Seitdem bewegt sich niemand mehr

Von Anja Seeliger
21.02.2014. Dieser Streit über Kultur und Klassenzugehörigkeit könnte so interessant sein. Man könnte sogar über die eigenen Arbeitsbedingungen reden, aber das wäre wohl doch zu peinlich. Also sind wir wieder beim Weltkapitalismus gelandet. Und bei Maxim Biller, der in der jüngsten Zeit den Rassismus und die Dumpfheit der "autochthonen Deutschen" für die Ödnis deutscher Literatur verantwortlich machte (mehr hier). Biller, der bei jedem Streit, den er anzettelt, trompetet: Lasst mich durch, ich bin Jude. Biller, der den jüdischen Witz gegen deutsche "Gedanken in Uniform" hochhält und selbst nur schlägt, wenn auch keine Funken. Billers schärfstes Florett ist die Keule, eine seiner Kolumnen hieß "100 Zeilen Hass". Legt man seine eigenen Maßstäbe an, könnte er mit dieser Mischung aus Aggressivität und Wehleidigkeit deutscher gar nicht sein. Und dann der Rassismusvorwurf! Ausgerechnet von einem Autor, dem gerichtlich bescheinigt wurde, dass er die Liebesbeziehung zu seiner Exfreundin (zufällig türkischer Herkunft) hemmungslos für einen Roman ausgebeutet hat. Und wann hat sich zuletzt jemand getraut, derart sentimental-kitschige Schriftstellerstereotypen zu verbreiten: Hier der Urdeutsche – "witzlos, kraftlos, provinziell", "jeder Gedanke eine Uniform" und im Kern immer noch Nazi, nur "müde Innerlichkeitsprosa" oder "irrelevante Sprachexperimente" produzierend. Dort der Jude und Immigrant – scharf denkend, präzise fühlend, kosmopolitisch lebend, "hart, wild, gemein, kritisch, verlogen, sexy und unwiderstehlich", in Deutschland aber einem Druck ausgesetzt, der "nichts für Schwächlinge" ist. Ein richtig blonder Held, ja?