Efeu - Die Kulturrundschau

Tendenz zum Spektakulären

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22.06.2016. Im Tagesspiegel erklärt Regisseur Herbert Fritsch, dass es der Volksbühne nicht darum geht, Chris Dercon wegzumobben, sondern das Haus zu erhalten. Claus Peymann rät, den Mann einfach auszuzahlen. Guardian und Open Culture feiern die Pionierinnen der elektronischen Musik, deren Kompositionen schon von der Nasa ins All gesendet wurden, um die Außerirdischen zu besänftigen. Und zum Achtzigsten darf Kris Kristoffersen noch einmal mit Isabelle Huppert Walzer tanzen.

Bühne

Mit einem offenen Brief hat sich die Belegschaft der Berliner Volksbühne gegen den kommenden Intendanten Chris Dercon ausgesprochen (mehr dazu im gestrigen Efeu). Zu den Unterzeichnern zählt auch Herbert Fritsch, der im Tagesspiegel-Interview mit Christine Wahl seine Position bekräftigt: "Es geht hier nicht darum, jemanden wegzumobben oder sich Neuem zu verschließen. Die Volksbühne war immer offen für neue Formen und neue Möglichkeiten. Ich habe von Anfang an gesagt: Chris Dercon kommt von der Tate Modern - why not? Das Problem ist, dass die Sachen, die jetzt hier von der künftigen Leitung als neu verkauft werden, in den letzten Jahren in der Volksbühne alle schon ausprobiert wurden und stattgefunden haben. Und das ist ein bisschen erstaunlich."

In einem weiteren offenen Brief stellt sich Claus Peymann an die Seite der Belegschaft der Berliner Volksbühne und fordert vom Regierenden Bürgermeister, Chris Dercon auszuzahlen. Und er ätzt weiter: "Dann könnten Sie 'unsterblich' sein und würden nicht als Killer der Volksbühne in die Geschichte eingehen. Noch eine kleine Bitte: Verhindern Sie, dass Ihr Schickimicki-Staatssekretär Renner sich weiterhin von Matthias Lilienthal beraten lässt, der ja bekanntlich der eigentliche Erfinder von dieser unseligen Personalie ist. Es reicht doch, dass die Münchner Kammerspiele von ihm in kürzester Zeit heruntergewirtschaftet wurden."

In der SZ fasst Mounia Meiborg die Debatten und Fronten des Konflikts zusammen. In der Welt setzt Jan Küveler auf die alte kapitalistische Strategie des Ausgleichs.

Weitere Artikel: Das "Überraschungspotenzial" der Berliner Autorentheatertage ist bislang "eher mau", schreibt Patrick Wildermann in seiner Zwischenbilanz für den Tagesspiegel. In der FR unterhält sich Arno Widmann mit Ruth Reinecke über Facetten ihrer Schauspielkunst. Martin Krumbholz schreibt in der SZ über das noch bis zum Wochenende gehende "Impulse"-Festival freier Theater in Düsseldorf.

Besprochen wird Adriana Altaras' Inszenierung der "Entführung aus dem Serail" in Kassel (FR) und Robert Carsens offenbar etwas grobe Inszenierung von Puccinis "Manon Lescaut" mit Anna Netrebko an der Wiener Staatsoper (Standard, Presse).
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Musik

Am Wochenende huldigt das Deep Minimalism Festival im Londoner Southbank Centre den Pionierinnen der elektronischen Musik. Im Guardian stellt Jennifer Lucy Allan neben den Galionsfiguren Daphne Oram und Delia Derbyshire die schrägen Künstlerinnen vor, deren Musik derzeit eifrig wiederentdeckt wird: Zum Beispiel Laurie Spiegel, die "schon Synthesizer programmierte, bevor computergestützte Regler auch nur das Zwinkern im Auge eines Techno-DJs waren". Oder Eliane Radigue: Die französische Komponistin war eine frühe Anhängerin des ARP 2500 Synthesizer (der auch im Film 'Unheimliche Begegnung der dritten Art' zur Verständigung mit den Aliens diente). Sie brachte zudem den Buddhismus in die modulare Synthese und generierte damit ein sattes, schweres Brummen, wie in ihrem vom Tibet des 11. Jahrhunderts inspirierten Stück 'Jetsun Mila'." Open Culture hat unzählige Aufnahmen, Videos und Porträts zu einer wahren Schatztruhe versammelt.

Hier Laurie Spiegels Vertonung von Keplers "Harmonik der Welt", die als Eröffnungsmusik auf der berühmten Golden Record von der Voyager-Raumsonde ins All geschickt wurde, um den Außerirdischen eine Vorstellung der menschlichen Kultur zu geben:



In der taz berichtet Lisa Blanning vom Sonarfestival in Barcelona. Dass das Festival für elektronische Musik seinen einst flauschigen Nischencharakter als Szenetreff verloren hat, findet sie durchaus bedauerlich: "Während das Programm anfangs noch Aushängeschild für künstlerische Abenteuerlust und Relevanz war, macht es inzwischen viel mehr kommerzielle Kompromisse."

