Efeu - Die Kulturrundschau

All der Skandal und das Verruchte

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.06.2015. Der Standard findet mikroskopische Lebensformen im Viennale-Bunker in Konjic, Albanien. Brian Wilson sah nie aus wie Bruce Springsteen, notiert die Presse nach einem Besuch des Beach-Boy-Films "Love & Mercy". Das westdeutsche Kino der 50er war Mamas Kino, ruft Rainer Knepperges in New Filmkritik - Papas Kino kam erst mit dem Jungen Deutschen Film.

Kunst


Foto: Johanna Kirsch, Cave Exit Ape, Project Biennial, Titos Bunker, Konjic 2015

Im österreichischen Wien und im albanischen Konjic beginnt morgen die dritte Vienna Biennale. Anne Katrin Feßler lässt sich im Standard von Initiator Christoph Thun-Hohenstein erklären, wozu die Welt überhaupt noch eine weitere Biennale braucht: "Thun-Hohenstein beruft sich auf die Secessionsbewegung, die im Wien der Jahrhundertwende Gleichstellung und Miteinander der Kunstgattungen predigte. Die Hausaufgaben für eine professionelle Biennale hat er gemacht: lokale Begebenheiten mit globalen Perspektiven verknüpfen."

Aus Konjic berichtet Adelheid Wölfl, die den von vier Soldaten bewachten Bunker besucht hat, der 124 künstlerische Arbeiten beherbergt: "Es gibt Arbeiten, die sich mit dem Bunker als Relikt des Kalten Krieges beschäftigen, wie etwa jene des Florentiners Leone Contini, der gemeinsam mit dem Biologieinstitut der Uni Rom eine Bakterienzucht eingerichtet hat, die schon von weitem übel riecht. Contini will zeigen, dass der Bunker weder steril noch wirklich isoliert war, sondern dass hier immer mikroskopische Lebensformen existierten und existieren werden, selbst wenn es die menschliche Zivilisation nicht mehr geben sollte. Marko Peljhan nutzt ein Empfangsgerät, das er im Bunker fand und versendet Morsecodes in den Sprachen Ex-Jugoslawiens. Der Albaner Helidon Gjergji lässt die Namen von Videospielen aus dem Kalten Krieg über eine Spiegelwand laufen: "Sons of a solar Empire", "Zivilsation V" oder "Balance of Power"."

Besprochen werden die Ausstellung "From Bauhaus to Buenos Aires: Grete Stern and Horacio Coppola" im Museum of Modern Art in New York (Welt), eine Ausstellung indischer Künstler im Kunsthaus Langenthal (NZZ), die Ausstellung "Abstraktion in Österreich" (Presse) in der Albertina und die William-Hogarth-Ausstellung im Frankfurter Städel (FAZ).
Archiv: Kunst

Film


Paul Dano, stehend, als Brian Wilson

Er hat seine Momente, aber so richtig gelungen ist William Pohlads Beach-Boys-Film "Love & Mercy" leider nicht, bedauert Thomas Kramar in der Presse. Das liegt vor allem an der Aufsplittung der Hauptfigur: Der Film "spielt konsequent in zwei Zeitebenen: Brian Wilsons Befreiung von Psychiater Landy in den späten Achtzigerjahren; seine große, allmählich in eine Krise übergehende Schaffensphase von 1963 bis 1966. Dabei wird der frühe Wilson durch einen anderen Schauspieler dargestellt als der späte, und das funktioniert nicht wirklich. Denn John Cusack, der den circa 45-jährigen Wilson spielt, kann zwar virtuos zerrüttet dreinschauen, und er ist auch ein glaubhafter Rock "n" Roller, aber von der Art eines Bruce Springsteen, nicht eines Brian Wilson. Man nimmt diesem hageren Psycho einfach nicht ab, dass er einmal fett war. Paul Dano dagegen ist ganz und gar das dicke, ungeschickte, in Träumen verlorene Kind, das nach seinem ersten LSD-Rausch schwärmt: "Ich habe Gott gesehen."" Eine weitere Besprechung gibt"s in der Welt.


Hilde Krahl 1954 in Walter Reischs "Die Mücke"

Schon ein paar Tage online, aber Rainer Knepperges" assoziative Text/Bild-Montagen (hier mehr) auf New Filmkritik sind immer einen Hinweis wert. Diesmal staunt er über Walter Reischs Film "Die Mücke" mit Hilde Krahl von 1954. Eigentlich müsste man das meist gering geschätzte BRD-Kino der 50er Jahre ganz neu bewerten, fordert er: Dieses "wurde unsinnigerweise Papas Kino genannt. Die vielen Frauenfilme von "Alraune" (1952 Rabenalt) bis "Barbara" (1961 Wisbar) waren Kino par excellence - sowohl "Die Sünderin" (1951 Forst) als auch "Die Rote" (1961 Käutner), all der Skandal und das Verruchte - es war Mamas Kino. Die kurze Zeit, in der das deutsche Filmschaffen ohne staatlichen Auftrag war, zwischen Nürnberger Prozess und Oberhausener Manifest, diese Phase will rehabilitiert werden. ... Mamas Kino, von dem der Junge Deutsche Film sich losreißen wollte. Um was zu werden. Was? Literaturverfilmung. Fernsehen. Patriarchat."

