Efeu - Die Kulturrundschau

Wie von Neo Rauch hingeworfen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2026. Der Exodus iranischer Filmschaffender nimmt ähnliche Dimensionen an, wie die Emigrationswelle verfolgter Künstler unter dem Nationalsozialismus, konstatiert die WamS. Die FAZ ist skeptisch, dass eine Abstimmung über das neue Design der Euroschein-Entwürfe die Europäer näher zusammenrückt. Monopol bestaunt in einer Ausstellung über die Geschichte des Krankenbetts die prächtig bestickte Bettwäsche der Künstlerin Poppy Nash. Die Zeit befasst sich mit den Verkaufsstrategien der Bestseller-Autorin Caroline Wahl
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2026 finden Sie hier

Film

"The Salesman" von Asghar Farhadi.


Hanns-Georg Rodek informiert in der Wams zur momentanen Lage des iranischen Kinos. Nachdem das Regime eine Weile lang eine Art Mittelweg zugelassen hat, um sich immerhin im Ausland mit seinen Regisseuren schmücken zu können, spitzt sich die Lage seit Trumps Krieg zu: "Im Inland durften die meisten (Filme, d.Red.) ohnehin nicht gezeigt werden, mit der Ausnahme der von Asghar Farhadi, dessen Oscar-Gewinner 'Nader und Simin - eine Trennung' und 'The Salesman' tatsächlich in iranischen Kinos liefen. Farhadi versucht, das zu vermeiden, was zahllose Filmschaffende aus dem Iran getroffen hat: den Gang ins Exil." Wer nicht eh schon gegangen ist, geht jetzt: "Es ist ein Exodus, der in der Filmwelt nur mit der Emigrationswelle verfolgter Künstler unter dem Nationalsozialismus zu vergleichen ist. Farhadi hat bisher nicht offiziell mit den Regierenden gebrochen, obwohl drei seiner letzten fünf Filme im westlichen Ausland entstanden. Er versucht, eine Balance zu halten, doch das wird zunehmend unmöglich."

Bert Rebhandl findet in der FAS, dass es aus achtzig Jahren seit DEFA-Gründung und den rund 700 Filmen bis 1990 doch einiges zu lernen gibt: "Jede Erzählung führt etwas Implizites mit, und auf dieser Ebene erst entsteht das Künstlerische. Bei den DEFA-Filmen ist das Implizite einerseits, dass sie immer auf das große Ganze des Aufbaus des Sozialismus bezogen sind, dass sie aber konkret eigene Vorstellungen vom Sozialismus haben oder auch von dessen Alternativen. Sie sind also immer schon stärker oder zumindest ausdrücklicher diskursiv als das Kino der 'freien' Welt. In den geläufigen Logiken auch der Filmkritik gilt das als Schwäche, und tatsächlich gibt es ja auch plane, didaktische, bevormundende Filme der DEFA. Aber in den vielen großen Filmen aus den Achtzigerjahren, von 'Märkische Forschungen' bis 'Solo Sunny', geht es im Impliziten um die auch für das heutige Deutschland entscheidende Frage: Wie findet eine Gesellschaft die Grenzen ihrer Freiheit, ohne darüber als ganze unfrei zu werden?" Die Geburtstags-Ausstellung "Ohne Frühstück. Ohne Diskussion. 80 Jahre DEFA-Filme" kann man im Filmmuseum Potsdam sehen.

Weiteres: Julia Dettke interviewt Pedro Almodóvar in der FAS zu seinem neuen Film "Bitteres Fest". Otto Premingers Film "Laura" von 1944 hat selbst noch David Lynch inspiriert, wie Pia Wieners in der FAZ erklärt. Susanne Lenz erklärt in der Berliner Zeitung den "Slow Cinema"-Trend.

Besprochen werden: "The Invite" von und mit Olivia Wilde (Wams), Michel Francos Film "Dreams - Gefährliches Verlangen" (FAZ) und die ARD-Serie "Das Gold" (FAZ).
Archiv: Film

Kunst

"Poppy Nash" The Art of Dying, 2019. Foto: Medizinhistorisches Museum Berlin. 