Besprochen werden neue Alben von Neil Young (Welt), Die Heiterkeit (FR), Swans (Pitchfork) und der Red Hot Chili Peppers (FAZ, Pitchfork) sowie ein Konzert von PJ Harvey (Tagesspiegel, FAZ) und die Abschlusskonzerte des Leipziger Bachfests (FAZ).
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Kunst


Édouard Manet: Die Krocketpartie, 1873.

Sehr glücklich zeigt sich Peter Geimer in seiner online nachgereichten Zeit-Besprechung darüber, wie viele originale Manets man derzeit in Hamburg sehen kann. Dass die Ausstellung allerdings ein gehöriges Brimborium um die Bilder herum veranstaltet, stößt ihm bitter auf, denn es steht "die Inszenierung von Unmittelbarkeit in eigentümlichem Gegensatz zu Manets kühlen Bildern der Entfremdung, die man in den Räumen davor noch einmal so eindrücklich hatte betrachten können. Man mag einwenden, dass diese Kritik grundsätzlich jede Großausstellung trifft. In dieser aber, die das Sehen ausdrücklich zum Thema machen will, fällt die Tendenz zum Spektakulären besonders deutlich ins Auge."

Weiteres: Für den Freitag berichtet Sarah Alberti von der 11. Manifesta in Zürich.

Besprochen werden die Ausstellung "Wolfsburg Unlimited - Eine Stadt als Weltlabor" im Kunstmuseum Wolfsburg (SZ) und Gülsün Karamustafas Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin (Tagesspiegel).
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Literatur

Zum Tod der Schriftstellerin Benoîte Groult schreiben Gregor Dotzauer (Tagesspiegel), Julia Bähr (FAZ.net) und Joseph Hanimann (SZ). In der Libération verabschiedet Johanna Luyssen vor allem die Feministin Groult, die ihr Leben am Meer der Freiheit und dem Hedonismus verschrieben hatte. Frank Schäfer schreibt in der taz einen Nachruf auf den Autor Wolfgang Welt. Für ein Deutschlandfunk-Feature befasst sich der Schriftsteller Thomas von Steinaecker mit der Renaissance der Jugendhörspiele in den vergangenen Jahren. Und für den Perlentaucher räumt Arno Widmann wieder zahlreiche Bücher vom Nachttisch.

Besprochen werden unter anderem neue Manga von Jiro Taniguchi (Tagesspiegel), Senthuran Varatharajahs "Vor der Zunahme der Zeichen" (FAZ) und Robert Macfarlans "Alte Wege" (SZ). Mehr in Lit21, unserem Metablog zur literarischen Blogosphäre.
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Film

Kris Kristofferson wird achtzig. In der NZZ gratuliert Martin Schäfer dem "letzten großen Überlebenden der Sixties", der nicht nur Western mit Michael Cimino und Sam Peckinpah drehte, sondern auch Janis Joplin und Johnny Cash mit grandiosen Songs versorgte: "Mit einem Helikopter soll Kris Kristofferson in Johnny Cashs Garten gelandet sein, um ihm einen Song ans Herz zu legen... Tatsächlich wurde 'Sunday Mornin' erst in der Version von Cash zum Welterfolg. Ein Wendepunkt nicht nur für den Songschreiber, sondern für Nashville: Während der Live-Aufnahme in der famosen Grand Ole Opry saß Kristofferson im Publikum und wartete gespannt, ob Cash die für damalige Verhältnisse anrüchige Zeile 'Lord, I wish that I was stoned' wirklich singen würde. Er tat es. Und so war klar: Auch in der scheinbar braven Country-Welt durfte fortan Klartext geredet werden."

In der SZ erinnert Kurt Kister an den Suffkopp, Poeten und linken Countrysänger: "Ein Poet, ein Vollbartträger zu Zeiten, als man mit dem Vollbart noch dagegen war, ein Liebhaber, ein Versager. Und er ist auch eine Art amerikanischer Held, so wie man sich vor längerer Zeit amerikanische Helden gewünscht hat."

Darauf einen Walzer mit Isabelle Huppert:



Weiteres: Maurice Lahde schreibt auf critic.de über den Film "Ordnung" von 1980, den das Berliner Zeughauskino heute Abend in seiner großen Werkschau zu Sohrab Shahid Saless zeigt. Besprochen werden außerdem Nicolas Winding Refns "The Neon Demon" (Tagesspiegel, SZ) und Edoardo Winspeares "Ein neues Leben" (SZ).
Archiv: Film