Efeu - Die Kulturrundschau

Es gab da keine Probleme

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24.02.2014. Serge Dorny,  Intendant der Semperoper, muss gehen. In der FAZ weiß Christian Thielemann gar nicht, warum. In der Presse weiß es der Ex-Intendant sehr wohl. Gepfefferte Verrisse für Christoph Marthalers "Heimweh & Verbrechen". Wie türkische Besucher den österreichischen Kinos einen kleinen Boom bescheren, erzählt die Presse. In der New York Review of Books spitzt Michael Gorra die Lippen und sagt "blue".

Musik

Die Semperoper ist ohne Intendant. Serge Dorny, der gerade sein neues Amt antreten wollte, darf nicht mehr, berichtet Eleonore Büning in der FAZ. In einer höchst unhöflichen Presseerklärung habe die sächsische Kultusministerin Sabine von Schorlemer dem Intendanten Serge Dorny gekündigt. Er habe das Vertrauen aller Beteiligten verspielt: "Inzwischen haben sich Mitarbeiter des Opernhauses zu Wort gemeldet, die dem widersprechen, darunter auch Ballettdirektor Aaron Watkin. Auch der Chef der Staatskapelle, Christian Thielemann, erklärt öffentlich, er habe sich mit Dorny eigentlich ganz prächtig verstanden, obgleich die Konflikte, um die es geht, ihn ganz direkt betreffen."

Serge Dorny wiederum fühlt sich von allen Seiten im Stich gelassen. In der Presse erklärt er: Trotz wiederholter Nachfragen sei nicht geklärt worden, wie die Kompetenzen zwischen ihm und Thielemann verteilt seien. ""Leider sind mir diese essenziellen Informationen trotz mehrfacher Nachfrage seit dem Sommer 2013 nur sehr sporadisch und wie ich im Nachhinein feststellen musste, sehr rudimentär durch die öffentlichen Vertreter zur Verfügung gestellt worden." De facto konnte sich Dorny nicht mit Thielemann über die Führung des Hauses einigen. Er habe festgestellt, dass der Dirigent "nicht gewillt" sei, "an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten, sondern allein auf seine Unabhängigkeit und die der Staatskapelle bedacht ist, zum Nachteil der Gesamtheit der Aktivitäten der Semperoper"."

Christian Thielemann ist im Interview mit der FAZ total baff: "Aber wir haben uns wahnsinnig auf Dorny gefreut. Ich habe mich mit ihm mehrfach getroffen, habe ihm von der Geschichte der Kapelle erzählt, von der Tradition, dass die seit Carl Maria von Weber ihre Konzerte autonom organisieren und ihren Chefdirigenten wählen, ganz ähnlich wie in Wien, und dass die Operndienste, wie in Wien auch, immer in Absprache erfolgen. Es gab da keine Probleme."

In der Welt glaubt Manuel Brug: "falls es stimmt, was Dorny sagt, dann dürften die Chancen für Christian Thielemann als Nachfolger von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern rapide gesunken sein". Außerdem: Bei den zehn Lebensjahren Johann Sebastian Bachs, aus denen keine Kompositionen überliefert sind, handelt es sich offenbar tatsächlich um eine Schaffenspause, berichtet Sara Tröster Klemm in der Zeit unter Rückgriff auf neue Studien.

Besprochen werden David Crosbys neues Album "Croz" (Presse) und das neue Album der Singsang-Popper ClickClickDekker, das Jens Uthoff in der taz ein wenig ratlos zurücklässt: "Interessant ist es schon, dass zahlreiche deutsche Künstler, die einst mit Punk oder Hardcore angefangen haben, nun eine harmlose, zum Teil fast biedere Sprache in ihren Songs sprechen." Überprüfen kann man das im neuen Video der Band:



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Film

Türkische Besucher verschaffen den Kinos in Österreich einen kleinen Boom, berichtet Köksal Baltaci in der Presse: "Von den 50 österreichischen Filmen, die 2013 gestartet sind, waren lediglich drei ("Alphabet" mit 114.000, "Bad Fucking" mit 112.000, "More than Honey" mit 48.000 Besuchern) erfolgreicher als "Dügün Dernek". Bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass in Österreich rund 260.000 Personen mit türkischem Migrationshintergrund leben." Die Kinobesitzer lieben sie: "Erstens, weil sie treue Stammkunden sind und verlässlich in die meisten türkischen Filme gehen. Und zweitens, weil sie "am Buffet zulangen, als gäbe es kein Morgen"."

