Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.02.2025. SZ und nachtkritik tauchen ein in Evgeny Titovs schön finstere Shakespeare-Inszenierung in Düsseldorf, in der Burghart Klaußner den "König Lear" gibt. Im FR-Gespräch wundert sich die Schriftstellerin Julia Schoch, wie heutzutage über die DDR gesprochen wird: "Als ob dieser verschwundene Staat in einer Parallelwelt konserviert wäre, aus der wir uns bedienen könnten." Die SZ rollt den Skandal um die Transschauspielerin Karla Sofía Gascón auf. Der Freitag stellt die auf Unendlichkeit angelegte Konzeptmusik von Valentin Hansen vor.
01.02.2025. Die FAS taucht mit der ukrainischen Künstlerin Kateryna Lysovenko in Hannover in neun Höllenkreise. Der Standard freut sich, dass das Kino den Sex wiederentdeckt. Goethes Antisemitismus war hässlich, aber er war kein Wegbereiter der Schoah, erklärt Biograf Jeremy Adler in der Literarischen Welt seinem Kollegen Daniel Wilson. In der SZ schwärmt Peter Sellars von der Arbeit mit Teodor Currentzis für Rameaus "Castor und Pollux", auch die Welt muss dem putinhörigen, aber "rasant-relevanten Rameau-Recken" Tribut zu zollen. Wenig abgewinnen kann die SZ dem Schwanengesang des waidwunden Disco-Tiers The Weeknd.
31.01.2025. Die NZZ taucht ein in verwunschene Biberteiche in einer Ausstellung mit nordischer Malerei in Basel. Die taz staunt, wie Calixto Bieito den Palast der Republik in seiner Pariser "Rheingold"-Inszenierung noch einmal untergehen lässt. Zeit Online und Welt sehen die ganze Geschichte der USA in einer Person in Alexander Horwaths brillantem Essayfilm "Henry Fonda for President". Und alle trauern um die große Marianne Faithfull, die "Ingeborg Bachmann der Popmusik", wie die SZ schreibt
30.01.2025. Die Filmkritiker blicken auf Brady Corbets episches Gemälde "The Brutalist": Die Welt sieht hier auch ein zaghaftes Plädoyer für den Zionismus. Der Tagesspiegel setzt sich im Berliner Haus der Kunst in ein riesiges Nest aus bunten Kabelbindern. Ebenfalls im Tagesspiegel spricht Edouard Louis über Schuld und Hass auf seine Mutter. Die NZZ staunt in Hamburg, wie Gordon Kampe eine Putin-Rede erlkönighaft in ihre Einzelteile zerlegt.
29.01.2025. Die FAZ springt mit Johan Simons' Adaption von Elena Ferrantes Roman "Meine geniale Freundin" am Schauspiel Bochum "leichtfüßig über alle Genregrenzen." Außerdem berichtet sie entgeistert über die Untiefen der Kulturpolitik in Russland, wo Museumsmitarbeiter in Wehrertüchtigungslagern fitt gemacht werden. In der Welt erklärt Regisseurin Mareike Engelhardt, weshalb auch Frauen, die sich dem IS angeschlossen haben, Täterinnen sind. Die atonale Musik hat die Menschheit definitiv schlauer gemacht, denkt sich die SZ während einer John-Adams-Interpretation des Pianisten Víkingur Ólafssons.
28.01.2025. Der Perlentaucher wird demnächst 25! Er lanciert eine Kritikerumfrage, die heute startet: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000?" Ijoma Mangold antwortet als erster. Die Theaterkritiker applaudieren: Die SZ wird bei Tobias Kratzers Berliner Inszenierung von Richard Strauss' "Frau ohne Schatten" Zeuge einer gekonnten Entzauberung. Die taz staunt über den Minimalismus, mit dem Tilmann Köhler Durs Grünbeins Dresden-Roman "Der Komet" ebendort auf die Bühne bringt. Die taz freut sich außerdem, die völlig in Vergessenheit geratene Expressionistin Else Hertzer in einer Ausstellung in Berlin wiederzuentdecken.
27.01.2025. Die Kritiker sind beeindruckt von Michael Wertmüllers gedankenstarker Oper "Echo 72" über das Attentat auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele 1972. Komponisten von E-Musik können nicht von ihrem Schaffen leben, sagt Helmut Lachenmann bei VAN. Der verstorbene Regisseur Bertrand Blier entdeckte Gérard Depardieu, als der noch ein ungeschliffener Rohdiamant war, erinnert der Filmdienst. Und Zeit Online rät jedem, der über den Klimawandel zu verzweifeln droht, in die Literaturwelt des Solarpunks einzutauchen.
25.01.2025. Die FAS hört in Bologna das aufgebrachte Vogelkreischen und Fuchsgebell in den Bildern des Malers Antonio Ligabue. Die SZ erkennt anhand von Halina Reijns "Babygirl": Die interessantesten Filme sind jene, in denen Frauen auf alle herabblicken. Die SZ besucht außerdem das eine Milliarde Dollar teure Grand Egyptian Museum in Kairo, wo extra Platz für die Berliner Nofrete gelassen wurde. Die FAZ erliegt in Berlin noch einmal dem verschwörerischen Zwinkern von Trisha Brown. Und ND wird zum Ohrenzeugen der Entstehung einer Bach-Toccata, wenn Ilya Shmukler sie spielt.
24.01.2025. Die Feuilletons beugen sich über die Oscarnominierungen: Jacques Audiards "Emilia Perez" führt mit dreizehn Nominierungen, aber der Tagesspiegel setzt seine Hoffnung eher auf Brady Corberts Epos "The Brutalist". Das Europaparlament kritisiert die Festnahme Boualem Sansals in einer Resolution. Die SZ bekommt mit Alexander Eisenachs Palmetshofer-Inszenierung "Sankt Falstaff" in München ein Lehrstück in maskulinem Machtgebaren geboten. Yuval Raphael, Überlebende des Hamas-Massakers, wird für Israel beim ESC antreten, melden die Zeitungen. Die taz versichert, dass auch das neue Album von Punk-Urgestein EA80 gewohnt sperrig und gradlinig ist.
23.01.2025. Die Filmkritiker begrüßen mit Matthew Rankin, der in "Universal Language" iranisches Exilkino nach Winnipeg holt, einen neuen Hoffnungsträger des Weltkinos. Der Tagesspiegel erlebt in Berlin mit Werken aus Odessa eine Lehrstunde europäischer Kunstgeschichte. Hyperallergic sieht sich in Oslo von der norwegischen Malerin Else Hagen von Wolken feministischer Angst umhüllt . Die Auswahl zum Theatertreffen 2025 teilt die Gemüter: Radikal, meint die SZ, die soziale Apathie greift ins Ästhetische über, zürnt die Welt.