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11.06.2026. Es gibt kaum noch Debütromane von jungen Männern, stellt die Zeit fest. Derweil schreiben junge Schriftstellerinnen auffallend oft über Gewalt durch Männer, sekundiert die SZ. Der Guardian feiert in London den Geist der Pariser Sechziger mit Werken des argentinischen Kinetik-Künstlers Julio Le Parc. Nachdem der israelische Regisseur Nadav Latif vom Festival FID Marseille ausgeschlossen wurde, solidarisieren sich viele Künstler mit ihm, atmet die FAZ auf. Gebaut wird nicht, was Bürger sich wünschen, entnimmt die Welt dem jüngsten Baukulturbericht.
80 Prozent aller Debütromane in den großen deutschen Verlagen stammen mittlerweile von Frauen, hat Maja Beckers für die Zeit ausgerechnet und das wirft für sie Fragen auf: "Sind die Romane von jungen Frauen so viel besser? Ist jungen Männern die Lust vergangen, Romane zu schreiben? Oder, schlimmer Verdacht: Werden sie diskriminiert?" Mögliche Antworten: Beim Literaturinstitut "in Leipzig liegen die Frauen schon bei der Bewerbung um einen Studienplatz vorn, sagt der Literaturwissenschaftler Dege" - er sieht darin "zuallererst eine dringend notwendige Aufholbewegung." Von seinem Kollegen Guido Graf erfährt Beckers, dass "sich mit Literatur kaum Geld verdienen lässt. Das ist zwar nicht neu, aber vielleicht ist in einer zunehmend als krisenhaft wahrgenommenen Welt der Typus Mann, der bereit ist, sich für eine brotlose Berufung aufzureiben, noch seltener geworden." Und auch zu bedenken: "Bei allgemein sinkenden Buchverkäufen sind es vor allem Frauen, die noch Geld für Bücher ausgeben." Und anders als früher gilt: "Heute lesen mehr Männer alles. ... Auch hier hat ein Emanzipationsprozess stattgefunden. Und Frauen, die jetzt eine größere Auswahl haben, greifen derzeit offenbar gerne zu Büchern von Frauen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Auffallend viele Bücher junger Schriftstellerinnen erzählen von Frauen, die sich für erduldete Zumutungen und Übergriffe von Männern mit Gewalt rächen, beobachtet Maja Goertz (SZ). Ist das okay? Goertz hat insbesondere nach der Lektüre von ClaraLeinemanns"Gelbe Monster" große Zweifel: Dieser "Roman schafft viel mehr, als zu zeigen: Gewalt kann auch von Frauen ausgehen. Er leuchtet aus, wie Wut in Gewalt kippt, wie verzweifelt diese eben doch spezifisch weibliche Aggression oft ist, und trotzdem: wiefalsch. Ausgelebte Aggression, die andere Menschen verletzt, hat mit Emanzipation oder Empowerment eben doch nichts zu tun. Denn die Vorstellung, dass Wut, die sich in Gewalt entladen darf, um den anderen, den Männern, zu zeigen, wie sich das anfühlt, dass Rache Geschlechtergerechtigkeit schafft, kann auch die Literatur nicht plausibel machen - wenn sie ehrlich ist."
