Efeu - Die Kulturrundschau

Nemesis eines seelenlosen Pop-Entwurfs

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28.11.2014. In Indien wollen orthodoxe Hindus ein filmisches "Hamlet"-Remake verbieten lassen, weil es ihre Gefühle verletze, berichtet der Guardian. Die Berliner Theaterkritiker suchen dagegen die Akualität in Stephen Kimmigs Inszenierung des Ibsen-Stücks "Die Frau vom Meer". Wenig Sympathie erntet Moviepilot-CEO Tobias Buckhage mit seinem Versuch, Fankritiken als Filmkritik zu verkaufen. Die Jungle World lässt sich von DJ Marcelle aus ihrer Komfortzone vertreiben. Die Zeit diagnostiziert Literatur im Straßenrap von Haftbefehl.

Film

Am Freitag wird ein Gericht in Indien über den Antrag der religiösen Gruppe "Hindus for Justice" verhandeln, ein filmisches Remake des "Hamlet" zu verbieten, berichtet Jason Burke im Guardian. "Der Film mit dem Titel "Haider" ist in Kaschmir angesiedelt, dem im Himalaya gelegenen ehemaligen Fürstentum, wo separatistische Rebellen seit 25 Jahren die indische Armee bekämpfen. Szenen, die zeigen, wie die Armee dabei Menschenrechte verletzt und einen Tempel für ein "Stück im Stück" nutzt, bei dem die Tänzer Schuhe tragen, sind "anti-indisch und verletzen die Gefühle der Hindus", so die Petition." Anti-indisch? In dem Film wird gesungen! Hier der Trailer:



Tobias Bauckhage, CEO des Filmportals moviepilot.com, hat letzte Woche angekündigt, Filmfans (offenbar unbezahlte) Jubelreviews und -news verfassen zu lassen, und verkauft dies den Fans als Chance zum Durchbruch als Filmkritiker. Bei Serien-Ninja sieht Philipp Süßmann mit dieser Form unkritischer Awesomeness-Kultur den Filmjournalismus ein Stück näher an sein Ende gebracht: Was hier als Nachwuchsförderung junger Kritiker annonciert wird, hält er für "äußerst scheinheilig": Die so gelockten Schreiber werden "feststellen, dass sie selbst durch ihre Fingerübungen diesen Beruf abgeschafft haben. ... Moviepilot.com berichtet nicht nur über Filme und die Filmindustrie, es vermarktet sie auch in Zusammenarbeit mit den Filmstudios. Und die reiben sich natürlich freudestrahlend die Hände angesichts dieser Pläne. Keine Journalisten mehr, die im Zweifelsfall kritische Filmreviews schreiben oder in Interviews unbequeme Fragen stellen. Stattdessen stete Begeisterung."

Sophie Charlotte Rieger greift in Filmosophie die Diskussion auf und fordert "mehr Aktivismus im Filmjournalismus", insbesondere auch zur Stärkung der Position des eigenen Berufsstands und dessen Unabhängigkeit von Brancheninteressen: "Es darf nicht nur darum gehen, wie Filmkritik sein sollte, sondern auch, wie diese sich finanzieren lässt! ... Wir [müssen] anfangen, unsere Arbeit wieder wertzuschätzen, uns nicht auf himmelschreiend ungerechte Honorare oder offensichtlich unethische Arbeitsbedingungen wie Schönschreiberei einzulassen."

Außerdem: Nur allerwärmstens empfehlen kann Andreas Busche in der taz das Filmfestival "Around the World in 14 Films", das die besten Filme aus Cannes und Venedig nach Berlin bringt. Im Standard stellt Dominik Kamalzadeh Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber vor, die ab 2016 das Österreichische Filmfest "Diagonale" leiten werden. Jonathan Fischer spricht in der SZ mit dem New-Black-Cinema-Pionier Melvin van Peebles unter anderem über rassistische Polizeigewalt.

Besprochen werden Ned Bensons "Das Verschwinden der Eleanor Rigby" (Tagesspiegel), Philipp Leinemanns Polizeithriller "Wir waren Könige" mit Ronald Zehrfeld (Tagesspiegel, FR), Hubert Saupers Doku "We come as friends" (Standard) und Nadav Schirmans Dokumentarfilm "The Green Prince" (SZ).
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Musik

Kristof Maria Künssler stellt in der Jungle World DJ Marcelles eklektizistisches, doch stets politisch zu verstehendes Schaffen vor. Mit ihrem neuem Album positioniert sie ihre Musik als "die wohltuende Nemesis eines seelenlosen Pop-Entwurfs, eines überkommenen Weltmusik-Zirkus, oberflächlicher Partyszene und dröger, loungiger Café-Del-Mar-Elektronik zugleich. Ein Sich-Herausziehen aus der Comfort Zone, auf dem Dancefloor und auf erstaunlich vielen weiteren Ebenen." Hier einige ihrer Sets zum Anhören.

Sehr begeistert hat sich Daniel Haas für die Zeit das neue Straßenrap-Album von Haftbefehl angehört: "Pädagogische Lesarten versagen vor dieser Rollenprosa. Es ist Literatur, und deshalb sind deutsche Autoren jetzt in der Klemme: Sie müssen sich zukünftig an der Sprachmacht dieses Deutschkurden abarbeiten."

