Efeu - Die Kulturrundschau
Ohne Ruder, Segel und Steuer
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29.07.2026. Festspiele-Fieber in den Feuilletons: Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" wird in Salzburg uraufgeführt und stößt auf verzückte Reaktionen. Die FAZ verliert sich gern in Handkes uferlosem Text, der Zeit ist die Inszenierung ein wenig zu erwartbar. In Bayreuth hingegen laufen die Kritiker gegen einen "Rheingold" Sturm, dessen Bühnenbild KI-generiert ist: Die SZ vermisst im Bilderreigen jeglichen Zusammenhang, der Zeit gefällt immerhin die Musik. In der Jungle World glaubt die Schriftstellerin Kathrin Röggla nicht, dass irgendjemand KI-Texte lesen will.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
29.07.2026
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Bühne

Die Festspiele in Salzburg und Bayreuth haben die Feuilletons heute voll in ihrem Griff. Beginnen wir diesmal mit Salzburg und der Uraufführung von Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen", inszeniert von Jossi Wieler. Handkes Text, so ein sehr angetaner Simon Strauß in der FAZ, dreht sich um die versprengten schriftlichen Äußerungen eines Horoskopschreibers und "ist geprägt vom endlosen Aneinanderreihen. Kein Erzähler spricht hier, sondern ein manischer Lautesammler, ein Messie der Sprichwörter, der Zitate und Redewendungen. Unsystematisch, undiszipliniert, unvorsichtig klingt das, so wie ein ewiges Gerede ohne Halt, als Lautwerden des Kreuz-und-quer." Auf die Bühne gebracht wird das von meisterlichen Schauspielern: "Marina Galic und Jens Harzer vertonen Handkes Horoskope mit einer Perfektion, die einen staunend zurücklässt. Schon allein die Chuzpe, die es bedeutet, diesen uferlosen Text auswendig zu lernen und durch immer neue Betonungen zu formen, wäre einen Salzburger Sonderpreis wert."
Auch Jakob Hayner in der Welt genießt den Abend. Handkes Texte sind für ihn "fragmentarische Reflexionen eines nur noch in der Sprache Behausten, auf der Suche nach einem offenen Gesicht. Wie Harzer und Galic das auf die Bühne bringen, ist umwerfend." Christiane Lutz ist in der SZ nicht gar so angetan. Gut gemacht ist das ja schon, aber was kommt am Ende dabei heraus? "Tagtraumtheater, schönstes Halbschlaftheater. Wie Jossi Wieler Handkes Prosa begegnet, ist vermutlich die konsequenteste Art, sie zu inszenieren. Aber auch die erwartbare. Es bleibt eine Neugier, was geschähe, wenn man diesen Text einmal von einer Regie gezeigt bekäme, die ganz gegenläufig zu ihm tickt." Margarete Affenzeller bespricht das Stück im Standard äußerst freundlich, ebenso wie Reinhard Kriechbaum auf nachtkritik. Bernd Noack ist in der NZZ deutlich reservierter ("Aus dem Gemurmel aber will keine Welthaltigkeit mehr erwachsen").

Weiter nach Bayreuth. Da startet der Ring, und zwar, oh Schreck, mit KI-Unterstützung. Verantwortlich sind die Algorithmen nicht für die Musik, sondern fürs Bühnenbild, das vier Abende lang immer wieder neu aus den Archiven von 150 Jahren Festspielgeschichte zusammengesetzt wird. Ein "interaktives Live-Bühnenbild" also, das sich laufend erneuert und den Rezensenten zumindest beim "Rheingold"-Auftakt durchweg auf die Nerven geht. Zum Beispiel Helmut Mauró in der SZ: "Viel Material fliegt einem da um die Ohren, man erkennt das eine oder andere, manchmal sind es nur hübsche Muster und Klecksographien, zum Beispiel in Goldgelb, es könnte aber auch ein ätzender Schwefelregen sein. Solch ein Bild bleibt im Gedächtnis, wenn es Bedeutung bekommt. Und das ist der Punkt. Dem großen Strom der Bilder fehlt das Entscheidende: der sinnstiftende Zusammenhang."
