund deutlich zu machen ...  Bei Harlan vertauschen sich oft die Zeichen, das Gesunde ist krank, die Natur ist unheimlich synthetisch. Ein kleinbürgerlicher Blick aufs Großbürgertum, das macht die Anarchie von Harlans Kino aus."

Weiteres: Im Tagesspiegel resümiert Silvia Hallensleben das Filmfestival San Sebastián. In der NZZ berichtet Martina Läubli von Filmfestival Zürich, das sich besonders dem jungen mexikanischen Film widmete. Im Radioessay von Deutschlandfunk geht Christian Schüle der Frage nach, woher die Faszination für den Tod im deutschen Fernsehen rührt.
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Musik

In der Berliner Zeitung schreibt Jens Balzer zum Tod des Musikjournalisten und früheren Ärzte-Bassisten Hagen Liebing.

Besprochen werden Heinrich Deterings Studie "Die Stimmen aus der Unterwelt - Bob Dylans Mysterienspiele" (online nachgereicht vn der Zeit), ein Konzert von Isabelle Faust (Tagesspiegel), neue Album von Die Antwoord (SZ) und das erste Konzert des vor kurzem fusionierten SWR Symphonieorchesters in Stuttgart (FAZ, mehr dazu im letzten Efeu, sowie hier ein Videomitschnitt).
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Literatur

Der emeritierte Literaturprofessor Jochen Vogt befasst sich in einem FAZ-Essay mit der Figur des Detektivs im Wandel der Zeit. Seit kurzem macht sich zudem auch der jüngste technologische Wandel im Ermittlerkrimi bemerkbar, der auf ganz grundsätzliche Fragen verweise: "Sind die Ermittler nur noch Anhängsel ihrer technischen Instrumente und Prozeduren? Sind sie deren Möglichkeiten überhaupt gewachsen? Es liegt in der Logik des von Anfang an als 'zeitgemäß' definierten Genres, dass es sich heute für Probleme und Ideen öffnet, die man früher der Science-Fiction zugewiesen hätte."

Weiteres: Im Tagesspiegel spricht jetzt auch Gerrit Bartels mit Navid Kermani über dessen Roman "Sozusagen Paris". In der Zeit berichtet Alexander Cammann von seinem Treffen mit der Schriftstellerin Teresa Präauer. Vor siebzig Jahren erschien die erste Ausgabe der Comiczeitschrift Tintin, erinnert Ralph Trommer im Tagesspiegel. Stefan Kleie schreibt in der FAZ über die Geschichte des linken, gerade sein 40-jähriges Bestehen feiernden Verlags Edition Nautilus.

Besprochen werden Eugen Ruges "Follower" (Zeit), Joseph O'Neills "Der Hund" (Zeit) und der neue "Harry Potter" (FR).

In der Frankfurter Anthologie schreibt Ruth Klüger über Emma Lazarus' Gedicht "Der neue Koloss":

"Nicht wie der Griechen eherner Koloss
die Feinde mit der Waffe unterdrückt;
..."
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