Efeu - Die Kulturrundschau

Was für ein Schrumms!

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22.02.2014. In der taz beschreibt Jonathan Lethem die Bedeutung der europäischen Geschichte für die amerikanische Gegenwart. In der Welt erklärt er, warum er immer erst nach dem Schreiben recherchiert. Die Kritiker sind bei Michael Thalheimers "Maria Magdalena" in Wien und Heinz Holligers und Robert Walsers "Schneewittchen" in Basel bestens unterhalten. Der Perlentaucher schaltet sich in die Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur ein. Und der New Yorker fragt: macht das Method Acting die Schauspieler kaputt?

Bühne

Alle blicken nach Wien, auf Michael Thalheimers Inszenierung von Hebbels "Maria Magdalena" am derzeit schwer gebeutelten Burgtheater. Reinhard Kriechbaums Kritik für nachtkritik.de ist äußerst verhalten. Dem Regisseur attestiert er, Gefangener seines eigenen Werks zu sein: "Als präziser Zeichner von Gemütslagen bestätigt [er sich], aber diesmal auch als einer, dem die eigene Didaktik ein Bein stellt, der sich irgendwie selbst eingefroren hat mitsamt seinen Figuren. Es darf sich wenig, ganz wenig entwickeln an diesem Abend. Jede Gestalt ist von der ersten Minute weg fertig definiert. ... Dieses Nicht-Entwickeln wird zum Problem, denn in den Eindreiviertelstunden passiert wenig Unvorhersehbares. Wie Diaprojektionen wirken diese deformierten Menschen, von Sekunde eins ultra-scharf eingestellt." (Bild: Georg Soulek)

Die Feuilletons geben sich unterdessen deutlich hingerissener: Wolfgang Kralicek bewundert in der SZ nicht nur "die schönste Liebesszene der Saison", die sich zwischen Albrecht Abraham Schuch und Sarah Viktoria Frick abspielt, auch verortet er die Inszenierung in Thalheimers Schaffen: Früher dauerten dessen Bürgerdramen selten über eine Stunde, es war die Zeit, als er "die Klassiker eindampfte, um ihren Kern herauszudestillieren. An "Maria Magdalena" kann man gut sehen, wie sich dieser Regisseur entwickelt hat: Er kürzt inzwischen viel moderater (Spieldauer: 100 Minuten ohne Pause), erzählt die Stücke aus."

In der FAZ schlägt Gerhard Stadelmaiers Herz allein für die von Frick gespielte Klara: "Wenn man auf dem Burgtheater, das durch miserable Führung und missliche Finanzen in eine schwere Krise geraten ist, nichts weiter sähe als Hebbels kleine Klara, wie sie leuchtet und wie Thalheimer sie verteidigt und ausstellt - es wäre Grund genug, dieses herrliche Theater mit Zähnen und Klauen zu retten."

"Man schaut gern zu", befindet auch Karin Cerny in der Welt: "Vor allem, weil die Schauspieler ihre Figuren wie glitzernde Diamanten in den dunklen Bühnenraum stellen. Und weil der Tod von Klara am Ende doch sehr rührend ist, woran Bert Wredes wilde musikalische Mischung aus Molltönen und flirrend hohen Tinnitusklängen nicht ganz unschuldig ist."

Außerdem gab es im Theater Basel die erste, vom Komponisten selbst dirigierte Neuproduktion von Heinz Holligers und Robert Walsers Oper "Schneewittchen" seit der Uraufführung im Jahr 1998. In der FAZ labt sich Christian Wildhagen an einer "Springflut an Bildern": "Freyers kühnes Regiekonzept geht auf: Die surreale Wirkung harmoniert zum einen mit Walsers Text, den Holliger wortverständlich und durchaus literaturopernartig in Musik gesetzt hat. Zum anderen belässt Freyers Verzicht auf korrespondierende Zeitstrukturen Szenerie und Musik in getrennten Sphären, zwingt so den Zuschauer, mit sanfter, manchmal drastischer Sinngewalt, die eigene Assoziationsmaschinerie in Gang zu setzen."

