Im Kino
Menschen, die auf Smartphones starren
Die Filmkolumne. Von Katrin Doerksen
09.06.2026. Steven Spielbergs Alien-Spektakel "Disclosure Day" konfrontiert Journalisten im Newsroom mit Außerirdischen. In bester Spielberg-Tradition funktioniert der Film als spannender Blockbuster und umarmt zugleich das Außenseitertum seiner Aliens.
Steven Spielbergs "Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit" beginnt mit dem point of view shot eines blau gekleideten Wrestlers, der von seinem haushoch überlegenen Kontrahenten in Rot durch den Ring geschleudert wird. Beides wird anschließend nie wieder vorkommen, weder der POV-Shot, noch das Wrestling, trotzdem ist das der ideale Einstieg. Zum Einen, weil sich der Film generell nicht mit einer Exposition oder langen Erklärungen aufhält. Wir werden direkt in die Handlung hinhingeworfen, im festen Vertrauen auf die menschliche Fähigkeit, Symbole und Muster zu erkennen, Punkte zu verbinden, Lücken selbst zu füllen. Zum Anderen, weil wir den Bildern ebenfalls unterlegen sind, weil wir nicht anders können, als uns körperlich und emotional von ihnen herumschleudern zu lassen; umso mehr, wenn sie von Steven Spielberg stammen.
Immerhin das Muster der beiden zentralen Kontrahenten behält "Disclosure Day" bei. Eine in den Vereinigten Staaten ansässige NGO namens Wardex hält seit kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Informationen über die Existenz Außerirdischer zurück, forscht aber zugleich im Geheimen an Technologien, die Körper und Wissen der Wesen ausbeuten. Aus der Organisation geht eine Abspaltung von Whistleblowern hervor, die in der Überzeugung handelt, die Menschheit müsse die Wahrheit erfahren. Basierend auf diesem Konflikt inszeniert Spielberg eine atemlose Jagd auf die Technologie, auf USB-Sticks mit dem gesamten Bild- und Videoarchiv der Organisation und auf Margaret Fairchild (Emily Blunt), die Wetterlady eines lokalen Nachrichtensenders aus Kansas City, die von heute auf morgen sämtliche Sprachen der Welt und außerhalb spricht.
"Disclosure Day" ist in vielerlei Hinsicht ein "Unheimliche Begegnung der dritten Art" für das Jahr 2026. Nicht nur die Aliens erinnern mit ihren aufgeblasenen Köpfen auf schlaksigen Kinderkörpern an die Wesen aus dem Film von 1977; auch die menschlichen Protagonisten, die von der Außenwelt mit einer Mischung aus Sorge und Unverständnis beäugt werden, weil sie anders sind, weil sie Dinge wissen und spüren, ohne sie sich erklären zu können, lassen Erinnerungen an den fast 50 Jahre alten Spielberg-Klassiker wach werden. Spielbergs Kino bleibt eines, das Außenseitertum oder genauer: neurodivergente und synästhetische Weltwahrnehmungen umarmt, sogar selbst innerhalb ihrer Modi operiert.

Man würde sich nicht wundern, wären unter den klassifizierten Materialien von Wardex auch Aufnahmen vom Mutterschiff, das in "Unheimliche Begegnung" seine Entführten auf die Erde zurück entlässt - so offen schließen beide Filme auch ohne den offiziellen Stempel einer Fortsetzung oder eines Remakes aneinander an. Die unmittelbaren Zeugen des interspezifischen Austauschs sind diesmal nicht Wissenschaftler am Kontrollpanel, sondern Journalisten im Newsroom. Wie im alten Film inszeniert Spielberg eine Art Ballett, aber diesmal nicht aus Tonsequenzen und verschiedenfarbigem Licht, sondern aus der sich entwickelnden Nachrichtenlage, aus hunderten live gesendeten, geschnittenen, kommentierten Newsfeeds, aus fassungslosen Gesichtern. Es herrscht in "Disclosure Day" generell kein Mangel an fähigen Schauspielern, aber wahrscheinlich werde ich mich immer an den Ausdruck der mir bisher unbekannten Courtney Grace erinnern, die als völlig von den Ereignissen überfahrene NBC-Moderatorin versucht, die Fassung zu bewahren.
Die Aktualisierung des Stoffes fürs Jahr 2026 manifestiert sich in "Disclosure Day" in einer unterschwellig stets präsenten Liste existenzieller Herausforderungen der Menschheit. Der Plot entfaltet sich vor dem Hintergrund einer geopolitischen Krise, man scheint kurz vor dem Dritten Weltkrieg zu stehen. Andere Handlungselemente spielen auf den Klimawandel an, auf die Spaltung der Gesellschaft und auf religiösen Fundamentalismus, auf Desinformation mithilfe von KI. Nichts davon wird lange ausformuliert; Drehbuchautor David Koepp geht wohl davon aus, dass wir schon selbst am besten wissen, was uns Nacht für Nacht den Schlaf raubt. Dass wir wirklich alles schon gesehen haben - wenn nicht im Film, dann eben in den Nachrichten.
Auch die spektakulären Bilder von Raumschiffen, die man von einem Alien-Invasion-Film erwarten mag, sind in "Disclosure Day" eher ein Nachsatz. Wir sehen sie medial vermittelt auf Laptop-Monitoren oder als Breaking News, stets geht es statt um das Spektakel eher um unseren Umgang damit. Eine Weiterentwicklung des Spielberg'schen Reaction-Shots: Menschen, die überall auf der Welt in ihre Smartphones starren. Das Bild, das von geringeren Erzählern gern als Beleg für den drohenden Untergang unserer zivilisatorischen Intelligenz benutzt wird, verweist hier auf unsere Gemeinsamkeiten, auf zutiefst menschliches Vermögen. Wissensdurst, Neugier, Begeisterungsfähigkeit, Staunen.
Katrin Doerksen
Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit - USA 2026 - Regie: Steven Spielberg - Darsteller: Emily Blunt, Josh O'Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Coutney Grace - Laufzeit: 145 Minuten.
Katrin Doerksen
Disclosure Day - Der Tag der Wahrheit - USA 2026 - Regie: Steven Spielberg - Darsteller: Emily Blunt, Josh O'Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Coutney Grace - Laufzeit: 145 Minuten.
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