In der taz spricht Christian Werthschulte mit dem Komponisten und Musiker Owen Pallett unter anderem über queere Musik. Im Freitag spricht Jan-Michael Rebuschat mit der Hiphop-Band Antilopen Gang, die gerade wegen ihres Songs "Beate Zschäpe hört U2" vom Querfront-Strategen Ken Jebsen abgemahnt wurde. Für die Zeit porträtiert Felix Stephan das engagierte Indielabel Staatsakt. Wolfgang Schreiber (SZ) gratuliert dem Komponisten Klaus Huber zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Dialekt-Rap-Album von Liquid (taz), AC/DCs neues Album "Rock or Rust" (Berliner Zeitung, NZZ, FAZ, SZ) sowie Konzerte von Kate Tempest (Berliner Zeitung, Tagesspiegel) und Chris Rea (FR).
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Bühne


Szene aus Ibsens "Die Frau vom Meer", Regie Stephan Kimmig, Deutsches Theater Berlin. Foto: Arno Declair

"Psychopathologisch gepfefferte Auftritte" erlebte Ulrich Seidler am Deutschen Theater in Berlin, wo Stephan Kimmigs Ibsens "Die Frau vom Meer" inszeniert hat. Für Seidler ein "so gepflegtes wie nützliches intellektuelles Vergnügen", schreibt er in der Berliner Zeitung: "Kimmig lässt seine Spieler mit virtuoser Überzogenheit agieren − alle scheinen kurz vor dem Nerven-Kollaps zu stehen − treibt aber gleichzeitig das Reflexionsniveau in die Höhe. Wir Zuschauer sollen uns nicht sofort in die Identifikation verkriechen, sondern Abstand halten, sollen wissen, dass die Spieler spielen, prägnante Neurosen vorführen, die einem wohlbekannt sind, wenn auch zumeist in der kompensierbaren Hausgebrauchsvariante."

Die Inszenierung hat ihre Momente, gibt Christine Wahl im Tagesspiegel zu, am Ende bleibt sie jedoch ratlos: "Tatsächlich stellt Stephan Kimmigs Inszenierung ihre eigene Ratlosigkeit und auch ihr Befremden über den Stoff - nicht eben hyperaktuell in Zeiten der Selbstverwirklichungsimperative und großkoalitionären Frauenquoten-Diskussionen - überdeutlich aus. Mit dem Ergebnis allerdings, dass auch der Zuschauer sich bald fragt, was er hier eigentlich gesehen hat."

Besprochen werden außerdem Helena Waldmanns in Ludwigshafen uraufgeführtes Tanzstück "Made in Bangladesh" (Deutschlandfunk, SZ), Philippe Saires Choreografie "Utopia mia" (NZZ), Brittens "The Turn of the Screw" in der Berliner Staatsoper im Schiller-Theater (Standard) und eine Puppentheater-Aufführung der Hesse-Variante "Siddharta oder die Kunst des Fliegens" am Berliner Ballhaus Ost (taz).
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Literatur

Völlig hingerissen berichtet Florian Kessler in der SZ über die von Clemens Meyer kuratierte Veranstaltungsreihe "Forum:Autoren" des Literaturfests München, die sich in diesem Jahr mit anarchischem Dilettantismus quer zum übrigen, erleseneren Programm des Festivals positionierte: Um das zu toppen, müsste im nächsten Jahr schon eine "betrunkene Abrissbirne" die Reihe betreuen, jubelt er. "Derart himmelhoch hinauswollende und dann notorisch abstürzende Trash-Lesungen gab es schon lange nicht mehr bei irgendeinem der ansonsten allesamt immer hochglanzprofessioneller aufgezogenen deutschen Literaturfestivals. Clemens Meyers München-Visite war das vollkommene Chaos, sie war ziemlich erfrischend, ach, sie war unbedingt herrlich."

In der taz berichtet Franceso Giammarco vom National Novel Writing Month, bei dem sich hunderttausende, via Netz koordinierte Hobbyautoren der Herausforderung stellen, im November einen Roman zu schreiben. Im Guardian erinnert sich Ruth Rendell an ihre verstorbene Kollegin, die Krimi-Autorin P.D. James ("such a nice woman"), weitere Nachrufe finden sich im Guardian, in der NZZ und in der FAZ.

Besprochen werden Karl Mays "Verschwörung in Wien und andere Geschichten" (FR), Isaak Babels "Mein Taubenschlag" (SZ) und neue Bücher über Karl Kraus (FAZ).
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Kunst

Im Interview mit dem Art Magazin spricht Kuratorin Ina Konzen über Oskar Schlemmer, die große Schlemmer-Retrospektive in Stuttgart und die Streitigkeiten mit den Erben, die erst jetzt beendet wurden, als die Rechte erloschen sind: "Es ist traurig, wenn man den Künstler immer als zweites nennt und zuerst auf die Erbstreitigkeiten zu sprechen kommt. Ich glaube, dass ihm das geschadet hat, weil es den Blick auf ihn und sein Schaffen verstellt hat. Früher war das nicht so, als Tut Schlemmer noch lebte. Aber in den letzten Jahrzehnten wurde immer mitgedacht, dass das der Künstler ist, dessen Erben sich nicht einigen können. Das hätte Oskar Schlemmer sicher nicht gefallen." (Bild: Oskar Schlemmer "Der Taucher aus dem Triadischen Ballett", 1922, Staatsgalerie Stuttgart, Leihgabe der Freunde der Staatsgalerie)

Außerdem: Zeit online bringt eine tolle Strecke mit Exponaten aus der Ausstellung "RealSurreal - Meisterwerke der avantgardistischen Fotografie" im Kunstmuseum Wolfsburg. Besprochen wird die Ausstellung "Fantastische Welten - Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500" im Städel-Museum in Frankfurt (SZ).
Archiv: Kunst