Efeu - Die Kulturrundschau

Unentschiedene Enthüllung

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25.06.2014. In Polen tobt ein Streit um Rodrigo Garcias Spektakel "Golgota Picnic", das in Posen gezeigt werden sollte und auf Druck der katholischen Kirche abgesetzt wurde, Le Monde berichtet. Der Freitag schildert das Engagement der Budapester Bühnen gegen die Regierung Orban. Die FAZ ist nach Kitty Greens kritischem Dokumentarfilm über die Gruppe Femen nicht schlauer. Eli Wallach ist im Alter von 98 Jahren gestorben, wir binden eine Szene aus "The Good, the Bad, and The Ugly" ein.

Bühne



Rodrigo Garcias
Spektakel "Golgota Picnic" ist beim Malta-Festival im polnischen Posen schlicht und einfach abgesetzt worden, berichtet Emmanuelle Jardonnet in einem sehr ausführlichen Bericht in Le Monde. In Frankreich hatte das Stück bereits 2011 Proteste fundamentalistischer Katholiken ausgelöst: "Als eine desillusionierte Sicht auf den Konsumismus der westlichen Welt setzt "Golgota Picnic" die Figur Jesu während eines Picknicks in Szene, das sich in einer Flut von Bildern aus der christlichen Ikonografie als letztes Abendmahl in einer heutigen Gesellschaft darstellt." Das Stück wurde in vielen Ländern anstandslos gespielt, auch in Deutschland. "In Polen wurden die Proteste schnell noch heftiger". Zunächst zirkulierte ein offener Brief, auf den das Malta-Festival in Posen auch auf englisch antwortete, dann schaltete sich die Kirche ein. Eine Demonstration mit 50.000 Teilnehmenden wurde annonciert. Der Bürgermeister von Posen distanzierte sich von Stück und Festival - und das Festival sagte am Ende ab. (Foto: David Ruano)

In den Inrockuptibles hat der Autor des Stücks, Rodrigo Garcia, heute Intendant in Toulouse, die Entscheidung des Festivals kritisiert: "Es ist unmöglich in Europa 2014 Zensur zu akzeptieren und mich von Verrückten bedrohen zu lassen, die behaupten, katholisch zu sein."

Die Budapester Bühnen positionieren sich kritisch zur Regierung Orbán, stellt Thomas Irmer nach einem Besuch vor Ort im Freitag fest. Gábor Zsámbéki hat nun Ibsens "Volksfeind" am Katona Színház als Problemstück der eigenen Gegenwart inszeniert: "Jeder im Publikum versteht die Anspielung auf die zahllosen Gesetzes- und sogar Verfassungsänderungen der Orbán-Regierung, und manche brechen in schallendes Gelächter aus."

Weitere Artikel: Till Briegleb resümiert in der SZ das Wiesbadener Theaterfestival "Neue Stücke aus Europa", das in in diesem Jahr zum letzten Mal stattfand. So richtig schwer wird es ihm bei diesem Abschied, allen Verdiensten des Festivals zum Trotz, offenbar nicht ums Herz: Die Ansprüche des Festivals hätten "leider oft zu einem starken Akzent bei Formen des Volkstheaters und der darstellenden Pädagogik geführt." Auch Judith von Sternburg (FR) berichtet. Im Freitag gratuliert Cara Wuchold Shermin Langhoff zur geglückten ersten Spielzeit am Berliner Maxim Gorki Theater, wo der neue Fokus auf migrantische Themen und Backgrounds für ein volles Haus und anregende Inszenierungen gesorgt hat. Andreas Schurian sendet für den Standard den täglichen Bericht zur "Causa Burgtheater". Der Prozess, den der entlassene Intendant Matthias Hartmann gegen seine Entlassung angestrengt hat, hat angefangen - und es scheint so, als würde er sich über Jahre hinziehen.

