Efeu - Die Kulturrundschau

Zusatz von Handlungsstoffen

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20.09.2016. In der FAZ schlagen Ilija Trojanow und José Oliver Alarm: Der Adelbert-von-Chamisso-Preis soll abgeschafft werden. Die SZ feiert den narrativen Tanz. Im Tagesspiegel wünscht sich der neue dffb-Leiter Ben Gibson mehr Autorenfilmer auf dem Markt. Die Welt lernt in Berlin von Anne Imhof das Fürchten. Der Standard begeistert sich in Wien für junge Chemiker, die Punkte aufhäufen. Und die NZZ erinnert an Paul Parin, der bei den Dogon das orale Paradies entdeckte.

Kunst


Eliza Douglas in Anne Imhof, Angst II, aufgeführt im Hamburger Bahnhof Berlin. Foto: Nadine Fraczkowski

Markerschütternd findet Welt-Kritikerin Swantje Karich die Performance "Angst" der Künstlerin Anne Imhof, die in den Hamburger Bahnhof in Berlin wie zu einem Kalvarienberg führt: "Eine Drohne schwebt über den Köpfen - was verkündet sie den Hirten, die verloren durch diesen Nebel waten und immer wieder unruhig nach ihren Mobiltelefonen greifen, Bilder vom weißen Sumpf machen, E-Mails checken, Eilmeldungen lesen. Aber eigentlich nicht viel zu sagen haben. Die Drohne filmt die Hirten bei ihren langweiligen Spiel. Der Heilige Geist bringt auch keine Erlösung, immerhin ist er gekommen - ein Falke spielt ihn." Aber Angst hat Karich eigentlich gar nicht bekommen: "Ist Angst vielleicht kein zeitgemäßes Gefühl mehr? Oder tritt sie hier im Gewand der totalen Abstumpfung auf, die ihre Tänzer ausstrahlen, kaputt, müde, blass - ihre Blicke so  schmerzhaft, traurig, wie die von Jesus am Kreuz."

Im Standard feiert Roman Gerold die große Pointillismus-Schau "Seurat, Signac, van Gogh" in der Wiener Albertina, die von der Emanzipation des Punktes in der Malerei erzählt: "Die in ungemischten Farben dicht nebeneinander aufgebrachten Tupfer vermengen sich erst im Auge des Betrachters zu neuen Farbtönen. Die Nähe zur Wissenschaft war es dabei, die Kritikern besonders aufstieß: 'Junge Chemiker, die kleine Punkte anhäufen', nannte der Maler Paul Gauguin abschätzig jene, die sich Seurat anschlossen. In die Kunstgeschichte ist Seurats Erfindung freilich als Pointillismus eingegangen. Als technisch-wissenschaftsnaher Stil markiert dieser einen Meilenstein am Weg der Malerei in die Moderne." (Bild: Théo van Rysselberghe, Sitzender Akt, 1905, Albertina, Sammlung Battliner.)

Weiteres: In der taz berichtet Ingo Arend von Beirut Art Fair, die einem Boom privater Stiftungen und Museen Rechnung trägt. Bernhard Schulz berichtet im Tagesspiegel vom Kulturfestival Mekudeshet in Jerusalem.
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Literatur

Mit Entsetzen nehmen Ilija Trojanow und José F. A. Oliver in der FAZ die Ankündigung der Robert Bosch Stiftung zur Kenntnis, den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2017 zum letzten Mal zu vergeben. Der Preis, so die Stiftung in ihrer Begründung, habe sein Ziel erreicht: "Autoren mit Migrationsgeschichte haben heute grundsätzlich die Möglichkeit, jeden in Deutschland existierenden Literaturpreis zu gewinnen." Den beiden Preisträgern bleibt "die Spucke weg. Weil der Literaturbetrieb anfängliche Ressentiments gegen eingewanderte Autorinnen und Autoren abgelegt hat, soll dieses Phänomen nicht mehr beleuchtet werden? Mit anderen Worten: Das Bestreben der Bosch-Stiftung war offenbar von vornherein eher ein diakonisches, die Migrationsliteratur ein Mündel, das es aufzupäppeln galt, und nun, da es wohlgenährt scheint und zu jedem Bankett eingeladen wird, kann es verabschiedet werden. Diese Haltung ist eine paternalistische, also genau das, was Migranten und Geflüchtete auf den Tod nicht ausstehen können."