"Liege und Bett als ambivalente Orte, an denen sich Sorgen, Schmerzen, Ängste und Erinnerungen sammeln" kann Alicja Schindler (Monopol) in der Ausstellung "Horizontal - Das Krankenbett und die Welt im Liegen" im Berliner Medizinhistorischen Museum erkunden - und kann dabei neben interessanten Artefakten aus der Geschichte des Krankenbetts erstaunlich viel sehenswerte Kunst entdecken. Zum Beispiel "Poppy Nashs Textilarbeit 'The Art of Dying' auf einem Podest: blau-gold-silberne Bettwäsche, von Hand mit Motiven mittelalterlicher Holzschnitte bedruckt und im Patchworkstil zusammengenäht. Die britische Künstlerin lebt mit einer chronischen Erkrankung und muss oft selbst lange Zeit liegen. Die Vorlagen stammen aus Schriften zur 'Ars moriendi', der Kunst des Sterbens. Diese Texte aus dem 15. und 16. Jahrhundert sollten auf einen 'guten Tod' vorbereiten und entstanden in einer Zeit, in der das Sterben durch Epidemien wie die Pest allgegenwärtig war. (...) Auf den Holzschnitten liegt jeweils eine Person im Bett. Um sie herum erscheinen Angehörige, Dämonen und betende Engel. Die kostbar wirkenden Farben Gold, Blau und Silber verleihen den Darstellungen etwas Feierliches."

Weitere Artikel: Dorothea Zwirner erinnert in der Welt an die heute weitgehend unbekannten, aber sehr einflussreichen russischen Kunsthändlerinnen Klawdija Michailowa und Nadeschda Dobychina. In Dobychinas Salon fand 1915 die "Letzte futuristische Ausstellung 0,10" statt, wo Kasimir Malewitschs "Schwarzes Quadrat" zum ersten Mal zu sehen war. Kerstin Schweighöfer berichtet in der FAZ über die komplizierte Restaurierung des berühmten Stier-Gemäldes von Paulus Potter.
Archiv: Kunst

Design

100-Euro-Schein-Entwurf aus der Serie F von Jan Robert Dünnweller.


Um die Beziehung der Europäer zu ihrer Währung zu stärken, darf über zehn verschiedene Euroschein-Entwürfe abgestimmt werden. Stefan Trinks zweifelt in der FAZ ein wenig am Vorhaben: "Nun wüsste man niemanden zu nennen, der sich in den vergangenen zwei Dekaden über fehlende Identifikation mit Geldscheinen beklagt hätte, eher über das Fehlen selbiger im Portemonnaie. Aber sei es drum. Ob also die Abstimmung eine gute Idee ist und Europa nicht noch mehr entzweien wird? Schon das Urteil des Paris hat bekanntlich keinen Segen über den Kontinent gebracht, denn über Schönheit lässt sich nun einmal kein objektives Urteil fällen. Ob der betongraue Fünfer der Serie A mit der Callas in knäckebrottrockenem Mondrian-Graphikdesignrahmen dem künstlerisch ambitionierten Hunderter der Serie F mit einem malerisch wie von Neo Rauch hingeworfenen Leonardo in Pink auf Grellgrün auf irgendeiner sachlichen Ebene verglichen werden kann, ist fraglich. Zu divergent sind die Stilistiken."
Archiv: Design

Bühne

Szene aus "Taxi Drivers". Foto: Susanne Diesner

Noch nicht ganz sicher scheint Nachtkritiker Martin Krumbholz zu sein, was er beim "immersiven" Theaterprojekt "Taxi Drivers" im Rahmen des Asphalt Festivals in Düsseldorf eigentlich erlebt hat. Das Theaterkollektiv Fix+Foxy lädt die ZuschauerInnen auf eine Taxifahrt durch Düsseldorf ein. Und so quetscht sich der Kritiker mit drei anderen Leuten in einen PKW und fragt sich ein wenig mulmig, wie viel dieser Taxifahrer namens Chris wohl mit dem hasserfüllten "Taxi Driver" aus Martin Scorceses Filmklassiker gemeinsam hat: "Wir haben es mit einer Mischung aus Schnitzeljagd und politischem Seminar zu tun. Es ist mittlerweile dunkel geworden. In einer Box finden wir eine echte Pistole. Bitte anfassen, sie wiegt überraschend schwer. Sind wir bereit, uns zu radikalisieren, uns zu wehren, wenn es einmal hart auf hart kommt? (...) Später schließt sich in einer leerstehenden Halle noch ein kleiner Schießkurs an. Wir schießen mit einem Spielzeuggewehr auf Blechbüchsen, es funktioniert, peng. Der freundliche Chris hat einiges über uns vier erfahren, wir eher wenig über ihn. Ein zu Mord und Totschlag gerüsteter Travis Bickle ist er nicht, auch wenn er uns am Landtag aussteigen und 'Fuck you' brüllen lässt. Die paar Wachleute reagieren nicht."