Jan Brachmann kann in der FAZ "vom ersten Durchlauf berichten, dass Kröte, Wurm und Regenbogen einige Sinnanker in der Bilderflut auswerfen, durch die man sonst weitgehend ohne Ruder, Segel und Steuer zu treiben scheint." Noch dazu wurden die - vorläufig noch nicht KI-generierten - Schauspieler allesamt "in fatal ähnliche Silberschuppenkostüme gesteckt. Sie trapsen herum wie frühkreidezeitliche Flug- oder Schwimmsaurier." Zeit-ler Florian Zinnecker ist von den KI-Spirenzchen ebenfalls nicht angetan. Immerhin, merkt er an, überzeugt "Rheingold" dank Dirigent Christian Thielemann musikalisch: "Es ist kein Überwältigungssound, kein Breitwandkino-Wagner, den Thielemann hier ausrollt, im Gegenteil. Man kann der Musik beim Hören ins Uhrwerk schauen und erkennen, wie die Zahnräder und -rädchen ineinandergreifen."
Mehr zum "Rheingold": Manuel Brug wettert in der Welt über die Bayreuther KI-Strategie und wähnt sich "am Kitschpostkartenständer", Brugs Welt-Kollege Peter Hurth kommmentiert das Spektakel im Live-Ticker deutlich freundlicher ("Spannender kann Theater nicht sein"), laut FR-lerin Judith von Sternburg hat die KI in Bayreuth bislang "nichts zu sagen", Janis El-Bira urteilt auf nachtkritik: musikalisch hui, KI-technisch höchstens naja.
Außerdem: In der BlZ gibt Katja Frick durch, dass das Land Mecklenburg-Vorpommern das Theaterareal der Vorpommerschen Landesbühnen in Anklam zu sanieren plant.
Literatur
Die Jungle World lässt weiter über den Einsatz von KI in der Literatur diskutieren. An der Universität Hildesheim werde im Studiengang "Literarisches Schreiben" etwa schon mit KI experimentiert. "Lehrende berichten, dass die nur durch Prompts entstandenen Texte nicht über Seite 12 hinauskommen, danach werde jeder erzählerische Text instabil", schreibt dazu die Schriftstellerin Kathrin Röggla. "Wenn es 150 oder 500 Seiten wären - wer soll das alles lesen? In der Lektüre schließlich ist es langweilig. Vorhersehbar, ideenlos, es tritt der Effekt des Generischen ein." Offen bleibt auch, "wer das Zeug lesen soll, und wer man noch ist, so maschinell ausgelesen auf die eigenen Bedürfnisse hin. Ein werdender Mensch oder einer, gefangen im faktischen Futur I? Und was hat das mit dem Sozialen der Literatur zu tun, das sich tief in den Produktionsprozess einschreibt? ... Es geht hier nicht um Technikverdammung, sondern um den Gedanken, was passiert, wenn die Menschen sich von einer vermeintlich kostenlosen Fake-Sprache wesentliche Teile einer sich verständigenden Sprache wegnehmen lassen. Wir leben ohnehin mehr und mehr in einer algorithmisch programmierten Öffentlichkeit, die Blasenkultur und Vereinsamung erzeugt."
Außerdem: In der FAZ-Reihe zur US-Geschichte im Spiegel der Literatur schreibt Tobias Döring über Alice Walkers "Die Farbe Lila". Besprochen werden unter anderem Karl Ove Knausgårds "Arendal" (FR), Adèle Yons "Mein wahrer Name ist Elisabeth" (taz), Dave Eggers' "Contrapposto" (NZZ), Jan Patočkas "Phänomenologie des Lebens nach dem Tod" (FAZ) und Annika Büsings "Nordstadt" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Außerdem: In der FAZ-Reihe zur US-Geschichte im Spiegel der Literatur schreibt Tobias Döring über Alice Walkers "Die Farbe Lila". Besprochen werden unter anderem Karl Ove Knausgårds "Arendal" (FR), Adèle Yons "Mein wahrer Name ist Elisabeth" (taz), Dave Eggers' "Contrapposto" (NZZ), Jan Patočkas "Phänomenologie des Lebens nach dem Tod" (FAZ) und Annika Büsings "Nordstadt" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst
Birgit Rieger ruft im Tagesspiegel der Künstlerin Betye Saar nach, die die Black-Power-Bewegung mitgeprägt hat und im Alter von 99 Jahren verstorben ist. Bernhard Schulz berichtet ebenfalls im Tagesspiegel von Plänen der Trump-Regierung, ein Gebäude mit kunsthistorisch wichtigen Wandgemälden aus der New-Deal-Zeit abzureißen.