Weiteres: Andreas Platthaus resümiert in der FAZ den Auftakt von JoshuaGroß' Frankfurter Poetikvorlesung. Im Berliner HAU hat ChristianeRösinger ihr neues Buch "The Joy of Aging" vorgestellt, berichtet Katrin Bettina Müller in der taz. Besprochen werden unter anderem Florian Illies' "Träume aus Feuer" (Welt), die Neuausgabe von Thea von Harbous "Spione" (FD), das von Tobias Roth und Wolfgang Hörner zusammengestellte Buch "Die hohe Kunst des Schimpfens" (NZZ) und neue Sachbücher, darunter TobiasEschers "Die Zukunft des Fußballs" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Julio Le Parc: "Screen with Reflective Blades". Installation view, Hermes Tokyo, 2021. Jonathan Jones (Guardian) spürt den fiebrigen Geist der Pariser Sechziger in der Retrospektive, die die Londoner Tate Modern dem argentinischen, vor wenigen Wochen verstorbenen Op-Art- und Kinetik-Künstler Julio Le Parc aktuell widmet. Hier darf man fast alles anfassen und sogar Gemälde drehen, freut sich Jones. Parc war Mitglied der siebenköpfigen Gruppe GRAV, die die leblosen Pariser Museen "mit Lärm und Aktion füllen und die Hochkultur durch demokratisches Spiel untergraben" wollte: "In Le Parcs Werk 'Screen with Reflective Blades' von 1966 ist eine quadratische rote Leinwand mit der Ecke nach oben hinter einer Reihe verspiegelter Lamellen aufgehängt, sodass jede Bewegung des Körpers das Bild in sich endlos wandelnde, zerklüftete kaleidoskopische Illusionen verwandelt. 'Ensemble of Eleven Surprise Elements' aus dem Jahr 1967 macht noch mehr Spaß ..."
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "The World Through AI" in der Frankfurter Schirn (FR) und "Van Dyck, der Europäer" im Palazzo Ducale in Genua, die mit Antwerpen, Genau und London jene Orte beleuchtet, an denen sich der Barockkünstler am längsten aufhielt und der NZZ-Kritikerin Ulrike Sauer zeigt, dass sich Anton van Dyck stets der Stadt anpasste, in der er gerade malte.
Ob nun wenigstens ein bisschen was in Bewegung kommt? Nachdem der israelische, ziemlich netanjahu-kritische und deshalb auch in Frankreich lebende Regisseur NadavLapid - allein wegen seiner Nationalität und weil er für einen Film Mittel aus der israelischen Filmförderung in Anspruch genommen hat - von zahlreichen Boykottaufrufen als Jurymitglied aus dem Festival FIDMarseille herausgeekelt worden ist, solidarisieren sich nun in Frankreich zahlreiche Künstler mit ihm, berichtet Lena Bopp in der FAZ. "Unter dem Titel 'Das Kino ist keine diplomatische Vertretung' kritisierten die Künstler, dass sich der Widerstand gegen das Vorgehen der israelischen Regierung insbesondere in Gaza im Rahmen des Festivals auf die bloße Anwesenheit einer einzelnen Person konzentriert habe. 'Ein Künstler wird auf seine Nationalität reduziert.'" "Obwohl Lapid dem Rückzug zugestimmt hat, um das Festival nicht zu gefährden, zeigte er sich in einem Interview mit Le Monde frustriert", schreibt Jakob Thaller im Standard. "'Ich fragte mich: Was genau wollen sie? Dass ich aufhöre, Filme zu machen? Dass ich Frankreich verlasse? Wie weit soll das noch gehen?'"
Josef Nagel hat sich WimWenders' "Falsche Bewegung" mit der zuletzt heftig diskutierten, oberkörperfreien Szene der damals noch minderjährigen NastassjaKinski nochmal angesehen und kommt im Filmdienst zu dem Schluss: sehr viel Aufregung um eine Szene, die auch wegen ihrer zurückhaltenden Inszenierung "vom Spekulativ-Voyeuristischen weit entfernt" ist. Demgegenüber stehe eine "retrospektive, in ihrer Eindimensionalität seltsam aufgesetzte, geradezu unkritische Betroffenheit. Das ausgemachte Skandalon testet - wie so häufig in vergleichbaren Debatten in Literatur, Malerei oder dem Theater - die Grenzen der künstlerischen Freiheit. Was in einer spätbürgerlichen Gesellschaft mitunter hart an Heuchlerei grenzt. Denn auf eine reflektierende, auch emotional fundierte Befassung mit dem Kunstwerk des Films und seiner Grundtendenzen wird dabei großzügig verzichtet."
Besprochen werden AngelaSchanelecs "Meine Frau weint" (Perlentaucher, FAZ, Zeit, mehr dazu bereits hier), StevenSpielbergs "Disclosure Days" (taz, FR, unsere Kritik, NZZ, Zeit), StefanieBrockhaus' Dokumentarfilm "Azza" über eine Frau, die in Saudi-Arabien Auto-Fahrstunden gibt (FAZ), RainerRothers bei der Bundeszentrale für politische Bildung kostengünstig erwerbbare Studie "Muster der Propaganda" über Filme des Nationalsozialismus (FD) und Murield'Ansembourgas "Truly Naked" (SZ).