In der NZZ spricht Peter Hagmann zwar von einem "wunderbaren Stück Musiktheater" und einem "hinreißenden Abend". Doch das Verhältnis zwischen Bild und Musik findet er problematisch: "Freyers überbordende Bilderlust mag im Ansatz der ebenfalls überschießenden musikalischen Phantasie Holligers verwandt sein - der feinsinnigen Musik von "Schneewittchen" tut sie Gewalt an. ... Obwohl sich die Mitglieder des Sinfonieorchesters Basel (...) der Partitur mit letzter Hingabe und mächtigem Erfolg widmen, geht manch eine der leisen, bisweilen aber äußerst amüsanten Randbemerkungen, die Holliger im Instrumentalen äussert, im großen Ganzen unter."
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Film

Im New Yorker denkt Richard Brody darüber nach, ob der Schauspielstil des Method Acting, der verlangt, die zu spielende Rolle mit persönlichen Erfahrungen und Emotionen zu füllen und zugleich völlig in ihr aufzugehen, psychische Krisen in Schauspielern begünstigt, wie sie zuletzt Philip Seymour Hoffman in die Sucht und den Tod getrieben haben: "An actor"s attempted excavation of her own deepest and harshest experiences to lend them to characters adds a dimension of self-revelation (even if only to oneself), of wounds reopened and memories relived, that would make for agony in therapy. On the other hand, the effort to conceive a character as a filled-out person, with a lifetime of backstory and biographical details, becomes a submergence into another (albeit fictitious) life, an abnegation of a nearly monastic stringency. In the effort to make emotions true, to model performance on the plausible actions of life offstage or offscreen, the modern actor is often both too much and too little herself."

"Nichts gegen einen respektlosen Zugriff, aber die Avanti-Dilettanti-Methode ist dann doch nicht wirklich empfehlenswert", schreibt Barbara Möller einigermaßen konsterniert über den ZDF-Film "Der Wagner-Clan" von Christiane Balthasar, der morgen um 20.15 Uhr zu sehen ist: "Menschen, die mit der Materie vertraut sind, werden sich sagen: Was für ein Schrums! Zuschauer, die sich bei Wagner nicht so auskennen, werden denken: Was für ein Panoptikum!"

In der SZ am Wochenende plaudert Gabriela Herpell mit der Schauspielerin Keira Knightley. Dieter Hallervorden hat einen Film in Aserbaidschan gedreht, berichtet Thomas Melzer in der Berliner Zeitung.

Außerdem: Im Kinderfilmblog präsentiert Rochus Wolff den Kurzfilm zum Wochenende. Diesmal: Der minimalistische "Swimming Pool" von Alexandra Hetmerova.

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Musik

In der Jungle World stellt Jana Sotzko das zweite Album namens "Monterey" der Indie-Band Die Heiterkeit vor. Die musste sich vor zwei Jahren Dilletantismus-Vorwürfe gefallen lassen, was sie aber auch heute noch kaum schreckt: "Ganz im Gegenteil wird von den ersten Tönen des übertrieben pompösen Intros an klargestellt, dass die Band ihren selbstbewussten Gestus unerschrocken beibehält. ... Thematisch richtet "Monterey" den Blick in die Ferne. Sehnsucht, Ziellosigkeit, Melancholie und immer wieder dieses Vage, Unentschlossene prägen jeden Text. Die Blumigkeit der Sprache wird dadurch gebrochen, dass Sommer immer wieder auf die Künstlichkeit ihrer Texte hinweist." Das aktuelle Video auf Youtube:



Besprochen werden ein Konzert der Rockband Haim (Tagesspiegel), das Album "Little Red" des Dubstep-Musikers Katy B (taz), ein Brahms-, Debussy- und Haas-Konzert der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle (Berliner Zeitung). Außerdem schreibt Eric Pfeil Poptagebuch beim Rolling Stone.
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Kunst

Für die taz porträtiert Andrea Backhaus den ägyptischen Streetartist und Grafikdesigner Ganzeer, dessen Wandmalereien Ikonen der ägyptischen Revolution geworden sind. Bis heute ist er tätig: Er "persiflierte den Filz im System Mubarak ebenso wie die Brutalität des danach herrschenden Militärrats, die despotische Willkür der Islamisten genauso wie die eiserne Härte der neuen Armeeregierung. Im Sommer illustrierte er das Dilemma des tief gespaltenen Landes mit einer Nachbildung eines Filmplakats. Es zeigt Armeechef Abdel Fattah al-Sisi als Vampir mit bluttropfendem Mund, daneben steht Mursi als Zombie mit grotesk verdrehtem Hals. Darunter steht: "Der eine isst euer Gehirn. Der andere saugt euer Blut.""