In der Welt ist Tilman Krause genervt, dass er sich im 150. Jubliäumsjahr der Bayreuther Festspiele nicht ungestört dem Genuss von Wagner-Musik hingeben kann, ohne sich mit ärgerlichen Antisemitismus-Debatten herumschlagen zu müssen. Die Absage einer Veranstaltung mit Michel Friedman (unsere Resümees) sei eine "kommunikative Panne" gewesen, die von den Medien zu einer Debatte über Wagners Antisemitismus aufgebauscht wurde, dabei weiß man darüber doch schon alles, findet Krause. Zu viel "deutscher Schuldkult" für seinen Geschmack: "Längst hat man in Bayreuth einen würdigen Ausdruck für die zutiefst bedauerte Verstrickung gefunden, wie etwa in der prominent platzierten Tafelwand unterhalb des Festspielhauses, auf der an jene jüdischen Künstler erinnert wird, die einst in Bayreuth wirkten und später im Holocaust umgekommen sind. Und auch auf der Bühne ist der Komplex Antisemitismus und NS-Nähe thematisiert worden, zuletzt besonders markant in der fulminanten "Meistersinger"-Inszenierung von Barrie Kosky (...) Es gibt noch etwas anderes als die deutsche Verhängnisgeschichte. Es gibt, weltweit, die Passion unzähliger Menschen für Wagners zaubervolles Werk."

Weitere Artikel: In der FR ist Wilhelm von Sternburg beim dritten Teil seiner Serie zur Geschichte der Bayreuther Festspiele angekommen und erzählt von den Jahren 1883-1914. Jakob Hayner resümiert für die Welt das "Impulstanz"-Festival in Wien. Besprochen werden Damiano Michielettos Inszenierung der Verdi-Oper "La Traviata" bei den Bregenzer Festspielen (Welt, NZZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Bestellen Sie bei eichendorff21!
In Siegen hat sich eine Tagung des Sonderforschungsbereichs "Transformationen des Populären" mit dem Werk der Bestseller-Autorin Caroline Wahl befasst: mit ihren Strategien zur Aufmerksamkeitsgenerierung und ihrem Selbstanspruch, die erfolgreichste Autorin Deutschlands zu werden. Für die Zeit unterhält sich Maja Beckers mit dem Literaturwissenschaftler und Mitorganisator der Konferenz Niels Werber. Unter anderen geht es auch um einen Instagram-Post Wahls, in dem sie ihre Enttäuschung darüber ausdrückte, nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert worden zu sein: "Sie zieht die möglichen ästhetischen Beurteilungen der Jury ins Lächerliche: 'Vielleicht ist er auch sprachlich schwach, unterkomplex, zu unpolitisch, kitschig oder was weiß ich' und setzt sie quasi gleich mit der Beurteilung ihres Vaters, dem 'zu viele tiefe Blicke' in dem Buch seien, 'der Arsch'. Dieser Post ist nicht nur witzig und genial in seiner Dramaturgie, er steht eben auch für eine neue Haltung, die, sagt Werber, einem heute immer öfter begegne: Was gut läuft, muss auch gut sein. Quantität wird zunehmend gleichbedeutend mit Qualität oder schafft mindestens erhöhten Erklärungsdruck, warum das nicht der Fall sein sollte. 'Wenn es diesen Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit gibt, dann wird er markiert von diesem Instagram-Post', sagt Werber. Gegen einen solchen Strukturwandel ließe sich natürlich einiges sagen, aber dieser Post, das ist ganz unironisch: eine sehr lässige Art, in die Geschichte einzugehen."

Weiteres: Felix Ingold erzählt in der FAZ die Geschichte der Bibliothèque Russe Tourguenev. Denis Scheck ordnet für den Tagesspiegel die aktuelle Spiegel-Bestseller-Liste ein. Tilman Spreckelsen besucht für die FAZ die Ausstellung "Karl Simrock und die Grimms" im Universitätsmuseum Bonn anlässlich des 150. Todestages des Forschers. Anna Vollmer macht sich in der FAS mit allen merkwürdigen Trends zum Gebrauchsobjekt Buch vertraut. Jochen Buchsteiner reist für die FAS nach Nida, einen ostpreußischen Kurort, den schon Thomas Mann zu schätzen wusste.

