Efeu - Die Kulturrundschau

Keine Kante ist zu viel

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17.05.2014. In Cannes scheiden sich an der Übersetzung von schrecklichen Ereignissen in Genre-Gerüste die Kritikergeister. Die rekonstruierten Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau rufen Begeisterung hervor. Die SZ stellt die Super-Bürger der aktivistischen Kunst vor. Aaron Schuman erläutert in lensculture, was Fotografie mit dem Schreiben zu tun hat. Die taz feiert den vor hundert Jahren geborenen Free-Jazz-Pionier Sun Ra und seine Science-Fiction-Befreiungsesoterik. Und alle trauern um den Theaterschauspieler Rolf Boysen.

Kunst

Alexander Strecker von lensculture unterhält sich mit Aaron Schuman, der den diesjährigen Monat der Fotografie in Krakau kuratiert und auch über die Effekte der Digitalisierung spricht: "Ich glaube, dass Fotografie heute ein Medium wie das Schreiben ist. Jeder kann einen Stift nehmen und ein Gedicht, einen Brief oder einen Artikel schreiben, aber manche sind besonders gut darin und widmen sich der Sache als Handwerk. Sie schreiben genauso oft über das Schreiben wie sie Bücher schreiben oder Schriften anderer herausbringen. Schreiber verbringen eine Menge Zeit mit dem Nachdenken über ihr Metier... und ich glaube, Fotografen sind in einer ähnlichen Position." Schuman ist Gründer von Seesaw, einem Fotomagazin im Internet.

Die in Dessau wieder errichteten Bauhaus-Meisterhäuser beschäftigen die Feuilletons weiter (siehe auch unsere gestrige Rundschau). In der Berliner Zeitung findet es Nikolaus Bernau durchaus reizvoll, dass die Rekonstruktionen sich nicht bloß im historischen Nachäffen gefallen: "Es entstand etwas ganz Eigenes. Nicht der Kontrast zwischen Alt und Neu, auch nicht das intellektuell vergleichbar simple Nachbauen von Fassaden (...), sondern ein dritter Weg. In die einst engen Meisterhäuser wurden Räume mit grandiosen Proportionen eingefügt. Sanft schimmert das Licht durch die mal mehr, mal weniger transparenten Scheiben. Keine Kante ist zu viel, kein überflüssiges Dekor." In der SZ bemerkt Laura Weissmüller: "Die Bauhaus-Historie beginnt ein Gespräch mit der Gegenwart, auf Augenhöhe. Das gab es noch nie."

In der SZ liest Catrin Lorch einen Reader über im öffentlichen Raum intervenierende, aktivistische Kunst und stellt einige deren Protagonisten vor. "Es ist ein Kennzeichen der Künstler im Widerstand, dass sie sich durchweg eher wie Super-Bürger denn wie Propagandisten gerieren... Öffentlichkeit ist für diese Künstler nicht länger ein Terrain, das man mit Kunst bestückt, in das man eindringt. Sie kneten vielmehr an der Gesellschaft herum, zuweilen auf ganz einfache Weise, indem sie sich in ihren Dienst stellen."

Weitere Artikel: In Brasilien investiert der milliardenschwere Unternehmer Bernardo Paz in einen Kunstpark, staunt Wolfgang Kunath in der FR. In der NZZ denkt der Architekt und Professor Vittorio Magnago Lampugnani über den "Nutzen und Nachteil der Theorie für den Städtebau" nach.

Besprochen werden die Ausstellung "Targets" mit Fotografien von Herlinde Koelbl im Deutschen Historischen Museum Berlin (Tagesspiegel) und "Als die Royals aus Hannover kamen" in Hannover (Welt, SZ), eine Gerhard-Richter-Retrospektive in Basel (Tages-Anzeiger) sowie eine Ausstellung mit Tuschezeichnungen des Zen-Meisters Sengai (1750-1837) in Zürich, in der dieser hübsche Frosch zu sehen ist, der auf einen Schriftzug blickt:



"Dieser besagt etwa: Wenn ein Mensch ein Buddha wird nur durch die Übung des Meditierens im Sitzen, dann müsste ein Frosch schon lange die Erleuchtung eines Buddhas erlangt haben", erläutert Philipp Meier in der NZZ: "Das Bild soll ein liebevoller Fingerzeig darauf sein, dass nicht das Befolgen starrer Regeln zum Erfolg führt, sondern aufrichtige Selbsterkenntnis."
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Literatur

Auch Lothar Müller (SZ) hält es - wie zuvor schon Peter von Becker im Tagesspiegel - für unsinnig, wie von Gerhard Henschel in einer Polemik in der FAS gefordert, den nach Alfred Kerr benannten Literaturpreis wegen einiger Gedichte umzubenennen, in denen sich der Namenspatron zu Beginn des Ersten Weltkriegs über die Gegner Deutschlands lustig gemacht hatte. Eine solche Reaktion stehe in keinem Verhältnis zum Werk des Autors, der sich von den Gedichten überdies ohnehin rasch distanziert habe, schreibt Müller: "Der symbolische Namensentzug funktioniert ja nicht wie ein Punktstrahler, er trifft die gesamte Person, das gesamte Werk, den Autor, der für die Sprache der Kritik, die in Deutschland so übermäßig reich nicht entfaltet war, neue Regionen erschloss, der nicht nur wegen seiner Gesinnung, sondern auch wegen seiner jüdischen Herkunft ins Exil getrieben und in Karikaturen verhöhnt wurde."

Außerdem: Die FAZ bringt einen ganzseitigen Essay von Ralph Dutli über die "stille, aber ganz und gar nicht harmlose Macht, die der Roman über uns gewinnt." Zudem hat die Zeit nun auch das lange Gespräch mit Günter Grass online gestellt, auf das wir am 08. Mai hingewiesen haben.

Besprochen werden unter anderem Simon Borowiaks Roman "Sucht" (Welt), das Tagebuch von Nathaniel und Sophia Hawthorne (Standard, Welt), Gedichte von Carl Christian Elze (Welt) und Clemens J. Setz (Welt), Arthur Schnitzlers Novelle "Später Ruhm" (Welt, FR, Standard), Hermann Kinders Erzählung "Der Weg allen Fleisches" (NZZ, FAZ), Daniel Woodrells "In Almas Augen" (taz), Ryad Assani-Razakis "Iman" (SZ) und Bartholomäus Grills "Um uns die Toten" (Tagesspiegel). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie der FAZ stellt Jakob Henning W.G. Sebalds Gedicht "Schwer zu verstehen" vor:

"Schwer zu verstehen
ist nämlich die Landschaft
wenn du im D-Zug von dahin..."
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Film

Cannes, dritter Tag. Tobias Kniebe von der SZ hat sich neue Filme von Atom Egoyan und Keren Yedaya angesehen, die sich mit ziemlich schrecklichen Ereignissen in der Nähe des realen Fritzl-Falls befassen. Allerdings lassen sie ihn recht ratlos zurück: Er sieht das Kino hier an seine Grenzen geraten, was die Vermittelbarkeit solcher Schrecknisse betrifft: "Dann fällt der selbstgegebene Forschungsauftrag, der hier implizit immer der Rechtfertigung dient, in sich zusammen. Und dann kann man nur zu einer eher bösen Erkenntnis kommen. ... Dann spiegeln sie auf einmal nichts anderes mehr als ein geheimes Wunschbild der Filmemacher, das den Tätern viel näher ist, als sie wahrhaben wollen." Auf critic.de widerspricht Till Kadritzke: "Die versuchte Einzwängung in ein Genre-Gerüst ist schließlich der Versuch, die klaffende Lücke zwischen Ereignis und Bedeutung zu schließen, eine genuin filmische Methode, um mit dem Realen fertigzuwerden." Im Branchenblatt Variety wird Egoyans Film von Justin Chang dagegen mit seltener Vehemenz verrissen: "A ludicrous abduction thriller that finds a once-great filmmaker slipping into previously unentered realms of self-parody."