Ludger Lütkehaus erinnert in der NZZ an den vor hundert Jahren geborenen Psychoanalytiker Paul Parin, der in seinen Büchern - "Die Weißen denken zu viel" - die Begegnung mit dem Fremden so schön "zur selbstkritischen Entlüftung" nutzte: "Wenn Parin - auf der Suche nach einer konfliktfreieren Lust? - der Kindererziehung der Dogon etwa ein 'orales Paradies', das Fehlen einer repressiven analen Fixierung und in der ödipalen Phase statt der Fixierung auf Einzelpersonen die Identifikation mit der Gruppe attestierte, mochte noch einmal etwas von Rousseaus edlen Wilden durchschimmern. Aber diese Ethnopsychoanalyse hing keiner unkritischen Identitätsillusion an."

In der NZZ erzählt Aldo Keel noch einmal, wie sich der dänisch-palästinensische Dichter Yahya Hassan mit seinem Aufstand gegen die Väter immer verzweifelter in Auseinandersetzungen mit fundamentalistischen Imamen und radikalen Banden verstrickte. Wegen der Schüsse auf einen Angreifer wurde er nun zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt.

Weiteres: Im Guardian preist Tessa Hadley Rachel Cusk für ihren neuen Roman "Transit", der die Geschichte der Literaturprofessorin Faye aus "Outline" fortsetzt, für ihre unverwechselbar coole Stimme: "Man hat nie den Eindruck, dass sie für ihr Schreiben gemocht werden will." Das Internationale Literaturfest in Berlin schloss mit Auftritten von Autoren aus Sambia und Kenia ab, berichtet Giacomo Maihofer im Tagesspiegel. In der NZZ erzählt die Schriftstellerin Romana Ganzoni, wie die Metaphysik die Seiten wechselte: "Am Tag, als die Kirche zuging, ging das Fitnesscenter auf." Lorenz Jäger gratuliert dem Lyriker Paulus Böhmer in den FAZ zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Sibylle Lewitscharoffs Roman "Pfingstwunder" (in dem Roman Bucheli in der NZZ eine "Poetologie der Verzückung" erkennt) Philipp Winklers longlist-nominiertes Debüt "Hool" (ZeitOnline, SZ, FAZ), Elisabeth Florins Krimi "Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod" (FR), Dana Rangas "Hauthaus" (SZ) und eine deutsche Ausgabe von Pascals "Pensées" (FAZ).
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Musik

Kerstin Holm berichtet in der FAZ vom Beethovenfest in Bonn, das in diesem Jahr die russische Revolution zum Thema hatte. Besprochen werden ein Langgaard-Konzert des Orchesters der Deutschen Oper (Tagesspiegel) und das Album "Asozalisierungsprogramm" des Berliner Rap-Duos SXTN (taz).
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Film

50 Jahre Berliner Filmhochschule dffb, 50 Jahre erbitterte Auseinandersetzungen. Im Tagesspiegel bringt Christiane Peitz die Alumni Christian Petzold und Jonas Dornbach mit dem derzeitigen Leiter Ben Gibson ins Gespräch. Letzterer gibt dabei unter anderem zu erkennen, was für ein Programm ihm an der umkämpften Filmhochschule und für deren filmpolitische Ausrichtung vorschwebt: "Was mich frustriert, ist die Gefahr der Nische. Ist es nicht die Aufgabe der Avantgarde, alles zu transformieren, auch den Mainstream? Hier in Deutschland gibt es diese geradezu antike Dichotomie: hier der Regisseur, der für die Majors Erzählkino machen will, dort der Purist, der am Kottbusser Tor in Schwarz-Weiß dreht. Markt oder nicht Markt, diese Mythologie zerbröselt langsam. Denn was braucht der deutsche Markt? Gute Autorenfilmer. So gesehen ist die DFFB die deutsche Filmschule mit dem größten kommerziellen Potenzial." Zu ihrem Jubiläum hat sich die dffb auch ein sehr schönes Onlinedossier gegönnt, das zahlreiche Dokumente und tatsächlich auch einige Filme zugänglich macht.

