Efeu - Die Kulturrundschau

Das Liken zwängt die Leute ein

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21.01.2015. Alle waren in Köln, wo Michel Houellebecq jede Verantwortung als Autor rigoros verweigerte. Die Zeit huldigt der Beharrlichkeit der feministischen Indie-Rockband Sleater-Kinney. Alec Empire fürchtet das konstante Feedback. Kein bisschen Trost findet die Welt in Burhan Qurbanis Film "Wir sind jung. Wir sind stark" über das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Die NZZ porträtiert den Galeristen Paul Durand-Ruel als kunstsinnigen Monarchisten.

Literatur

Die halbe deutsche Literaturkritik war bei Michel Houellebecqs Kölner Vorstellung seines neuen Romans "Unterwerfung" (oder aber sie hat den Livestream von der Veranstaltung auf KölnTV verfolgt). In der taz bleibt Dirk Knipphals allerdings etwas ratlos: "Zeigt sich in der Houellebeq"schen Müdigkeit so etwas wie die Wahrheit der liberalen Gesellschaft? Ist die liberale Gesellschaft erschöpft? Das, nicht das Islamophobiethema ist die eigentlich interessante Frage dieses Romans, gerade auch für linksalternative Menschen... Der Abend mit Michel Houellebecq ist alles in allem ein gutes Zeichen, dass die gegenwärtige Gesellschaft so erschöpft dann doch nicht ist. Der Abend ließ Raum für Ambivalenzen und Ratlosigkeiten. Auch das muss eine Gesellschaft erst mal hinkriegen."

Weitere Stimmen: "Ein guter Roman ist immer klüger als der Autor, der darüber spricht, zumal wenn er sich so notorisch müde und traurig gibt, wie es Houellebecq gerne tut", meinen Gregor Dotzauer und Gisa Funck im Tagesspiegel nach der insgesamt offenbar wenig aufregenden Veranstaltung. In der NZZ erlebt ihn Joachim Güntner als bekennenden Egotisten, der die "Unverantwortlichkeit des Autors" predige: "Er steht nur für sich selbst." Nils Minkmar (FAZ), der den Abend in Köln moderiert hat, meint lapidar: "Ich hätte meine Fragen für unser Podiumsgespräch in der Tasche lassen können. Er würde jedes Mal antworten, dass die Leute doch machen sollen, was sie wollen. Er übt seine Verantwortung als Schriftsteller aus, indem er sie verweigert." Für ZeitOnline berichtet Christoph Schröder.

Mohamedou Ould Slahis Tagebuch aus Guantanámo erscheint in Großbritannien in einer extra zensierten Fassung, meldet Daniel Zylbersztajn in der taz. Für den Tagesspiegel unterhält sich Lars von Törne mit dem Comicautor Ben Katchor. Roman Rhode (Tagesspiegel) gratuliert dem Lyriker Ernesto Cardenal zum 90. Geburtstag. Im Freitag liest Michael Buselmeier aktuelle Literaturzeitschriften. Marc Reichwein erinnert in der Welt an Matthias Claudius, der heute vor 200 Jahren starb.

Besprochen werden Percival Everetts "Ich bin Nicht Sidney Poitier" (Freitag), Mohamedou Ould Slahis" "Guantanamo-Tagebuch" (FR, FAZ), Zadie Smith" Erzählung "Die Botschaft von Kambodscha" (NZZ), Martin Gecks Biografie über Matthias Claudius (FAZ), Erwin Strittmatters Tagebuchnotizen von 1974 bis 1994 "Der Zustand meiner Welt" (SZ) und eine neue Sammlung mit Essays von Nicholson Baker (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Musik

Das neue Album "No Cities to Love" von Sleater-Kinney ist auch weiterhin bestimmendes Thema in der Popkritik. In der Zeit jubelt Jan Freitag darüber, wie frisch und - leider - auch noch immer aktuell die feministische Band auftritt: "In einer Zeit, da ungeachtet aller Emanzipation neun von zehn wahrnehmbaren Rockbands allenfalls am Bass Frauen dulden; in einer Zeit, da die bevorzugte Körperhaltung von Frauen im sexualisierten R"n"B"n"Hip-Hop an Paarungsbereitschaft oder Austreten im Freien erinnert, sind selbstbestimmte Frauen mehr denn je vonnöten. ... "No Cities To Love" mag dem Werk von Sleater-Kinney dramaturgisch keine neue Note hinzufügen, aber eine der Beharrlichkeit."

In Zeiten, in denen sich fossile Rock-Dinosaurier allenthalben reformieren, auf Tour gehen und dabei langweilen, bildet die Vorzeige-Band des feministischen Indie-Rocks der Neunziger Jahre die goldene Ausnahme, meint Jenn Pelly von Pitchfork. Zuvor brachten Pitchfork und Spex große Features über die Indie-Band, die gerade auch bei David Letterman einen Auftritt absolvierte:



Im Tagesspiegel-Gespräch mit Thomas Winkler erklärt Alec Empire, Frontmann von Atari Teenage Riot, nicht nur, warum er als Anarchist einen staatlich finanzierten Musikbetrieb nicht völlig ablehnt (weil er nämlich die ganze spannende elektronische Musik der sechziger und siebziger Jahre hervorgebracht hat), sondern auch, warum heutige Digitaltechnik der elektronischen Musik nicht gut tut: "Kompositionssoftware wie Logic oder Ableton ist in ihrer Klangästhetik viel beschränkter, als sie uns verkauft wird ... Versuch da mal auf Sachen zu stoßen, in denen eine Persönlichkeit zu finden ist. Schuld sind die Algorithmen und das konstante Feedback. Das Liken zwängt die Leute ein. Es ist wichtig, das zu verstehen. Denn die Konsequenzen werden wir erst in zwei, drei Jahren spüren. Da wird es eine kreative Wüste geben."