Für die Zeit besichtigt heute Hanno Rauterberg den Interimsbau, den das Berliner ArchitekturbüroSauerbruch Hutton dem Bundespräsidenten für rund 200 Millionen Euro errichtet hat. Rauterberg ist hingerissen von dem "subtilen Spiel, das sich um bislang geltende Regeln der politischen Farbenlehre nicht weiter schert. Hier darf sich alles mit allem kreuzen, ein strahlendes Blau mit senfigem Gelb oder pointiertem Rot, auch Braun- und Beigetöne sind dabei und Grün natürlich, Grün darf nicht fehlen. Das Raffinierte daran: Die Fassade ist gestreift, und das gleich doppelt. In der Vertikalen sind es gewellte Keramikplatten, die in unabsehbaren Rhythmen ihre Farbe variieren. ... Vermieden wird so jeder Anschein, bundespräsidiale Machtausübung könne dröge und dröhnend sein oder müsse sich auf Erbaulichkeiten beschränken. Die Architektur, eine Lockerungsübung."
Ein wenig wundert sich Dankwart Guratzsch (Welt) schon über das Pathos des jüngsten Baukulturberichts der Bundesstiftung Baukultur, in dem Sätze fallen wie "Der Mensch ist mit allen Sinnen Empfänger von Gestaltung." Vor allem aber lehrt ihn der Bericht, dass die Spanne zwischen Gewünschtem und Bestehendem nicht größer sein könnte: "Für die Bürger stehen hier Sauberkeit und Pflegezustand mit 97 Prozent ganz obenan, gefolgt von 'Orten zum Verweilen' (94 Prozent), die im Zuge von funktionellen Straßenbaukonzepten einer nach dem anderen wegrationalisiert worden sind, und sicheren Orten (93), also solchen städtischen Zonen, in denen der Passant von Messerstechereien, Drogen- und Bandenkriminalität unbehelligt bleibt. Parks wie der 'Görli' in Berlin dürften damit kaum gemeint sein. Dass aber selbst der Schutz vor Wind und Wetter mit 89 Prozent und die Kategorien der Ästhetik und Schönheit mit 79 Prozent erst hinter diesen Kriterien rangieren, zeigt anschaulich, wie es um die Zustände in den Städten inzwischen bestellt ist."
Weitere Artikel: Für die Welt trifft sich Gesine Borcherdt mit Daniel Libeskind, dem das Jüdische Museum Berlin zu dessen Achtzigsten gerade eine Ausstellung widmet (unsere Resümees).
Auch die Kulturwissenschaftlerin Evelyn Annuß war als Rednerin zu Milo Raus "Glaubenstribunal" bei den Wiener Festwochen eingeladen, zog ihre Teilnahme aber zurück, als sie erfuhr, dass auch Peter Thiel geladen war, wie sie in der nachtkritikbekennt. Dort richtet sie sich in einem Text, der keinen Anglizismus liegen lässt, gegen Rau, dem sie nicht nur "maßlose Selbstüberschätzung" vorwirft, sondern ihn auch beschuldigt, sich der "PR-LogikenautoritärerPolitiken des Tabubruchs" zu bedienen, "potenziell rechte Perspektiven" zu stärken und die Geladenen "mehrfach beschädigt" zu haben : "Ohne dass man wüsste, von wem eigentlich die Rede ist, macht sie der Intendant raunend dafür verantwortlich, dass seine 'Chance', mit Thiel persönlich ins Gespräch zu kommen, vertan wurde, er sich gewissermaßen auf seiner eigenen Plattform opfern musste, um die Festwochen nicht zu gefährden."