Cristina Nord berichtet in der taz von der Hommage an Alain Resnais und von Protesten von Bühnen- und Filmarbeitern, die bessere Arbeitsbedingungen und von den Filmemachern "ein Bewusstsein von der Gesellschaft" einfordern. "Gut möglich", meint Verena Lueken in der FAZ, dass dieses Jahr ein gutes Festivaljahr wird: Die bisher geleistete ästhetische und motivische Vielfalt im Wettbewerb lässt sie jedenfalls hoffen. Für Zeit Online hat sich Wenke Husmann Abderrahmane Sissakos "Timbuktu" angesehen. Bei critic.de begeistert sich Michael Kienzl für Nuri Bilge Ceylans neuen Film "Winter Sleep". So herausragend gut findet Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel Mike Leighs "Mr. Turner", dass es die Filme von Atom Egoyan und Abderrahmane Sissako sichtlich schwer bei ihm haben. In der Berliner Zeitung führt Anke Westphal durch die wichtigsten Festivalereignisse und -filme der letzten Tage. Auf kino-zeit.de schreibt Joachim Kurz unterdessen Cannes-Tagebuch und berichtet von einem Tag voller Leid. Und auch weiterhin für den schnellen Überblick gut geeignet: Der Kritikerinnenspiegel aus Cannes bei critic.de.
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Archiv: Film

Bühne

Alle trauern um den Theaterschauspieler Rolf Boysen, der 94-jährig gestorben ist. In der FAZ senkt Gerhard Stadelmaier sein Haupt in tiefer Demut und schreibt: Boysen "wirkte immer, als trage gerade er würdevoll schwer, aber doch mit einer unvergleichlichen Erhabenheitsgrandezza an dem, was seine jüngeren Kollegen gar nicht erst an sich heranlassen: die Geschichtlichkeit einer Figur - das, was andere schon in sie investiert hatten an Herzblut, Geheimnis, Extremen. Ohne dass er auch nur irgendein Fitzelchen davon imitierte." In der FR würdigt Peter Iden den Verstorbenen für seine "leise Dringlichkeit, [seinen] reflektierten Ton, der sich offen hielt für das Geheimnis der tradierten dramatischen Texte, nicht sie vorschnell verriegeln wollte gegen auch die eigenen Zweifel." Im Tagesspiegel schreibt Rüdiger Schaper, dass dieser Schauspieler "Bildung und Intelligenz" verkörperte. Weitere Nachrufe finden sich in der Welt und der SZ.

In aller Ausführlichkeit resümiert Mounia Meiborg in der SZ das Berliner Theatertreffen: "Schön war's" - auch wenn, wie sie schreibt, die von Ai Weiwei gestalteten Preise so recht keiner annehmen wollte.
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Musik

Zum 100. Geburtstag von Sun Ra schreibt Klaus Walter in der taz über die Science-Fiction-Befreiungsesoterik des Free-Jazz-Pioniers: "Die intergalaktische Zukunft sei ein Ort der Selbstprojektion, ein utopischer Raum, befreit von der irdischen Last aus Vorurteilen und Ungleichheiten. ... Obamas Präsidentschaft geht zu Ende, ohne dass sich irdische Glücksversprechen über die Maßen erfüllt hätten, da strahlt Sun Ras eskapistisch-separatistische Space-Vision zum 100. Geburtstag umso heller." Auf Youtube lassen wir uns in All entführen:



Weitere Artikel: In der Welt unterhält sich Tori Amos mit Sören Kittel. Für den Tagesspiegel trifft sich Martin Böttcher mit dem Musiker Candie Hank. Und auch das noch: Glamrock kehrt zurück, informiert Frank Schäfer in der Jungen Welt. Außerdem bringt die taz ein Wochenend-Spezial zu Musik aus aller Welt: Hier der thematische Überblick.

Besprochen werden das einzige Deutschlandkonzert der Nine Inch Nails (Tagesspiegel), das Berliner Konzert des Arcanto-Quartetts (Tagesspiegel) und das neue Album von Coldplay (Zeit Online).
Archiv: Musik