Besprochen werden Eva-Maria Höckmayrs Inszenierung von Frederick Delius" "Romeo und Julia auf dem Dorfe" an der Oper Frankfurt (FR) und eine "Tosca" in Wien (Standard).
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Literatur

Besprochen werden eine Ausstellung zum 100. Geburtstag Arno Schmidts im Bomann-Museum Celle (SZ), Faramerz Dabhoiwalas Studie "Lust und Freiheit - Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution" (FAZ - mehr) und eine Festschrift zu Ehren von Wolfram Groddeck (FR).

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Kunst

Sarah Alberti besucht für den Freitag das Fotografiefestival f/stop in Leipzig, das sich der "Tyrannei des Glücks" widmet: Anna Witts Videoarbeit "Sixty Minutes Smiling" lehrt sie dabei das Gruseln vor der Auflage zum Glücklich-sein: "Wenn die Gesichter mit der Zeit zur Grimasse erstarren und die Muskeln im Close-up zu zittern beginnen, wird deutlich, wie hart erarbeitet Glück sein kann."

Außerdem: Alexander Menden stellt in der SZ den von Smiljan Radić entworfenen Serpentine-Pavillon vor.

Besprochen werden eine Ausstellung von Herbert Lists Fotografien aus dem Stahlwerk von Thyssen (FAZ) und eine Ausstellung über Moderne Kunst und die Farbe Weiß in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf (Georg Imdahl bedankt sich in der SZ für deren pragmatischen Zugang).
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Musik

Christian Wildhagen hat für die FAZ das Britten-Festival in Aldeburgh besucht. Franziska Buhre empfiehlt in der taz ein Berliner Gedenkkonzert zu Ehren von Eric Dolphy.

Besprochen werden der Berliner Auftritt von Blondie (Tagesspiegel) und ein Konzert der Soulsängerin Banks im Berliner Berghain, bei dem es laut Jens Balzer in der Berliner Zeitung skandalöserweise mitwedelnde Arme im Publikum zu sehen gab.
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Film

Für die FAZ war Hannah Lühmann bei einer Diskussionsveranstaltung in Hannover, wo die Regisseurin Kitty Green über ihren Dokumentarfilm "Ukraine is not a Brothel" sprach, der kritisch die Hintergründe der Aktivistinnengruppe Femen aufdeckt: "Aus Greens Auftritt wird man nicht recht schlau. Einerseits ist sie stolz auf ihre Enthüllung, andererseits scheint sie das alles gar nicht so genau wissen zu wollen. ... [Der Film] könnte beides sein - Arbeit am Mythos Femen oder unkonventionelle, weil in ihrer Haltung unentschiedene Enthüllung."

Daniel Kothenschulte von der FR staunt beim Besuch der Ausstellung über den filmischen Surrealismus im Filmmuseum Frankfurt unter anderem über Ernst Moermans Kurzfilm "Monsieur Fantomas", den er geradezu "sensationell" findet: "Als habe er André Breton mit seiner Liebe zum maskierten Serienhelden der Stummfilmzeit aus der Seele sprechen wollen, lässt er Fantomas durch surreale Traumlandschaften jagen und hinter eine Freud"sche Tür blicken, die es hier an den Strand verschlagen hat." Auf Vimeo kann man den Film ansehen:



Außerdem: Der amerikanische Spielfilm wendet sich - etwa in Jeff Nichols" "Mud" - den sozialen Verwerfungen im Lande zu, schreibt Lennart Laberenz im Freitag.

Besprochen werden das US-Remake der britischen Fernsehserie "Life on Mars" mit Harvey Keitel (Zeit), Steven Brills Komödie "Mädelsabend" (taz), Martin Provosts "Violette" über die feministische Schriftstellerin Violette Leduc (Zeit)und die DVD-Ausgabe von Rudolf Thomes "Supergirl" (Freitag).

Und: Eli Wallach ist im Alter von 98 Jahren gestorben, meldet unter anderem die New York Times. In Sergio Leones "Zwei glorreiche Halunken" sucht er zu Ennio Morricones Musik ekstatisch nach Gold.

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