Mit seinem neuen Album "The Pale Emperor" hat Marilyn Manson seine Schulden beim Satan beglichen, verkündet der Schockrocker gegenüber Franz X.A. Zipperer im taz-Gespräch. Besprochen werden John Hollenbecks in Berlin aufgeführte Vertonung einer Rede von Martin Luther King (Tagesspiegel) und das neue Album von Gentle Lurch (taz).
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Bühne

In Neustrelitz regt sich Protest gegen die vom Land Mecklenburg-Vorpommern verhängte Sparpolitik gegenüber Theatern, berichtet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Für die Nachtkritik blättert Wolfgang Behrens in den neuen Ausgaben der Theatermagazine. Gerhard R. Koch (FAZ) und Wolfgang Schreiber (SZ) gratulieren dem Regisseur Peter Konwitschny zum Siebzigsten.

Besprochen werden ein "Nathan der Weise" im Berliner Theater an der Parkaue (Tagesspiegel), Rolando Villazóns Inszenierung von Donizettis "Viva la Mamma!" an der Wiener Volksoper (FAZ), die von Karen Kamenseks dirigierte Hannoveraner Aufführung von Detlev Glanerts Oper "Caligula" (SZ) und Felicia Zellers in Saarbrücken uraufgeführtes Stück "Wunsch und Wunder" ("ein Grand Guignol des reproduktiven Slapsticks", meint Jürgen Berger in der SZ).
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Archiv: Bühne

Film

Ungeheure Wucht bescheinigt Eckhard Fuhr in der Welt Burhan Qurbanis Film "Wir sind jung. Wir sind stark", der von dem Pogrom gegen das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen erzählt und sich dafür tief in den sozialen Mikrokosmos der beteiligten Personen begibt: "So sehr Qurbanis Film von einem politischen Ethos getragen und dem Kampf gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit gewidmet ist, so wenig gibt er sich mit einfachen sozioökonomischen Erklärungen und politischen Ansagen zufrieden. Früher hätte man gesagt, ihn interessiere das Allgemeinmenschliche. So ist es in der Tat. Und es hat gar nichts Tröstliches." Besprochen wird der Film auch im Tagesspiegel.

Für ZeitOnline porträtiert Marion Douglas Benedict Cumberbatch, der ab diese Woche als Mathematik-Genie Alan Turing im Biopic "The Imitation Game" zu sehen ist: "Am besten ist Cumberbatch übrigens immer dann, wenn er seinen Charakteren eine bestimmte Ambivalenz einschreibt, wenn man nicht ganz sicher ist, ob man sie mag oder unerträglich finden soll." Besprechungen von "The Imitation Game" bringen der Tagesspiegel und Telepolis, sowie - nicht online - SZ und FAZ.

Weiteres: Jim Chuchus und Njoki Ngumis auf der kommenden Berlinale gezeigter "Stories of Our Lives", der sich offen mit dem Thema Homosexualität in Kenia befasst, wurde in der Heimat der Filmemacher unter anderem wegen "Förderung von Homosexualität" verboten, erfahren wir im Interview, das die beiden Dirk Liesemer (SZ) gegeben haben. Im Interview mit Matthias Heine erklärt der Sprachwissenschaftler Franz Januschek in der Welt den Sinn von Fantasy-Sprachen wie Klingonisch oder Elbisch. In der taz empfiehlt Lukas Foerster den Berlinern die heutige Vorführung von Thomas Heises Dokumentarfilm "Städtebewohner" über ein mexikanisches Jugendgefängnis in der Akademie der Künste.
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Kunst

Peter Kropmanns besucht für die NZZ im Pariser Musée du Luxembourg die dem Galeristen Paul Durand-Ruel gewidmete Ausstellung "Le pari de l"impressionnisme": "Als Galerist pflegte er Umgang mit der Bohème und unterstützte deren progressive Vorstellungen von einer modernen Gesellschaft. Als Privatmann - Vater von fünf Kindern, der mit 40 Jahren Witwer wurde und mit 61 Jahren den Tod seines zweitältesten Sohnes zu beklagen hatte - war er dagegen ein Nostalgiker, der die Republik als dekadent empfand." (Bild: Edouard Manet, Le Déjeuner sur l"herbe, © RMN-Grand Palais (musée d"Orsay) / Hervé Lewandowski)

Peter Iden (FR) versenkt sich in die von der Fondation Beyeler in Basel ausgestellten Bilder von Peter Doig: Dieser "nimmt sich aus der Wirklichkeit ganz konkrete, für jedermann identifizierbare Details, aber wie er sie dann schildert, macht er sie rational unerreichbar, so, als wären es Traumgesichte."

In der FAZ gratuliert Julia Voss Jeff Koons zum 60. Geburtstag.
Archiv: Kunst