Efeu - Die Kulturrundschau

Theatergespensterlein

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18.11.2015. Die Theaterkritiker beklagen die zahme, uninspirierte Kapitalismuskritik beim Berliner Festival "Marx' Gespenster". Auf Zeit online redet Regisseurin Julia von Heinz ihren Kolleginnen ins Gewissen: Entweder man ist Chef und macht Filme oder man ist nett und macht keine Filme. In der taz erklärt der britische Kulturwissenschaftler Will Brooker, warum er sich ein Jahr lang als David Bowie verkleidete.

Bühne


Le Capital et son Singe / Das Kapital und sein Affe von Sylvain Creuzevault. Foto: Marine Fromanger

Diese Stücke werden dem Kapitalismus nicht das Genick brechen, bedauern unsere Theaterkritiker nach den ersten Aufführungen beim Festival "Marx' Gespenster" im Berliner Hebbel am Ufer. Sylvain Creuzevaults im Jahr 1848 angesiedeltes Stück "Das Kapital und sein Affe" fährt zwar ein "Who is Who der Revolution" auf, berichtet Mounia Meiborg in der SZ, doch "warum sagen die als Revolutionäre verkleideten Schauspieler so brav ihren Text auf? Ist das nicht das Gegenteil von Revolution?" Auch die von Schorsch Kamerun und Fabian Hinrichs gestemmte Performance "Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück" bietet Meiborg bloß eine "Akkumulation von Trash". Ähnlich sieht das Esther Slevogt in der nachtkritik: "derart anämische Theatergespensterlein" werden dem "Raubtierkapitalismus" kaum Eindruck machen.

Weiteres: Astrid Kaminski berichtet in der taz vom zweiten Herbstsalon des Berliner Gorki-Theaters. Außerdem dokumentiert die FAZ Gerhard Stadelmaiers Laudatio auf die Regisseurin und Schillerpreisträgerin Andrea Breth. Besprochen werden Stefan Herheims Inszenierung des "Figaro" in Hamburg (NZZ), Choreografien beim Tanzfestival Winterthur (NZZ) und Achim Freyers Inszenierung des "Don Giovanni" an der Wiener Volksoper (FAZ).
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Film

In der seit geraumer Zeit schwelenden Debatte um die Frauenquote im Film richtet die Regisseurin Julia von Heinz das Wort in einem gepfefferten Gastbeitrag auf ZeitOnline an ihre Kolleginnen: "Wir müssen uns offen fragen, ob es an uns selbst liegt, wenn wir zum einen weniger, zum anderen auch immer wieder die braveren Filme inszenieren." Weshalb sie ihren Kolleginnen und Berufsanfängerin zwölf goldene Regeln ans Herz legt, die einiges darüber offenbaren, was am Set schief läuft. Zum Beispiel Regel vier: "Ertrage die Einsamkeit. Du sitzt beim Catering mal alleine oder weißt Abends nicht Bescheid, wo die Crew was trinken geht? Egal, manchmal ist es halt entspannter ohne Chef. Akzeptiere, dass Du die Chefin bist und manche deshalb nach einem anstrengenden Tag Abstand brauchen."

Besprochen werden Peter Greenaways "Eisenstein in Guanajuato" (SZ, unsere Besprechung hier), ein Dokumentarfilm über die legendären Gespräche zwischen Francois Truffaut und Alfred Hitchcock (FR, hier in der Mediathek) und der letzte Teil der "Tribute von Panem"-Reihe mit Jennifer Lawrence (FAZ).
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Kunst

Helsinki diskutiert über die Eröffnung einer Guggenheim-Dependance, berichtet Nikola Kuhn im Tagesspiegel. In der SZ schreibt Willibald Sauerländer zum 350. Geburtstag des Malers Nicolas Poussin.

Besprochen werden eine Ausstellung des Fotografen Rudolf Lichtsteiner in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur (NZZ), eine Werkschau des Malers Jean-Pierre Saint-Ours im Genfer Musée d'Art et d'Histoire (NZZ), eine Ausstellung über den Performancekünstler Terry Fox in der Akademie der Künste in Berlin (Berliner Zeitung), die Germaine-Krull-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau (Tagesspiegel) und Alexander Calders "Performing Sculpture" in der Tate Modern (SZ).

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Literatur

Besprochen werden die Lebenserinnerungen von Oliver Sacks (NZZ), Antonio Ortuños "Die Verbrannten" (Freitag, unsere Besprechung hier), Richard Flanagans "Der schmale Pfad durchs Hinterland" (Tagesspiegel), Anne Enrights "Rosaleens Fest" (FR), Stuart Nadlers "Buch des Lebens" (FAZ) und die vom Literaturwissenschaftler Dieter Richter kuratierte Ausstellung über Lady Hamilton in der Casa di Goethe in Rom (SZ).

Mehr aus dem literarischen Leben in unserem fortlaufend aktualisierten Meta-Blog Lit21.

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Stichwörter: Anne Enright, Meta

Musik

Ehrlich, Leute gibt's: Anne Haeming spricht für die taz mit dem Kulturwissenschaftler Will Brooker, der sich für ein Forschungsprojekt ein Jahr als David Bowie verkleidet hat, um dessen Leben möglichst anschmiegsam nachvollziehen zu können (auf Twitter kann man diesem Prozess beiwohnen): "Ich musste mein Äußeres komplett verändern: Ich ließ mir die Haare blond färben, die Augenbrauen zupfen, die Zähne bleichen und mir einen Ganzkörperbräuner aufsprühen. ... Eigentlich mache ich, was ich immer mache, wenn ich forsche: Ich versuche, mich in andere hineinzuversetzen. Nur dass ich mich jetzt viel körperlicher mit der Materie befasse. Es ist eine Art Auto-Ethnografie: Ich beobachte mich selbst."

Weitere Artikel: In der Welt porträtiert Felix Zwinzscher den für seine Mash-ups berühmten Hip-Hopper Amerigo Gazaway. Jens Uthoff sammelt in der taz Stimmen dazu, ob der Angriff auf den Pariser Musicclub Bataclan einen antisemitischen Hintergrund gehabt haben könnte.

Besprochen werden das neue Album von Grimes (taz), das Juliette-Gréco-Konzert in Berlin (Tagesspiegel), Anna von Hausswolffs "The Miraculous" (Pitchfork),"Purpose" von Justin Bieber (Pitchfork), ein Konzert von Martin Helmchen (Tagesspiegel), ein Liederabend mit Sandrine Piau in Zürich (NZZ) und das neue Album der Liedermacherin Maike Rosa Vogel, dem Thomas Winkler in der taz eine Hymne widmet. Hier das aktuelle Video:


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