Efeu - Die Kulturrundschau

Empfindlich pulsierende Geometrie

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19.08.2014. Der Tagesspiegel sieht fassungslos, wie das deutsche Filmerbe verrottet. Im Berliner Hauptbahnhof hört er Neue Musik. The New Republic untersucht den Sex in der Architektur. Die Welt fragt, ob schwarze Sängerinnen künftig nur noch die Aida singen dürfen. Die Theaterkritiker vergeuden kostbare Lebenszeit in Andreas Kriegenburgs Salzburger Inszenierung von Ödön von Horváths "Don Juan kommt aus dem Krieg".

Film

Tja, das passiert, wenn der deutsche Staat für die Rettung des Kulturerbes zuständig ist: 80 Prozent der Filme aus der Weimarer Republik sind "unwiederbringlich verloren", berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Jetzt wird man langsam wach und stellt zwei Millionen Euro pro Jahr für die Filmrestaurierung und -archivierung bereit. Doch was ist das schon: "Die von der Filmförderanstalt bereitgestellte Million war 2013 bereits im Mai erschöpft (für 79 Filme), die für 2014 vor wenigen Wochen (74 Filme); über eine Erhöhung wird nachgedacht. Frankreich hat für sechs Jahre 400 Millionen Euro bereitgestellt, auch in Ländern wie Holland und Skandinavien kursieren weit höhere Summen als in der reichen Bundesrepublik. Mit zwei Millionen Euro können gerade mal 120 Filme gesichert werden, in zehn Jahren wären das 1200. Tropfen auf heiße Steine: Die Archivare schätzen, dass 90 000 bis 100 000 deutsche Titel in den Archiven lagern, genau weiß das keiner." Denn diese Filme kann man ja schon längst nicht mehr sehen!

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel liest Gregor Dotzauer neue Interviewbände mit Werner Herzog (mehr dazu hier und hier). Thomas Abeltshauser würdigt in der Welt den Mut der Jury von Locarno, mit Lav Diaz" Film "Von dem, was war" das " radikalste Werk ausgezeichnet" zu haben. In der SZ bringt Alexander Menden historische Hintergründe zur Figur der Dido Elizabeth Belle, über die derzei ein gleichnamiger Film im Kino zu sehen ist. Hannah Lühmann resümiert in der FAZ zehn Tage Filmfestival in Locarno. Im Filmforum Bremen sammelt Marco Koch wieder Hinweise auf Aktivitäten in der deutschen Filmblogosphäre.

Besprochen wird der dänische Arthouse-Horrorfilm "When Animals Dream" (ZeitOnline).
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Literatur

Fünfzehn Männern und fünf Frauen - die diesjährige Longlist für den Deutschen Buchpreis ist mal wieder verdammt unausgewogen, ärgert sich Dana Buchzik in der Welt und fordert eine Quote. Zeit online bringt einen Auszug aus Karen Köhlers Erzählungsband "Wir haben Raketen geangelt".

Besprochen werden eine Ausstellung über Virginia Woolfs "Kunst, Leben und Vision" in der National Portrait Gallery in London (NZZ), Judith Hermanns Roman "Aller Liebe Anfang" (NZZ), Alvaro Ortiz" Comic "Unterwegs mit Hector" (Tagesspiegel), Daniel Woodrells "In Almas Augen" (Tagesspiegel, mehr), Émile Bravos Comic "Der vergessene Garten" (Tagesspiegel) und Christopher Eckers "Die letzte Kränkung" (taz), Arnon Grünbergs "Der Mann, der nie krank war" (SZ) und Thomas Kapielskis "Je dickens, destojewski" (FAZ).
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Stichwörter: Deutscher Buchpreis

Musik

Udo Badelt vom Tagesspiegel staunt nicht schlecht, dass das Musikfestival "Ankunft: Neue Musik" ausgerechnet in der Öffentlichkeit des Berliner Hauptbahnhofs stattfindet und sich überdies noch mit seinen bislang fünf Ausgaben ein treues Stammpublikum erarbeiten konnte. Denn während man in den bürgerlichen Konzertsälen selten ein neues Publikum für Neue Musik begeistern kann, bleiben gerade hier oft Passanten stehen und hören zu: "Gerade der unwahrscheinlichste aller Orte, der Bahnhof, erweist sich also als ideal, um Augen und Ohren für die Gegenwart zu öffnen, das Bauwerk als eines wahrzunehmen, das Geräusche produziert. Denn Geräusche gehören zum unverzichtbaren Material, mit dem die Neue Musik arbeitet."