Die Kulturpolitiker, Intendantinnen und Theater-Geschäftsführer, die sich dieses Wochenende in Berlin zur Jahrestagung des Deutschen Bühnenvereins treffen, haben allerhand zu besprechen, weiß Peter Laudenbach (SZ), der neben dem Umgang mit Rechtspopulisten vor allem das Thema Finanzierung auf der Tagesordnung sieht. Denn steigende Kosten treffen auf klamme Kommunen, die "Höhe der gesamten öffentlichen Zuwendungen für die Bühnen in Deutschland ist in nur fünf Jahren von 2,7 Milliarden Euro 2019 auf 3,2 Milliarden im Jahr 2024 gestiegen" und saniert werden müssen viele Häuser auch noch: "Bühnenverein-Geschäftsführerin Schmitz schätzt, 'dass 70 bis 80 Prozent der Häuser vor einer Ertüchtigung stehen, Ertüchtigung benötigen oder in Ertüchtigungsmaßnahmen sind. Da geht es um zwei- oder dreistellige Millionenbeträge, mindestens'. Das wird viele Städte an den Rand ihrer Möglichkeiten bringen."
Weiteres: Mit Shermin Langhoff verlässt auch das postmigrantische Theater das Berliner Gorki Theater, glaubt Patrick Wildermann, der für den Tagesspiegel mit den wichtigsten Protagonisten der Ära gesprochen hat. Besprochen werden "Metamorphose in drei Schritten" von Käthe Olt und dem Performancekollektiv Laboria Cuboniks in der Frankfurter Schauspielbox (FR), die Ausstellung "100 Jahre Schlossfestspiele" im Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses (FAZ), ein Abend im Berliner Hebbel am Ufer, bei dem Christiane Rösinger ihr Buch"The Joy of Aging" vorstellte (taz) und René*e Reiths Performance "Tänze fast vergessener Geister", eine Hommage an die 1943 ermordete Trans-Künstlerin Liddy Bacroff in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel (taz).
F.C.Gundlach: Uschi Obermayer mit Sinalco-Puppe Rita, Hamburg 1970 Copyright: F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach Die ganze Bandbreite des Schaffens von F.C. Gundlach bewundert Wolfgang Krischke (FAZ) in einer Ausstellung im Hamburger Bucerius Kunstforum, die ihm zeigt, dass Gundelach eben nicht "nur" Modefotograf war: "Die Kombination von Mode mit Architektur ist ein zentrales Element in Gundlachs Bildsprache. Ein ideales Ambiente dafür bot das von Oscar Niemeyer am Reißbrett entworfene Brasilia, das er fotografierte, als es noch im Entstehen war. Die futuristisch-surrealen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, in denen er die leeren Straßenfluchten und die monumentalen Silhouetten seiner Gebäude unter wilden Wolkenformationen einfing, gehören zu den Höhepunkten der Ausstellung."
Auf critic.delegt sich Pavao Vlajcic Madonna zu Füßen, die mit ihrem neuen, 14-minütigen Video "Confessions II - The Film" einen Vorgeschmack auf ihr kommendes Album bietet - und zugleich ihre Karriere resümiert. Zu erleben ist mitunter "ein atemloses, hyperaktives, selbstreferentielles Schnittstakkato. ... Kaum ist ein Song angespielt und eingegroovt, wird schon auf den nächsten Schauplatz und Sound gewechselt, es findet eine Art expansiver Verdichtung statt." Was fehlt "ist die den Arbeiten von Madonna fast immer eigene, melancholisch-traurige Note. ... Vielmehr geht es zurück zu den Anfängen, in eine gefühlt unbeschwertere, freiere und sorglosere Zeit. Der Kurzfilm trägt dem Rechnung und wenn Madonna damit abermals als Pionier das Musikvideo begräbt, kann man nur sagen: 'The music video is dead - long live the music video.' Und VivaMadonna!"
Weiteres: Weltweit entstehen immer mehr Bach-Feste, beobachtet Manuel Brug in der Welt. Besprochen werden ThorstenSchüttes Kino-Dokumentarfilm "Why We Play" über das EnsembleModern (FR), HeleneFischers Tournee-Auftritt in Dresden (Zeit, SZ) und ein Ausstellung über die Geschichte der Bachfesteim Eisenacher Bachhaus (FAZ).
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