Besprochen werden eine Fritz Scholder gewidmete Ausstellung im Frankfurter MMK - Museum für Moderne Kunst (taz) und die Doppelausstellung "Herbert Boeckl - Hans Josephsohn" im Wiener Leopold Museum (Standard).
Besprochen werden eine Fritz Scholder gewidmete Ausstellung im Frankfurter MMK - Museum für Moderne Kunst (taz) und die Doppelausstellung "Herbert Boeckl - Hans Josephsohn" im Wiener Leopold Museum (Standard).
Film

Mit "Bitteres Fest" legt Pedro Almodóvar einen Film darüber vor, "wie ein Filmemacher ein Drehbuch darüber schreibt, wie eine Filmemacherin ein Drehbuch schreibt", stutzt Barbara Schweizerhof in der taz. Das tiefengestaffelte Meta-Ergebnis fällt geradezu "matrjoschkahaft" aus. Nicht zum ersten Mal rückt der spanische Auteur damit seine eigene Lebenserfahrung in den Mittelpunkt eines Films, wenn auch diesmal, etwa in Cannes, die Kritiker nicht ganz so begeistert waren. Doch "die gefällige Oberfläche und das gemächliche, redelastige Erzähltempo verführen dazu, den Film zu unterschätzen". Dabei schlummert hier "eine ungewöhnlich vertrackte Geschichte über die Wechselwirkung zwischen Fiktion und Wahrheit. ... Spielt man als Autor mit dem Schicksal seiner Freunde? Erlaubt man sich Urteile, die man im wahren Leben aus Rücksicht nie aussprechen würde? Ist man ein Vampir, der die Erfahrung anderer aussaugt? Oder ist das Verwerten auch intimer Details aus dem Bekanntenkreis völlig legitim und sogar Bedingung für künstlerische Freiheit? ... Almodóvar führt die Umwandlung von Leben in Kunst nicht chronologisch vor, sondern präsentiert den Prozess auf raffinierte Weise andersherum. Man sieht zuerst die Ebene der Fiktion - und danach erst Ausschnitte aus dem Leben, das diese inspiriert hat." Christiane Peitz winkt im Tagesspiegel dennoch ab: Der Film "bleibt seltsam leblos, papierern, mit wenigen Ausnahmen. ... Vielleicht will er uns mit seiner Kunst des Melodrams diesmal weniger ergreifen als uns dessen Mechanik vor Augen führen."
Besprochen werden Philippa Lowthorpes "H wie Habicht" nach dem gleichnamigen Bestseller von Helen Macdonald (NZZ, unsere Kritik) und Destin Daniel Crettons neuer "Spider-Man"-Film (FAZ).