Besprochen werden unter anderem Maggie Nelsons "The Slicks. Über Sylvia Plath und Taylor Swift" (FAS, taz), Felicitas Prokopetz' "Schon schwankte die Welt" (FR) und T.C. Boyles "Das Ende ist nur ein Anfang" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Harro Stammerjohann über Matthias Claudius' "Der Schwarze in der Zuckerplantage"

"Weit von meinem Vaterlande
Muß ich hier verschmachten und vergehn,
Ohne Trost, in Müh und Schande…"
Archiv: Literatur
Stichwörter: Wahl, Caroline

Musik

Alles, was der Rapper Pashanim in letzter Zeit aufgenommen hat, klingt irgendwie gleich, findet Elisabeth Fleschutz in der FAS beim Hören des neuen Albums "Lounge Musik". Das ist alles nicht schlecht, aber war eben auch alles schonmal da: "'Kalter Krieg' startet mit einem Sample von Janelle Monáes 'Cold War', lyrisch vereint Pashanim souverän überraschende Elemente, etwa wenn er den Namen des Rappers Rondonumbanine auf Ursula von der Leyen reimt. Dichte ist eigentlich seine Stärke, hier aber beginnt sie schnell zu überfordern. Wo es am Anfang noch scheint, als würde sich eine Dramaturgie abzeichnen, reihen sich bald so viele ähnlich aufgebaute Songs so eng aneinander, dass sie kaum mehr auseinanderzuhalten sind: Loop, Beat, fette Stimme, repeat. Die Beiläufigkeit und auch die Melancholie, die '2000' so abwechslungsreich und Pashanim so einzigartig machten, sind verschwunden. Intensität kann sie nicht ersetzen, und die nostalgische Atmosphäre trägt nicht konsequent genug. Vieles hat man, wie üblich, einfach schon gehört."



Wut ist für alle da, nicht nur für die Rechten, findet der mit politischen Texten bekannt gewordene Trap-Rapper Apsilon im taz-Interview mit Jannik Grimmbacher. Vor allem betont er, dass er sich, auch mit seinem neuen Album "Glanz Null", von keiner Seite vereinnahmen lassen will, auch nicht, wenn es um den Nahost-Konflikt geht. Antisemitismus sei ein Riesen-Problem, von links wie von rechts, wobei über letzteren zu wenig gesprochen wird, glaubt er. Er findet es aber "ziemlich frustrierend, dass man immer, wenn man über die Verbrechen in Palästina spricht, sich erst mal klar und deutlich von so vielem distanzieren muss, um von diesem Generalverdacht freigesprochen zu werden. Ich habe das Gefühl, dass besonders hierzulande Kritik an der israelischen Regierung regelmäßig missverstanden oder bewusst missinterpretiert wird, um der Person dann anzulasten, dass sie Israel von der Erde fegen will - was überhaupt nicht meine Sicht ist und auch nicht jene der meisten Leute, die Israel kritisieren. Auf der anderen Seite wurde Gaza bereits praktisch von der Erde gefegt, wenn man sich die Satellitenbilder anguckt." Für den Tagesspiegel sprechen Kai Müller und Özben Önal mit dem Rapper.
 
Weiteres: Für Elena Witzeck in der FAS zeigt die Debatte um Danger Dan (unsere Resümees) ein grundlegendes Problem der Linken: Dass sie keine mehrheitsfähige Basis mehr mobilisieren kann. Seit 25 Jahren spielt die Orgel in der Sankt-Burchardi-Kirche von Halberstadt ein Stück des Komponisten John Cage, jetzt wird ein neuer Ton angeschlagen, so Stefan Frommann in der Wams. Jakob Hayner rät den Linken in der Wams, sich mal bessere Songs zuzulegen als die von Danger Dan. Hans-Jürgen Linke besucht Rebecca Trescher und ihr Tentett für die FR beim Jazz im Frankfurter Palmengarten. Der rheinland-pfälzische Justizminister Helmut Martin hat Verständnis für die Ausladung von Danger Dan, meldet die FAZ, eine Bedrohung der Kunstfreiheit sieht er nicht. Shoko Kuroe macht sich für Backstage Classical Gedanken über die Verwicklungen und Abhängigkeitsbeziehungen von Klassik-Künstlern und politischer Elite. Vor 90 Jahren wurde der Schweizer Chansonnier Mani Matter geboren, Wilfried Meichtry erzählt von ihm in der NZZ, sein Buch "Mani Matter. Eine Biografie" wird aus Anlass des runden Geburtstags wieder aufgelegt. Adrian Schräder ist für die NZZ auf dem Paléo-Festival unterwegs, wo unter anderem The Cure auftritt.

Besprochen werden: Die Alben "Reality Awaits" von den Strokes (FR)und Charlie XCX' "Music, Fashion, Film" (SZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Pashanim, Apsilon, Deutschrap