Weitere Artikel: Uwe Schmitt fordert in der Welt ein Ende des unglückseligen Synchronisationswesens in deutschen Kinos und statt dessen Originalfilme mit Untertiteln - schon aus Gründen der Chancengleichheit: "Es ist das weniger betuchte und gebildete Publikum, das von Kindheit an keine Chance hat, einen Sinn für fremde Sprachmelodien, Tonfälle, Ausdrucksformen zu entwickeln." In der Berliner Zeitung gibt Claus Löser einen Überblick über die Filme zum Leben mit der Stasi, die er besonders wichtig findet. Und Cornelia Geißler unterhält sich mit der Schauspielerin Karoline Herfurth, die gerade "Fack ju Göhte 2" abgedreht hat.

Besprochen werden die neue Netflix-Serie "Sense8" der Wachowski-Geschwister (ZeitOnline), Bettina Blümners Doku "Parcours d"amour" (Standard) und Sebastian Schippers in einem Take gedrehter Berlin-Thriller "Victoria" (taz, unsere Kritik, mehr auch hier).
Archiv: Film

Architektur

Bernhard Schulz besucht für den Tagesspiegel die Ausstellung "Radikal Modern" in der wiedereröffneten Berlinischen Galerie, wo er sich über die Ost- und West-Berliner Architektur der 60er Jahre informiert (mehr dazu hier). In der NZZ stellt Albert Kirchengast eine Ausstellung über die Stadtphantasien der Nazis für Wien vor, die im Architekturzentrum Wien gezeigt wird. In Ägypten soll der Pharos von Alexandria wieder aufgebaut werden, berichtet Berthold Seewald in der Welt.
Anzeige
Archiv: Architektur

Bühne

In der taz berichtet Robert Matthies über das 7. Live-Arts-Festival im Hamburger Kampnagel. Besprochen werden Alban Bergs "Lulu" in Amsterdam (Standard) und Michèle Rotens erstes Theaterstück "Wir sind selig oder: oder" in Basel (NZZ).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Alban Berg, Lulu

Musik

Für Pitchfork spricht Ian Cohen mit Kamasi Washington, dessen Jazzalbum "The Epic" auch hierzulande auf große Begeisterung stieß (mehr dazu hier und hier). Auf Electronic Beats erinnert sich Steve Morrell daran, wie die Berliner Partyszene der späten 90er und frühen 00er Jahre Berlin wieder cool machten

Besprochen werden neue HipHop-Alben (The Quietus), das Debüt der Hamburger Indieband Mars Needs Women (taz), "Apocalypse Girl" von Jenny Hval (Pitchfork), die Autobiografie von Sex-Pistols-Frontmann John Lydon (Tagesspiegel) und das neue Album "Die neue Landschaft" von Die Zikaden (FAZ).
Archiv: Musik

Literatur

Snickers, Hitler, Jesus: In Frankfurt ist der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer zur Poetikvorlesung angetreten, berichtet Judith von Sternburg in der FR: Dabei stellte Meyer "die erstaunlichsten Dinge gegeneinander, collagierte, scherzte, sagte, was ihm wichtig ist." DeutschlandradioKultur bringt daraus einige Zitate.

Weitere Artikel: Thomas David schreibt in der NZZ zum 100. Geburtstag Saul Bellows. In der taz schreibt Ambros Waibel zum 750. Geburtstag Dantes. Rüdiger Schaper hat für den Tagesspiegel das griechisch-deutsche Schriftstellertreffen in Thessaloniki besucht. Katharina Teutsch war für die FAZ in Tallinn, wo sich internationale Literaturkritiker im Rahmen des EU-Projekts "Schwob" für noch zu bergende Klassiker der Weltliteratur aus ihren Heimatländern stark machten.

Besprochen werden Siri Hustvedts "Die gleißende Welt" (FR), Valerie Fritschs "Winters Garten" (ZeitOnline, unsere Leseprobe), Anthony Doerrs "Alles Licht, das wir nicht sehen" (FAZ), Philipp Felschs "Der lange Sommer der Theorie" (NZZ) und John Bergers "Vom Wunder des Sehens" (NZZ).
Archiv: Literatur