Barbara Möller findet in der Welt den ZDF-Fernsehfilm über die Wagners ziemlich fürchterlich: "Ein Minimum an Beratung hätte dem Unternehmen gutgetan. Eine Farce haben die Beteiligten nach eigenem Bekunden ja nicht drehen wollen." In der FAZ bekundet Christian Wildhagen, sich wie in einer "Seifenoper" zu fühlen. Ein Interview mit Hauptdarstellerin Iris Berben hat das Blatt dennoch geführt. Hier findet man den gebührenfinanzierten Film in der Sendermediathek.

Außerdem: Im Tagesspiegel erzählt ein aufgekratzter Marcel Ophüls Ralph Eue, dass er einen Film über Ernst Lubitsch drehen will: ""Sie ahnen doch bestimmt, wer Lubitsch spielen soll?" Ich ahne es nicht. "Na, der kleine Dustin Hoffmann!" Und Jeanne Moreau wird seine Privatsekretärin. Aus ihrer Sicht soll der Film erzählt werden. Ein Spielfilm also? "Worauf Sie sich verlassen können!"" Besprochen wird Lars von Triers" "Nymph()maniac" (den Barbara Petsch in der Presse als "Meisterwerk" feiert)
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Bühne



In "Heimweh & Verbrechen", seiner Dissertation aus dem Jahr 1909, hatte Karl Jaspers versucht, die Morde von Schweizer Kindermädchen an den ihnen anvertrauten Kindern mit Heimweh zu erklären. So verzweifelt hätten sie sich gesehnt, nach Hause zurückzukehren, dass sie den Grund ihres Fortseins, die Kinder, ausgelöscht hätten. In Hamburg hat Christoph Marthaler nun ein Stück nach dieser Dissertation inszeniert. Kritiker aller deutschen Zeitungen saßen im Saal. Nur zufrieden waren sie nicht.

Eine "grausige Nummernrevue" sah etwa Falk Schreiber (Nachtkritik.de), trotz vereinzelt "großartiger Momente". Diese können "aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass man so ähnliche Momente bei Marthaler schon häufiger gesehen hat ... Ein wenig scheint der Abend erstarrt zwischen performativer Installation, Musiktheater und fröhlichen Schrägheiten, und dieses Gefühl der Erstarrung sorgt dafür, dass einem die etwas mehr als zwei Stunden zwischendurch gehörig lang werden. Ja, "Heimweh & Verbrechen" ist ganz wunderbares Nicht-Theater, aber dieses Nicht-Theater ist mittlerweile auch sehr der eigenen Konvention verpflichtet."

In der NZZ meint Barbara Villiger Heilig: "auch eine exquisite Vintage-Mode-Schau ist noch kein Theaterstück, sondern eher eine Verlegenheitslösung". In der Berliner Zeitung attestiert Dirk Pilz dem Stück wegen des umstrittenen Schweizer Einwanderungsvotums zwar eine tagesaktuelle Brisanz, doch erlebte er einen "absichtsvoll zähen Abend". Auch Stefan Grund (Welt) war trotz hervorragend zusammengestellten Schauspielern nicht begeistert: "Öde" und "extrem langatmig."

Außerdem: In der taz bringt Uwe Mattheiss Details zum Finanzdesaster am Wiener Burgtheater. Im Tagesspiegel freut sich Rüdiger Schaper, dass Robert Wilsons und Philip Glass" Musiktheaterstück "Einstein on the Beach" Anfang März seinen Weg nun auch nach Berlin finden wird. Für den Standard unterhält sich Andrea Schurian mit dem Schauspieler Markus Hering.