Musik
Benjamin Moldenhauer gibt sich im ND ganz den Ekstasen der Black-Metal-Band Liturgy hin, die sich für ein Konzert in Berlin eingefunden hat. Seit geraumer Zeit unterfüttert Sängerin und Gitarristin Haela Ravenna Hunt-Hendrix das Geballer ihrer Band mit philosophisch, theologisch, mystisch und künstlerisch schwerem Gewicht. "Wenn man sich in dieses unwahrscheinliche Gemisch aus Intensitätskrach und Transzendenzästhetik hineinbegibt, kann man was erleben. ... Live bauen Liturgy einen ozeanischen Sound" und befreien "das Genre von aller Härte. Die körperliche Intensität kommt hier gerade nicht aus der Verpanzerung, sondern aus der Aufweichung der Körpergrenzen. ... Die Kernidee der Musik von Liturgy versteht man intuitiv, ohne all dieses Vorwissen. Hunt-Hendrix nennt sie 'Burstbeats': nicht mehr die genretypischen aggressiv tackernden Blastbeats, sondern ein Hochgeschwindigkeitsschlagzeug, das mit dem Rest der Musik aufgeht, in die Höhe fährt und wieder abschwillt. Sie nennt das eine 'Explosion von Leben'." Wir hören rein:
Micha Acher ist ein geradezu begnadeter Indie-Netzwerker, staunt Stephanie Grimm in der taz: Die ganzen Projekte und Kollaborationen, die sich mittlerweile rund um seine Hauptband The Notwist ranken, sind kaum mehr zu überschauen. Auch auf seinem neuen Soloalbum "Henry and the Ghost Songbook" stehen Kommunikation, Netzwerk und kollektive Musikerarbeitungen wieder im Vordergrund. Mit wechselnden Musikern greift er hier Songs seiner eigenen und nahestehenden Bands auf: "Bei den Stücken handelt es sich nicht um Coverversionen im engeren Sinne. Bisweilen ist es nur ein Element - ein Motiv, eine Melodielinie -, das neu interpretiert wird. Im Fall von 'All Tomorrows Past Part 2' etwa holen sie Inspiration über Bande in ganz anderen Gefilden, nämlich bei The Velvet Underground - worauf das Stück nicht zuletzt durch schwebende Perkussion Bezug nimmt." Bei "Radio Four" bekommen die Musiker "reichlich Raum zur Entfaltung und zur dynamischen Interaktion. Man hört förmlich, wie sie sich an ihren gemeinsamen Sound herantasten, sich aufeinander einschwingen. Ein auf einen Akkord reduziertes Banjo setzt den ausschwärmenden Bläsern einen Rahmen und fungiert zugleich als eine Art Sprungbrett für mäandernde Exkursionen."
Außerdem: Joachim Hentschel porträtiert in der SZ den gerade sehr angesagten Rapper Apsilon, der "ein Popstar ist, wie es in Deutschland schon sehr lange keinen neuen mehr gegeben hat" (mehr zu Apsilon bereits hier). In der FAZ gratuliert Jan Brachmann dem Cellisten David Geringas zum 80. Geburtstag. Besprochen wird ein Konzert von Tom Odell in Wiesbaden (FR).
Micha Acher ist ein geradezu begnadeter Indie-Netzwerker, staunt Stephanie Grimm in der taz: Die ganzen Projekte und Kollaborationen, die sich mittlerweile rund um seine Hauptband The Notwist ranken, sind kaum mehr zu überschauen. Auch auf seinem neuen Soloalbum "Henry and the Ghost Songbook" stehen Kommunikation, Netzwerk und kollektive Musikerarbeitungen wieder im Vordergrund. Mit wechselnden Musikern greift er hier Songs seiner eigenen und nahestehenden Bands auf: "Bei den Stücken handelt es sich nicht um Coverversionen im engeren Sinne. Bisweilen ist es nur ein Element - ein Motiv, eine Melodielinie -, das neu interpretiert wird. Im Fall von 'All Tomorrows Past Part 2' etwa holen sie Inspiration über Bande in ganz anderen Gefilden, nämlich bei The Velvet Underground - worauf das Stück nicht zuletzt durch schwebende Perkussion Bezug nimmt." Bei "Radio Four" bekommen die Musiker "reichlich Raum zur Entfaltung und zur dynamischen Interaktion. Man hört förmlich, wie sie sich an ihren gemeinsamen Sound herantasten, sich aufeinander einschwingen. Ein auf einen Akkord reduziertes Banjo setzt den ausschwärmenden Bläsern einen Rahmen und fungiert zugleich als eine Art Sprungbrett für mäandernde Exkursionen."
Außerdem: Joachim Hentschel porträtiert in der SZ den gerade sehr angesagten Rapper Apsilon, der "ein Popstar ist, wie es in Deutschland schon sehr lange keinen neuen mehr gegeben hat" (mehr zu Apsilon bereits hier). In der FAZ gratuliert Jan Brachmann dem Cellisten David Geringas zum 80. Geburtstag. Besprochen wird ein Konzert von Tom Odell in Wiesbaden (FR).
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