Besprochen werden Auftaktkonzerte beim Lucerne Festival (NZZ), Friederike Roths Aufnahmen einiger Kompositionen von Iwan Müller (Tagesspiegel),ein Auftritt von Thurston Moore (Tagesspiegel)neue ProgRock-Alben (FR) und ein Konzert von Martha Argerich und Daniel Barenboim in Buenos Aires (FAZ).
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Archiv: Musik

Bühne

Die Debatte um Blackfacing hält auch in die Oper Einzug. Wenn allerdings nur noch schwarze Sängerinnen die Aida singen dürften, wäre es auch nicht gut, meint Manuel Brug in der Welt: "Man könnte es durchaus auch als Rassismus ansehen, dass bestimmte Sängerinnen aufgrund ihrer Abstammung zwar als Frau Schmetterling oder versklavte Königstochter in Ägypten weltweit an führenden Häusern engagiert werden, aber eben auch für sonst keine andere Partie."


Max Simonischek, Elisa Plüss in "Don Juan kommt aus dem Krieg" 2014, © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Auf wenig Gegenliebe stößt Andreas Kriegenburgs Salzburger Inszenierung von Ödön von Horváths "Don Juan kommt aus dem Krieg" unter den Kritikern: "Es bleibt wie Kindertheater, das nicht ganz jugendfrei ist. Je länger es dauert, desto nerviger wird das Gequietsche", schreibt Karin Cerny in der Welt. Christine Dössel stößt sich in der SZ an der depressiv matten Titelfigur, während Martin Lhotzky von der FAZ "zwei ziemlich vergeudete Stunden" beklagt.

Weiteres: Frederik Hanssen schreibt im Tagesspiegel den Nachruf auf den Bühnebildner Wilfried Werz. Besprochen wird "Die Letzten Tagen der Menschheit" von Karl Kraus in Salzburg (NZZ).
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Kunst


Die große Moschee von Djenné. Bild von JCarriker, mit Genehmigung von Andy Gilham/Wikipedia

Jonathan Glancey stellt in The New Republic zwei Bücher über Architektur vor, die man als weiblichen und männlichen Blick auf große Architektur lesen kann. Tom Wilkinsons "Bricks and Mortals" hält es mit Oscar Niemeyer, den die Kurven der Frau, die er liebte, inspirierten. "Wilkinson schwärmt von der "empfindlich pulsierenden Geometrie" von Borrominis Kirche San Carlo in Rom, dem provozierenden Profil von Djennés Lehmmoschee in Mali (laut dem französischen Kritiker Félix Dubois "ein barocker, dem Gott der Zäpfchen gewidmeter Tempel"), den Orgien, offen für jede sexuelle Verführung, die Charles Fourier in den "Höfen der Liebe" seiner idealistischen, revolutionären Kommunen organisierte. Und - via einer Diskussion über die "glorreichen Löcher" in den Zellen öffentlicher Männertoiletten - werden wir zu Haus E.1027 an der französischen Mittelmeerküste geführt, erbaut von Eileen Gray für ihren jüngeren männlichen Liebhaber." Justin McGuirk dagegen bevorzugt in seinem Buch "Radical Cities" eher die sozialen Aktivisten als die reinen Designer. Es sind "zumeist gutaussehende, dynamische, muskulöse junge Männer, die fast aus ihren T-Shirts platzen, wenn sie sich die Barrios und Favelas vornehmen".

Weitere Artikel: 175 Jahre Fotografie: In der SZ schreibt Kunsthistoriker Wolfgang Kemp zur Entstehungsgeschichte der Fotografie im bürgerlichen Frankreich der 1830er Jahre. Und von Peter Breuer erfahren wir im Techniktagebuch, was passiert, wenn die Kunst auf Online-Versandhäuser für Brillen trifft.

Besprochen werden die Fotoausstellung "Wild" im Haus der Alfred-Erhardt-Stiftung in Berlin (Tagesspiegel), eine Ausstellung von Werner Tübkes und Michael Triegels Malereien in der Kunsthalle Rostock (Ulrich Greiner von der Zeit ergötzt sich an der ""altmeisterlichen" Perfektion" der Bilder), eine Ausstellung des Fotografen Walker Evans im Berliner Martin-Gropius-Bau (Welt), eine Kölner Ausstellung von Fotobüchern, die sich für ihre 43 Tage Dauer als einziges PhotoBookMuseum preist (FAZ) und die Ausstellung "Protographs" mit Arbeiten von Oscar Muñoz in der Jeu de Paume in Paris (Annabelle Hirsch bescheinigt dem Künstler in der taz "ein sehr bildhaftes Nachdenken über das Erinnern und die Zeit").
Archiv: Kunst