Besprochen werden weiter neue Premieren am Deutschen Theater in Berlin (Berliner Zeitung/Tagesspiegel), Leander Haußmanns Hamburger Tschechow-Inszenierung "Die Möwe" (Nachtkritik), Stefan Bachmanns in Köln aufgeführter "Kaufmann von Venedig" (Welt) und Benjamin Lazars Inszenierung von Händels "Riccardo Primo" in Karlsruhe (Welt).
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Archiv: Bühne

Literatur

Die New York Review of Books veröffentlicht in ihrem Blog einen Auszug aus Michael Gorras wunderbarer Einführung zu dem erstmals 1976 erschienenen Buch "On Being Blue" von William H. Gass (das demnächst als NYRB Classic erscheint). Schon der erste Absatz macht klar, worum es eigentlich geht: Sprache. "Say it. Go ahead, stand before the mirror, look at your mouth, and say it. Blue. See how you pucker up, your lips opening with the consonants into a kiss, and then that final exhalation of vowels? Blue. The word looks like what it is, a syllable blown out into the air, and with the sound and the sight of saying it as one. You blew blue, though let"s pause a while before getting on to that, and try it out in the other languages you might claim to know. Bleu. But it"s just not the same, your lips don"t purse as much, the eu cuts the syllable short where the ue prolongs it, sustaining it like a piano"s pedal. Blau - that doesn"t work either, and the ow makes the mouth open too far. It"s not quite a howl, it"s a touch too soft for that, and yet it"s a blowsy sound, and untidy. As for azzurro or azul, well, those suggest something else entirely."

Karl Corino, Berater der Ausstellung "Robert Musil und der Erste Weltkrieg", die am 27. Februar im Münchner Literaturhaus eröffnet, betrachtet in der NZZ einige wiedergefundene Fotos Musils als Soldat und liest dazu Passagen aus dessen Tagebuch.

Besprochen werden unter anderem Uwe Kolbes Roman "Die Lüge" (Welt), Alina Bronskys neuer Roman "Nenn mich einfach Superheld" (taz). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Kunst



In Essen wandert Lennert Laberenz für den Standard zunehmend genervt durch die Lagerfeld-Schau im Folkwang-Museum. Lagerfelds Versuche, die "Gebrauchsfotografie" durch Nachinszenierungen von Gemälden, Theaterstücken, Romanen etc. Kunstrang zu verleihen, überzeugen den Rezensenten nicht. Und: "Natürlich hat Lagerfeld auch eine interessante Sammlung von historischen Werbeplakaten. Der Unterschied zum reichen Zahnarzt ist wohl das Volumen. Warum sie im Museum hängen, bleibt unklar. So wird eher ein Blick auf eine Art Großvater der Kreativen frei: Selbstinszenierung als Startblock, Simulacrum als Arbeitsform, Hedonismus als Milieu. Ein Großteil von Lagerfelds Arbeiten, mindestens aber seine Betätigungsfelder außerhalb der Mode, haben weniger durch Qualität denn durch die Prominenz des Machers Bestand." (Bild: Karl Lagerfeld, Selbstportrait New York, 2011)

Außerdem: Im Tagesspiegel porträtiert Nicola Kuhn die gerade in Berlin ausgestellte Konzeptkünstlerin Eva Partum. In der Welt erklärt Dankwart Guratzsch, wie die Stadt Wittenberg ihre historischen Gebäude restaurieren will. Ute Friedrich porträtiert für den Tagesspiegel den künstlerisch avancierten Comicverlag Rotopolpress. In der NZZ vermisst Bernd Noack beim Zugfahren den Blick auf die Landschaft, der einem jetzt von Lärmschutzwänden verstellt wird.

Und schließlich: Vintage Everyday bringt eine tolle Strecke mit Farbfotos aus den 50ern der USA.
Archiv: Kunst