Weiteres: Der iranische Regisseur Ashgar Farhadi kann seinen Film "The Salesman" nach langen Auseinandersetzung nun doch für eine Oscarnominierung einreichen, meldet Bahareh Ebrahimi in der SZ: Der Teheraner Kulturpolitik war der Film lange Zeit zu uniranisch gewesen, heißt es. Für den Tagesspiegel berichtet Martin Schwickert vom Filmfestival in Toronto. Carolin Haentjes wirft für den Tagesspiegel einen Blick auf den Filmnachwuchs, der für die First Steps Awards nominiert ist.
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Architektur

Für die SZ-Reihe über europäische Plätze hat Alexander Menden den Civic Square im britischen Tilbury besucht, der derzeit noch von urbanen Armutsphänomenen geprägt ist, nach dem Willen der Stadtplaner aber aufgewertet werden soll.
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Bühne

Berliner Ensembles protestieren gegen neue Intendanten, in neuen Verbänden fordern Bühnenschauspieler bessere Arbeitsbedingungen - es gärt im Betrieb. Michael Stallknecht hat sich aus diesem Anlass für die SZ mit Rolf Bolwin unterhalten, dem Chef des Deutschen Bühnenvereins. Der Forderung nach mehr Beteiligung der Ensembles bei der Auswahl der Intendanten steht er skeptisch gegenüber: "An der Intendantenwahl wären damit auch Künstler beteiligt, die mit dem neuen Intendanten zum Teil gar nicht mehr arbeiten ... Viele Städte legen Wert darauf, dass solche Entscheidungen nicht auf dem offenen Markt ausgetragen werden. Und die Kandidaten ebenso. Es geht schließlich um eine hochempfindliche Personalie. Wenn öffentlich wird, dass sich eine Stadt für diesen oder jenen Kandidaten interessiert, ziehen viele ihre Bewerbungen zurück."

In Homer Hans Bryants Hiplet, einem HipHop und Ballett amalgamisierenden Stil, und in dem exaltierten Kenzo-Werbevideo von Spike Jonze zeigt sich für Dorion Weickmann in der SZ, wie moderner, zeitgenössischer Tanz die Massen erreichen kann - und darin zeigen sich Bryant und Jonze gewiefter als ihre Kollegen an den Theatern, findet sie: "Tanz ist Verwandlung, Exzess, Ekstase, ist Dynamik und Ausdruck der existenziellen Möglichkeit, mit Ich- und Alltagsroutinen zu brechen. ... Dass der Filmregisseur aus dem Tanzvokabular eine Kurzgeschichte strickt, unterscheidet ihn von zahlreichen Choreografen der Gegenwart, die stillschweigend ein Gelübde abgelegt haben: Alles, bloß kein Narrativ! Leider."



Außerdem: Im Tagesspiegel gratuliert Sandra Luzina den Sophiensälen in Berlin zum 20-jährigen Bestehen. Für Christian Wildhagen in der NZZ hat Herbert Fritsch sein Operninszenierungs-Konzept ausgereizt, den Zürcher "Freischütz" nennt er nur noch ein "quietschbuntes Veralberungsspektakel" auf mittellustigem Comedy-Niveau.

Besprochen werden eine Wiesbadener "Fledermaus" (FR), Anne Teresa De Keersmaekers von Rilke inspirierte Choreografie im Mousonturm in Frankfurt (FR), die Pina-Bausch-Ausstellung im Gropiusbau in Berlin (taz) sowie die Saisoneröffnungen am Staatsschauspiel Dresden mit Stücken von Ingmar Bergman und Thomas Bernhard (SZ) und am Hamburger Schauspielhaus mit Karin Beiers "Hysteria - Gespenster der Freiheit" (nachtkritik) und Rimini Protokolls "Brain Projects" (nachtkritik, SZ, FAZ).
Archiv: Bühne