In der Welt fällt Marc Reichwein auf, dass Eugen Napoleon Neureuther, Protagonost der Frankfurter Ausstellung zur Arabeske, der Ur-Ur-Ur-Großvater des Wintersportler Felix Neureuther ist: "Im Vergleich zum eng gesteckten Slalom-Kurs, den Felix heute bei Olympia bewältigen muss, fährt Eugen Napoleon Neureuther auf dem Papier "Seiner Exzellenz dem Geheimrath und Staatsminister Herrn von Goethe" richtiggehend Riesenslalom, wenn nicht sogar Super-G."

Außerdem: In der FAZ stellt Regina Mönch die Kampagne "Kunst auf Lager" vor, die die Museen dazu auffordert, ihre in Depots lagernde Kunst besser zu präsentieren. Clementine Kügler berichtet für die FAZ von der 33. Arco in Mailand. Ebenfalls in der FAZ bringt Anne Kohlick Details zu den juristischen Auseinandersetzungen zwischen dem Ex-Streetartist John Perello und Warren Levy, den ersterer bezichtigt, Werke von ihm gefälscht zu haben.

Besprochen werden die Ausstellung "American Cool" in der National Portrait Gallery in Washington (NZZ), Tobias-Rehberger-Schau in Frankfurt (FR), die Ausstellung "Sylvette, Sylvette, Sylvette. Picasso und das Modell" in der Kunsthalle Bremen (taz) und eine Kölner Schau des Fotografen Boris Becker (FAZ).
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Literatur

Nach der polternden Polemik von Maxim Biller in der Zeit und Dietmar Daths apologetischer Antwort in der FAZ schaltet sich nun auch Anja Seeliger im Perlentaucher in die Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur ein. "Die teilweise erstickende Uniformität und Leere im deutschen Kulturbetrieb ist genau den Bürgerkindern geschuldet, die sich jetzt die Stellen und öffentlichen Gelder teilen", schreibt Seeliger und verweist auf jene Generation von Autoren, die in den fetten Jahren des Jahrtausendwechsels auf ihre Posten kamen und dann von der Zeitungskrise verschreckt wurden: "Freie Autoren, und das heißt auch: Autoren, die nicht aus Milieus stammen, die einem lange Zeit quasi automatisch Redakteursstellen sicherten, wurden mehr und mehr verdrängt. Wenn es jetzt eine Debatte gab, schrieb nicht mehr der freie Publizist, sondern der Herr Redakteur, der so der Geschäftsleitung seine Unentbehrlichkeit beweisen konnte. Die Feuilletons sind inzwischen fast so gleichförmig wie die Meinungsseiten, wo auch immer nur die selben vier Redakteure schreiben."

Für die taz trifft sich Doris Akrap mit Jonathan Lethem. Der Autor legt ihr unter anderem dar, warum er sich für seinen neuen Roman mit der Geschichte der jüdischen New Yorker befasst: "Es ist nun mal eine amerikanische Legende, dass wir die europäische Geschichte überwunden haben. Aber tatsächlich haben wir sie nur verdrängt. Sie ist immer noch mitten unter uns, macht etwas mit uns, ob wir das wollen oder nicht. Noch 1974 erschien mir der Holocaust wie ein antiker Mythos. 2014 scheint er mir näher zu sein als vieles andere."

Auch die Literarische Welt führt ein ausführliches Gespräch mit Lethem, in dem der Autor erklärt, warum er vor dem Schreiben möglichst auf Recherche verzichtet: "Für einen Romancier ist es gut, wenig zu wissen und den Rest zu projizieren... Es ist wie in der Homöopathie: Das Buch brauchte nur einen Tropfen autobiografischer Tinktur, um zu wachsen." Dass er jetzt nach und nach die Verwandten kennenlernt, über die er im Buch geschrieben hat, ist für ihn "die in meinem Leben übliche Ironie: Ich schreibe über etwas, und dann erlebe ich es. Mein Werk ist umgekehrt autobiografisch."

Außerdem: Patrick Bahners berichtet von einem New Yorker Abend mit der Schriftstellerin Donna Tartt. Die taz unterhält sich mit dem Schriftsteller Mahmood Falaki. In der NZZ bringt Silvio Bär Hintergründe zu den kürzlich entdeckten Fragmenten bislang unbekannter Sappho-Gedichte (mehr). Im Tagesspiegel erinnert Jan-Schulz Ojala an den vor 25 Jahren gestorbenen Dichter Sándor Márai.

Besprochen werden unter anderem Jonathan Lethems neuer Roman "Der Garten der Dissidenten" (SZ), Schuldts Erzählungsband "In Togo, dunkel" (NZZ),  George Saunders" Roman "Zehnter Dezember" (taz) und Dirk Rastemeyers "Darstellung - Philosophie des Kinos" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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